Dr. Deweys praktische Sozialphilosophie

Rezension zu "Sozialphilosophie. Vorlesungen in China 1919/20" von John Dewey

„China remains the country nearest his heart after his own”,[1] schrieb Jane Dewey über ihren Vater John, der gemeinsam mit seiner Frau auf Einladung seines ehemaligen Studenten an der Columbia University Chiang Monlin, mittlerweile Kanzler der National Peking University, für zwei Jahre, vom Frühjahr 1919 bis zum Sommer 1921, das Land der Mitte bereiste. In dieser Zeit hielt Dewey nahezu zweihundert Vorträge vor akademischem Publikum, vor Studenten und der interessierten Öffentlichkeit. Die Hörer kamen in Scharen, um den führenden intellektuellen Repräsentanten der liberalen US-amerikanischen Demokratie zu erleben. Dewey fühlte sich durch den Zuspruch vitalisiert, nachdem er daheim wegen seiner Unterstützung für den Kriegseintritt der USA gegen Deutschland heftige Kritik von Leuten einstecken musste, die ihm bis dato wohlgesonnen waren. Morton White bilanzierte drei Jahrzehnte später die heimische Kontroverse mit den Worten, Deweys Unterstützung für den Krieg sei als ein Verrat an den Werten empfunden worden, die er in der Theorie hochhielt: „Dewey ceased to be the gentle, sage spokesman of creative liberalism in certain quarters.“[2] Der Empfang, der Dewey in China bereitet wurde, mochte ihn daher an seine Erfolge vor dem Krieg erinnern. „In China, Dewey was once more the untarnished kindly progressive hero leading the forces of light into a new world of great promise.”[3]

Die chinesischen Jahre wurden also aufgrund einer fruchtbaren Wechselbeziehung des Gebens und Nehmens zum Erfolg: Dewey konnte sich in dem frischen Umfeld politisch engagierter Intellektueller der erst 1912 gegründeten chinesischen Republik auf die Grundlagen des demokratischen Humanismus besinnen, die sein Denken auch in Zukunft bestimmen sollten, die Gastgeber wiederum empfingen von Dewey Impulse für ihre eigenen Bestrebungen der Demokratisierung und Modernisierung der chinesischen Kultur und Gesellschaft. So steht die Ankunft der Deweys in Shanghai am 1. Mai 1919 geradezu unter einem kairologischen Vorzeichen: Nur drei Tage später gingen in Peking tausende Studenten auf die Straße, um gegen hegemoniale Ansprüche Japans gegenüber der Republik China zu demonstrieren – die ersten Massendemonstrationen in China überhaupt. Mit den Maiprotesten war die politische Reformbewegung der jungen Republik im Aufwind, der auch Dewey seine enthusiasmierte Hörerschaft verdankte. Vor dem Hintergrund dieser historischen Konstellation sind seine Vorlesungen über Sozialphilosophie zu lesen, die er 1919 und 1920 in China hielt und die Axel Honneth und Arvi Särkelä jetzt in einer von Martin Suhr besorgten deutschen Übersetzung herausgegeben haben.

So aufsehenerregend wie Deweys Vorlesungen im damaligen China waren, so aufwendig war auch ihre Organisation und so verwickelt ist die Textgenese der gegenwärtigen Ausgabe, die von den Herausgebern im Nachwort folgendermaßen rekonstruiert wird: Die von Dewey frei in englischer Sprache gehaltenen Vorlesungen wurden simultan übersetzt. Zur Vorbereitung des Übersetzers fertigte Dewey zu einem Großteil der Vorlesungen Notizen an, die das erläuterten, was er jeweils auszuführen gedachte. Die Vorlesungen wurden mitgeschrieben, transkribiert und publiziert. Anfang der 1970er-Jahre schließlich wurden die chinesischen Transkriptionen für eine amerikanische Ausgabe ins Englische rückübersetzt. Die von Honneth und Särkelä herausgegebene Ausgabe enthält nun erstens diese englischsprachigen Rückübersetzungen der Vorlesungsmitschriften. Ihnen sind zweitens die Notizen zu den Vorlesungen beigefügt, die Dewey damals dem chinesischen Übersetzer zur Verfügung stellte. Diese Zusammenstellung ist eine kleine – wenn auch vielleicht nur ganz kleine – Sensation. Denn die Notizen waren überhaupt erst vor wenigen Jahren im Archiv von Deweys damaligen Übersetzer Hu Shi wiederentdeckt worden. Erstmals vor vier Jahren von Roberto Frega und Roberto Gronda im European Journal of Pragmatism and American Philosophy herausgegeben erscheinen sie nun zusammen mit den Vorlesungen, auf die sie dessen Übersetzer vor hundert Jahren vorbereiten sollten.

Es handelt sich bei den zusammengestellten Texten also um deutsche Übersetzungen einerseits englischer Rückübersetzungen aus dem Mandarin (der Transkriptionen der Vorlesungsmitschriften) und andererseits englischer Originaltexte (der den Übersetzern zur Verfügung gestellten Notizen). Das muss man wissen, um die stilistischen Differenzen zwischen den beiden Textsorten zu verstehen. Die Hinterfragung der Authentizität der Notizen wird von den Herausgebern plausibel zurückgewiesen, aber die Entscheidung darüber ist eine Sache der Philologen. Nach meiner Ansicht ist den Herausgebern allerdings darin recht zu geben, dass es zwischen Notizen und Vorlesungen keine gravierenden inhaltlichen Differenzen gibt. Beide Textsorten ergänzen einander, wobei die Vorlesungsnachschriften reicher an Beispielen, die Notizen oftmals pointierter in der Formulierung sind. Zusammen genommen ergeben sie eine gute Einführung nicht nur in Deweys Sozialphilosophie, sondern auch in den Zusammenhang von Sozialphilosophie und Politischer Philosophie. Sie zeugen, in den Worten der Herausgeber, von Deweys Projekt, „Sozialtheorie, politische Theorie, Ethik und Kapitalismuskritik in einer systematischen Weise zu verknüpfen“ (S. 240). Weil das, was dank dieser Edition jetzt im Zusammenhang erscheint, in den 1920er-Jahren von Dewey auf mehrere Monografien verteilt und gesondert behandelt worden ist, eignen sich die Vorlesungen gut als eine Einführung in sein Denken. Sie lässt dessen sozialphilosophische Grundierung besonders deutlich hervortreten. Der Einführungscharakter des Buches ist sicher auch deshalb kein Zufall, weil Dewey seine Vorlesungen ursprünglich an ein breites Publikum richtete und an Allgemeinverständlichkeit interessiert war.

In dem Korpus der insgesamt 16 Vorlesungen befassen sich die ersten sechs mit Begriff und Funktion der Sozialphilosophie sowie ihrem Verhältnis zu Sozialwissenschaft und Sozialkritik, während die übrigen Vorlesungen die erarbeiteten Grundbegriffe auf den Problemfeldern der Ökonomie, der Politik und Kultur erproben. Dewey lässt keinen Zweifel daran, dass die Sozialphilosophie mitnichten eine desinteressierte Konstitutionstheorie des Sozialen ist, sondern ein engagiertes Ziel verfolgt. Zusammenleben sei das höchste Ideal gesellschaftlicher Entwicklung. Die sozialphilosophische Reflexion ziele auf die Erarbeitung von „Kriterien, mit deren Hilfe wir intelligent beurteilen können, ob und bis zu welchem Ausmaß ein gegebener Vorschlag fähig zu sein scheint, es zu fördern“ (S. 89). So sei die „entscheidende Probe für jede soziale Einrichtung, Sitte, Institution, Gesetz usw. […] ihr Verhältnis zur Förderung des Zusammenlebens, der Assoziation, des Umgangs, der Kommunikation – des Austauschs von Gefühlen und Ideen, der Erfahrungen zu etwas Gemeinsamem macht […]“ (S. 100). Zur Erreichung dieses Zweckes seien „große, allgemeine Ismen“ zu vermeiden (S. 43), hinter denen sich oftmals nur falsche Generalisierungen aus spezifischen Problemsituationen verbergen, deren Lösungen keineswegs umstandslos auf andere Kontexte übertragen werden könnten. Begriffliche Reflexion und angewandte empirische Forschung müssten ineinandergreifen, um zu möglichst situationsspezifischen, sachorientierten und undogmatischen Resultaten zu kommen.

Konsequenterweise verzichtet Dewey auch auf die Selbstetikettierung als Pragmatisten. Wichtiger ist ihm die Charakterisierung seines Ansatzes als „dritte Philosophie“ (S. 17) oder „dritte Schule der Sozialphilosophie“ (S. 30). Er erkennt in der Theoriegeschichte das Spannungsverhältnis gegensätzlicher Grundhaltungen, die er mit idealtypischer Zuspitzung anhand der Begriffspaare von Idealismus und Materialismus, Radikalismus und Konservativismus erläutert; sie charakterisieren jeweils mit anderen Akzentsetzungen doktrinär verfestigte Problemlösungsmuster, die zu starr sind, um in konkreten, veränderlichen Krisensituationen eine stets passende Handlungsorientierung zu gewährleisten. Die „dritte Philosophie“ distanziert sich gleichermaßen von solchen Rezepten, sie sucht daher auch „keine Versöhnung“ zwischen ihnen (S. 82), sondern strebt nach einem wissenschaftsbasierten moderaten Reformismus, der im Einzelfall prüft, was verändert und was beibehalten werden soll. So kann Dewey „ein System von Gewohnheiten, Sitten, Konventionen, Traditionen und Institutionen“ dann als Mittel sozialen Fortschritts im Streben nach egalitären Formen des Zusammenlebens gutheißen, wenn es „hinreichend flexibel ist, um Anpassung an eine wandelnde Umwelt zu erlauben“ (S. 87); umgekehrt wird „der politische Kampf für eine demokratische Regierung“ als Versuch gewürdigt, dafür zu sorgen, „dass der Staat im öffentlichen Interesse funktionierte“ (S. 148).

Den dritten Standpunkt nimmt Dewey auch in seiner Rekapitulation der Geschichte politischer Philosophie ein. Zweifellos ist er kein Anhänger etatistischen Denkens in der Linie, die er von Hobbes über Spinoza bis zu Hegel zieht. Freilich gebe es einen Aspekt der politischen Doktrin Hegels, der sich behauptet habe und auch in Zukunft behaupten werde, nämlich das Argument, „die Verantwortung des Staates dürfe sich nicht auf den Schutz des privaten Eigentums und die Durchsetzung von Verträgen beschränken“ (S. 157). Und wenn Dewey sich grosso modo der liberalen Theorietradition von Locke über Rousseau und dem Utilitarismus verpflichtet fühlt, so doch unter Betonung der Irrtümer des Liberalismus, erstens, „der Staat habe seinen Ursprung in der Wahl isolierter Individuen und ziele darauf ab, sie als Individuen in ihren Rechten zu schützen“ (S. 179), zweitens der Auffassung der Regierung als eines notwendigen Übels und schließlich drittens, „das Individuum sei ein adäquater Richter über seine eigenen Interessen und man könne auf dieses Eigeninteresse eines jeden rechnen, um eine Berücksichtigung des Wohlergehens aller zu sichern“ (S. 180).

Deweys Zweifel am klassischen Individualismus spiegeln sich auch in seiner Kritik der vertragstheoretischen Legitimationsgrundlagen des freien Unternehmertums, die sich ebenfalls auf das kontrafaktische Modell isoliert gleichwertiger Vertragspartner stützen. Keineswegs vertritt Dewey die Marx’sche Position, optiert vielmehr für einen Gildensozialismus, der „auf den gemeinsamen Interessen einer Anzahl von Leuten [beruht], die im selben Gewerbe beschäftigt sind. Diese Leute bilden freiwillige Assoziationen, die ihre eigenen ökonomischen Aktivitäten lenken“ (S. 129). Wiederum ist ersichtlich, wie er abseits der dichotomischen Pfade von Individualismus und Kollektivismus Aggregationsformen des Sozialen herausstellt, die eine größtmögliche Flexibilität bieten, um Kooperation und Zusammenleben zu ermöglichen. Auf internationaler Ebene begrüßt er die „Bildung eines Völkerbundes“ (S. 200) und greift seiner Zeit mit der Forderung der „Entwicklung von Schiedsgerichten“ (S. 201) zur Regelung internationaler Konflikte voraus.

Die sozialontologische Basis für Deweys dritten Standpunkt ist die Einsicht, dass soziale Krisensituationen stets auf einem Konflikt zwischen Gruppen beruhen, deren Interessen und Vorteile sich in einem Ungleichgewicht befinden. Das Ideal des Zusammenlebens erfordert also eine möglichst nuancierte Wahrnehmung der unterschiedlichen Gruppenzugehörigkeiten der Gesellschaftsmitglieder auf dem Wege der Kommunikation: Integration durch „freien Austausch“ (S. 92), Anerkennung durch Kooperation. An Fallbeispielen wie etwa der Frauenbewegung werden die Phasen entsprechender Reformbewegungen illustriert (S. 66 f.). So wie das Individuum niemals isoliert sein Wohl verfolgt, sondern ihm stets im Zusammenhang unterschiedlicher sozialer Gruppen nachgeht, so vermag es diese Gruppenzugehörigkeiten auch auf die Reziprozität von Individual- und Gemeinwohl hin zu transzendieren. Daher Deweys Betonung der Öffentlichkeit als Forum von „Rede und Gegenrede“ (S. 181), seine Betonung von wissenschaftlicher Bildung und Erziehung.

Die Herausgeber betonen, wie „durch und durch praktisch“ Deweys sozialphilosophische Perspektive sei: „Er versteht die Sozialphilosophie als Teilnehmerin an einem im stetigen Wandel begriffenen sozialen Leben“ (S. 241). Das gilt auch für die Vorlesungen, die Dewey über Sozialphilosophie in den so bewegten chinesischen Jahren hielt: Die konkreten Verweise auf die politische Gegenwartssituation im Land sind eher diplomatisch zurückhaltend. Und doch gewinnt man den Eindruck, dass Dewey nicht nur den einführenden Charakter seiner Darlegungen, sondern gerade auch die immer wieder deutliche Betonung der Figur des Dritten im Blick darauf angelegt hat, der chinesischen Hörerschaft eine sozialphilosophische Reflexionshaltung zu empfehlen, welche die Fehler der europäischen Moderne vermeidet. Hier stand viel auf dem Spiel, Dewey war im Brennpunkt des Geschehens, das Publikum unerhört aufnahmebereit. Gerade zu diesem Hintergrund hätte man sich vom Nachwort mehr Aufschluss und Erläuterung gewünscht.

Fußnoten

[1] Jane M. Dewey (Hg.), Biography of John Dewey, in: Paul A. Schilpp (Ed.), The Philosophy of John Dewey, New York 1939, S. 3–45, hier: S. 42.

[2] Morton G. White, Social Thought in America. The Revolt against Formalism, Boston 1963, S. 172.

[3] Steven C. Rockefeller, John Dewey. Religious Faith and Democratic Humanism, New York 1991, S. 358.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.