Ein steiniger Weg

Rezension zu "Vom Arbeiterkind zur Professur. Sozialer Aufstieg in der Wissenschaft" von Julia Reuter, Markus Gamper, Christina Möller und Frerk Blome (Hg.)

De noblis ipsis silemus – Von mir selbst schweige ich.[1] Diese bekannte Direktive Francis Bacons gilt auch heute noch für große Teile der (deutschen) Wissenschaft. Bacon war der Ansicht, dass wissenschaftliche Leistung und Erkenntnis für sich stehen sollten. Die selbst auferlegte ‚Schweigepflicht‘ gilt insbesondere für die soziale Herkunft der Wissenschaftler*innen, die geradezu ein Tabuthema darstellt. Während unterschiedliche Dimensionen sozialer Ungleichheiten im Bildungssektor längst ein Politikum sind, beschränkt sich die Auseinandersetzung mit ungleichen Chancenstrukturen in der Wissenschaft bislang vorrangig auf den Aspekt des Geschlechts. Andere Ungleichheitsdeterminanten werden kaum thematisiert.

Das von Julia Reuter, Markus Gamper, Christina Möller und Frerk Blome herausgegebene und im transcript-Verlag unter dem Titel Vom Arbeiterkind zur Professur. Sozialer Aufstieg in der Wissenschaft erschienene Buch bricht eindrücklich das oben skizzierten Tabu. In ihrem über 400 Seiten umfassenden Werk greifen die Herausgeber*innen das Thema Ungleichheit in der Wissenschaft in innovativer Weise auf. Gerahmt von sozialwissenschaftlichen Beiträgen bilden autobiografische Notizen von Professor*innen, die aus nichtakademischen Elternhäusern stammen, den Kern. Durch die individuellen und bewusst subjektiv gefärbten Lebenserzählungen, die dem Untersuchungsgegenstand gewissermaßen „ein Gesicht“ (S. 117) geben, unterscheidet sich das Buch fundamental von anderen wissenschaftlichen Publikationen. Es gliedert sich in vier Teile: Nach einer Einführung der Herausgeber*innen folgen drei Beiträge, die das Thema des sozialen Aufstiegs sozialwissenschaftlich rahmen und verorten. Der zweite Teil umfasst 19 autobiografische Narrationen von Professor*innen, die es „vom ‚Arbeiterkind‘ bis zur Professur“ geschafft haben. Der dritte Teil besteht aus zwei Beiträgen, die die vorherigen Notizen aus soziologischer Perspektive vergleichend analysieren. Der vierte Teil rundet den Sammelband mit einer wissenschaftspolitischen Kommentierung in Form eines Dialogs zwischen den Herausgeber*innen, verschiedenen Initiativen und der DFG ab.

In ihrem einleitenden Beitrag geben die Herausgeber*innen einen umfassenden Überblick zu den beiden das Buch bestimmenden (und miteinander verbundenen) Themen: soziale Ungleichheiten im Bildungs- und im Wissenschaftssystem. Sie präsentieren zunächst zentrale empirische Befunde der historisch anhaltenden herkunftsspezifischen Ungleichheiten im Bildungswesen und skizzieren dominante bildungssoziologische Erklärungsansätze. Anschließend widmen sie sich dezidiert der sozialen Herkunft als Einflussfaktor auf Wissenschaftskarrieren. Hierfür referieren die Autor*innen die (eher rar gesäten) empirischen Befunde, die in der Gesamtschau herkunftsbedingte Ungleichheitsstrukturen bestätigen. Reuter et al. verweisen jedoch zugleich auf Differenzen im Hinblick auf Fächer und Hochschularten. Zudem benennen sie begünstigende Faktoren für den sozialen Aufstieg in der Wissenschaft, betonen aber auch die habituellen Herausforderungen, die damit verbunden sind. Mit den in ihrem Buch versammelten autobiografischen Notizen möchten die Herausgeber*innen an öffentlichkeitswirksame Aufstiegsbiografien wissenschaftlicher Persönlichkeiten wie Didier Eribon anknüpfen, die sie als Beiträge zur Entzauberung des „Mythos vom souveränen ‚Homo academicus‘“ und als „Lehrstück über soziale Klassenunterschiede und ihre Reproduktion durch das Bildungssystem“ (S. 10) lesen. Ihr erklärtes Ziel ist es, „durch die Kombination aus autobiographischen Skizzen und soziobiographischen Analysen eine dichte Beschreibung von der Vielfalt der Erfahrungen sozialer Mobilität und deren Reflexion im Spiegel sozialwissenschaftlicher Forschungen zur sozialen Ungleichheit“ zu liefern (S. 42). Den damit formulierten Anspruch – so viel sei an dieser Stelle schon vorweggenommen – löst das Werk in bemerkenswerter Weise ein.

Die drei nachfolgenden Beiträge leisten nicht nur eine sozialwissenschaftliche Rahmung des Themenkomplexes, sondern sind zugleich eine Art Leseanleitung für die autobiografischen Notizen und sollen damit Missinterpretationen vorbeugen. Der Beitrag von Aladin El-Mafaalani geht der Frage nach migrationsspezifischen Besonderheiten in Aufstiegsbiografien nach, wobei er den Fokus auf türkischstämmige Migrant*innen legt. Ihm zufolge bedeutet ein sozialer Aufstieg nicht nur eine sozialstrukturelle, sondern auch eine innere, das heißt habituelle Distanzierung zum Herkunftsmilieu, weshalb er Aufstiegsbiografien als „Habitustransformationen“ (S. 71) bezeichnet. Indem er auf migrationsspezifische Unterschiede innerhalb der Transformationen hinweist, sensibilisiert der Autor außerdem für die Komplexität und Vielschichtigkeit sozialer Herkunft sowie die damit einhergehenden Herausforderungen.

Christoph Butterwege nimmt eine sozialpolitische Perspektive auf den Zusammenhang zwischen Bildung und sozialer Ungleichheit ein und warnt davor, Bildungsaufstiege in eine Aufstiegsideologie einzubetten und damit zur Legitimation sozialer Ungleichheiten beizutragen. In der öffentlichen Debatte werde „häufig so getan, als könnten alle Menschen durch eigene Bildungsanstrengungen reüssieren“ (S. 90). Ein solches Verständnis begreife individuelle Bildungsaufstiege nicht als Ausnahmen von der Regel, sondern erkläre sie vielmehr zur für alle gültigen Referenz. Statt „gesellschaftliche Verhältnisse, Machtstrukturen und Privilegien“ infrage zu stellen, würden „Arme […] dazu angehalten, ihre (Bildungs-)Karriere durch Selbstoptimierung eigenständig und eigenverantwortlich zu organisieren“ (ebd.). Dadurch werden, so Butterwege, Bildungsdefizite als persönliches Versagen statt als strukturelles Problem gedeutet, wodurch es letztlich gelingt, Bildungsunterschiede und damit einhergehende Privilegien zu legitimieren.

Der Aufsatz von Julia Reuter fragt aus methodologischem Interesse, welche analytischen und erkenntnistheoretischen Potenziale literarische Selbstzeugnisse für die Soziologie bergen. Sie kommt zu dem Schluss, dass autobiografische Selbstbeschreibungen nicht nur individuelle Lebensgeschichten seien, sondern als soziologische Autoanalysen Aufschluss über die „(Klassen-)Gesetzmäßigkeiten“ (S. 105) als Voraussetzungen für die eigene Lebensgeschichte geben könnten. Zugleich würden in solchen Selbstreflexionen soziale Scham und Klassenunterschiede offengelegt. Die Herkunftsscham führe allerdings dazu, dass gerade soziale Aufsteiger*innen „über ihren Aufstieg eher schweigen denn reden“ (S. 111). Insofern sind Aufstiegsbiografien, so sie denn geteilt werden, laut Reuter „Denk- und Mahnmale sozialer Ungleichheit“ (ebd.), die einer öffentlichen und engagierten Soziologie neue Möglichkeiten der Gesellschaftskritik eröffnen.

Die sich im zweiten Teil des Bandes anschließende Sammlung autobiografischer Notizen weist insgesamt eine große Heterogenität auf. Von den 19 Beiträgen stammen sieben von Frauen und zwölf von Männern, die im Zeitraum zwischen 1941 und 1983 geboren sind und in drei Fällen eine Migrationsgeschichte haben. Die Autor*innen arbeiten als Professor*innen an Universitäten oder Fachhochschulen in verschiedenen Bundesländern und gehören unterschiedlichen Fachdisziplinen an (wobei Sozialwissenschaftler*innen deutlich überrepräsentiert sind). Die Auswahl des Samples, so die Herausgeber*innen, soll eine möglichst große Bandbreite an individuellen Aufstiegswegen und Kontextbedingungen widerspiegeln und ist nicht als repräsentative Stichprobe zu verstehen. Was die Protagonist*innen trotz aller Heterogenität eint, ist ihre Herkunft aus Familien, in denen kein Elternteil einen Hochschulabschluss hat. Damit ist der Begriff des „Arbeiterkinds“ sehr weit gefasst. Dass sie sich dennoch dafür entschieden haben, begründen die Herausgeber*innen damit, dass er „zum Hinschauen“ zwinge, „er irritiert und regt zum Nachdenken an“ (S. 40).

Mit den autobiografischen Vignetten betreten deren Autor*innen gleichsam in doppelter Hinsicht Neuland: in der Textgattung und durch die öffentliche Thematisierung ihren sozialen Wurzeln. Sie unterscheiden sich im Schreibstil ebenso wie in der Auswahl beziehungsweise Betonung von Ereignissen und Themen, gleichzeitig eint sie eine eher defensive, von einem gewissen Understatement geprägte Darstellung des Karriereverlaufs. Gerade aufgrund ihrer Unterschiedlichkeit verdeutlichen die Beiträge anschaulich, welche Widrigkeiten und Hindernisse der Weg zur Professur bereithält. Zugleich zeigt sich, dass schulische beziehungsweise wissenschaftliche Leistung keineswegs die einzigen Faktoren sind, die für einen erfolgreichen Karriereweg in der Wissenschaft zählen. Der Blick hinter das „Professorenkostüm“ (S. 193) zeigt die Persönlichkeiten und ihre individuellen Werdegänge und macht damit deutlich, dass Professor*innen eben auch Menschen und nicht nur akademische Funktionsträger*innen sind. Angesicht des noch immer geltenden Tabus, über die eigenen sozialen Wurzeln zu sprechen, ist den Autor*innen ihre persönliche Offenheit und die damit gestartete „(Scham-)Offensive“ (S. 104) hoch anzurechnen. Es bleibt zu hoffen, dass dadurch auch andere ermutigt werden, über Benachteiligungsfaktoren im Bildungs- und Wissenschaftssystem öffentlichkeitswirksam zu sprechen und so den Weg zu einer Reduzierung der Chancenungleichheiten zu ebnen.

Die beiden anschließenden Beiträge, die den dritten Teil des Buches bilden, bieten mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung erste sozialwissenschaftliche Analysen und Interpretationen der autobiografischen Notizen, die allerdings eher anekdotisch und exemplifizierend als streng methodisch sind. Obwohl Michael Hartmann gleich zu Beginn seines Beitrags einräumt, dass es „nicht einfach [sei], aus einer derart bunten Mischung von individuellen Berichten […] so etwas wie Gemeinsamkeiten in einem wissenschaftlichen Sinne herauszukristallisieren“ (S. 379), identifiziert er im Folgenden vier Merkmale, „die für die Bildungs- und Berufskarrieren der Professor*innen von ausschlaggebender Bedeutung waren“ (ebd.): Erstens gäbe es bei den meisten Professor*innen familiäre Besonderheiten, insofern beispielsweise die Eltern ihre eigenen unerfüllten Bildungswünsche auf die Kinder übertrügen. Zweitens hätten die durch die Bildungsreformen neu geschaffenen Gelegenheitsstrukturen entscheidend zum Aufstiegserfolg beigetragen. Drittens spielte (finanzielle) Sicherheit für viele sowohl bei der Studienfach- als auch bei der Berufswahl eine wichtige Rolle. Viertens führten die „am eigenen Leib erfahrenen Benachteiligungen und Ungerechtigkeiten“ (S. 386) insgesamt zu einer kritischeren Haltung gegenüber sozialen Ungleichheiten und einem entsprechenden Verhalten im Hochschulkontext. Er warnt davor, dass der Trend zu „immer stromlinienförmiger verlaufenden Karrieren in der Wissenschaft“ (S. 388) solche Aufstiegsbiografien in Zukunft noch unwahrscheinlicher mache.

Andrea Lange-Vester nimmt die autobiografischen Notizen anschließend aus einer habitus- und milieutheoretischen Perspektive in den Blick, wobei sie einerseits nach Unterschieden zwischen den Bildungsaufsteiger*innen und Personen aus Familien mit akademischer Tradition fragt und andererseits Binnendifferenzen innerhalb der Gruppe der sozialen Aufsteiger*innen untersucht. Gemeinsamkeiten sieht sie vor allem darin, dass die Personen sozial „jenseits der oberen Milieus mit ihren distinktiven Habitusmustern“ (S. 398) verortet seien. Dies äußere sich beispielsweise in der geschilderten Distanz zur Bildungssprache und der Erfahrung alltagskultureller Unterschiede. Darüber hinaus ließen sich verschiedentlich Entfremdungsprozesse vom Herkunftsmilieu identifizieren, die zu einem „Doppelleben“ (Bogdal, S. 396) oder einem „Pendeln zwischen zwei Kulturen“ (Lörsch, ebd.) führten. Gleichzeitig betont die Autorin aber auch die Heterogenität innerhalb der Gruppe der Aufsteiger*innen. So ließen sich neben einer vertikalen Differenzierung entlang des ökonomischen Kapitals auch Unterschiede in den familiären Aufstiegsstrategien ausmachen: Während die einen Familien stärker an Status und Prestige orientiert seien, fokussierten sich die anderen eher auf Bildung und Leistung. Darüber hinaus verweist Lange-Vester auf eine weitere Differenzierungskategorie: das Geschlecht. Spezifisch weibliche Rollenanforderungen und Arbeitsteilungen trügen bei Frauen, neben der „verinnerlichten Ordnung der Klassen“ (S. 407), zu weiteren Selbstzweifel und Unzulänglichkeitsgefühlen bei und stellten damit eine zusätzliche Hürde dar.

Im vierten und letzten Teil des Buches kommen Initiativen, die sich für „Arbeiterkinder“ im Bildungs-und Wissenschaftssystem einsetzen, sowie wissenschaftspolitische Akteur*innen zu Wort. Sie heben insbesondere die Vorbild- und Orientierungsfunktion solcher Aufstiegsbiografien hervor, verweisen aber auch auf die komplexe Gemengelage an Problemen, mit denen soziale Bildungsaufstiege verknüpft seien: fehlende Informationen, Finanzierungsfragen, habituelle Passungsprobleme und Entfremdungsgefühle. Allerdings zeigen insbesondere die Initiativen auch die Grenzen ihrer Arbeit auf, da strukturelle Probleme im Hochschul- und Wissenschaftssystem – intransparente, unsichere Karrierestrukturen und eine mangelnde Berücksichtigung der sozialen Herkunft als relevantem Faktor – zur (Re-)Produktion sozialer Ungleichheitsstrukturen beitragen würden. Hier bestünde massiver Handlungsbedarf seitens der Bildungs- und Wissenschaftspolitik.

Mit dem hier besprochenen Buch leisten die Herausgeber*innen einen wissenschaftlichen Beitrag der besonderen Art: Sie zeigen, welche Mechanismen Ungleichheit hervorbringen und geben zugleich Beispiele für die Überwindung solcher Hürden im Bildungs- und Wissenschaftssystem. Dadurch bekommen abstrakte Ungleichheitsstrukturen gleichsam ein Gesicht und eine Geschichte. Der Band provoziert geradezu eine akademische Selbstreflexion ebenso wie das Nachdenken über Wissenschaft als soziale Praxis. Den hier gewagten Vorstoß einer eher unkonventionellen methodischen Herangehensweise gilt es in zukünftigen Projekten vor allem in zwei Richtungen fortzuführen: Zum einen wäre es aufschlussreich, solche Autobiografien für ein breiteres Spektrum an Disziplinen vorliegen zu haben, um disziplinspezifische Unterschiede zu identifizieren. Zum anderen könnten autobiografische Narrationen allgemein einen systematischen Vergleich, nicht zuletzt zwischen unterschiedlichen Herkunftsgruppen, ermöglichen. Insgesamt würde dadurch eventuell deutlicher, dass Wissenschaft eine soziale, von Menschen betriebene Praxis ist, die daher neben der objektiven Erkenntnissuche immer auch subjektive, emotionale und zwischenmenschliche Aspekte beinhaltet.

Es ist das besondere Verdienst der Herausgeber*innen, mit diesem Buch ein noch immer wirksames Tabu in der akademischen Welt zu brechen, indem die darin zu Wort kommenden Professor*innen die eigene soziale Herkunft und Lebensgeschichte thematisieren und als wichtigen Ungleichheitsfaktor entlarven. Insofern bietet der Band zahlreiche Hinweise und Anknüpfungspunkte für jede*n Einzelne*n wie auch für die Wissenschafts- und Hochschulpolitik, um die (deutsche) Akademia offener, diverser und chancengleicher zu gestalten. Die hier versammelten autobiografischen Notizen können als Reflexionsangebote und/oder wertvolle Inspirationsquelle zur Auseinandersetzung mit sozialen Ungleichheiten gelesen werden. Alles in allem ist das Buch all jenen wärmstens zu empfehlen, die Teil der akademischen Welt sind oder werden wollen, die mit ihr zu tun haben oder sie besser verstehen möchten.

Fußnoten

[1] Francis Bacon, Instauratio magna, Praefaction, 1620.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.