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Rezension zu "Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben – Und andere Argumente für ökonomische Unabhängigkeit" von Kristen R. Ghodsee

Kristen Ghodsee, Anthropologin und Professorin für Russische und Osteuropäische Studien an der University of Pennsylvania, interveniert mit diesem 2018 im Original erschienenen Buch in ein anhaltende (sozial)politische Debatte: Wie viele der Fortschritte der Frauenbefreiung sind nach der sogenannten „Wende“ der postsozialistischen Transformation verlorengegangen oder umgekehrt worden? Im Buch erweitert und differenziert die Autorin ihre These, mit der sie bereits in einem kurzen Beitrag für die New York Times ein starkes Echo ausgelöst hatte. Darin hieß es unter anderem: „Some might remember that Eastern bloc women enjoyed many rights and privileges unknown in liberal democracies at the time, including major state investments in their education and training, their full incorporation into the labor force, generous maternity leave allowances and guaranteed free child care. But there’s one advantage that has received little attention: Women under Communism enjoyed more sexual pleasure“. Oder wie eine ältere bulgarische Gesprächspartnerin zitiert wird, die ihre Tochter alleine großgezogen hatte: „When I was her age, we had much more fun.”[1]

Ghodsees erklärtes Ziel dabei ist es, eine Auseinandersetzung über die Vergangenheit zu führen, um in Zukunft Fehler zu vermeiden und das positive Erbe des real existierenden Sozialismus – etwa im Bereich der Frauenrechte – zu bewahren. Damit ist ihr Buch ebenso politikorientiert wie analytisch. Die Stoßrichtung des Buches wird zu Beginn klar aufgezeigt: „Unregulierter Kapitalismus ist schlecht für Frauen, und wenn wir einige sozialistische Ideen aufgreifen, haben Frauen ein besseres Leben. Richtig umgesetzt, führt Sozialismus zu wirtschaftlicher Unabhängigkeit, besseren Arbeitsbedingungen, einer ausgewogeneren Balance zwischen Arbeit und Familie und, genau, sogar zu besserem Sex“ (S. 31).

Die Autorin entwickelt ihre Argumentation in je eigenen Kapiteln, die sich den Themen Arbeit, Mutterschaft, Karriere, Sexualität und (politische) Staatsbürgerschaft sowie den Aussichten auf die Überwindung des Kapitalismus widmen. Dabei bedient sie sich eines essayistischen Stils und verbindet politische Begründungen, wissenschaftliche Studien und eindrucksvolle biografische Schilderungen aus ihrem persönlichen Umfeld. Den Eindruck, dass das Buch aus einer US-amerikanischen Perspektive geschrieben ist und sich vor allem an ein US-amerikanisches Publikum wendet, wird man dabei dennoch nicht los.

Im ersten Kapitel zum Thema Arbeit rekapituliert Ghodsee die Situation von Hausfrauen und erwerbstätigen Müttern im Kapitalismus. Sie präsentiert wohlbekannte Daten und Fakten etwa zur Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt, zum Wert der Arbeit und zur Verbindung von Sexismus mit Rassismus, die gleichwohl unter die Haut gehen – so etwa das Schicksal ihrer Freundin Lisa, die bei der Geburt des ersten Kindes aufhörte zu arbeiten und seitdem von ihrem Ehemann finanziell wie sexuell kontrolliert und gemaßregelt wird (S. 61–65). Diesen Schilderungen stellt Ghodsee die objektiv verbesserte Lage von Frauen im Staatssozialismus in Osteuropa im Vergleich zur Vorkriegszeit gegenüber – etwa in Bezug auf Bildung, Einkommen und Gesundheit.

Gerade im zweiten Kapitel zur Mutterschaft wird die starke Fokussierung auf die USA ersichtlich. Ghodsee greift darin die Probleme zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Gesellschaften ohne Elternzeit und Anrecht auf bezahlten Urlaub auf. Diese führen schließlich zur Diskriminierung von Frauen im gebärfähigen Alter und zur Konstruktion von Stereotypen, etwa von Müttern als unzuverlässige Arbeitskräfte. Auf die von Lily Braun schon früh geforderte Mutterschaftsversicherung warten die USA heute noch (S. 104 f.), was die Autorin zu dem unangenehmen Schluss führt: „In keinem Industrieland der Welt haben es einfache Leute schwerer als in den USA, eine Familie zu gründen“ (S. 124). Diesen Befund kontrastiert Ghodsee mit den Bestrebungen im Staatssozialismus, weibliche Erwerbstätigkeit zu fördern sowie soziale Sicherheit und Betreuungsinfrastruktur zu schaffen – nicht ohne auf die verkürzten Konzepte der Frauenemanzipation und Instrumentalisierungen etwa während des Stalinismus hinzuweisen.

Der darauffolgende, mit „Chefinnen“ überschriebene Teil beschäftigt sich mit den Gründen des nach wie vor blamablen Anteils von Frauen in wirtschaftlichen und politischen Führungspositionen. Ghodsee zeichnet darin zuvorderst wesentliche sozialistische Grundüberzeugungen einer egalitären Gesellschaft nach und leitet diese aus den Schriften diverser Frühsozialisten her, etwa aus Friedrich Engels „Ursprung der Familie und des Privateigentums“ sowie aus den radikalen Vorstellungen Alexandra Kollontais während der Russischen Revolution. Mit Blick auf die Realität in staatssozialistischen Regimen, die sowohl starke Frauen in Führungspositionen als auch einen hohen Anteil an Frauen in technischen Berufen aufwiesen, spricht sich Ghodsee für Frauenquoten aus, die erwiesenermaßen wirksam sind und bereits in vielen Teilen der Welt – wenn auch sehr zögerlich – umgesetzt wurden (S. 149).

Erst das vierte und fünfte Kapitel sind dem eigentlichen Titel des Buches gewidmet. Sie diskutieren vor allem die Ergebnisse verschiedener empirischer Studien. Ghodsee referenziert dabei auf die „sexual-ökonomische Theorie“,[2] die wirtschaftswissenschaftliche Erkenntnisse und Vorstellungen über Märkte auf das Verhalten heterosexueller Personen überträgt. Die frühen Stadien von Flirten und Verführung können demnach als Markt beschrieben werden, „auf dem Frauen Sex verkaufen und Männer ihn mit nichtsexuellen Ressourcen kaufen“ (S. 167). Wenn zu einem gegebenen Zeitpunkt die Nachfrage nach Sex das Angebot übersteigt, sind Frauen im Vorteil und können höhere „Preise“ erzielen. Sex, so die Theorie, sei eine von Frauen kontrollierte Ware, da ihr Sexualtrieb schwächer ausgeprägt sei. Ihre Verfügung über diese knappe Ware verschaffe ihnen wiederum Vorteile in Beziehungen mit Männern. Sie können im Austausch Geld, Liebe, Respekt, gute Noten oder Beförderungen einfordern (S. 168). Wenig überraschend ist die Theorie umstritten. Vor allem ist sie stark an ihren kulturellen Kontext gebunden, was die Autor*innen jedoch nicht reflektieren: Sie funktioniert nur in nicht-egalitären und in patriarchalen Gesellschaften. Dennoch kann man mit ihr einige Phänomene recht gut entschlüsseln, etwa dass Frauen weniger Gegenleistung für Sex verlangen müssen, wenn sie zunehmend andere Möglichkeiten haben, Geld zu verdienen. Roy Baumeister und Juan Pablo Mendoza stellten entlang dieser Argumentationslinie fest, dass Bürger*innen eines Staats ihr Sexualleben umso liberaler gestalten und auch ihre Einstellungen dazu umso liberaler sind, je höher die Gleichstellung zwischen den Geschlechtern ist.[3] Umgekehrt würde Sex für Frauen zu einem entscheidenden Mittel für ein gutes Leben, wenn sie nur schlechten Zugang zu Ressourcen wie politischen Einfluss, Bildung oder Geld hätten (S. 171 f.). Eine indirekte Bestätigung der sexualökonomischen Theorie für kapitalistische Gesellschaften leisten die Interviews der Soziologinnen Anna Temkina und Elena Zdravomyslova.[4] Sie befragten 1997 und 2005 Frauen in der russischen Mittelschicht zu ihrem Liebesleben und konnten verschiedene Skripte ausmachen, die sich weitgehend mit den Unterschieden in deren Sozialisation deckten. Während ältere Frauen einem „pronatalistischen Skript“ (Sex in der Ehe wird in Kauf genommen, um Kinder zu bekommen) und Frauen im mittleren Alter eher einem „romantischen Skript“ (Sexualität als integraler Bestandteil starker Emotionen) zuneigten, registrierten sie in jüngerer Zeit – gemeinsam mit der Kommerzialisierung aller Sphären des Soziallebens – die Verbreitung eines „instrumentellen Skripts“ (Ehe als Kalkül). Ghodsee steigt in die Debatte ein, indem sie zuerst auf die sozialistisch-utopische Vorstellung von einer freien und lustvollen Sexualität und partnerschaftlichem Zusammenleben aus Zuneigung, nicht ökonomischer Abhängigkeit, zurückgreift. Den Realitätsabgleich liefert sie gleich im Anschluss, wobei sie sich aber größtenteils auf die DDR konzentriert.

Die Scheidungsraten in der DDR (S. 196 f.) waren im Vergleich zur alten BRD wesentlich höher, und die meisten Anträge wurden von Frauen eingereicht. Das lässt sich als Anhaltspunkt dafür sehen, dass Frauen anders als im Westen nicht aus wirtschaftlichen Gründen in unbefriedigenden Beziehungen blieben. Schließlich waren die finanziellen und gesellschaftlichen Folgen einer Scheidung in der DDR wesentlich geringer. Mehrere vergleichende Studien – vornehmlich aus der Spätzeit der DDR – belegen ein befriedigenderes und aktiveres Sexualleben ostdeutscher Frauen und Männer im Vergleich zur BRD (S. 196–200). Ghodsee untermauert diesen Punkt im Weiteren durch Studien aus Ungarn, Polen, der Tschechoslowakei und Rumänien – Länder mit zum Teil viel konservativeren Geschlechterrollen oder repressiven Abtreibungsgesetzen als in der DDR. Dennoch findet die Autorin auch dort Hinweise auf eine freiere und lustvollere Sexualität im Sozialismus. Und so macht diese tour d’horizon deutlich, dass es für „besseren Sex“ mehr als nur ökonomischer Unabhängigkeit und sozialer Sicherheit bedarf, nämlich eines kulturellen Wandels wie ihn etwa der geschwächte Einfluss strikter christlicher Moralvorstellungen in den realsozialistischen Staaten darstellte.[5] Insgesamt sind hier zwar Indizien für Ghodsees These versammelt, aber kein umfassender konsistenter Nachweis. Hierzu hätte es wohl einer systematischen Meta- oder Sekundäranalyse zu gelebten sexuellen Erfahrungen in Ost und West bedurft.

Kristen Ghodsee ist eine Veteranin der feministischen Debatten zum Charakter des Staatssozialismus und der Rolle feministischer Organisationen in Transformationsgesellschaften. 2004 kritisierte sie westliche feministische Geberorganisationen, weil sie, vor allem durch die Unterstützung eines rein kulturellen Feminismus, (implizit) neoliberale Visionen der Gesellschaften verbreiteten. In der Konsequenz würden sie dadurch jedoch Widerstände von unten gegen den Neoliberalismus schwächen.[6] Sie schließt damit zwar an Nancy Frasers Kritik des Feminismus als Magd des Neoliberalismus an,[7] das Argument war aber in der Debatte von Anfang an empirisch umstritten: So wurde eingewandt, gerade europäische Förderorganisationen und politische Stiftungen hätten feministische, linke und nicht-neoliberale Agenden gehabt und die Zivilgesellschaft in ihrer Entwicklung in den neuen Demokratien tatkräftig unterstützt.[8] 2012 argumentierte Ghodsee in ihrer Studie zur offiziellen bulgarischen Frauenorganisation im Staatssozialismus, deren Akteurinnen hätten de facto weitreichende Handlungsspielräume gehabt und durchaus politische Erfolge vorzuweisen.[9] Diese Vorstellung von politischer Agency war damals teilweise heftiger Kritik ausgesetzt.[10] Im vorliegenden Buch stellt Ghodsee Licht- und Schattenseiten des Staatssozialismus nun wesentlich differenzierter dar. Negative Aspekte wie etwa die Doppelbelastung, die Pflicht zur Arbeit und die Einschränkung reproduktiver Rechte wiegt sie etwa gegen die gestiegene Unabhängigkeit von Frauen ab. Gleichwohl bleibt der Staatssozialismus für die Autorin ein attraktives Gegenmodell zum Kapitalismus.

Aus politikwissenschaftlicher Sicht stößt besonders die fehlende analytische Trennung zwischen Staatssozialismus und Sozialdemokratie auf, schließlich kam vor 1989 der letzteren die historische Aufgabe zu, „die Angst vor dem Kommunismus in gesellschaftlichen Fortschritt zu verwandeln“, so die Worte des Genfer Sozialdemokraten Jean Ziegler.[11] Das heißt: Die Sozialdemokratie in Westeuropa war gefragt, Reformpolitik zu fordern und umzusetzen, damit die breiten Massen eben nicht kommunistisch wählten – und damit war sie bis zur Wende 1989 und dem Aufkommen des Neoliberalismus auch leidlich erfolgreich. Wenn Ghodsee von „demokratisch-sozialistischen Staaten“ in Nordeuropa schreibt, mögen Linke darum seufzen: „Schön wär’s“ (Sozialistische Politik würde daran arbeiten, den Kapitalismus abzuschaffen). Die politischen Maßnahmen, für die Ghodsee wirbt, nämlich Elternzeit, Jobgarantie, Quotenregelungen, subventionierte Kinderbetreuung und allgemeine Krankenversicherung (S. 220) gehören zu wohlfahrtsstaatlichen Errungenschaften, die aus Skandinavien in die Politiken anderer europäischer Länder diffundiert sind (und die dem Kapitalismus nun noch bessere Möglichkeiten bieten, die Arbeitskraft beider Eltern auszubeuten). Insgesamt macht ihr Buch damit eher deutlich, wie groß die kulturelle und politische cleavage zwischen Europa und den USA mittlerweile ist. Letztlich fehlt der Argumentation aber eine wichtige Grundlage, nämlich eine politische Analyse der systematisch unterschiedlichen Handlungsmöglichkeiten in nicht-demokratischen Regimen im Gegensatz zu Demokratien: Nicht-demokratische Regime kennen keine Organisationsfreiheit und schränken staatsbürgerliche Rechte ein.  

Am anregendsten im vorliegenden Buch sind die beiden Kapitel zur Sexualität, weil damit neue Aspekte in das langdiskutierte Thema „Gleichstellung in Ost und West“ eingebracht werden. Darüber hinaus ist Ghodsees argumentationsreiche Gegenwehr gegen einen antikommunistischen Diskurs, der in jeder sozialpolitischen Forderung den Untergang der amerikanischen Freiheit sieht, bemerkenswert. Sie zeichnet über weite Strecken ein eindrucksvolles Bild vom innenpolitischen Handlungsbedarf in den USA und den damit verbundenen Debatten. Wenn Frauen und die jüngere Generation in den USA konsequent für ihre ökonomischen Interessen abstimmen würden (S. 234), wäre der „grapschende Obertwitterer“ ab November 2020 Geschichte.

Fußnoten

[1] Kristen R. Ghodsee, Why Women Had Better Sex Under Socialism [24.7.2020], in: The New York Times, 12.8.2017.

[2] Roy F. Baumeister / Kathleen D. Vohs, Sexual Economics. Sex as Female Resource for Social Exchange in Heterosexual Interactions, in: Personality and Social Psychology Review. An Official Journal of the Society for Personality and Social Psychology 8 (2004), 4, S. 339–363.

[3] Roy F. Baumeister / Juan Pablo Mendoza, Cultural Variations in the Sexual Marketplace. Gender Equality Correlates with more Sexual Activity, in: The Journal of Social Psychology 151 (2011), 3, S. 350–360.

[4] Anna Temkina / Elena Zdravomyslova, The Sexual Scripts and Identity of Middle-Class Russian Women, in: Sexuality & Culture 19 (2015), 2, S. 297–320.

[5] Anrührend und spannend ist etwa Maria Sadowskas Film „The Art of Loving“ [20.7.2020] von 2017 über die polnische „Dr. Sex“, Michalina Wisłocka, deren Ratgeber erst nach jahrelangem Tauziehen mit der Kommunistischen Partei erstmals erscheinen konnte.

[6] Kristen Ghodsee, Feminism-by-design. Emerging Capitalisms, Cultural Feminism, and Women's Nongovernmental Organizations in Postsocialist Eastern Europe, in: Signs 29 (2004), 3, S. 727–753.

[7] Siehe aber Cinzia Arruzza / Tithi Bhattacharya / Nancy Fraser, Feminismus für die 99 %. Ein Manifest. Berlin 2019.

[8] Nanette Funk, Women's NGOs in Central and Eastern Europe and the Former Soviet Union. The Imperialist Criticism, in: femina politica 15 (2006), 1, S. 68–83.

[9] Kristen Ghodsee, Rethinking State Socialist Mass Women's Organizations. The Committee of the Bulgarian Women's Movement and the United Nations Decade for Women, 1975–1985, in: Journal of Women's History 24 (2012), 4, S. 49–73.

[10] Vgl. mit Gegenrede und Gegen-Gegenrede: Nanette Funk, A very Tangled Knot. Official State Socialist Women's Organizations, Women's Agency and Feminism in Eastern European State Socialism, in: European Journal of Women’s Studies 21 (2014), 4, S. 344–360.

[11] Zitiert nach Birgit Mahnkopf, Formel 1 der neuen Sozialdemokratie: Gerechtigkeit durch Ungleichheit. Zur Neuinterpretation der sozialen Frage im globalen Kapitalismus, in: Prokla 121 (2000), S. 489–525, hier S. 489.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Philipp Tolios.