Ein Jahrhundertjurist

Rezension zu "Hans Kelsen. Biographie eines Rechtswissenschaftlers" von Thomas Olechowski

Es ist noch nicht allzu lange her, da wurde in der deutschen Rezeption von Hans Kelsen (1881–1973) noch mit viel Wortgeklingel darüber gestritten, ob wir eine Kelsen-Renaissance erleben oder bloß eine zunehmende Normalisierung im wechselvollen Umgang mit seinen Werken.[1] Thomas Olechowskis Bewertung in seiner gut tausendseitigen Biografie fällt dagegen kurz und präzise aus. Er bezeichnet Kelsen schlicht als das, was er war: der „wohl bedeutendste(n) Rechtsphilosoph(en) des 20. Jahrhunderts” im deutschsprachigen Raum und ein glänzender Demokratietheoretiker dazu. Kelsens Weltruf als Rechtsphilosoph und Demokratietheoretiker gründet auf den beiden Auflagen seiner Reinen Rechtslehre von 1934 und 1960, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden, seinen Essays über Gerechtigkeit und seinen Schriften zur Verteidigung der Demokratie. Wie vor ihm bereits seine Weimarer Weggefährten Hugo Preuß und Hermann Heller wird auch Kelsen gegenwärtig mit einer groß angelegten Werkausgabe geehrt. Die Hans-Kelsen-Forschungsstelle an der Universität Freiburg veröffentlicht peu à peu eine Edition seiner Schriften in 32 (!) Bänden.[2] Während die Werke eines seiner größten Kontrahenten in der Weimarer Republik, Carl Schmitt, durch eine mittlerweile unüberschaubare Menge an biografischen Analysen kontextualisiert worden sind, blieb eine umfassende Verbindung von Werk und Leben bei Kelsen bislang Desiderat. Denn im Gegensatz zu Schmitt, der ausgiebig Tagebuch geführt, unzählige Briefe geschrieben und aufbewahrt hat, hielt Kelsen sich mit Selbstauskünften vornehm zurück. Die Rekonstruktion seines Lebens gestaltete sich daher schwierig. Olechowski und sein Team (Jürgen Busch, Tamara Ehs, Miriam Gassner und Stefan Wedrac) schließen mit ihrer Biografie diese empfindliche Forschungslücke. Vor der Veröffentlichung ihres aufwendig recherchierten Mammutwerks, dessen Quellen sie all over the place zusammensammeln mussten, weil Kelsens bewegter Lebensweg ihn über Prag nach Wien, dann nach Köln, zurück nach Prag, später nach Genf und New York und schließlich nach Berkeley führte, waren Kelsenfans wie -kritiker auf zwei unvollständige und zum Teil fehlerhafte Studien beschränkt: zum einen auf Kelsens nach dem Zweiten Weltkrieg verfasste Autobiografie,[3] und zum anderen auf eine kurze Biografie, die Rudolf Aladár Métall, ein Mitarbeiter und Freund Kelsens, auf der Grundlage ihrer beider Lebenserinnerungen verfasst hat.[4]

Olechowski streift in seiner Biografie klassisch chronologisch durch Leben und Werk Kelsens. Das macht Sinn, denn so lassen sich beide miteinander verflechten. Olechowski bietet seinen Leser*innen keine vertiefte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den einzelnen Schriften Kelsens an, weil das, wie er selbst zu Recht anmerkt, den ohnehin schon enormen Umfang des Buches endgültig gesprengt hätte. Hier verweist er vielmehr auf die Vielzahl bereits vorhandener Einzelanalysen. Der Vorteil der inhaltlich kursorischen Darstellung von Kelsens Werken ist, dass sie sich auf diese Weise gut kontextualisieren lassen. Kelsen, der Zeit seines Lebens die großen Linien der Rechtstheorie, der Rechtsphilosophie und der Demokratietheorie bearbeitete, entwickelte seine Gedankengebäude konstant weiter, fügte neue Ideen ein und arbeitete alte aus. Olechowski stellt die großen Werke Kelsens jeweils in ihr Entstehungsumfeld und benennt die Diskussionsgegner, an denen Kelsen seine Ausführungen schärfte. Damit macht er sowohl den Anlass als auch die Motive für ihre jeweiligen Ergänzungen und Erweiterungen sichtbar. So werden insbesondere der Einfluss aus und die Auseinandersetzung mit seiner neuen wissenschaftlichen Heimat ab 1940, den Vereinigten Staaten von Amerika, in Kelsens Demokratietheorie deutlich, durch die Vom Wesen und Wert der Demokratie aus den Jahren 1920 und 1929 bis hin zu den Foundations of Democracy aus dem Jahre 1955 einen signifikanten Dreh ins Liberale bekommt. Mit seiner General Theory of Law and State von 1945, einer an den anglo-amerikanischen Rechtskreis angepassten Darstellung seiner Reinen Rechtslehre, konnte Kelsen dagegen dort nicht punkten. Ihm gelang es leider nicht, seine Lehre vom Rechtspositivismus dem US-amerikanischen Publikum näher zu bringen. Das besorgte knapp 20 Jahre später H. L. A. Hart mit seinem The Concept of Law (1961), das ein ganz ähnliches Hauptanliegen verfolgte wie Kelsens Reine Rechtslehre, nämlich die Struktur des positiven Rechts aus sich selbst heraus zu erklären und das Recht genauso von Einflüssen der Naturrechtslehren wie auch von einer Fundierung in faktischen Machtverhältnissen frei zu halten. In der unmittelbaren Konkurrenz entpuppten sich Kelsens holpriger Schreibstil – Kelsen musste Englisch von Grund auf neu erlernen – und der Inhalt der Reinen Rechtslehre letzlich als ein doch zu deutsches Projekt (S. 698 ff., 874 ff.).

Kelsen tummelte sich auf vielen wissenschaftlichen Spielfeldern: der Staatstheorie, der Rechtstheorie, der Demokratietheorie, dem Völkerrecht, der Psychoanalyse, der Soziologie und der Geschichte. Sein wissenschaftliches Leben beginnt mit seinem Jurastudium in Wien, das er, wie viele Juristen, wohl eher aus Mangel an Alternativen aufnahm, denn aus wirklicher Überzeugung. Nach dem Ersten Weltkrieg und einer Zwischenstation im k.u.k. Kriegsministerium wird Kelsen, der selbst nie einer Partei beigetreten ist, zum Berater des sozialdemokratischen Kanzlers Karl Renner, zum Architekten der österreichischen Verfassung (B-VG) und zum Spiritus Rector der österreichischen Verfassungsgerichtsbarkeit. 1919 wird er zum Verfassungsrichter bestellt und findet trotz seines geltungspositivistischen Rechtsverständnisses Ansatzpunkte im geltenden Recht, um sich mit den Vertretern der christlich-konservativen Politik anzulegen, etwa im Streit um die Dispensehen. Im gleichen Jahr gelingt es Kelsen nach einigen Umwegen, als Ordinarius an die Universität Wien berufen zu werden. Hier entführt uns Olechowski in ein akademisches Milieu, in dem der – auch antisemitische – Umgangston rauh war und wissenschaftliche Differenzen persönlich genommen wurden. Kelsen, dem der eine oder andere ,Shitstorm‘ um die Ohren blies, musste einiges einstecken, teilte mit seinem unvergleichlich ironischen Unterton aber auch ordentlich aus. Schließlich verfolgte er ein ebenso gewagtes wie ehrgeiziges Ziel: Kelsen war angetreten, um mit der herrschenden Rechtslehre aus der konstitutionellen Monarchie aufzuräumen, sie auf eine strikte Normwissenschaft zu reduzieren und fast jede ihrer liebgewonnenen Rechtsfiguren zu dekonstruieren – den Staat, die Unterscheidung von öffentlichem und privatem Recht oder die subjektiv-öffentlichen Rechte, um nur einige zu nennen. Greifbar wird in Olechowskis Erzählung auch die intellektuelle Atmosphäre im ,roten Wien‘. Dort versammelte Kelsen eine kleine und gerne auch kritische Schülerschar um sich, zu der neben anderen Adolf Julius Merkl und Alfred Verdroß gehörten, um mit ihr an seiner Reinen Rechtslehre zu feilen – ein Großprojekt, das er im Exil alleine weiterführen musste. Denn infolge einer Verfassungsänderung wird Kelsen 1930 als Verfassungsrichter ausgebootet und wechselt zunächst an die Universität zu Köln auf einen völkerrechtlichen Lehrstuhl. Doch die Machtergreifung der Nationalsozialisten zwingt ihn 1934 auch von dort weg ins Exil. Richtig heimisch wird er erst wieder im kalifornischen Berkeley. Dass der Strukturfanatiker Kelsen auch ein versierter Völkerrechtler war, half ihm, in der akademischen Landschaft der USA Tritt zu fassen. Nach mehreren prekären Beschäftigungsverhältnissen, u. a. als Gutachter für die US-amerikanische Regierung bei der Vorbereitung der Kriegsverbrechertribunale, erhielt er im Juni 1945 endlich ein full professorship an der University of California, wo er bis zu seiner Emeritierung blieb. Mit dem Schreiben wollte Kelsen allerdings erst im Alter von 85 Jahren aufhören – ein Vorsatz, den er unter den Vorbehalt stellte, dass er sich nicht durch einen Angriff auf sein Werk zu einer Erwiderung gezwungen sähe (S. 910).

Kelsen ist eine historische Figur, seine Theorien aber sind noch lange nicht ad acta gelegt. Die zeitgenössische Forschung knüpft immer noch und immer mal wieder an sie an: bei der Weiterentwicklung des Völkerrechts, um die staatsrechtliche Struktur der Europäischen Union zu erklären oder um europäische Demokratiekonzepte zu entwickeln.[5]

Olechowski malt eindrucksvolle Gemälde zur Zeit- und Lebensgeschichte Kelsens, die mehr sind als eine „Mikrohistorie der Jahre 1881–1973” (S. 20), und die es den Leser*innen leicht machen, selbst dann am Ball zu bleiben, wenn ausführlich über Kelsens langwierige Gehaltsverhandlungen an seinen verschiedenen Wirkungsstätten berichtet wird. Die dichten Beschreibungen des wechselvollen Lebens von Hans Kelsen, in denen auch liebevoll eingewobene Anekdoten nicht fehlen, wie z. B. die, dass H. L. A. Hart auf einer Podiumsdiskussion mit Kelsen vom Stuhl kippte, als dieser jenen anbrüllte: „a norm is a norm” (S. 889), machen selbst nach 928 Seiten geschriebenen Textes traurig, dass das Leben dieses mutigen Menschen, großartigen Lehrers und außergewöhnlichen Theoretikers genauso vorbei ist wie das Buch über ihn.

Fußnoten

[1] Christoph Schönberger, Kelsen-Renaissance? Ein Versuch über die Bedingungen ihrer Möglichkeit im deutschen öffentlichen Recht der Gegenwart, in: Matthias Jestaedt (Hg.), Hans Kelsen und die deutsche Staatsrechtslehre. Stationen eines wechselvollen Verhältnisses, Tübingen 2013, S. 207–222.

[2] Hans Kelsen Werke, hrsg. v. Matthias Jestaedt in Kooperation mit dem Hans Kelsen-Institut, Tübingen. Erschienen sind bisher sieben Bände im Zeitraum von 2007 bis 2020.

[3] Hans Kelsen, Autobiographie (1947), in: ders., Werke, Bd. 1: Veröffentlichte Schriften und Selbstzeugnisse, hrsg. von Matthias Jestaedt in Kooperation mit dem Hans Kelsen-Institut, Tübingen 2007, S. 29–91.

[4] Rudolf Aladár Métall, Hans Kelsen. Leben und Werk, Wien 1969.

[5] Siehe etwa Elif Özmen (Hg.), Hans Kelsens politische Philosophie, Tübingen 2017.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.