Die visuelle Rhetorik des Klimawandels

Birgit Schneider über den strategischen Einsatz von Klimabildern

In der seit Ende der 1960er-Jahre global geführten Umweltdiskussion beeinflussten stets auch Bilder in Form von Kurven, Karten oder Fotografien den öffentlichen Diskurs von Wissenschaft, Medien und Politik. Gleichwohl wird die Umweltdebatte rund fünf Jahrzehnte später immer stärker unter den Vorzeichen einer nahenden Klimakatastrophe geführt, wobei Bilder durch Befürworter und Gegner der Klimaforschung gleichermaßen argumentativ in Stellung gebracht werden. Abhängig von Kontext und Argument stellen Bilder Glaubwürdigkeit her oder infrage. Während auf der einen Seite mit wissenschaftlicher Evidenz der Klimawandel nachvollziehbar belegt wird bzw. werden soll, arbeiten Zweifler hartnäckig daran, die seit Beginn der 1970er-Jahre gesammelten globalen Klimadaten auch mithilfe von Bildern zu negieren oder als „Fake News“ zu diskreditieren.

Vor diesem Hintergrund schlägt Birgit Schneider im Hauptteil der knapp 400 Seiten umfassenden Studie zu den „Klimabildern“ eine geschichts- und kulturwissenschaftliche Schneise von der rein statistisch-tabellarischen Wetterdokumentation des ausgehenden 18. Jahrhunderts über frühe Wetterkartierungen und die ersten Weltkarten der Klimazonen Alexander von Humboldts bis hin zu computermodellierten Klimasimulationen der Jetztzeit. Mit dieser historischen Tour d’Horizon entwickelt die in Potsdam lehrende Medienwissenschaftlerin eine vielschichtige Darstellung zur visuellen Rhetorik des Klimawandels im Spannungsfeld von Gesellschaft, Kultur, Wissenschaft und Politik. Schneider sucht entlang der Klimabilder zu entschlüsseln, wie Forschung mit Politik und Gesellschaft interagiert – damit beabsichtigt die Studie nicht weniger als die generische Frage zu klären, wie aus Wissen politisches Handeln wird.[1]

Schneiders Antwort, die sie der Studie als These voranstellt, ist konzise und komplex zugleich: Ein zentraler Weg führt über das inhärente Verhältnis von Wissen und Ästhetik. Es ist dieser Blick auf die den Bildern innewohnende Wechselwirkung von nüchterner Empirie und sinnlicher Anmutung, der mit seiner kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung neue Perspektiven eröffnet. Erstens betrachtet die Studie zur „Bestimmung der Gegenwart die Geschichte der Klimavisualisierung“, zweitens situiert sie die heute gängigen „Bilder der Klimawandelforschung in einem kulturellen Rahmen […], sodass sie sich auf ihre Geschichte beziehen lassen“ (S. 13). So liefert die Analyse einen Kompass für vergangene und aktuelle Debatten, der einerseits „die Gemachtheit der Bilder“ erklärt, andererseits „die Bilder als Schau- und Kampfplätze von Wissen und Politik“ (ebd.) wie in einem Brennglas bündelt und verständlich macht.

Methodisch folgt die Arbeit bekannten bildwissenschaftlichen und medientheoretischen Ansätzen der Formanalyse, der Ikonografie, des Bildvergleichs sowie der Bildkritik. Außerdem legt sie methodische Prämissen der Diskursanalyse, politischen Geschichte, Öffentlichkeits-Forschung, Wissensgeschichte und Geschichte von Expertenkulturen zugrunde. Auch wenn dieser Methodenbausatz bisweilen etwas eklektizistisch wirkt, ist die methodische Vielseitigkeit eine Stärke der Studie, die in ihrer Gesamtheit einen deutlichen Mehrwert für die Forschung zeitigt. Schneider organisiert ihr Buch in sieben Hauptkapiteln, die sie auf zwei chronologische Hauptteile verteilt, ergänzt um ein Vorwort, eine umfangreiche Einführung zur „Klimaästhetik“, Fazit und Anhänge. Während der erste Teil auf die historische Genese der „Sichtbarmachung von Wetter und Klima“ blickt, fokussiert der zweite Teil die gegenwärtigen „Bildpolitiken des Klimawandels“.

Im historischen Abschnitt erörtert die Autorin die Vermessung des Wetters und Klimas als Messung des Unsichtbaren und Fühlbaren, das sich ab 1800 zunächst in Tabellen, später in Karten, Kurven und Diagrammen niederschlug. Das bildhafte Evidentmachen von Klimaphänomenen und die hierzu entwickelten Methoden werden richtigerweise nicht als teleologische Technik- oder Wissenschaftsgeschichte erzählt, sondern plausibel in ihre sozialen, politischen, medien- und kulturtechnischen Zusammenhänge eingebettet. Der Weg von der rein tabellarischen Datendokumentation zur ersten Visualisierung wird entlang wissenschaftsgeschichtlicher Meilensteine wie den Wetterkarten des Physikers Heinrich Wilhelm Brandes von 1816 und insbesondere Alexander von Humboldts Isothermenkarte des Klimas aus dem Jahr 1817 diskutiert.

Es gelingt im ersten Teil des Buches, die Vermessung der Welt gleichsam als ihre Konstituierung zum Vorschein zu bringen. Dass die Verbreitung der tabellarischen Praxis mit der Industrialisierung einherging, streift die Studie leider nur am Rande. Gleichwohl macht die Analyse nachvollziehbar, wie das ästhetische Organisieren von Daten mit der Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung korrelierte und wie die Transformation des Wissens in Zahlen die gewonnenen Erkenntnisse erst operationalisierbar machte. Die mit der Vermessung der Umwelt zunehmende Datenflut regte neue Erkenntnisinstrumente an. Grafische Methoden machten das Unsichtbare sichtbar und verschoben die Repräsentationsform von der Tabelle zur Zeichnung. Nicht mehr das einzelne Datum stand im Fokus, sondern das visualisierte Beziehungsgeflecht des – mit heutigen Worten – Netzwerks eines Datenbestandes.

Bei alledem besaß der Schritt von den Tabellen zu den Karten immer auch eine dinghafte wie sinnlich-ästhetische Komponente. Die neue Perspektive der Wetter- und Klimakarte „verräumlichte“ das zuvor auf und durch Tabellen eingegrenzte Wissen. Damit entstand eine eigene Qualität – das Unsichtbare war fortan nicht nur sichtbar, sondern auch in Übersicht erkennbar. An dieser Stelle wird deutlich, dass die wissenschaftliche Visualisierung der (Um-)Welt – im Gegensatz zur aktuellen Bildpolitik des Klimawandels – das Klima noch als synthetische Betrachtung von Natur und Kultur operativ miteinander verwob (S. 168).

Schneiders Beobachtungen zu den frühen methodischen und strategischen Überlegungen einer sinnlich verhafteten Visualisierung von Daten erklären, wie und warum sich Humboldt und spätere Forschende immer stärker der Verbildlichung ihrer Wissensbestände zuwandten, sodass das Bild zum prominenten wissenschaftlichen Transfermedium sowie schließlich zu einem Kernmoment und spezifischen Merkmal nicht nur der Klimawissenschaften und der Meteorologie avancierte. Dabei trat der noch zu Beginn dieser Entwicklung inhärente Konnex aus rein naturwissenschaftlicher Erkenntnis und sinnlicher Ästhetik in der Folgezeit immer stärker in den Hintergrund; Daten wurden zunehmend abstrahiert visualisiert. Gleichwohl belegt die Studie, wie der Bedarf nach sinnlich-ästhetisch aufbereiteten Forschungsergebnissen in der Informationsflut des Computerzeitalters zunächst abflaute, dann aber in der Klimadebatte umso stärker zunahm. Zwar sind Forschende einerseits aufgrund ihrer wissenschaftlichen Praxis gehalten, evidente, belastbare und reproduzierbare Ergebnisse zu liefern. Andererseits sollen diese Erkenntnisse dergestalt prägnant und zielorientiert aufbereitet sein, dass sie Botschaften transportieren, um in der Öffentlichkeit und Politik größtmögliche Aufmerksamkeit zu generieren.

Aus diesem Spannungsfeld resultieren Probleme, die heutigen Klimaforschenden durchaus bewusst sind – zumal Erkenntnisse nicht immer gänzlich durch ein einziges Bild oder auch eine Bilderreihe transportiert werden können. Die Visualisierung wissenschaftlicher Ergebnisse ist ein selektiver, eingrenzender Prozess, der Relevanz, Prägnanz und thematische Fokussierung anstrebt.[2] Beim Widerhall der Bilder in der öffentlichen wie politischen Arena liegt daher der Vorwurf der Stimmungsmache wie auch der Polarisierung nicht weit entfernt. Der Umstand, dass wissenschaftliche Bilder reduzieren und fokussieren, birgt immer auch das Potential, dass die dargestellten Ergebnisse als lückenhaft und – normativ betrachtet – als „falsch“ diskreditiert werden.

Dies ist die Folie, vor deren Hintergrund der zweite Teil des Buches die Bildpolitiken des Klimawandels in der Gegenwart diskutiert. Im Zentrum der Betrachtung stehen der Bildtypus der Datenkurve und die mit ihm verbundenen visuellen Strategien der statistischen Kurvenrhetorik. Diese analysiert Schneider ausgehend vom prominenten „Hockeyschläger-Diagramm“ des Klimatologen Michael E. Mann (in einem Aufsatz von 1999), das zu einem ikonischen Bild des Klimawandels avancierte. In einem zweiten Untersuchungsschritt betrachtet die Studie komplexe Klimamodelle und -simulationen, etwa die grafischen Schemata der Weltklima-Berichte seit 1990 und komplexe Computersimulationen des Klimas wie das Community Earth System Model (CESM) von 2012.

Schneider macht deutlich, dass Klimaschaubilder im Hier und Jetzt starke politische Bilder sind. Indem sie Botschaften zur Zukunft des Klimas und der globalen Umweltentwicklung transportieren, überschreiten sie stets auch die Grenzen der Wissenschaft. Nicht mehr allein Umwelt und Natur stehen im Fokus, sondern der Mensch – was mit dem Begriff „Anthropozän“ wirkmächtig etabliert wurde. Die Studie lässt erkennen, dass der unter den Vorzeichen des Anthropozäns geführte Diskurs gleichwohl den Blick von den eigentlichen Akteuren des Klimawandels auf die Einheitsfiktion des Kollektivsingulars „der Mensch“ lenkt. Damit entstehe ein Handlungsvakuum, so die Autorin, das nicht klar erkennen lasse, wer verantwortlich ist und aktiv werden müsste.

Insgesamt hat Birgit Schneider eine gut strukturierte, nachvollziehbare und schlüssige Genealogie globaler Bildpolitiken von Klima und Klimawandel im Spannungsfeld zwischen Geschichte und Gegenwart vorgelegt, die zudem einprägsame und reich bebilderte Beispiele liefert. Entbehrlich sind nur die vor allem in der etwas zu umfangreichen Einleitung anzutreffenden substantivischen Zusammensetzungen, die zahlreiche Wortneuschöpfungen wie „Klimakurvennarrative“, „Klimawandelkommunikation“ oder „Klimawandelerkenntnisse“ zeitigen, was die ansonsten sehr gut lesbare und flüssig geschriebene Untersuchung zu Beginn etwas ausbremst. Abseits dieses stilistischen Moments erreicht die Publikation die von ihr anvisierten Ziele jedoch vollauf: Die Untersuchung durchdringt die mit den Klimabildern verknüpften, teils zerfahrenen oder sich auch widersprechenden Argumentationen sowie die sich wandelnden Praktiken von Wissensgewinnung und -vermittlung auf sehr erhellende Weise.

Fußnoten

[1] Zu dieser Frage bereits einige Jahre zuvor: Margit Szöllösi-Janze, Wissensgesellschaft in Deutschland: Überlegungen zur Neubestimmung der deutschen Zeitgeschichte über Verwissenschaftlichungsprozesse, in: Geschichte und Gesellschaft 30 (2004), S. 277–313; dies., Wissensgesellschaft – ein neues Konzept zur Erschließung der deutsch-deutschen Zeitgeschichte?, in: Hans Günter Hockerts (Hrsg.), Koordinaten deutscher Geschichte in der Epoche des Ost-West-Konflikts, München 2004, S. 277–305.


[2] Siehe auch Rüdiger Graf / Florian Leese (Hrsg.), Visualisierung der Wissenschaft, Paderborn 2016.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jan-Holger Kirsch.

Dieser Text erschien zuerst in H-Soz-Kult.