Grenzen der Entscheidbarkeit

Rezension zu "Schriften zur Organisation 2. Theorie organisierter Sozialsysteme" und "Schriften zur Organisation 3. Gesellschaftliche Differenzierung" von Niklas Luhmann

Wie sich die Zeiten doch ähneln! Im Jahr 1993 hielt Niklas Luhmann in Mailand einen Vortrag mit dem Titel „Die Rolle von Organisationen in der industriellen Gesellschaft“. Man könne in der Bevölkerung eine wachsende Unzufriedenheit mit etablierten Institutionen beobachten, leitete Luhmann seinen Beitrag ein. „Das Volk steigt aus“, lautete seine pointierte Formel für dieses Phänomen.[1]

Der Text hat kaum an Aktualität eingebüßt, wenngleich sich schematische Übertragungen verbieten. Sein Gegenwartsbezug ergibt sich vor allem durch die Ereignisse, die Luhmann als Evidenz für seine Ausstiegsthese bemühte. Er dachte unter anderem an die Voten gegen eine intensivierte europäische Vereinigung. Lassen sich die Wahlergebnisse zum Europäischen Parlament im Frühjahr 2019 nicht ebenfalls in dieser Weise deuten? Europakritische bis -feindliche Parteien haben regionalspezifische Stimmenzuwächse, wenngleich die Grünen als Wahlgewinner gelten können. Weiterhin verwies Luhmann auf nationale und regionale Wahlerfolge von populistischen Parteien, denen es gar nicht ums Regieren gehe oder die von den etablierten Parteien nicht als mögliche Partner bei der Regierungsbildung gesehen werden würden. Europaweit gilt das heute zwar nur noch mit Ausnahmen – eine davon ist die AfD in vielen Regionen der Bundesrepublik Deutschland. Luhmann hob damit gleichsam ein zentrales Kennzeichen rechtspopulistischer Parteien hervor. Sie pflegen eine national-partikularistische Anti-Haltung, mit der sie sich gegen die universalistischen Errungenschaften freiheitlich-demokratischer Gemeinwesen wenden – und die ihre Protagonisten auch dann weiter kultivieren, wenn sie längst Regierungsämter bekleiden.

Bis jetzt war der Vortrag auch Insidern kaum bekannt. Er findet sich nun erstmals abgedruckt im zweiten Band von Luhmanns „Schriften zur Organisation“ (LSO 2), die gerade zusammen mit dem dritten Band (LSO 3) erschienen sind. Wie schon mit dem ersten Band sorgen die Herausgeber, Ernst Lukas und Veronika Tacke, für einen kompakten und direkten Zugang zu den organisationssoziologischen Argumenten des Bielefelder Soziologen.[2] LSO 2 versammelt unter dem Titel „Theorie organisierter Sozialsysteme“ insgesamt 19 Texte, darunter besagtes unveröffentlichtes Manuskript. LSO 3, als „Gesellschaftliche Differenzierung“ betitelt, enthält dann zusätzlich noch einmal 16 Aufsätze beziehungsweise Buchauszüge. Die Schaffensphase Luhmanns, die sie dokumentieren, reicht vom Anfang der 1970er-Jahre bis zu seinem Tod 1998.

Der Vortrag sticht nicht nur deshalb hervor, weil es sich um eines von vier Manuskripten in den beiden Bänden handelt, die bisher unveröffentlicht sind.[3] Mehr noch, wie in einer Nussschale finden sich in ihm mindestens zwei zentrale Charakteristika des ‚späteren‘ organisationssoziologischen Denkens Luhmanns, das sich gerade auch in dem Mailänder Referat spiegelt. Er steht daher im Zentrum meiner Rezension und dient dazu, LSO 2 und LSO 3 gemeinsam zu besprechen – zumal beide aufeinander verweisen. Denn wenn er über Organisationen spricht („Theorie organisierter Sozialsysteme“, LSO 2), dann in der Regel auch über die Gesellschaft, innerhalb derer sie sich ausdifferenzieren („Gesellschaftliche Differenzierung“, LSO 3). Und andersherum: Wenn er über die Differenzierung der modernen Gesellschaft spricht, dann selten ohne Rekurs auf Organisationen.

Zugespitzt formuliert, entwickelte Luhmann seine Systemtheorie der Organisation weiter, indem er in erster Linie an einer genuin soziologischen Gesellschaftstheorie arbeitete. Es handelt sich hier um ein erstes zentrales Charakteristikum der Luhmann’schen Organisationssoziologie ab den 1970er-Jahren. Er holt weit aus, spricht über „gesellschaftsinterne Grenzen“, die sich durch Organisationen in das Gesellschaftssystem „einzeichnen“ (LSO 2, S. 437), über die „primäre Differenzierung [der modernen Gesellschaft] an gesellschaftlichen Funktionen“ (ebd., S. 438) oder über die unterschiedlichen Inklusionsmodi von gesellschaftlichen Funktionssystemen und Organisationen (ebd., S. 439). Seine Argumentation wirkt dadurch etwas kryptisch. Sie läuft jedoch im Kern auf die Vermutung hinaus, dass „das Volk“ nicht zuletzt deswegen aussteige, weil gesellschaftliche Teilhabeversprechen im politischen System mithilfe „trichterförmiger Prozesse“ organisiert werden, das heißt in erster Linie durch parteipolitische Entscheidungen über persönliche Karrieren und thematische Positionen. Das Vertrauen in eben diese Parteiorganisationen schwinde, nicht zuletzt weil politische Verfahren „idealisiert“ seien, anstatt „mit adäquaten organisationstheoretischen Mitteln“ zu begreifen, welche Spielräume für politisches Entscheiden in einer funktional differenzierten Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt existierten (ebd., S. 447 f.). Es handelt sich, folgt man Luhmann, um eine Gesellschaft ohne hierarchische Spitze, in der einzelne Organisationen und ihre Vertreter nicht ohne weiteres ‚durchregieren‘ können.

Luhmann entwickelte seine Organisationssoziologie ab 1970 nunmehr eher im Schatten einer Theorie funktionaler Gesellschaftsdifferenzierung. Vergegenwärtigt man sich Gegenstandsbereich und Argument des Vortrags, ist sein Titel daher gelinde gesagt irritierend. Industrielle Gesellschaft? Luhmann ging mit keinem Wort auf dieses Konzept ein, es scheint sich um eine äußere Vorgabe von Seiten der Veranstaltenden gehandelt zu haben, der sich Luhmann inhaltlich entzog. Er entfaltete vielmehr eine gesellschaftstheoretische Perspektive, die zwar nicht ohne organisationssoziologische Überlegungen auskommt, sich jedoch, was durch das Attribut „industriell“ durchaus naheläge, nicht in ihnen erschöpft. Luhmann betonte vielmehr die Differenz von Gesellschaft und Organisation, die er – zusammen mit Interaktionssystemen – als besondere Typen sozialer Systeme begriff. Einschlägig ist der programmatische Aufsatz „Interaktion, Organisation, Gesellschaft“, der sich mit drei komplementären Texten gleich zu Anfang von LSO 2 findet, und an dessen Argument Luhmann in späteren Texten fast gebetsmühlenartig erinnerte. Die Differenz dieser Systemtypen, so seine These, resultiere maßgeblich daraus, dass sich die betreffenden Typen jeweils auf eine ihnen spezifische Weise konstituierten – „je nachdem, unter welchen Voraussetzungen der Prozeß der Selbstselektion und Grenzziehung abläuft“ (ebd., S. 12). Während sich Interaktionen durch wechselseitig wahrnehmende Anwesende bildeten und grundsätzlich für alle Personen offen seien, die sich dazugesellen, disponierten Organisationen hochsensibel darüber, wer bei ihnen mitmachen darf. Sie konstituierten sich durch exklusive Mitgliedschaft, über die zuständige Stellen entscheiden. Gesellschaft dagegen verstand Luhmann als „das umfassende Sozialsystem aller kommunikativ füreinander erreichbaren Handlungen“ (ebd., S. 14). In seiner Analyse „Die Organisierbarkeit von Religionen und Kirchen“, die LSO 3 eröffnet, spielt Luhmann diese abstrakte Definition einmal durch – das ist für ein tieferes Verständnis seines Denkens äußerst hilfreich. Es lohnt sich sehr, diesen Text direkt hinzuzuziehen. Luhmann nutzte die Systemtypenunterscheidung Schritt für Schritt, um unter anderem zu zeigen, dass die Vorstellung, Kirche und Religion bildeten eine Einheit, nicht mehr zutreffend, sondern antiquiert und deplatziert sei. Vielmehr stünden beide in einem Spannungsverhältnis zueinander, gleiches gelte im Übrigen für die Beziehung zwischen Industrie und Gesellschaft (LSO 3, S. 33). Der Text gilt in den Religionswissenschaften und der Religionssoziologie mittlerweile als moderner Klassiker.

Das Argument sozialer Differenzierung ist bahnbrechend, auch wenn es zunächst nur wenig Gehör in der soziologischen Fachdebatte fand. Auch heute hat es im Grunde nur einen marginalen Status, da die Mikro-Makro-Semantik – mit der in sie eingelagerten Vorstellung von den Ebenen des Sozialen – das Feld weiterhin beherrscht.[4] Der Clou dieses Arguments lag nicht nur in einem gleichsam abstrakten und feinkörnigen Instrumentarium, um „[d]ie Gesellschaft und ihre Organisationen“ zu begreifen, wie ein später Aufsatz von Luhmann treffend heißt (LSO 2). Hier deutete sich in prägnanter Form das – zweifellos hochumstrittene – theorieintegrative Potenzial der Systemtheorie an. Quasi im Handstreich und auf vergleichsweise wenigen Seiten führte Luhmann drei Diskussionsstränge zusammen, die bis dato kaum aufeinander referierten, nämlich Symbolischer Interaktionismus, verhaltenswissenschaftliche Organisationsforschung und Gesellschaftstheorie (ebd., S. 12) – und das in einer Zeit, in der die forschungsleitende Stellung der Allgemeinen Systemtheorie fast über Nacht implodierte.[5]

Während Anwesenheit und Erreichbarkeit die interaktions- und gesellschaftstheoretischen Schlüsselwörter des skizzierten Arguments sind, kaprizierte sich Luhmanns organisationstheoretisches Denken noch mehr als in den 1960er-Jahren auf Probleme der Entscheidbarkeit; eindrücklich belegt im Teil „Komplexität, Kontingenz und Entscheidung“ des zweiten Schriften-Bandes.[6] Stark vereinfacht geht es ihm um die Frage, wie „hochkomplexe Systeme“, die über einen (fürs Erste) festen Kreis an Mitgliedern und meist auch über einige Regeln verfügen, Zugriff auf diversen „Variationsmöglichkeiten“ gewinnen: Wie schaffen sie es, immer wieder aufs Neue darüber zu disponieren, was sie als nächstes tun könnten – und das für gewöhnlich arbeitsteilig (LSO 2, S. 121)? Mitte der 1970er-Jahre lautete Luhmanns Antwort: Über organisierte Entscheidungssituationen, die selbst komplex sind. Dies blieb für längere Zeit seine letzte nennenswert-organisationssoziologische Innovation.

Erst als sich Ende der 1980er (erneut) ein starkes akademisches Interesse an Organisationen abzeichnete, beteiligte er sich wieder stärker an der Diskussion. Mit Verve lenkte er das Augenmerk auf die „Paradoxien des Organisierens“, so auch im Vortrag über „Die Rolle von Organisationen in der industriellen Gesellschaft“: Während Organisationen fortlaufend eine für sich sichere und beherrschbare Welt konstruierten, in der sie sich zurechtfänden, trügen sie als Unternehmen, Parlamente, Forschungseinrichtungen oder Parteien gleichzeitig dazu bei, dass Sicherheiten auf gesellschaftlicher Ebene fortwährend erodierten. „Alle Sicherheiten, alle Verbindlichkeiten des Vergangenen werden über Geld, über positives Recht, über laufend neue Forschungsresultate und Technologien und über Fluktuationen politischer Machtkonstellationen aufgelöst.“ (ebd., S. 443) Das ist schwere Kost. Viele Passagen, in denen Luhmann Paradoxien beschreibt, seien teilweise überraschend, oft schwer zu entschlüsseln und rätselhaft, urteilen die LSO-Herausgeber in ihren Editorischen Notizen (ebd., S. 498). Doch kommen gerade diese Passagen auch zu einem zentralen theoretischen Ergebnis: Luhmann begreift Organisationen nicht allein für sich, sondern gesellschaftstheoretisch eingebettet. Organisationen lösen soziale Paradoxien nicht auf – und können es auch gar nicht –, da sie durch die Art und Weise, wie sie sich entscheidungsbasiert konstituieren, viele Paradoxien immer wieder auf Neue hervorbringen. Wer sich somit nur auf die (unbestreitbare) Problemlösekraft von Organisationen kapriziert, ist auf einem Auge blind. Ob durch die Differenz von Organisation und Gesellschaft oder durch die Paradoxien des Organisierens, Luhmann thematisiert letztlich wie kein anderer die Grenzen der Entscheidbarkeit, die in die moderne Gesellschaft eingezogen sind.

Ein zweites zentrales Charakteristikum der Luhmann’schen Organisationssoziologie ab den 1970er-Jahren tritt umso deutlicher hervor, wenn man den Vortrag „Die Rolle von Organisationen in der industriellen Gesellschaft“ mit einem anderen, thematisch ähnlich gelagerten Vortrag vergleicht, der jüngst ebenfalls zum ersten Mal in gedruckter Form erschienen ist. 1967 sprach Theodor W. Adorno in Wien über „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“, eingeladen hatte ihn eine österreichische Vereinigung sozialistischer Studierender.[7] Beide Vorträge räsonieren über erstarkende Bewegungen von rechts. So hatte Adorno seinerzeit unmittelbar den „spezifisch deutschen Aspekt des Anstiegs der NPD“ vor Augen und ging unter anderem auf „das agrarische Potential des Rechtsradikalismus“ ein, das sich maßgeblich aus einer „Angst vor der EWG“ schürte. Auch heute versuchen sich rechte Kreise gegen die Europäische Union, die Nachfolgeorganisation der EWG,  zu profilieren.[8] Adorno und Luhmann diskutierten den Rechtsradikalismus somit beide im Hinblick auf die fortschreitende europäische Integration. Und – dies sei besonders betont – beide heben auf Organisationen ab. Luhmann geht wie beschrieben auf die „trichterförmigen“ Entscheidungsprozesse politischer Parteien ein, wohingegen Adorno auf die Neigung der Deutschen zu sprechen kommt, politischen Parteien nur dann massenhaft Vertrauen zu schenken, wenn sie „straff“ und „zentralistisch“ seien, nicht aber wenn sie „sektiererisches Aroma“ verströmten.[9]

Das Charakteristikum der Luhmann’schen Organisationssoziologie, um das es mir hier geht, ist jedoch weniger an den Gemeinsamkeiten mit Adorno abzulesen, sondern an einem fundamentalen Unterschied. Während Adorno seinen Vortrag maßgeblich entlang der theoretischen Reflexion von empirischen Studien des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main entfaltete, ging Luhmann einen gänzlich anderen Weg. Er flocht kein Netz empirischer Einsichten,[10] sondern eines von theoretischen Unterscheidungen, „die aufeinander bezogen sind, um den Übergang von der einen zu einer anderen theoretisch zu kontrollieren“ (LSO 2, S. 449). Dazu zählen die Unterscheidungen System/Umwelt, Gesellschaft/Organisation, Inklusion/Exklusion oder Paradoxie/Entfaltung. Der Vortrag ist exemplarisch für seine methodische Vorgehensweise, die sich seit den 1970er-Jahren immer mehr herausschälte: Es komme für soziologische Analysen nicht primär auf empirische Daten, sondern auf die genutzten Unterscheidungen an, formuliert er so provozierend wie programmatisch (ebd., S. 448).

Die Konsequenzen der späten Luhmann’schen Arbeitsweise sind tiefgreifend. Die organisationssoziologischen Texte der 1950er- und 1960er-Jahre enthalten noch zahlreiche Vignetten, in denen er eigene Beobachtungen in und über Organisationen fruchtbar macht. Zwar eröffnet er seine Texte auch später manchmal durchaus gegenstandsnah (siehe „Das Volk steigt aus“), in seinen Ausführungen bleibt er dann jedoch für gewöhnlich sehr abstrakt. Er ‚entlokalisiert‘ seine Argumente – was nicht zuletzt in Hypothesen mündet, die nicht zwingend überzeugen. So behauptet er zum Beispiel, dass das Phänomen des Rechtsradikalismus in so vielen Ländern existiere, dass soziologische Erklärungen, die sich auf lokalspezifische Besonderheiten kaprizierten, unfruchtbar seien (LSO 2, S. 446). Wenn aber viele „Strukturauflösungen“ sich in Interaktionen ereignen beziehungsweise dort ihren Anfang nehmen, wie er selbst noch Anfang der 1970er schreibt (ebd., S. 29–58), müsste man dann nicht gerade den lokalen Variationen gesellschaftlicher Entwicklungen systematisch Rechnung tragen, anstatt sie generisch beiseite zu wischen?

So ist eine weitere Konsequenz der Luhmann’schen Abkehr von der Empirie, dass man – so instruktiv und erhellend viele Überlegungen seiner gesellschaftstheoretischen Organisationssoziologie sind – das Konvolut der Texte eher als ein gigantisches Set von Hypothesen, denn als festgefügte Theorie begreifen sollte. Es kann empirische Studien anleiten, und es ist ein großes Verdienst der bisher gesammelten „Schriften zur Organisation“, diesen Fundus an forschungsleitenden Ideen für ein breites Publikum verfügbar zu machen. „Luhmann“ gehört schließlich nicht ins Museum, sondern auf die Straße[11] – auch auf die (vermeintliche) Gefahr hin, dass sich die bisherige Struktur der Luhmann’schen Theorie dadurch sukzessive auflöst. Der Mailänder Vortrag zeigt par excellence, wie aktuell seine Hypothesen weiterhin sind.

Fußnoten

[1] Der Vortrag nahm Gedanken auf, die Luhmann bereits ein Jahr zuvor in einem Aufsatz vorgestellt hatte, mit dem er an der sogenannten Weizsäcker-Debatte zur Parteienkritik teilnahm (Niklas Luhmann, Die Unbeliebtheit der politischen Parteien, in: Die Politische Meinung 37 (1992), Nr. 271, S. 5–11). Der Aufsatz wird im vierten Band von Luhmanns Schriften zur Organisation erscheinen.

[2] Siehe dazu auch die bereits bei Soziopolis erschienene Rezension zum ersten Band der Luhmann’schen „Schriften zur Organisation“: Grenzen der Organisierbarkeit, in: Soziopolis, https://soziopolis.de/lesen/buecher/artikel/grenzen-der-organisierbarkeit/ (19.8.2019).

[3] Ebenso unveröffentlicht waren bis jetzt die Texte „Allgemeines Modell organisierter Sozialsysteme“ und „Entscheidungen“ (beide in LSO 2) sowie „Organisation des Erziehungsprozesses“ (LSO 3).

[4] Siehe dazu kritisch Thomas Hoebel / Wolfgang Knöbl, Gewalt erklären! Plädoyer für eine entdeckende Prozesssoziologie, Hamburg 2019, insbesondere Kap. 5. Luhmanns Gesellschaft-Organisation-Interaktion-Unterscheidung ist im Grunde inkompatibel mit den gängigen Mikro-Makro-Semantiken, zumindest dann, wenn damit die Vorstellung einer hierarchischen Gliederung des Sozialen verbunden ist. Luhmann gibt die Vorstellung einer in Ebenen strukturierten Gesellschaft vollständig auf. Das deutet sich bereits in den 1970er-Jahren an, als er synonym von Systemebenen und Systemtypen spricht (siehe dazu maßgeblich den Aufsatz „Ebenen der Systembildung – Ebenendifferenzierung“ in LSO 2). Hierarchie ist in dieser Perspektive nur noch ein Strukturmerkmal formaler Organisationen, nicht von Sozialität per se.

[5] Siehe dazu die sehr gelungenen Editorischen Notizen des Herausgeberduos in LSO 2, insbesondere S. 491 f.

[6] Hier stellt sich direkt die Frage der ‚Entscheidbarkeit von was eigentlich?‘. Wie ich bereits in der Rezension zu LSO 1 argumentiert habe, greift sie jedoch an der Systemtheorie Luhmanns vorbei, da sie einem Zweck-Mittel-Schema folgt, welches er für zu unterkomplex hält, um Organisationen zu begreifen. Es reduziert die Organisation auf ein Mittel zur Aufgabenerfüllung oder Zielerreichung. Sie ist jedoch, wenn man Luhmann ab den 1970ern folgt, eben nicht nur ein Mittel, sondern vor allem ein soziales System fortlaufenden Entscheidens. Im Grunde können Organisationen über alles entscheiden, für das sie sich entscheiden – was gleichwohl nichts über die Erfolgsaussichten sagt.

[7] Theodor W Adorno, Aspekte des neuen Rechtsradikalismus. Ein Vortrag, Berlin 2019. Siehe dazu die Besprechung von Thomas Lux und Martin Mettin: Wundmale der Demokratie, in: Soziopolis, https://soziopolis.de/lesen/buecher/artikel/wundmale-der-demokratie/ (19.8.2019).

[8] Ebd., S. 13.

[9] Ebd., S. 21.

[10] Siehe dazu das instruktive Nachwort zu Adornos Vortrag von Volker Weiß, insbesondere S. 65 ff.

[11] Siehe dazu vertiefend die Rezension „Grenzen der Organisierbarkeit“ über LSO 1, in: Soziopolis, https://soziopolis.de/lesen/buecher/artikel/grenzen-der-organisierbarkeit/ (19.8.2019).

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.