Jesus, Shiva, Mohammed und viele mehr

Gunnar Folke Schuppert denkt über den Umgang mit Superdiversity nach

Zwei Entwicklungen haben innerhalb der soziologischen Debatten zu Migration und Integration während der letzten zwei Jahrzehnte besondere Bedeutung erlangt: Zum einen ist der normative Leitbegriff des „Multikulturalismus“ zunehmend vom Begriff der „Vielfalt“ beziehungsweise „diversity“ abgelöst worden. Diese Verschiebung erfolgte vor allem aufgrund des Unbehagens mit den mit dem Begriff des „Multikulturalismus“ vermeintlich verknüpften Verkürzungen von Differenzfragen auf Kultur und der Auffassung, dass der Begriff „diversity“ die Multiplizität gesellschaftlich folgenreicher Differenzachsen besser auf den Punkt bringt. Zum anderen hat innerhalb eines breit verstandenen Begriffs von „kultureller Vielfalt“ die Rolle der Religion eine spektakuläre Aufwertung erfahren. Religiöse Glaubensauffassungen, Symbole, Praktiken und Identitäten sind zum geradezu paradigmatischen Testfall für in immer kürzer werdenden Zyklen wiederkehrende, aufgeheizte und zunehmend auch verrechtlichte Auseinandersetzungen um nationale Identität, gesellschaftlichen Zusammenhalt, den Schutz von Freiheitsrechten und die Diskriminierung von Minderheiten geworden. Zur Diskussion und Disposition steht damit aber ebenfalls, inwieweit Säkularität eine der Voraussetzungen und Säulen des öffentlichen Lebens in liberalen Demokratien ist und wie genau sie verstanden und ausgestaltet werden soll.

Der Titel von Schupperts Buch bringt diese Tendenzen und Konfliktlinien auf den Punkt und es ergibt durchaus Sinn, dass er die Begriffe „governance“ und „diversity“ im Englischen belässt, da beides auch hierzulande zunehmend relevante Stichworte zur Bezeichnung einer globalen Problemlage sind. Das Ziel der von Schuppert in diesem Buch zusammengetragenen Beobachtungen, Überlegungen und Ideen ist es, institutionelle Strategien des Umgangs mit kultureller Vielfalt in säkularen Gesellschaften aufzuzeigen und normativ zu bewerten. Vorwegzuschicken ist, dass das Buch nicht auf eigenen empirischen Untersuchungen, sondern auf der systematischen Auswertung gesammelter Forschungsergebnisse beruht. Dabei geht Schuppert zunächst davon aus, dass kulturelle Pluralität nicht allein durch Migration entsteht, also gewissermaßen importiert wird, sondern dass moderne europäische Gesellschaften durch einen, seit 1945 noch einmal verstärkt beschleunigten Prozess der kulturellen Ausdifferenzierung gekennzeichnet sind. Dieser Prozess führte zur Formierung gesellschaftlicher Großgruppen beziehungsweise Milieus, die durch jeweils unterschiedliche Werthaltungen, moralische Ansichten und ästhetische Praktiken gekennzeichnet sind.

Das schließt an zentraler Stelle auch Ausdifferenzierungen im religiösen Feld mit ein und damit die Produktion einer Reihe unterschiedlicher religiöser Dispositionen, also unterschiedliche religiöse Überzeugungen, Praktiken und Identitäten, die häufig wiederum auch bestimmte politische Überzeugungen und Orientierungen nach sich ziehen. In der religionssoziologischen Literatur sind diese Prozesse in erster Linie unter den Stichworten „Säkularisierung“, „neue religiöse Bewegungen“ und „Spiritualitäten“ verhandelt worden.[1] Damit ist klar, dass migrationsbedingte religiöse Vielfalt auf ein bereits existierendes Feld religiöser Unterschiede trifft und sich gewissermaßen darüberlegt, wodurch ein soziales Muster entsteht, dass man in Anlehnung an einen Begriff von Steven Vertovec als religiöse „Superdiversität“ (super-diversity) bezeichnen kann.[2] Verschiedene, historisch gewachsene Formen und Muster religiöser Unterschiede treffen nun aufeinander und interagieren miteinander in einem komplexen Geflecht wechselseitiger Bezugnahmen. Gleichzeitig entsteht durch Säkularisierungsprozesse, wie Schuppert mit vollem Recht anmerkt, ein Feld der Nichtreligion, das ebenfalls durch verschiedene Positionen und Interessen gekennzeichnet ist. Schupperts Verdienst besteht darin, verschiedene disparate und gleichwohl durchweg relevante Diskursstränge und Forschungsliteraturen miteinander verbunden zu haben, die in der Standardliteratur der Migrationsforschung häufig nicht einmal zur Kenntnis genommen werden. So wird etwa in Studien zu migrationsbedingter religiöser Vielfalt weder die soziologische Forschung zu Säkularisierung noch diejenige zu kulturellen Milieus rezipiert. Milieustudien wiederum haben lange Zeit die Rolle von Religion für MigrantInnengruppen nur ungenügend gewürdigt. Für eine adäquate Analyse der rechtssoziologischen Implikationen kultureller Vielfalt sind diese Aspekte jedoch gerade in ihrer Gesamtheit von Bedeutung, wie Schuppert deutlich zeigt.

Allerdings interessiert sich Schuppert nicht für kulturelle Vielfalt an sich, sondern für die Tatsache, dass sich aus ihr soziale Steuerungsprobleme ergeben, die auch Folgen für die Rechtsordnung der Gesellschaft haben. Aus einer an rechtssoziologischen Fragen orientierten Perspektive diskutiert Schuppert spezifische Aspekte der Sozialform von Religion, insbesondere den Doppelcharakter von Religion als Individual- und Kollektivphänomen. Religionen sind, so der Autor, in der überwältigenden Mehrzahl ihrer historischen Varianten – ob als Kirchen, Moscheevereine oder Tempelreligionen – durch eine starke kollektive Dimension und Organisationsförmigkeit gekennzeichnet und tendieren deshalb zur Ausprägung einer wirksamen Präsenz in der Sphäre der Öffentlichkeit. Aus diesem Grunde wendet sich Schuppert gegen eine individualrechtliche Verengung religionsrechtlicher Fragen und plädiert für eine mehrdimensionale Fassung von Religionsfreiheit als Grundrecht. Das führt Schuppert letztlich zu einer Konzeption von Umgangsstrategien mit kultureller und religiöser Vielfalt, die um die beiden Kernbegriffe der „Koexistenzordnung“ und der „Anerkennungsordnung“ gebaut ist. Zentral ist dabei, dass diese Ordnungen nicht gesetzt, sondern ausgehandelt werden und damit ihre Legitimität auch aus ihren institutionellen und prozeduralen Verfahren begründen. Vier Arenen der Aushandlung hält Schuppert für zentral: (1) die genuin politische Aushandlungsarena – Gesetzgebung und Staatsverträge, (2) Gerichte als Arenen religiöser Anerkennungskämpfe, (3) die Zivilgesellschaft sowie (4) den öffentlichen Raum.

Schuppert gelingt es in seinem gut lesbaren, herausragend recherchierten und ausgewogen argumentierenden Buch, eines der zentralen Konfliktthemen der europäischen Gegenwartsgesellschaften auf den Punkt zu bringen. Er tut das aus einer an Governance-Fragen orientierten Perspektive, die aber gleichwohl um die rechtliche Relevanz kultursoziologischer Forschung und der in ihr abgebildeten gesellschaftlichen Veränderungsprozesse weiß und diese in ihre Überlegungen einbezieht. Zwei Aspekte sind jedoch zu erwähnen, um die der von Schuppert entwickelte Ansatz zur Analyse von Strategien des Umgangs mit religiöser Vielfalt ergänzt werden sollte.

Erstens ergeben sich aus der Herausbildung immer größer werdender Bevölkerungsgruppen, die nur noch geringe oder keinerlei innere oder institutionelle Bindungen an Religion aufweisen beziehungsweise religiös indifferent sind, rechtssoziologische Fragen, die einer eingehenderen Diskussion bedürfen. Eine Reihe von Studien belegt, dass in den meisten europäischen Ländern die Anerkennungskämpfe religiöser Minderheiten und institutionelle Wandlungsprozesse zu einer Stärkung religiöser Vielfalt und religionsbezogener Rechte in den öffentlichen Institutionen von Staat und Zivilgesellschaft geführt haben. Beispiele hierfür sind etwa die religiöse Seelsorge im Militär oder die religiöse Betreuung im Gesundheitssektor. Ebenso kann es individualrechtlich und aus Organisationsimperativen, wie etwa dem Rehabilitationszweck, geboten sein, Gefängnisinsassen durch die Einrichtung entsprechender Zeitslots das Ausüben ihrer Religion zu ermöglichen – auch, wenn das aus der Perspektive von Nichtreligiösen als Privilegierung erscheinen kann. Was bedeutet es nun aber, wenn in einer Gesellschaft für eine sehr große Gruppe von Menschen Religion keinerlei lebenspraktische Relevanz mehr besitzt, so dass auch Vertretungsansprüche, wie sie etwa von humanistischen Verbänden erhoben werden, ins Leere laufen, gleichzeitig aber eine an religiöse Kriterien gebundene und durch den Diskurs zu religiöser Vielfalt stetig prominenter werdende Repräsentationslogik immer folgenreicher wird? Religiös Indifferente entziehen sich dieser Repräsentationslogik in dem Maße, in dem weder Religion noch Nichtreligion anschlussfähige Identitätsoptionen darstellen. Und je mehr Religion zum Gravitationszentrum der von Schuppert beschriebenen assoziativen Koexistenz- und Anerkennungsordnung wird, umso mehr werden religiös Indifferente systematisch an den Rand gedrängt. Das betrifft nicht nur postchristliche religiös Indifferente, sondern ebenso die sogenannten „minorities within minorities“.

Zweitens scheint es mir bedeutsam, dass „diversity“ nicht nur einen gesellschaftlichen Tatbestand bezeichnet, der von vielen beteiligten Akteuren als regulierungsbedürftig angesehen wird. „Diversity“ ist selbst zu einer zentralen Strategie des Regierens von Bevölkerungen mutiert. „Diversity“ wird gefordert, gefördert und hergestellt und ist damit selbst ein – ganz sicher in der Zwischenzeit von populistischer Seite massiv bekämpfter und absichtlich verzerrter – Leitbegriff von Verwaltungspraktiken und politischem Handeln geworden. Insofern würde ich dafür plädieren, den deskriptiven Begriff der „Vielfalt“, der sich auf die beobachteten Gruppen und deren dynamische Veränderungen bezieht, um einen analytischen Begriff der „Vielfalt“ zu ergänzen. Ein solcher analytischer Begriff von „Vielfalt“ bezieht sich in erster Linie auf Praktiken der Anwendung von „diversity“ als Beobachtungsschema, mit dem Gesellschaften und Bevölkerungen lesbar gemacht, verwaltet und geordnet werden. Theoretisch lässt sich der Begriff von „diversity“ als Praxis des Ordnens einerseits ethnomethodologisch fassen als „doing diversity“, das heißt als Praxis des Herstellens von Vielfalt und damit als Vollzugswirklichkeit. Andererseits kann der Begriff mit Mitteln der Foucault‘schen Analytik der Gouvernementalität weiterentwickelt werden und damit als Kernelement einer Konzeption von Praktiken der Machtausübung verstanden werden, die auf Formen des Adressierens und Kategorisierens unter Rückgriff auf moderne Identitätskategorien wie Religion basieren.

Fußnoten

[1] Vgl. unter anderem Klaus Eder, Europäische Säkularisierung – ein Sonderweg in die postsäkulare Gesellschaft? Eine theoretische Anmerkung, in: Berliner Journal für Soziologie 12 (2002), 3, S. 331–343; Eileen Barker, Neue religiöse Bewegungen. Religiöser Pluralismus in der westlichen Welt, in: Jörn Bergmann (Hg.), Religion und Kultur, Opladen 1993, S. 231–248 (= Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 33); Hubert Knoblauch, Populäre Religion: auf dem Weg in eine spirituelle Gesellschaft, Frankfurt am Main & New York 2009.

[2] Marian Burchardt / Irene Becci, Religion and Superdiversity. An Introduction, in: New Diversities 18 (2016), 1, S. 1–7.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz und Kira Meyer.