Jenseits von Industrie 4.0

Einfacharbeit in der Industrie

Die Frage nach der Entwicklung industrieller Einfacharbeit greift den Sachverhalt auf, aus dessen Analyse die Industriesoziologie hervorgegangen ist. Im Hintergrund war natürlich das Marx‘sche Motiv einer Proletarisierung der Industriearbeiter wirksam, die ihre Ausbeutung überwinden, revolutionäre Energien freisetzen und damit den Weg in die freie Gesellschaft bahnen sollten. Doch hatte es Anfang der 1980er-Jahre zumindest kurzzeitig den Anschein, als könne Einfacharbeit, dieses Relikt der frühindustriellen Moderne, endlich ad acta gelegt werden. Horst Kern und Michael Schumann formulierten 1984 in ihrem mittlerweile zum Kanon der Industriesoziologie gehörenden Buch Das Ende der Arbeitsteilung1 die Vermutung, die Einfacharbeit werde aufgrund technischer Automatisierungsprozesse nach und nach aus der Produktion verschwinden. Statt menschliche Arbeit zu entwerten, so lautete die als „Aufwertungsthese“ in der Industriesoziologie bekannt gewordene Behauptung, hätten die Kräfte des technischen Wandels im Produktionssystem neue, anspruchsvolle und relativ autonome Tätigkeiten entstehen lassen.

Einzelne Studien belegten freilich schon in den 1990er-Jahren, dass sich mit der Aufwertung der Industriearbeit keineswegs alle einfachen Tätigkeiten aus der Produktion getilgt fänden.2 Horst Kern hat später selbst angemerkt, aufgrund der Euphorie über die neue Ausrichtung der Industriearbeit hätten die zeitgleich stattgefundenen Beschäftigungsverluste zu wenig Beachtung gefunden.3 Tatsächlich begleitet uns die Frage nach der Verdrängung einfacher industrieller Tätigkeiten durch innovative Technologien bis in die Gegenwart. Auch heute steht sie wieder an prominenter Stelle auf der industriesoziologischen Agenda. Unter dem Stichwort „Industrie 4.0“ wird derzeit öffentlichkeitswirksam diskutiert, welche Risiken und Chancen die Implementierung digital gestützter Automatisierungsprozesse für unterschiedliche Tätigkeitsfeldern und Berufsgruppen mit sich führt.

Vor diesem Hintergrund verdient die Studie Einfacharbeit in der Industrie besonderes Interesse, setzt sie das lange Gedächtnis der Industriesoziologie doch systematisch mit der neuen Automatisierungsfrage in Verbindung. Sie zeigt, dass sich innerhalb des industriellen Sektors, und zwar in Branchen wie der Ernährungsindustrie, der Metallbearbeitung oder der Gummi- und Kunststoffindustrie, ein sektorales Produktionsmodell etabliert hat, dessen tragende Säule geringqualifizierte Routinetätigkeiten sind. Die Einfacharbeit ist, kurz gesagt, auch heute keineswegs aus dem industriellen Sektor der Bundesrepublik verschwunden.

Doch der Reihe nach: Der Studie geht es darum, Strukturen wie Verbreitung einfacher Industriearbeit zu vermessen und ihre Zukunftsperspektiven auszuloten. Sowohl Sekundärdatenanalysen als auch Fallstudien sollen das Feld industrieller Einfacharbeit erschließen, die von den Autoren definiert wird als „Tätigkeit, die im Gegensatz zur qualifizierten Facharbeit keine einschlägige Berufsausbildung verlangt und nach kurzen Qualifizierungs- und Einarbeitungsprozessen ausgeführt werden kann. Die Einfacharbeiten sind in der Regel arbeitsplatz- bzw. arbeitsbereichsbezogen; übergeordnetes Wissen oder Hintergrundwissen spielen keine oder eine untergeordnete Rolle. In der funktionalen Komplexität und der Handlungsautonomie der Einfacharbeiter bestehen Spielräume ‚nach oben‘, wenngleich sich diese auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau befinden.“ (15)

Mit ihrer detaillierten empirischen Analyse industrieller Routinetätigkeiten, deren Grundlage eine Untersuchung des konkreten Arbeitsprozesses bildet, knüpfen die Autoren an die lange Tradition industriesoziologischer Shopfloor-Analysen in der Bundesrepublik an. Der Leser kann sich dadurch bestens mit den Abläufen arbeitsteiliger Produktion vertraut machen, deren integraler Bestandteil nach wie vor menschliche Einfacharbeit ist. Dank ihrer beeindruckenden empirischen Tiefenschärfe kann die Studie die hochfliegende Verve allzu selektiver Thesen zur Entwicklung moderner Arbeitsgesellschaften entzaubern. Der häufig etwas vollmundigen Rede von einer gänzlich dienstleistungsgeprägten Wissensgesellschaft stellen die Autoren schlagende Belege für die Fortexistenz personalintensiver industrieller Produktionsmodelle entgegen. Trotz massiver Aufwertungsprozesse in der Industrie und gestiegener Qualifikationsniveaus im gesamten Arbeitsmarkt täte die Arbeitssoziologie nach Einschätzung der Autoren gut daran, sich nicht nur den Subjektivierungsleiden hochqualifizierter Arbeitnehmer zu widmen. In einer kritischen Auseinandersetzung mit aktuellen Arbeitsmarkttheorien wird zugleich in Zweifel gezogen, dass das industrielle Produktionsmodell der Bundesrepublik als „diversifizierte Qualitätsproduktion“4 in einer „koordinierten Marktwirtschaft“5 annähernd erschöpfend beschrieben sei.

Womit wir bei der Diagnose eines sektoralen Produktionsmodells angekommen sind, das die Autoren als „einfacharbeitszentrierte, flexible Standardproduktion“ kennzeichnen. (188) Hier wird der Nachweis geführt, dass Einfacharbeit auch in der Gegenwart das Fundament eines bestimmten industriellen Segments bleibt. Produktionsmodelle werden zu diesem Zweck definiert als: „erstens ein Set typischer betrieblicher Strategien im Bereich des Arbeitskräfteeinsatzes, der Technologieverwendung und der Absatzpolitik, die von Unternehmen verfolgt werden; zweitens ein Aggregat strukturähnlicher Unternehmen, die mit vorherrschenden Koordinationsmodi untereinander und mit weiteren nicht-ökonomischen Akteuren verknüpft sind; drittens spezifische Einbettungsmechanismen der jeweiligen wirtschaftlichen Aktivitäten in relevante sozio-ökonomische Strukturen und institutionelle Arrangements.“ (189)

Die von den Autoren zusammengetragene Empirie veranschaulicht diese recht abstrakte Zusammenstellung von Kriterien auf beeindruckende Weise: Die Autoren argumentieren, dass es sich bei dem von ihnen beobachteten sektoralen Produktionsmodell keineswegs nur um ein „nachgeordnetes und oft fungibles Element des hegemonialen Produktionsmodells“ diversifizierter Qualitätsproduktion in Autoindustrie, Maschinenbau und chemischer Industrie handle, also dessen, was üblicherweise als Herzstück der deutschen Wirtschaft gilt. Diversifizierte Qualitätsproduktion ist aus ihrer Sicht gekennzeichnet durch die Herstellung forschungs- und technologieintensiver Produkte, durch großbetriebliche Kernbelegschaften und qualifizierte Facharbeit, betriebsinterne Arbeitsmärkte und Qualifizierungsmöglichkeiten sowie durch die Nutzung von Weltmarktnischen und das Interesse an dauerhaften Kundenbeziehungen. (12)

Dagegen basiere das sektorale Produktionsmodell flexibler Standardfertigung nach wie vor auf einem tayloristischen Ansatz der Arbeitskraftnutzung, wobei in der Untersuchung zwischen klassisch-tayloristischen und flexibel-tayloristischen Arbeitsprozessen unterschieden wird. Gerade letztere sind bemerkenswert, weil sie auf das Spezialisierungsmodell der betreffenden Unternehmen verweisen: Diese sind nämlich darauf ausgerichtet, ihre Produktion schnell und flexibel an kurzfristige Marktentwicklungen anzupassen. Automatisierungsprozessen sind in solchen Betrieben (noch) Grenzen gesetzt, weil menschliche Arbeitskraft ob ihre Flexibilität deutliche Vorteile mit sich bringt: In einer Fabrik, in der heute Hackfleisch in unterschiedlichen Portionierungen übers Band läuft, morgen aber ganze Truthähne verpackt werden müssen, ist der Mensch noch immer am besten dazu in der Lage, den wechselnden Anforderungen gerecht zu werden – was natürlich nicht bedeutet, dass diese Tätigkeiten besonders komplex wären. Jedenfalls erweist sich der Mensch solange als jeder Maschine überlegen, wie der Einsatz seiner Arbeitskraft so billig ausfällt, dass sich Investitionen in flexibel-automatisierte Produktionssysteme im Vergleich dazu mittelfristig nicht auszahlen.

Durch mittlere Fristen – und nicht durch weit in die Zukunft reichende Strategien – werden die vorherrschenden Planungshorizonte im Produktionsmodell flexibler Standardfertigung markiert, weil die Marktveränderungen, an denen sich die Unternehmen typischerweise orientieren, eben nicht langfristig berechenbar sind. Zudem haben wir es mit einem Segment kleiner und mittlerer Betriebe zu tun, die kaum nennenswerte Forschungs- und Entwicklungsabteilungen unterhalten, die technische Innovationen im Arbeitsprozess anstoßen könnten. Da die Abläufe ebenso wie die Ausrüstung über lange Jahre nicht auf dem neuesten Stand gehalten wurden, hat sich in solchen Fabriken eine Lowtech-Struktur etabliert. Die Produktionsanlagen sind in Teilen derart veraltet, dass eine durchgreifende technische Modernisierung allein dank radikaler Runderneuerung zu bewerkstelligen wäre. Die dazu notwendigen Investitionen würden folglich kostspielig ausfallen, weshalb sie die vorhandenen Kapitalressourcen dieser Betriebe deutlich überforderten. Wenn überhaupt werden Teilautomatisierungen einzelner Arbeitsschritte veranlasst, die zwar bestimmte Einfacharbeitsplätze vernichten, an den Schnittstellen zu anderen Fertigungsabläufen jedoch neue Einfacharbeitsplätze entstehen lassen. (191) Selbst für eine Verlagerung der Produktion ins Ausland fehlen solchen Betrieben in der Regel die nötige Logistik sowie angemessene Informationsressourcen. (194) Folglich bleibt das Volumen an Beschäftigung in den betreffenden Branchen erstaunlich stabil.

Die Beschäftigtenstruktur in diesen Betrieben ist in der Regel klassisch dichotomisch aufgeteilt: Das technologiebezogene Wissen ist „in der Hand einer kleinen Gruppe von Managern und technischen Experten, während der wenig qualifizierten Produktionsbelegschaft lediglich rein ausführende Aufgaben obliegen.“ (195) Der Umstand, dass es sich bei den Beschäftigten häufig um Arbeitnehmer handelt, die unterhalb ihres Qualifizierungsniveaus tätig sind, erhöht noch die Anpassungsfähigkeit der Mitarbeiter an kurzfristige Veränderungen im Produktionsablauf.

Im Schatten der exportorientierten Hochproduktivitätsökonomie, so lassen sich die Befunde von Jörg Abel, Hartmut Hirsch-Kreinsen und Peter Ittermann zusammenfassen, hat sich ein Segment flexibler industrieller Einfacharbeit nicht nur erhalten, sondern stabilisiert. Im Kontext der neuen Automatisierungsdebatte geben die Autoren von Einfacharbeit in der Industrie daher zu bedenken, dass womöglich gerade jene Bereiche des industriellen Sektors, in denen menschliche Einfacharbeit dominiert, nur geringen Automatisierungsgefahren ausgesetzt sind, weil das in ihnen vorherrschende Produktionsmodell eher technikavers und innovationsfeindlich ist.

Solche Erkenntnisse verdanken sich einer Rückkehr zum methodischen Programm der klassischen Industriesoziologie, die sich explizit als Gesellschaftsdiagnose verstand. Ihr ging es bei der Analyse technischen Wandels im Produktionsprozess nicht zuletzt darum, die Entwicklung sozialer Ungleichheit in der Arbeitswelt zu verstehen. Die Antwort auf die Frage, wer in den Betrieben Karriere machte, abstieg oder gar überflüssig wurde, verbarg sich in den Dynamiken technischer Rationalisierung. Im Vokabular der klassischen Industriesoziologie könnte man der Studie Einfacharbeit in der Industrie wohl eine ‚Stabilisierungsthese‘ entnehmen, die dann aus gesellschaftsdiagnostischer Sicht als Hinweis auf die Reproduktion sozialer Ungleichheit am Arbeitsmarkt zu verstehen wäre. Dass die Autoren der Studie zurückhaltender argumentieren, mag mit dem Umstand zusammenhängen, dass selbst sie nicht mehr ernsthaft die These vertreten, der industrielle Arbeitsprozess sei der einzige und daher entscheidende Ausgangspunkt der Entwicklung einfacher Beschäftigungsformen. Einfacharbeit ist heute eben auch – und womöglich überwiegend – ein Charakteristikum des Dienstleistungssektors, der ganz eigenen Rationalisierungs- und Herrschaftsmechanismen unterliegt.6 Es ist das Verdienst von Einfacharbeit in der Industrie, angesichts der aktuellen Debatte um Ausbeutung am Arbeitsmarkt in Erinnerung zu rufen, dass keineswegs verschwunden ist, was schon immer da war. Sollte eine Theorie der Einfacharbeit als Signum sozialer Ungleichheit in der Gegenwart daraus hervorgehen, wäre sie freilich auf vergleichende Analysen industrieller und tertiärer Einfacharbeit angewiesen.

Jenseits ihres Potenzials, eine solche komparative Weitung des Horizonts anzuregen, ist die Studie Einfacharbeit in der Industrie vor allem eine Mahnung, ein Bewusstsein für Ambiguität zu entwickeln. Insbesondere schärft die Lektüre das Verständnis für die Paradoxien und Diskontinuitäten sozialer Prozesse: Gerade Standardisierung kann paradoxerweise Flexibilität ermöglichen. Selbst vollkommen überholte Arbeitsprozesse können in der Gegenwart reüssieren, weil sie aus der Not der Anpassungszwänge eine Tugend machen und aus dieser Tugend schließlich wieder institutionelle Strukturierungen entstehen. Totgesagte leben länger. Man darf gespannt sein, welches Kapitel der Entwicklung industrieller Einfacharbeit nach Proletarisierung, Polarisierung, Aufwertung und nun Stabilisierung als nächstes aufgeschlagen wird.

Fußnoten

1 Horst Kern / Michael Schumann, Das Ende der Arbeitsteilung. Rationalisierung in der industriellen Produktion: Bestandsaufnahme, Trendbestimmung, München 1984.

2 Beispielsweise Constanze Kurz, Repetitivarbeit – unbewältigt. Betriebliche und gesellschaftliche Entwicklungsperspektiven eines beharrlichen Arbeitstyps, Berlin 1999.

3 Horst Kern, Proletarisierung, Polarisierung oder Aufwertung der Erwerbsarbeit? Der Blick der deutschen Industriesoziologie seit 1970 auf den Wandel der Arbeitsstrukturen, in: Jürgen Friedrichs / M. Rainer Lepsius / Karl Ulrich Mayer (Hrsg.), Die Diagnosefähigkeit der Soziologie. Sonderheft der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 38 (1998).

4 Wolfgang Streeck, Neue Formen der Arbeitsorganisation im internationalen Vergleich. in: Wirtschaft und Gesellschaft. Zeitschrift der Arbeiterkammer Wien 13 (1987), 3, S. 317–335.

5 Peter A. Hall / David Soskice, An Introduction to Varieties of Capitalism, in: Dies. (Hrsg.), Varieties of Capitalism, New York 2001, S. 1–71.

6 Philipp Staab, Macht und Herrschaft in der Servicewelt, Hamburg 2014.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.