Interaktion – Organisation – Gesellschaft revisited

Aktualisierungen zu Niklas Luhmanns grundbegrifflicher Systematisierung der Soziologie

1975 veröffentlichte Niklas Luhmann den zweiten Band seiner Buchreihe Soziologische Aufklärung, die vorwiegend schon publizierte Buch- und Zeitschriftenaufsätze von ihm zusammenführte und am Ende insgesamt sechs Bände umfasste (1970, 1975, 1981, 1987, 1990, 1995). Der zweite Band trug den Untertitel „Aufsätze zur Theorie der Gesellschaft“ und wurde durch den Beitrag „Interaktion, Organisation, Gesellschaft“ eröffnet – ursprünglich ein Vortrag, den Luhmann am 25. Februar 1974 im Süddeutschen Rundfunk gehalten hatte.

Mit dieser Trias beabsichtigte Luhmann eine grundbegriffliche Systematisierung der damaligen Soziologie durch Differenzierung. Indem nicht einfach nur zwischen Individuum (Mikro) und Gesellschaft (Makro) unterschieden wird, sondern jedem dieser beiden Pole ein spezifischer Typus von sozialem System zugeordnet wird – einerseits Interaktion, andererseits Gesellschaft –, hoffte Luhmann, durch diese Variante von Systemdifferenzierung die damals „wichtigsten Schwerpunkte soziologischer Forschung“ einheitlich und vollständig erfasst zu haben. Organisation als dritter eigenständiger Systemtyp bildete sich zwischen Interaktion und Gesellschaft stehend evolutionär erst relativ spät aus, war dann aber zentral institutionalisiert. Freilich verband Luhmann hiermit keinerlei analytische noch empirische Hierarchisierung bzw. Primärstellung eines Systemtyps gegenüber den anderen beiden.

Entscheidend schien ihm damals vor allen Dingen, diese drei Systemtypen nach der Spezifik ihrer Selbstkonstitution zu unterscheiden, also anhand dessen, wie sie sich von der für sie relevanten Umwelt selbst abgrenzen. So kommen Interaktionssysteme durch die wechselseitige (reflexive) Wahrnehmung von Personen und deren Kommunikation untereinander zustande, Organisationssysteme durch (formale) Mitgliedschaft und Gesellschaftssysteme durch kommunikative Erreichbarkeit und Verständlichkeit, was so viel heißt wie: Das verbale wie nonverbale Mitteilungsverhalten – im Prinzip soziales Handeln nach Max Weber – irgendeiner Person wird von Dritten als Ereignis zur Kenntnis genommen. Jeder dieser drei Systemtypen ist dabei für sich autonom – gegebenenfalls auch zu Lasten anderer Systemtypen – und irreduzibel, also nicht auf andere Systemtypen zurückführ- bzw. aus ihnen zusammensetzbar.

Gesellschaft stellt für Luhmann, ganz im Sinne von Aristoteles, „das umfassende Sozialsystem aller kommunikativ füreinander erreichbaren Handlungen“ dar, sodass Interaktions- wie Organisationssysteme a priori immer schon von einem bestimmten Gesellschaftssystem umgeben sind und dadurch überhaupt erst ermöglicht werden. Nichtsdestotrotz bleibe die Autonomie von Interaktions- und Organisationssystemen davon zunächst unberührt (sofern keine massive Intervention von außen betrieben werde). Karl E. Weick hat dies für das Verhältnis von Unterricht und Schule in „Educational Organizations as Loosely Coupled Systems“ (1976) ansatzweise schon einmal thematisiert.1

Was Luhmann anschließend erörterte, war einerseits der Umstand, dass Organisationssysteme als selbständiger Systemtypus erst im Zuge der Ausdifferenzierung der modernen, funktional differenzierten Gesellschaft aufkamen und wie sich das Verhältnis von Interaktions- und Gesellschaftssystemen für vormoderne Gesellschaftsformen einschätzen lässt. Andererseits ging er der Überlegung nach, soziale Evolution werde durch zunehmende Konfliktfähigkeit begünstigt, weil dann wesentlich mehr negiert und ausprobiert werden könne, also eine enorme Zunahme an Variationen und Mutationen möglich sei. Auch eigne sich das Auseinandertreten der drei Systemtypen Interaktion, Organisation und Gesellschaft genau dafür bestens, weil nun ungleich mehr Konflikte auf der Ebene der Interaktions- und Organisationssysteme zugelassen und ausgetragen werden könnten, ohne unverzüglich auch das Gesellschaftssystem als solches zu betreffen und für sein Fortbestehen riskant zu werden. Mit anderen Worten: Derartige Interdependenzunterbrechungen wirken hochgradig evolutionsförderlich.

Abschließend wandte sich Luhmann den „Verschachtelungsverhältnissen zwischen den Systemen“ zu, also der vielschichtigen Frage, wie sich die drei Systemtypen, jedes für sich autonom gedacht, zueinander verhalten. Immerhin umfasst Gesellschaft sämtliche sonstigen Systemtypen, und auch für alle Organisationssysteme gilt: Sie sind auf Interaktionssysteme für den inneren Betriebsablauf zwingend angewiesen. Wie aber gelingt die Koordination autonomer Systemtypen? Wie bindet man etwa Unterricht als Interaktionssystem „in“ eine Schule als Organisationssystem so ein, dass die Vorgaben der Schule im Unterricht Beachtung finden, ohne die Eigenständigkeit des Unterrichts zu untergraben – eingedenk der Möglichkeit, dass wiederum die Eigenständigkeit des Unterrichts die Vorgaben der Schule sogar unterlaufen könnte (was Luhmann damals „Entgleisen“ nannte)? Und dies lässt sich auf alle Systemtypkombinationen übertragen. Luhmann schrieb zwar: „Interaktion, Organisation und Gesellschaft sind strukturell ineinander verschränkt und limitieren sich wechselseitig.“ Sie befinden sich demnach in einer paradoxen Lage: Independenz und Interdependenz zugleich! Wie aber lässt sich die Verzahnung von Typendifferenzierung und Verschachtelungsproblematik systematisch begreifen? Eine vollständige Auflösung dieser Problemstellung lieferte Luhmann damals nicht.

Obgleich die Typendifferenzierung in späteren Beiträgen Luhmanns kaum mehr thematisiert wurde, ausgenommen vielleicht die „Skizze“ auf S. 16 in Soziale Systeme sowie die Mitaufnahme von „Protestbewegungen“ (S. 847 ff.) in Die Gesellschaft der Gesellschaft (nach der Auseinandersetzung mit Gesellschaft, Interaktion und Organisation), hat sie die laufende Forschung doch wiederholt beschäftigt, vorrangig unter dem Gesichtspunkt ihrer Vollständigkeit. Hiermit wird angespielt auf die Beiträge von Helmut Willke, Friedhelm Neidhardt, Hartmann Tyrell und Jan Fuhse, die eine Erweiterung der Typologie um den Systemtypus „Gruppe“ ausprobierten,2 was Luhmann aber nicht weiter berücksichtigte. In den 1990er-Jahren, als es um die Erweiterung durch den Systemtypus „Soziale Bewegung“ ging, sind die Beiträge von Klaus P. Japp und Kai-Uwe Hellmann zu nennen.3 Vor allem in den 2000er-Jahren, als der Systemtypus „Netzwerk“ als Erweiterungsoption in der Diskussion auftauchte, kamen Ansätze von Gunther Teubner, Fuhse und Michael Bommes / Veronika Tacke hinzu.4

2015 veröffentlicht die Zeitschrift für Soziologie nun ein Sonderheft mit dem Titel „Interaktion – Organisation – Gesellschaft revisited. Anwendungen, Erweiterungen, Alternativen“, an dem 21 Autoren und Autorinnen mitgewirkt haben. Enthalten ist auch die posthume Erstveröffentlichung eines als Buchkapitel geplanten Textes von Luhmann aus dem Jahre 1975, der sich ebenfalls mit dieser Typendifferenzierung beschäftigt.

In ihrer Einleitung legen die beiden Herausgeber Bettina Heintz und Hartmann Tyrell dar, welche Schwerpunkte sie bei der Fertigstellung dieses Sammelbandes gesetzt haben. Erstens gibt es Beiträge, die sich mit der soziologiespezifischen Sonderstellung der Interaktionssysteme befassen; zweitens solche, die nach der Vollständigkeit der Systemtypologie fragen; drittens finden sich Beiträge, die um die Verschachtelungsproblematik kreisen; und viertens solche, die mit der evolutionär-historischen Sonderstellung der Organisationssysteme zu tun haben.5

Mit Bezug auf den Eröffnungsbeitrag von 1975 möchte ich meine weitere Aufmerksamkeit unvermittelt der Verschachtelungsproblematik zuwenden, während die anderen von Heintz und Tyrell oben aufgeführten Aspekte aus Platzgründen größtenteils unkommentiert bleiben müssen. Zwar beinhaltet der Band mehrere Beiträge (Kühl, Mahlert, Schlögl) zur Vollständigkeitsfrage, die aber nicht weiterführend beantwortet wird. Im Wesentlichen liefert Stefan Kühl einen systematisch angelegten Überblick der bisherigen Vorschläge, der deutlich mehr Trennschärfe verspricht, indem er vorschlägt, „dass Mitgliedschaft sich nicht nur als Merkmal zur Bestimmung von Organisationen eignet, sondern auch zur Bestimmung von Gruppen, Bewegungen und Familien.“ (68) Die Beiträge von Heintz, Meyer und Schlögl zur Sonderstellung der Interaktions- bzw. Organisationssysteme bleiben ebenfalls außen vor, weil sie sich mit der Trias als Trias, wie im Titel dieses Bandes durch die Verbindungsstriche nahegelegt, allenfalls am Rande befassen.

Bevor es um die einzelnen Beiträge von Greve, Kauppert / Tyrell, Petzke, Scheffer, Schwinn, Vollmer und Weinbach zur Verschachtelungsproblematik geht, ein Wort noch zu Luhmanns posthum veröffentlichtem Text „Ebenen der Systembildung – Ebenendifferenzierung“. Bezüglich dieser Problematik gibt auch Letzterer kaum Hinweise darauf, wie Luhmann sich derartige Intersystemverhältnisse konkret vorstellte. So schreibt er lediglich, Organisationen würden alle in ihnen ablaufenden Interaktionen „modalisieren“; es gebe eine gewisse „Vorwegkoordination“ hinsichtlich dessen, was systemintern noch möglich sei; es werde eine „Garantie“ durch die systemextern schon vorausgesetzte, gleichsam „domestizierte“, geordnete soziale Umwelt gegeben; und es könnten intern gewisse Kontingenzen vorausgesetzt werden. Zugleich heißt es: „Allerdings darf man sich den Gesamtaufbau nicht nach der Art eines Systems chinesischer Kästchen vorstellen oder nach Art einer transitiven Hierarchie mit eindeutiger Zuordnung jedes Teilsystems zu einem und nur einem größeren System.“ (38) Letztendlich bestätigt das nur, was 1975 durch den Eröffnungsbeitrag im zweiten Band von Soziologische Aufklärung schon erkennbar wurde: Offensichtlich ist die Faktizität von Intersystembeziehungen zu konstatieren, also dass eine Verschachtelung von Gesellschafts-, Organisations- und Interaktionssystemen vorkommt; doch es bleibt gänzlich unklar, wie das strukturell, geschweige denn prozessual im Detail funktioniert. Was haben die nun veröffentlichten Beiträge diesbezüglich an neuen Erkenntnissen zu bieten?

Im seinem Aufsatz „Interaktion, Organisation, Gesellschaft. Eine Alternative zu Mikro-Makro?“ befasst sich Thomas Schwinn anfangs durchaus mit der Verschachtelungsproblematik, indem er Luhmanns Unterscheidung aus Funktionen und Folgen formaler Organisation (1964) aufgreift (ohne sie weiter zu spezifizieren), die dem Kapitel „Eigenrecht der Situation“6 entstammt. Durch sie berücksichtigte Luhmann einerseits die formale Rahmung von organisationsspezifischen Interaktionssystemen, ließ andererseits aber auch interaktionsspezifische Eigengewächse gelten, mit denen man immer rechnen muss, unterstellt man die irreduzible Autonomie von Interaktionssystemen. Wie genau diese „Kombination“ im Einzelnen funktioniert, wie das eine aufs andere einwirkt, ohne regelrecht zu intervenieren und damit dessen Autonomie zu gefährden, erfährt man bei Schwinn freilich nicht. Stattdessen hält er sich mit Luhmanns bivalentem Gesellschaftsbegriff auf, der unbestreitbar Probleme bereitet, die aber nicht auf die Trias selbst zurückgeführt werden können: Sie betreffen eine andere Baustelle.

Jens Greve steigt in „Interaktion-Organisation-Gesellschaft: Probleme von Ebenendifferenzierungen aus der Sicht der Theorie rationaler Wahl bei James S. Coleman“ ebenfalls mit der Trias selbst und speziell der Verschachtelungsproblematik ein. Zudem geht er auf einen Beitrag von Georg Kneer aus dem Jahre 2001 hierzu kurz ein und erwähnt die „Maßgabe einer strukturellen Kopplung“ zwischen solchen Systemen – eine Antwortoption, die nach der autopoietischen Wende ja bezüglich von Intersystembeziehungen beinahe inflationär bemüht wurde –, um anschließend aber, wie es der Untertitel ankündigt, auf Colemans Sozialtheorie auszuweichen. Die strukturelle, geschweige denn prozessuale Verknüpfung autonomer Systemtypen, welche dieselbe funktionssystemspezifische Zugehörigkeit aufweisen (beispielsweise Unterricht und Schule), präzisiert er hingegen nicht.

Michael Kauppert und Hartmann Tyrell setzen mit ihrem Beitrag „‚Im umgekehrten Verhältnis‘. Zur Entdeckung der Ebenendifferenzierung in der ‚bürgerlichen Gesellschaft‘“ ebenfalls an der Systemtypologie an. Sie streifen anfangs auch die Verschachtelungsproblematik, um dann aufzuzeigen, in welchem Maße sich Luhmanns Gesellschaftsverständnis auf Aristoteles zurückführen lässt und wie das Auseinandertreten von Interaktion und Gesellschaft sowie das „Dazwischentreten“ von Organisationssystemen in der Neuzeit durch Autoren wie Georg Friedrich Wilhelm Hegel, Bernard Mandeville, Adam Smith und Karl Marx vorbereitet wurde. Dementsprechend wird die Verschachtelungsproblematik nicht selbständig behandelt.

Auch Martin Petzke nähert sich ihr in seinem Text „Religion im Schema von Interaktion, Organisation und Weltgesellschaft. Der Fall des pfingstlich-evangelikalen Christentums“ eher durch die Hintertür. Primär interessiert ihn die Überprüfung einer Annahme Luhmanns aus dem Jahre 1972, wonach eine klare Differenzierbarkeit zwischen Gesellschafts- und Organisationssystem – speziell die Unterscheidung von Leistungs- und Publikumsrollen – im Falle der evangelischen Kirche in Westdeutschland gewisse Schwierigkeiten bereite. Diese Annahme sei nicht generalisierbar, betont Petzke, was er anhand einer Art Sekte in den USA aufzuzeigen sucht. Besonders ergiebig erweist sich dabei das Verschachtelungsverhältnis zwischen Kirche (Organisation) und Gottesdienst (Interaktion). Obgleich nicht weiter beleuchtet wird, wie diese beiden Systemtypen strukturell wie operational genau ineinanderwirken, belegt das Material doch, wie sehr beide Systemtypen aufeinander verweisen und sich wechselseitig stützen. So spricht Petzke vom „Durchschlagen“ der weltgesellschaftlichen Sinnkonstruktion dieser auf globale Verbreitung ausgerichteten Kirche bis auf die Interaktionsebene; ferner sei die Organisationsebene in gewissen „routiniert“ eingesetzten Interaktionselementen bemerkbar; Organisation und Interaktion seien eng verzahnt; es gebe eine operative Kopplung zwischen der Interaktions-, der Organisations- und der Gesellschaftsebene dieser Glaubensrichtung; gemeinschaftliche Gefühle in der Interaktion würden durch organisatorische Programmstrukturen gefördert; oder es liege eine hohe Integration von Interaktion und Organisation vor. Außerdem führt Petzke aus: „Die ‚spontan-enthusiastische‘ Interaktion der Evangelisationsversammlung hat folglich ein organisatorisch hochgerüstetes Substrat. Es handelt sich bei diesem Verhältnis von Interaktion und Organisation nicht einfach um ‚Interaktion in Organisationen‘, wie man es etwa für Fakultätssitzungen, chirurgische Eingriffe oder Verkaufsverhandlungen konstatieren würde. Vielmehr wird hier nahezu der ganze organisatorische Apparat in seiner arbeitsteiligen Struktur und den detaillierten und erprobten Programmvorgaben in den Dienst einer möglichst enthemmten, hochemotionalen Interaktionssituation gestellt.“ Phänomenologisch wird dies am Material gut nachvollziehbar plausibilisiert. Gleichwohl bleibt undiskutiert, wie die „Unwahrscheinlichkeit“, um mit Luhmann zu sprechen, einer solchen „Arbeitsteilung“ tatsächlich gelingt, wie also über das offensichtliche Gelingen der Ko-Operation hinaus die „Übernahme“ gewisser Vorgaben der Organisation erfolgt, ohne die Autonomie der Interaktion zu gefährden. Beide Systemtypen kommen einander nirgends ins Gehege, sind auf wundersame Art und Weise nahezu perfekt aufeinander eingespielt und funktionieren tadellos. Der Faktizität dieses Intersystemverhältnisses ist damit oberflächlich zwar Genüge getan; nur wüsste man vor dem Hintergrund der Systemtheorie gerne, wie die Abstimmung im Detail verläuft.

Erwähnenswert erscheint in diesem Zusammenhang „Die Arbeit an den Positionen – Zur Mikrofundierung von Politik in Abgeordnetenbüros des Deutschen Bundestages“ von Thomas Scheffer, der anhand des Karriereverlaufs gewisser politischer Themen (Positionen) im Sinne der Agenda-Theorie beiläufig erkennbar werden lässt, wie eng Organisation und Interaktion im Alltag politischer Parteien miteinander verzahnt sind, ohne sich freilich genauer der Vermittlung ihrer jeweiligen Komplexität im Einzelnen zu widmen: Es geschieht, und es funktioniert.

Der vorletzte Beitrag „Stress und soziale Differenzierung“ von Hendrik Vollmer setzt wiederum früh mit der Verschachtelungsproblematik ein und bringt ein Phänomen ins Spiel, das schon bei Luhmanns Metapher des „Entgleisens“ manifest wurde: sozialer Stress aufgrund von Kooperationsproblemen zwischen Organisations- und Interaktionssystemen. So spricht Vollmer von der Entkopplung zwischen Organisation und Interaktion, die ein „Downkeying“, eine Fokussierung der Interaktion auf sich selbst, aber auch umgekehrt ein „Upkeying“ auslösen kann, sodass die Interaktion zugunsten der Organisation ins Hintertreffen gerät. Auch hier stellt sich Plausibilität rasch ein, ohne dass ganz klar wird, wie man die Emergenz von sozialem Stress im Detail rekonstruieren könnte: Die Operationalisierbarkeit dieser Beobachtung lässt also noch zu wünschen übrig. So heißt es bei Vollmer: „Soziale Differenzierung verursacht Stress, weil Teilnehmer sozialer Situationen die Koexistenz, Simultaneität und Interdependenz verschiedener Formen sozialer Ordnung aushalten müssen.“ (409) Das zielt beinahe schon auf die psychischen und nicht die sozialen Systeme, worauf es Vollmer primär ankommt. Die Bedingungen der Möglichkeit werden allerdings erkennbar.

Umgekehrt kann man am empirischen Material, das Christine Weinbach in ihrem Beitrag „Verschränkung und Deformation als zwei Seiten einer Medaille: Zur Funktion und Schicksal der ‚Eingliederungsvereinbarung‘ in der Jobcenter-Interaktion“ ausbreitet, ansatzweise schon erkennen, wie es schrittweise zur Eskalation behördlich gerahmter Interaktionssysteme kommt, wenn die Klientel gewisse Zuschreibungen, wie sie solchen Vereinbarungen gesetzlich und organisatorisch eingeschrieben sind, nicht proaktiv aufgreifen, verinnerlichen und unterstützen. Gleichwohl bleibt das eigentliche Problem noch verdeckt: Wie genau ko-operieren Organisations- und Interaktionssysteme in solchen Fällen? Wie kann der organisatorische Anteil vom interaktiven getrennt werden? Wieviel wovon lässt sich im Material jeweils separieren und identifizieren? Eine solche Mikroanalyse, wie sie das operationstheoretische Selbstverständnis der Systemtheorie ja durchaus nahelegt, liegt auch hiermit noch nicht vor. Aber ein Weg ist vorgezeichnet, obschon grundlegende Fragen ungeklärt bleiben. Das Verschachtelungsrätsel harrt seiner Auflösung.

Abschließend ist festzuhalten, daß die Wiederbefassung mit der eher vorübergehend virulenten Unterscheidung von Interaktion, Organisation und Gesellschaft ein sehr verdienstvolles Unterfangen darstellt, weil sich damit nicht nur für die soziologische Systemtheorie einige sehr zentrale Herausforderungen verbinden. Dies gilt zweifelsohne für die Systematisierung und Koordination von Mikro- und Makroebene, die wenigstens für Luhmann im Mittelpunkt dieser Debatte stand, soweit es die Trias in Gänze betrifft.

Fußnoten

1 Vgl. Karl E. Weick, Educational Organizations as Loosely Coupled Systems, in: Administrative Science Quarterly 21 (1976), 1, S. 1–19.

2 Vgl. Helmut Willke, Elemente einer Systemtheorie der Gruppe: Umweltbezug und Prozeßsteuerung, in: Soziale Welt 29 (1978), S. 343–357; Friedhelm Neidhardt, Das innere System sozialer Gruppen, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 31 (1979), S. 639–660; Hartmann Tyrell, Zwischen Interaktion und Organisation I. Gruppe als Systemtyp, in: Friedhelm Neidhardt (Hrsg.), Gruppensoziologie. Perspektiven und Materialen. Sonderheft 25 der KZfSS (1983), S. 75–87; Hartmann Tyrell, Zwischen Interaktion und Organisation II. Die Familie als Gruppe, in: Friedhelm Neidhardt (Hrsg.), Gruppensoziologie. Perspektiven und Materialen. Sonderheft 25 der KZfSS (1983), S. 362–390; Jan Fuhse, "Unser "wir" – ein systemtheoretisches Modell von Gruppenidentitäten". Schriftenreihe des Instituts für Sozialwissenschaften der Universität, Stuttgart 2001.

3 Vgl. Klaus P. Japp, Neue soziale Bewegungen und die Kontinuität der Moderne, in: Johannes Berger (Hrsg.), Die Moderne. Kontinuitäten und Zäsuren. Soziale Welt, Sonderband 4 (1986), S. 311–333; Klaus P. Japp, Kollektive Akteure als soziale Systeme?, in: H.-J. Unverferth (Hrsg.), System und Selbstproduktion. Frankfurt am Main / Basel 1986, S. 166–191; Kai-Uwe Hellmann, Systemtheorie und neue soziale Bewegungen. Identitätsprobleme in der Risikogesellschaft, Opladen 1996.

4 Vgl. Gunther Teubner, Die vielköpfige Hydra: Netzwerke als kollektive Akteure höherer Ordnung, in: Wolfgang Krohn / Günter Küppers (Hrsg.), Emergenz: Die Entstehung von Ordnung, Organisation und Bedeutung. Frankfurt am Main 1992, S. 189–216; Jan Fuhse, Gruppe und Netzwerk – eine begriffsgeschichtliche Rekonstruktion, in: Berliner Journal für Soziologie 16 (2006), 2, S. 245–263; Jan Fuhse, Verbindungen und Grenzen: Der Netzwerkbegriff in der Systemtheorie, in: Johannes Weyer (Hrsg.), Soziale Netzwerke, München 2011, S. 301–324; Michael Bommes / Veronika Tacke (Hrsg.), Netzwerke in der funktional differenzierten Gesellschaft, Wiesbaden 2011.

5 Bezüglich des letzten Punktes handelt es sich um die Beiträge von Greve, Kauppert / Tyrell und Schwinn.

6 Vgl. Niklas Luhmann, Funktionen und Folgen formaler Organisation, Berlin 1999, S. 295 ff.

 

 

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Weißmann.