Die Risikogruppe der Wissensgesellschaft

Saša Bosančićs Arbeiter ohne Eigenschaften

Die angelernten und gering qualifizierten Arbeiter in den Industriebetrieben gehören zu den Verlierern des ökonomischen Strukturwandels, der in den 1970er-Jahren begonnen hat. Mit diesen „Arbeitern ohne Eigenschaften“ hat sich der Augsburger Soziologe Saša Bosančić in seiner Dissertation beschäftigt. Um als Fachlageristin, Gabelstaplerfahrerin oder Maschinenführerin zu arbeiten, braucht es nicht unbedingt eine formale Qualifikation. Zudem ist man schnell eingearbeitet und damit im Betrieb flexibel einsetzbar. Nicht zuletzt aus diesen Gründen haben derartige Tätigkeiten im Nachkriegsdeutschland einen wahren Boom erfahren. Heute stellen sich die Dinge allerdings etwas anders dar, denn unter den neoliberalen Verhältnissen der heutigen Wissensgesellschaft „tauchen die Angelernten und gering Qualifizierten als Risikogruppe auf“ (14), die extrem anfällig für Arbeitslosigkeit ist. Vor dem historischen Hintergrund des Aufstiegs und der knapp dreißig Jahre währenden Hochzeit der angelernten Industriearbeiterschaft ist die Frage, der Bosančić in seiner Studie nachgeht, überaus berechtigt: Wie erleben die angelernten Arbeiter, die diese Periode miterlebt und sich über Jahrzehnte eine solide Mittelstandsexistenz aufgebaut haben, den gesellschaftlichen Niedergang der gering qualifizierten Arbeitermilieus?

Vorauszuschicken ist, dass der Autor das klassische Format eines Gesellenstücks, wie es eine Dissertation darstellt, stringent eingehalten hat. Man merkt der Arbeit in Aufbau, Duktus und Ausführlichkeit an, wer ihr Adressat ist. Die durchaus spannenden empirischen Ergebnisse handelt Sasa Bosančić auf knappen siebzig Seiten am Ende des Buches ab, während er den historischen wie theoretischen Grundlagen seiner Untersuchung weitaus mehr Raum gibt. Hier hätten sich sowohl Fach- als auch Freizeitsoziologen durchaus mehr Verhältnismäßigkeit innerhalb der Arbeit gewünscht. Freilich obliegt die Aufgabe, die richtige Gewichtung zu finden, neben dem Autor ebenso seinem Betreuer beziehungsweise Verleger.

Aber eine solche Ausführlichkeit in theoretischer Hinsicht hat auch Vorteile für die Leserin: Gerade weil Bosančić sehr detailliert ans Werk geht, können Abschnitte seiner Arbeit als Einführungen in soziologische Diskurse gelesen werden. Im ersten Teil gibt der Autor einen geschichtlichen Überblick vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart über die Rekrutierung von Arbeitskräften sowie die Differenzierung und Entwicklung der gering qualifizierten Arbeit. Der technologische Wandel in der Industrieproduktion habe den gering Qualifizierten gegenüber den aus dem Handwerk stammenden Facharbeitern einen gewissermaßen überlegenen Status verschafft, der seinen Höhepunkt im fordistischen System erreicht habe. Dank steigender Löhne sei es Arbeitern möglich gewesen, einen bis dahin für den Mittelstand typischen Konsumstil auszubilden. Zudem hätten die Großbetriebe ihnen die Chance geboten, „durch Loyalität und Zuverlässigkeit in den betriebsinternen Hierarchien erfolgreich aufzusteigen“ (31). Im Zuge der Krise des Fordismus habe jedoch eine radikal-neoliberale Marktlogik an Boden gewonnen, die die Arbeitsmarktchancen der gering Qualifizierten maßgeblich verändert habe.

Im zweiten Teil werden die theoretischen Grundlagen der Studie entwickelt. Im Anschluss an Auseinandersetzungen mit dem Interpretativen Paradigma und der Wissenssoziologischen Diskursanalyse (WDA) kommt das zentrale theoretische Konzept der Subjektivierung zur Sprache. Bosančić betritt hier theoretisches Neuland, da er die WDA empirisch stärker auf das Subjekt fokussieren möchte. Mit dem als Subjektivierung bezeichneten Prozess ist in seiner Argumentation sowohl die Verschränkung verschiedener diskursiv erzeugter Identitätsangebote als auch deren tatsächliche Ausformung im handelnden Menschen gemeint. Diskurse würden nicht widerspruchslos aufgenommen, sondern Subjektivierung sei das Ergebnis der „Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Selbstdeutungsvorgaben“ (200). Zwar hänge es von den symbolischen Ordnungen ab, „was über den Menschen gesagt werden kann und was er über sich selbst zu wissen, verstehen, sagen, denken oder fühlen vermag“ (202), doch sei dafür ein hartes Stück Identitätsarbeit notwendig.

Der letzte Teil der Studie widmet sich dem Versuch, diese Identitätsarbeit der angelernten Arbeiter für die Forschung greifbar zu machen. Dazu referiert der Autor zunächst verschiedene öffentliche Diskurse über die gegenwärtige Situation der Arbeitnehmer, da diese „die ‚Wahrheit‘ über die veränderten Bedingungen in der Arbeitswelt“ (207) erzeugen würden. Der von Luc Boltanski und Eve Chiapello beschworene Neue Geist des Kapitalismus, das Unternehmerische Selbst von Ulrich Bröckling und anderen, aber auch das lebenslange Lernen in der Wissensgesellschaft oder die Prekarisierung des Normalarbeitsverhältnisses, dies alles sind Diskurse, denen auch angelernte Arbeiter ausgesetzt sind und zu denen sie sich positionieren müssen.

Auf der Suche nach Selbsterzählungen trifft Bosančić in seinen Befragungen auf drei Typen. Da ist zunächst der kritische Kämpfer, der mit der aktuellen Situation innerhalb der Arbeitswelt mehr oder weniger hart ins Gericht geht. Einerseits begreifen sich diese Arbeiter laut Bosančić selbst als „durchsetzungsstarke Menschen“ (327), die durch geschickt betriebene Leistungszurückhaltung denen da oben zeigen würden, wer im Betrieb das Sagen habe. Andererseits fänden sich darunter auch jene, die die Entwicklung zwar kritisieren, aber aufgrund externer Restriktionen – zumeist familiärer Art – nicht für ihre Anliegen kämpfen würden. Um sich jedoch nicht der eigenen Machtlosigkeit zu ergeben, verstünden sie sich selbst als eine Art „Vorzeigemalocher“.

Als Nächstes begegnet uns der unentbehrliche Aufsteiger. Er arbeitet so autonom wie verantwortlich, das heißt auch: Er macht keinen Ärger; obschon er einst Hoffnungen auf das revolutionäre Potenzial der arbeitenden Klasse gehegt haben mag. Innerhalb seines Betriebes nimmt dieser Typ, so versteht Bosančić dessen Selbsterzählungen, eine Art Mädchen-für-alles-Stellung ein, für die es allerdings einer besonderen Begabung oder einer herausragenden Persönlichkeit bedürfe. Daher begreife er die eigene Situation auch als mehr oder weniger gesichert. Indem er seine flexible Einsetzbarkeit und seinen ausgeprägten Optimierungswillen betone, passe er hervorragend ins neoliberale Konzept des Arbeitnehmers.

Als Letztes präsentiert Bosančić den häuslich Situierten, der seiner Arbeit mit Pflichtgefühl nachgehe, insgesamt aber eher eine instrumentelle Arbeitseinstellung vertrete. Arbeit sei nicht sein Leben, sondern stelle lediglich ein notwendiges Übel dar, das er – wie der Name es vermuten lässt – für seine Familie beziehungsweise für ein angenehmes Leben außerhalb der Arbeit auf sich nehme.

Im Anschluss an diese aus qualitativen Interviews erarbeitete Typendarstellung erhält der Leser Aufklärung darüber, wie die Befragten ihre aktuelle gesellschaftliche Stellung einschätzen. Aus älteren Studien ist die Strategie der „Abgrenzung nach unten“, also das Bemühen, sich gegenüber Arbeitslosen oder Migranten – jedenfalls aber realen Personen – als überlegen zu positionieren, bereits als gängiges Mittel der Selbstaufwertung bekannt. Dies sei heute allerdings insofern nicht mehr möglich, als dass das Schreckgespenst des potenziellen Arbeitsplatzverlusts für die angelernten Arbeiter die Gestalt neuer Vertragsformen auf dem Arbeitsmarkt angenommen habe. Durch Leiharbeit werden heute diejenigen ersetzt, die vor ein paar Jahrzehnten noch den Traum vom sozialen Aufstieg durch Arbeit erleben durften. Die resultierende Existenzangst speist sich aus einer empfundenen Machtlosigkeit gegenüber den diffus bleibenden Herren im Büro, von denen auch niemand mehr den Betrieb wirklich besitzt, oder der noch abstrakteren Globalisierung. Auch sind viele der Ansicht, die traditionelle Unterscheidung von Hand- und Kopfarbeit sei in der heutigen Zeit nicht mehr aufrechtzuerhalten. Zwar sei die Arbeit in körperlicher Hinsicht nicht härter geworden, dafür aber aufgrund von Verdichtung und Zeitknappheit psychisch anstrengender. Stress und Hektik seien kein Privileg von höher Qualifizierten mehr. Anstelle des Stolzes auf die starken Arme spiele heute eher der Stolz auf die Fähigkeit, „einem im höchsten Maße verdichteten Arbeitsprozess bei gleichzeitig knapper Personaldecke standhalten zu können“ (359), eine wichtige Rolle – es handelt sich also darum, nicht kaputt zu gehen.

Beim Lesen kann man sich ein etwas betretenes Schmunzeln nicht verkneifen, wenn in diesem Zusammenhang die fast wie eine Beschwerde vorgetragene Aussage zitiert wird, der Einsatz des eigenen Kopfes sei mittlerweile notwendiger Teil der Arbeit geworden. Allerdings drückt sich in dieser Beobachtung weniger das Bedauern darüber aus, ruhiges und stupides Arbeiten aufgeben zu müssen. Vielmehr macht den Befragten zu schaffen, dass mit dieser Entwicklung auch die Möglichkeit identitärer Abgrenzung gegen die Kopfarbeiter wegbricht. Und obwohl Wissen mittlerweile auch Einzug in die Anlerntätigkeiten zu halten scheint, ist der „Glaube an den 'Aufstieg durch Bildung', wie er für dieses Milieu hinsichtlich der Wünsche für die Kinder typischerweise vorhanden ist“ (362), verflogen. Zwar wird den Kindern weiterhin eingetrichtert, sie sollten sich in der Schule anstrengen. Allerdings geschieht dies heute ex negativo, nämlich mit dem Hinweis, dass nur so der soziale Abstieg zu verhindern sei.

Im Anschluss an die Darstellung der Studie möchte ich auf ein forschungsethisches Problem zu sprechen kommen, dessen Diskussion von Bosančić ausgespart wird, obwohl seine (und unzählige andere) empirische Arbeiten auf einer entsprechenden Methode aufbauen. Es geht um die Frage, ob Studienteilnehmer ihre „freiwillige Einwilligung“ anhand einer explizit für die Beforschten konstruierten Illusion erteilt haben. Nachfolgend möchte ich das Argument verteidigen, nach dem sich in der Sozialforschung ethische Fragen eben nicht ausschließlich durch das Befolgen eines allgemeinen Regelkatalogs bearbeiten lassen – soll soziologischer Forschung nicht ihr Irritationspotenzial genommen werden.1

Bosančić teilt mit, zu Beginn der Feldphase habe „äußerstes Misstrauen der angelernten Arbeiter“ (278) gegenüber dem Forscher geherrscht. Dies sei vermutlich „dem akademischen Auftreten des Forschers geschuldet“ (ebd.) gewesen, so dass er „hinsichtlich des Auftretens, des Kleidungsstils, des Sprachduktus, aber vor allem hinsichtlich der eigenen Rolle im Feld eine Neupositionierung“ (ebd.) habe vornehmen müssen. Dem Problem seiner ursprünglichen, sich als unangemessen herausstellenden Performanz der Forscherrolle begegnet der Autor nun mit der „'Legende'“2 vom „Universitätsarbeiter, der sonst nur Zahlen und Statistiken über den Arbeitsmarkt 'wälze', der aber jetzt gerne mit 'wirklichen' Menschen reden wolle, um einen Eindruck davon zu erhalten, wie sich das Arbeitsleben 'tatsächlich' abspielt“ (ebd.). Abgesehen davon, dass der Autor hier ein in der Gesellschaft sicherlich vorhandenes und nicht gerade schmeichelhaftes Wissenschaftlerklischee nutzt, ist seine „Legende“ doch offensichtlich erfunden worden, um die Befragten zur Kooperation zu überreden.

Kann man vor dem Hintergrund solcher Strategien, die in der Sozialforschung quantitativer wie qualitativer Natur gang und gäbe sind, wirklich von freiwilliger Einwilligung der Studienteilnehmer sprechen? Gleichwohl wäre es wohl voreilig, dem Forscher (bewusst) unethisches Handeln zu unterstellen. Balanceakte zwischen Ethik und Pragmatik stellen so manches Forschungsprojekt vor Herausforderungen.

Meine Anmerkungen zur Forschungsethik erfolgen beileibe nicht in der Absicht, Bosančićs Studie zu diskreditieren; vielmehr geht es mir darum, die Diskussion eines allgemeineren Problems anzustoßen. Das vorliegende Buch schließt an eine Reihe von arbeitssoziologischen Studien an, die sich in den letzten Jahren wieder vermehrt der proletarischen Seite der Arbeitswelt zugewendet haben, ohne diese aber zu Akteuren der Forschung zu machen. Deshalb kommt Bosančić das Verdienst zu, die klassische Figur des Industriearbeiters unter Bezugnahme auf aktuelle soziologische Debatten untersucht und neu verortet zu haben. Freilich wird die sehr ausführlich dargelegte theoretische Rahmung leider mit einer zu kurz gekommenen Darstellung der Empirie erkauft.

Fußnoten

1 Hiermit schließe ich explizit an die Sichtweise Theodor W. Adornos aus „Soziologie und empirische Forschung“, in: Max Horkheimer /Ders., Sociologica II, Reden und Vorträge, Frankfurt am Main 1973, S. 205–222, an, wonach sich mit allzu standardisierten Forschungsmethoden eben auch nur dasjenige „erforschen“ lässt, was mit den Methoden messbar ist. Dass es der Soziologie nicht einzig um eine Art Verdoppelung der Wirklichkeit gehen kann, wird wohl niemand bestreiten.

2 Sicherlich wird hier nicht auf die religiöse Bedeutung der Legende als Lebensbericht eines Heiligen angespielt, sondern eher auf die Legende als Märchen oder Fabel. Zwar können solche von realen Personen handeln - also auch dem Universitätsarbeiter – aber sie bleiben von Vereinseitigungen und imaginärer Ver- und Überformung geprägt.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Friederike Bahl.