Im Dienst der Diktatur?

Rezension zu "Franco's Internationalists. Social Experts and Spain's Search for Legitimacy" von David Brydan

David Brydan verfolgt in seiner 2019 erschienenen Studie ein ambitioniertes Ziel: Er möchte die Geschichte des Franco-Regimes (1936/39-1975) erstmals auf systematische Weise mit der Geschichte von Internationalismus und internationaler Gesundheitspolitik im 20. Jahrhundert verbinden. Zu diesem Zweck nimmt er eine Gruppe spanischer Sozial- und Gesundheitsexperten während der ersten beiden Jahrzehnte der Diktatur in den Blick. Brydans zentrale These lässt sich bereits dem Titel der Monografie entnehmen: Die Experten seien „Franco’s Internationalists“ und damit dezidiert politische Akteure gewesen, die sich bereitwillig in den Dienst des Regimes stellten. Sie hätten nicht nur die Integration der Diktatur in das von NS-Deutschland dominierte faschistische Europa erleichtert, sondern als „informal ambassadors“ (S. 16) auch nach dem Zweiten Weltkrieg dafür gesorgt, das diplomatisch ins Abseits geratene Regime in der liberaldemokratisch geprägten Nachkriegsordnung hoffähig zu machen.

In seiner Einleitung grenzt sich der britische Historiker zunächst gegen die Deutung ab, die Franco-Diktatur sei nach dem Zweiten Weltkrieg vollkommen isoliert gewesen. Wie eine ganze Reihe neuerer Studien betont auch er, dass das Regime von Beginn an eine wirkungsvolle soft diplomacy betrieben habe und sich nach Kriegsende erfolgreich an die veränderte weltpolitische Lage anzupassen wusste.[1] Zudem kritisiert Brydan die häufig anzutreffende Darstellung der Diktatur als rückwärts­ge­wandt und „antimodern“. Stattdessen beschreibt er sie als alternative Antwort auf die Herausforderungen der Moderne, nämlich als „a distinct model of conservative-Catholic modernity“ (S. 10). Schließlich positioniert sich der Autor im Forschungsfeld zur Geschichte des Internationalismus im 20. Jahrhundert. Dabei warnt er vor einer teleologischen Lesart, die internationale Kooperation einseitig als liberale Fortschrittsgeschichte auffasse, und plädiert dafür, den Blick auch auf „alternative forms of internationalism“ (S. 11) zu richten. Gerade der spanische Fall könne neue Perspektiven auf den faschistischen „Axis internationalism“, imperialistische und religiöse Formen des Internationalismus sowie zahlreiche Kontinuitätslinien eröffnen, die die Epochenzäsur von 1945 infrage stellten.

Die mit 224 Seiten angenehm knapp gehaltene Studie basiert auf veröffentlichten Quellen und Archivrecherchen in sechs verschiedenen Ländern. Untergliedert ist sie in fünf Kapitel und einen Epilog. In jedem dieser Kapitel analysiert Brydan jeweils ein internationales Netzwerk beziehungsweise Politikfeld, in dem spanische Gesundheitsexperten tätig waren. In einem ersten Schritt untersucht er die Beziehungen zwischen Spanien und den Achsenmächten auf dem Feld der Sozial- und Gesundheitspolitik während des Zweiten Weltkriegs. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Intensivierung des wissenschaftlichen Austausches mit NS-Deutschland. In diesem Zusammenhang betont er, dass die spanischen Experten eng mit nationalsozialistischen Wissenschaftsinstitutionen kooperiert und diese als vorbildhaft für eine effiziente Neugestaltung der Sozial- und Gesundheitspolitik unter antiliberalen Vorzeichen angesehen hätten. Ideologische Differenzen habe es nicht gegeben, auch wenn sich die spanischen Mediziner eher an den bevölkerungspolitischen Ansätzen des faschistischen Italiens als an den rassehygienischen Konzepten ihrer deutschen Kollegen orientiert hätten. Dass die deutsch-spanische Kooperation dennoch von Spannungen geprägt war, zeigt Brydan in einem äußerst interessanten Abschnitt zu den spanischen Gesundheitsexperten, die in der militärmedizinischen Abteilung der sogenannten Blauen Division[2] arbeiteten oder auf Grundlage des 1941 geschlossenen deutsch-spanischen Abkommens über die Entsendung freiwilliger Arbeiter in deutschen Krankenhäusern tätig waren. Immer wieder hätten sie Beschwerden über die als herablassend empfundene Behandlung durch die Deutschen geäußert. Dieser Umstand sollte es spanischen Medizinern nach 1945 umso leichter machen, ihre „ideological affinities with the Nazi project“ (S. 31) abzustreiten und ein negatives Bild von der Kooperation mit NS-Deutschland zu zeichnen.

Wie sehr die Arbeit spanischer Gesundheitsexperten auf internationaler Ebene jedoch auch von pragmatischem Zweckdenken geprägt war, wird zu Beginn des zweiten Kapitels deutlich. Hier zeigt Brydan, dass die Zusammenarbeit mit den liberalen Institutionen der Vorkriegszeit wie etwa der Gesundheitsorganisation des Völkerbunds auch während des Zweiten Weltkriegs weitergeführt wurde. Danach geht er ausführlich auf die Beziehungen Spaniens mit der 1948 gegründeten World Health Organization (WHO) ein. Brydan scheut sich nicht, die spanischen Gesundheitsexperten als „a vanguard for Spain’s post-war integration into the UN system“ (S. 57, 86) zu bezeichnen, da sich die Diktatur die Neujustierung der internationalen Gesundheitspolitik und ihre Verwandlung in „a technical, apolitical field“ (S. 17) zunutze gemacht habe, um ihren Außenseiterstatus zu überwinden. Allerdings gilt dies nicht nur für die Gesundheitswissenschaften. Denn anders als von Brydan suggeriert, beschleunigte die nach dem Zweiten Weltkrieg weit verbreitete Rhetorik des Unpolitischen auch in anderen Feldern wie etwa der Verwaltungs-, Wirtschafts- und Entwicklungspolitik die Integration der franquistischen Diktatur in den westlichen Block. Die Aufnahme Spaniens in die neu gegründete Gesundheitsorganisation erzählt Brydan anschließend aus der bereits gut erforschten Perspektive der WHO.[3] Dennoch kann er zeigen, dass sich die franquistischen Außenpolitiker bewusst darüber waren, dass die internationalen Organisationen mit ihrem universalistischen, vermeintlich unpolitischen Anspruch einer Eintrittspforte in die Nachkriegsordnung glichen (S. 59, 77). Nachdem der UN-Boykottbeschluss gegen Spanien im November 1950 aufgehoben worden war, stand der Aufnahme des Landes in die WHO und andere Sonderorganisationen der Vereinten Nationen nichts mehr im Weg.

Im dritten, vierten und fünften Kapitel untersucht Brydan die Versuche der Franco-Diktatur, sich in den afrikanischen Kolonien, in Lateinamerika und in internationalen katholischen Netzwerken als „moderner“, wissenschaftlich fortschrittlicher und christlicher Sozialstaat zu präsentieren und auf diese Weise neue internationale Verbindungen zu knüpfen. Am wenigsten gelang dies dem Autor zufolge in Afrika, da Spanien nach dem Zweiten Weltkrieg nicht in die Gesundheitsnetzwerke der europäischen Kolonialmächte aufgenommen wurde. Tatsächlich, so hält Brydan fest, war es gerade „in the field of inter imperial cooperation that Spain’s post-war diplomatic isolation had the greatest impact“ (S. 112). In Lateinamerika waren die Franquisten hingegen deutlich erfolgreicher. Unter der Fahne der „hispanidad“ und damit der Vorstellung, dass die lateinamerikanischen Staaten über Geschichte, Kultur, Religion und Sprache weiterhin unverbrüchlich mit ihrer „Mutter Spanien“ verbunden seien und von dieser lernen könnten (und sollten), betrieb das Franco-Regime ab den 1940er Jahren eine aggressive Kulturpolitik zur Ausweitung seines Einflusses in Lateinamerika.[4] Die Gesundheitswissenschaften spielten auch hier eine zentrale Rolle, so Brydan. Finanziert vom staatlichen Instituto de Cultura Hispánica und vom Außenministerium wurden Austauschprogramme für lateinamerikanische Medizinstudenten eingerichtet und Reisestipendien für Forschungsaufenthalte spanischer Wissenschaftler in Lateinamerika vergeben. Widerstand kam vor allem aus der lateinamerikanischen Linken und spanischen Exilantenzirkeln, die diese kulturpolitische Offensive als neoimperialistische Propaganda brandmarkten. Im fünften Kapitel stehen schließlich die Aktivitäten von „Spain’s Catholic Internationalists“ nach dem Zweiten Weltkrieg im Mittelpunkt. Während Brydan der Forschung zur franquistischen Paralleldiplomatie in den katholischen internationalen Organisationen nach 1945 nur wenig Neues hinzufügen kann, gelingt es ihm doch eindrücklich, die religiöse Dimension des Nachkriegsinternationalismus herauszuarbeiten. Am Beispiel der 1942 gegründeten Krankenschwesterorganisation Salus Infirmorum beschreibt er die Versuche spanischer Gesundheitsexpertinnen, in Zusammenarbeit mit ihrem internationalen Pendant, dem Comité International Catholique des Infirmières et Assistantes Médico-Sociales (CICIAMS), den katholischen Einfluss in den UN-Organisationen auszuweiten und so deren „antireligiöse“, „materialistische“ und „technische“ (S. 153 f.) Ausrichtung zu unterminieren.

Nach der Lektüre des Buches bleiben dennoch einige Fragen offen. So fehlen systematische Reflexionen zum komplexen Verhältnis von Wissenschaft und Politik beziehungsweise zur Rolle von Wissenschaft in Diktaturen. Ähnliches gilt im Hinblick auf die in den vergangenen Jahren viel beforschte Figur des „Experten“.[5] Vor diesem Hintergrund erscheint Brydans zentrale These, die spanischen Gesundheitsexperten hätten als „Franco’s Internationalists“ gewirkt, oft zu pauschal und undifferenziert. Eine solche Bezeichnung suggeriert eine geschlossen hinter dem Regime stehende Gruppe von Akteuren, über deren biografische und wissenschaftliche Werdegänge der Leser allerdings kaum etwas erfährt. In welchem Maße und aus welchen politischen, aber auch professionellen Beweggründen sich die einzelnen Experten in den Dienst der Diktatur stellten, bleibt daher meist im Dunkeln. Ein weiterer Einwand bezieht sich auf ein von Brydan auffallend häufig verwendetes Verb, nämlich „to promote“. So wird er nicht müde zu betonen, dass es das Ziel der franquistischen Machtelite und der ihr zuarbeitenden Gesundheitsexperten gewesen sei, „to promote an image of the Francoist state as modern, scientific, and socially advanced“ (S. 18). Um zu überprüfen, welche konkreten Effekte diese Selbstinszenierung hatte und ob sie die internationale Relegitimierung der Diktatur tatsächlich derart beförderte, hätte man jedoch die Wahrnehmung der Adressaten (des ‚Westens‘, der konservativen lateinamerikanischen Eliten etc.) stärker miteinbeziehen müssen.

Es ist dennoch das Verdienst von Brydans Studie, die Geschichte der frühen Franco-Diktatur konsequent in die Geschichte fünf verschiedener internationaler Netzwerke beziehungsweise Politikfelder der Kriegs- und Nachkriegszeit einzubinden. In überzeugender Weise gelingt es dem Autor zudem, auf die „entangled nature of multiple internationalisms“ (S. 179) sowie auf das Spannungsverhältnis zwischen Nationalismus und Internationalismus im 20. Jahrhundert aufmerksam zu machen. Am Beispiel Spaniens zeigt sich so, wie internationale Kooperation und transnationale Expertennetzwerke für nationale Zwecke genutzt werden konnten.

Fußnoten

[1] Vgl. etwa Agustí Nieto-Galan, The Politics of Chemistry. Science and Power in Twentieth-Century Spain, Cambridge 2019; Francisco Javier Rodríguez Jiménez / Lorenzo Delgado Gómez-Escalonilla / Nicholas J. Cull (Hg.), US Public Diplomacy and Democratization in Spain: Selling Democracy?, Basingstoke 2015; Neal M. Rosendorf, Franco Sells Spain to America. Hollywood, Tourism and Public Relations as Postwar Spanish Soft Power, Basingstoke 2014; Xavier Roqué / Nestor Herrán (Hg.), La física en la dictadura. Físicos, cultura y poder en España 1939–1975, Bellaterra 2012.

[2] Spanische Freiwilligendivision, die an der Seite der deutschen Wehrmacht von 1941 bis 1943 am Krieg gegen die Sowjetunion teilnahm.  

[3] Vgl. beispielsweise Thomas Zimmer, Welt ohne Krankheit. Geschichte der internationalen Gesundheitspolitik 1940-1970, Göttingen 2017, S. 157–159.

[4] Zur franquistischen Lateinamerikapolitik in der Frühphase des Regimes sind seit den 1990er-Jahren zahlreiche Studien erschienen. Vgl. Rosa Pardo Sanz, De puentes y comunidades: Balance historiográfico sobre las relaciones con América Latina, in: Lorenzo Delgado Gómez-Escalonilla / Ricardo Martín de la Guardia / Rosa Pardo Sanz (Hg.), La apertura internacional de España. Entre el franquismo y la democracia (1953-1986), Madrid 2016, S. 127–166, hier S. 133–139.

[5] Siehe für das spanische Beispiel etwa Amparo Gómez / Brian Balmer / Antonio Fco. Canales, Science Policy under Democracy and Dictatorship: An Introductory Essay, in: dies. (Hg.), Science Policies and Twentieth-Century Dictatorships. Spain, Italy and Argentina, Farnham, Surrey 2015, S. 1–26. Aus der mittlerweile umfangreichen Literatur zu Experten vgl. Frank Trentmann / Anna Barbara Sum / Manuel Rivera, Introduction, in: dies. (Hg.), Work in Progress. Economy and Environment in the Hands of Experts, München 2018, S. 7–34; Nico Stehr / Rainer Grundmann, Experts: The Knowledge and Power of Expertise, London 2011.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jakob Borchers und Wibke Liebhart.