Schwieriger Spagat

Rezension zu "Entsorgung der Sorge. Geschlechterhierarchie im Spätkapitalismus" von Anna Hartmann

Anna Hartmanns an der Universität Wuppertal angenommene und im Westfälischen Dampfboot publizierte Dissertation ist in drei Teile gegliedert. Es entsteht der Eindruck, dass das Buch letztlich in diese zerfällt – und das, obwohl die Autorin ihren direkt in der Einleitung markierten roten Faden gut festzuhalten vermag. Seit den 1990er-Jahren (und diese Datierung darf Gültigkeit beanspruchen) ist „Sorge zwar zu einem öffentlichen Gut geworden […], das jedem und jeder zur Verfügung zu stehen scheint“ (S. 9). Aber damit – so lautet die These – wird der Sorge das geraubt, was sie im Kern ausmacht: „Wenn heute […] die […] Sorge an Marktprinzipien ausgerichtet ist, fällt das, was Sorge ausmacht […] weg.“ (S. 10) Punkt!

Den Kern, der damit wegfällt, nennt die Autorin an dieser Stelle zunächst vage und vorsichtig „das Beziehungsmoment“[1] – die weniger zaghafte Rezensentin spricht stattdessen von Liebe.[2] In der Überleitung zum zweiten Teil ihrer Untersuchung stellt Anna Hartmann den entscheidenden Aspekt des Sorgens fragend in den Raum: „[W]äre auch ein Begehren denkbar, das sich in Liebe und Hingabe, Berührung und Begegnung auf Seiten der Sorgenden zeigt und das die Sorge zu einer (nicht einfach selbstlosen) Gabe macht?“ (S. 89) In dieser Frage liegen das Leitmotiv der Untersuchung und eine Hoffnung.

Das Anliegen der Arbeit lässt sich so zusammenfassen: Es geht darum, die Asymmetrie im Geschlechterverhältnis, „in der das (männliche) Subjekt eine nicht gleichermaßen symbolisch verortete mütterlich-weibliche Position als Grundlage seiner Subjektivität voraussetzt […], in Verbindung zu bringen mit der geschlechter-differenzierten Arbeitsteilung und der ungleich verteilten Zuständigkeit für Sorge“ (S. 18). Konkret soll der geschlechtertheoretische Zugang des Differenzdenkens die Möglichkeit eröffnen, „die Struktur spätkapitalistischer Sorge-Verhältnisse sowie das in sie eingeschriebene Geschlechterverhältnis im Zusammenhang zu untersuchen“ (S. 18). Denn „[w]ährend die feministisch-ökonomischen Ansätze die Bedeutung der Sorge für die Bedingung der kapitalistischen Ökonomie herausstellen, tritt mit einer subjekttheoretisch-psychoanalytischen Perspektive die erste Bindung und damit die zwischenmenschliche Bezogenheit in den Blick. Damit wird die psychische Dimension der Sorge sichtbar. Wird im ersten Fall zurecht [sic] die kapitalistische Eingemeindung der Sorge problematisiert, rückt im zweiten Fall die eingemeindende Bewegung des (männlichen) Subjekts auf die weibliche Position der Sorge ins Zentrum.“ (S. 138)

Dabei vertritt die Autorin die (in den Augen der Rezensentin nicht unbedingt richtige) Auffassung, dass die Verbindung von Gesellschafts- und Subjekttheorie in der Debatte um das Thema Sorge/Care nicht hergestellt worden sei: Geschlecht würde „theoretisch nicht weiter begründet, sondern […] als statistische oder soziale Kategorie aufgenommen“ (S. 15). Und wenn doch „explizitere geschlechtertheoretische Bezüge hergestellt“ werden, dann „stehen diese in einer gender- und queertheoretischen Tradition und reduzieren Geschlecht […] auf heteronormative Identitäten“,[3] also auf „Zuschreibungen und Identitätskonstruktionen“, die mit (de-)konstruktivistischen Argumenten begründet werden (S. 15). In ihrer Problematisierung des Zuschnitts der jüngeren feministischen Theorie auf diese Positionen schließt Anna Hartmann an ihre Doktormutter Rita Casale, an Barbara Rendtorf und andere an und nimmt den Ansatz vom „Denken der sexuellen Differenz“ auf.

Zwei bislang nicht verbundene Theorieansätze (feministisch-ökonomisch und subjekttheoretisch-psychoanalytisch) miteinander in Verbindung zu setzen, bedeutet einen Spagat. Wenn dieser gelingt, müsste in der Synthese der Schlüssel zu einem besseren Verständnis und damit womöglich zur lösung der von der Autorin richtig erkannten und eingangs dargestellten Impasse liegen, dass die Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten einen rasanten, um nicht zu sagen: rabiaten, Wandel durchlaufen hat, während die Machtasymmetrien und die ungerechte Verteilung der Sorgeaufgaben zwischen den Geschlechtern fortbestehen. In dieser (Turn-)Übung liegen die Originalität und zugleich auch das Problem des vorliegenden Buches.

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Der erste Teil der Untersuchung zeichnet den Weg der feministisch-ökonomischen Ansätze nach, die in und seit den 1970er-Jahren entwickelt wurden, und endet mit der Diskussion um Care (S. 66–87), deren Anfänge die Autorin auf die frühen 2000er-Jahre datiert. Die historische Darstellung kann zwar keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, aber sie ist übersichtlich, umsichtig, ausgewogen und wird respektvoll anerkennend vorgetragen.[4] Dass Anna Hartmann aus der Perspektive ihrer eigenen, oben skizzierten Positionierung Einschätzungen und Kritik formuliert, tut diesen Qualitäten keineswegs Abbruch, sondern ist eine Bereicherung (bspw. auf S. 33 f., S. 53, S. 69, S. 73, S. 81). Denjenigen Leserinnen, die mit dem historischen Weg der Sorgedebatte über die vergangenen rund fünf Jahrzehnte nicht vertraut sind, ist der erste Teil des Buches als Einführung und Leitfaden zu empfehlen; alle jene, die sich im Feld auskennen, können an der Zusammenfassung ihre Erinnerung auffrischen.

Der zweite Teil des Buches steht unter dem Titel „Sorge im Feld des Subjekts“ und bezieht sich auf denselben Zeitraum, also auf die 1970- und 1980er-Jahre. Bei Nancy Chodorow, Jessica Benjamin und Luce Irigaray sucht und findet Anna Hartmann, was sie bei ihren Auseinandersetzungen mit „Sorge im Feld der Ökonomie“ (Teil 1) vermisst: „Das Psychische, das Begehren des Subjekts, die Geschlechtlichkeit und Generationalität werden bedeutsam für die Analyse der Sorge.“ (S. 90) Alle drei genannten Autorinnen, die im Zentrum des Interesses stehen, gehen von der Psychoanalyse aus, von Sigmund Freuds Konzept des „Ödipalen“ sowie von Jacques Lacans in die symbolische Dimension vorstoßenden Spaltungs- und Kastrationstheorien, die Freud gegenüber noch einmal deutlich komplexer sind und an die vor allem Irigaray anknüpft. Anna Hartmann entfaltet ihre Überlegungen zur „Sorge im Feld des Subjekts“ mit derselben Sorgfalt, Sachkenntnis und auf ebenso hohem Reflexionsniveau wie diejenigen im ersten Teil.

Allerdings führt ihre Nüchternheit und Ehrlichkeit auch dazu, dass im Verlauf ihrer Darlegungen die Hoffnung schwindet, den prekären Status des Sorgens beziehungsweise den Stillstand in der Veränderung der Geschlechterordnung durch Rückgriff auf eine feministisch aufgeklärte Psychoanalyse nicht bloß genauer explizieren, sondern auch überwinden zu können. So muss Anna Hartmann feststellen, „dass die mit Chodorow ersichtlich gewordenen Gründe für die ungleiche Verteilung der Sorge, die in der Beziehungsausgestaltung und Subjektkonstitution liegen, fortzuwirken“ scheinen (S. 95). Im inzwischen fast halben Jahrhundert seit Konstatierung der großen Geschlechterdifferenz blieb „eine der zentralen forderungen der Frauenbewegung auf eine geschlechtergerechte Verteilung der Sorge […] trotz massiver Veränderungen in den Geschlechterverhältnissen bislang“ (S. 95) bestehen. Der Autorin zufolge haben die Interventionen der drei Theoretikerinnen die Verhältnisse nicht zum Tanzen gebracht, vielmehr würden „mit Irigarays Subjekt- und Geschlechterkritik die Schwierigkeiten, solche Bestrebungen umzusetzen“, nicht gelöst, sondern nur noch deutlicher (S. 105).

Seinem eigenen Anspruch, das Feld der Ökonomie mit dem des Subjekts produktiv zu verbinden, wird das Buch nicht gerecht. Der gordische Knoten ungerecht verteilter Sorgelasten und asymmetrischer Positionierungen im Geschlechterverhältnis bleibt ungelöst. Daran ändert auch der kurze Ausflug in Ansätze, die Sorge als Gabe konzipieren, nichts, der dem zweiten Teil kursorisch – um nicht zu sagen: etwas halbherzig – angehängt ist. Am Ende des zweiten Teils ist die Absturzdynamik, die titelgebende Entsorgung der Sorge, vorprogrammiert, die im dritten Kapitel bis zum bitteren Ende geführt wird.

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Gegenüber der zeithistorischen Perspektive der beiden ersten Kapitel, die auf die etwas angestaubten, feministischen ökonomie- und subjekttheoretischen Ansätze der 1960-,1970er- und 1980er-Jahre eingehen, setzt der gegenwartsbezogene dritte Teil in ökonomischer Hinsicht an der Regulationstheorie an, während die subjekttheoretische beziehungsweise psychoanalytische Seite auf das Konzept der „postödipalen Gesellschaft“ rekurriert.

Aus ökonomischer Perspektive scheinen die rezenten Entwicklungen mit der Absturzfigur der „Entsorgung“ als nicht nur anhaltende, sondern sich weiter verschärfende Prekarisierung und Entwertung, ja sogar als „radikale Verhinderung“ (S. 178) des Sorgens. Den konkreten Ausführungen zur Entsorgung der Sorgebeziehung liegen fast ausschließlich die Forschungen von Tove Soiland zugrunde; so wichtig diese sein mögen, es gäbe da schon ein wenig mehr. Etwas verwunderlich ist auch, dass Hartmann die aktuelle Krise der Reproduktion mit jener feministischen Kritik an Hausarbeit aus den 1970- und 1980er-Jahren illustriert (S. 159–164), die doch bereits im ersten Teil ausführlich zur Sprache gekommen war. Alles in allem wäre eine schärfere und sich auf der Höhe der Debatte befindliche Analyse des high-tech-getriebenen neoliberalen Spätkapitalismus wünschenswert und wohl auch denkbar gewesen.

Psychoanalytisch rückt am Ende die Entsorgung von Weiblichkeit in den Fokus. Auf ökonomischer Seite steht der zweifache Skandal im Vordergrund, dass die Professionalisierung von Sorgearbeit weder in der Lage ist, ihre Zuschreibung an das weibliche Geschlecht zu beenden, noch durch ihre kapitalistische In-Wertsetzung zu einer Aufwertung beizutragen. In subjekttheoretischer Hinsicht erhält die Frau infolge der beschriebenen Veränderungsprozesse nun zwar „sozusagen einen Zugang zur männlichen Subjektposition. Gleichzeitig bleibt […] die Bezugnahme dieses (nun geschlechtsneutralen) Subjekts auf Sorge höchst problematisch.“ (S. 179) Anders gesagt: Die Transformation der ödipalen (bürgerlichen oder fordistischen) Ordnung bedeutet zwar den Untergang der patriarchalen Autorität, dies führt aber keineswegs in eine herrschaftsfreie Gesellschaft. Die postödipale Situation bezeichnet die Autorin versuchsweise und nicht gerade glücklich als „neopatriarchal“; sie soll durch „die radikale Leugnung der Angewiesenheit und eine damit verbundene spezifische Bezogenheit auf den Körper der Mutter“ charakterisiert sein. Für die weitere Gleichsetzung der Entsorgung der Sorge mit einer Entsorgung der Weiblichkeit, die nunmehr zum Mutterkuchen verbacken oder, etwas respektvoller formuliert, mit Mütterlichkeit identifiziert wird, sucht Anna Hartmann Anschluss an Barbara Dudens Überlegungen zum Thema Schwangerschaft – auch dazu hätte es Alternativen gegeben.

Hartmanns Fazit am Ende von Teil 3, der die neueren ökonomietheoretischen und psychoanalytischen Ansätze mit derselben Gründlichkeit und Klarheit zur Darstellung bringt, wie die zeitlich früheren im ersten und zweiten Teil, fällt so negativ aus, wie die aufmerksame Leserin spätestens am Ende des zweiten Kapitels vermutete. Dass „der geschlechterpolitische Wandel, der in den letzten Jahrzehnten stattgefunden hat, das Problem der Sorge nicht gelöst, sondern vielmehr verschärft hat“ (S. 207), exemplifiziert die Autorin dann auch folgerichtig in ihrer „Schlussbetrachtung“, in der sie Elena Ferrantes Roman Meine geniale Freundin nacherzählt. Der Ausflug in die Frauenecke der Gegenwartsliteratur bringt nichts Neues. Aber immerhin fällt Anna Hartmann in diesem Zusammenhang etwas auf, das sie in ihrer bewundernswert fleißigen, flüssig geschriebenen und luziden Arbeit nicht gesehen hat, nämlich dass sich „die Transformation der Geschlechterverhältnisse [...] gerade auch klassenspezifisch ausgestaltet“ (S. 204). Damit gibt die Autorin der Rezensentin endlich das Stichwort, das dieser bei der Lektüre schon lange auf der Zunge gelegen hat. 

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Es hätte Anna Hartmann früher in den Sinn kommen können, dass die Geschlechterverhältnisse ebenso klassenspezifisch ausgestaltet sind, wie umgekehrt die Klassenverhältnisse geschlechtsspezifisch unterfüttert und obendrein national-regional-global überwölbt werden.[5] Die hiermit angedeuteten Zusammenhänge sind nicht nur, aber auch und besonders für das Verständnis der Organisation von Sorge in einem hegemonialen Kapitalismus relevant (Stichwort care chains). Ein Blick in diese Richtung hätte den Kurzschluss zwischen der bürgerlichen Mama und dem von ihr in seiner Subjektwerdung beschützten wie gestützten Sohnemann von Anfang an ausgeschlossen.    

Davon hätte nicht nur die Betrachtung der ökonomietheoretischen Seite der Untersuchung profitiert, sondern auch und vielleicht sogar noch mehr die der subjekttheoretischen. Die allzu direkte Verbindung von kapitalistischer Ökonomie und Psychoanalyse verengt das moderne Subjekt auf sein von der Psychoanalyse gezeichnetes Zerrbild. Der Rekurs auf die Psychoanalyse erscheint der Rezensentin vor allem deswegen problematisch, weil den dutiful daughters dieser Schule der befreiende Mord an den Vätern Freud und Lacan nicht geglückt ist. Und so erinnert der doppelte Kursus des Buches, bestehend aus Ökonomie und Psychoanalyse, an die einst ebenso beliebten wie vergeblichen und irgendwann verblichenen Versuche, Marx und Freud zusammen zu bringen.

Bis hin zur 2020 vorgelegten Dissertation ist es der feministischen Aufklärung der Psychoanalyse nicht gelungen, über die mütterliche babycare am männlichen Subjekt hinauszugehen. Folglich bleibt die Frage nach dem prekären Status weiblicher Subjektivität auch in Anna Hartmanns Buch ungeklärt. Der Hinweis auf das in der Gegenwart „(nun geschlechtsneutrale) Subjekt“ (S. 179) ist unzureichend und markiert nur die weitgehende Ausklammerung des Problems. Die differenztheoretische Kritik an der Subjektwerdung der Frau nach dem Vorbild des prinzipiell eingeschlechtlich-männlichen Subjektkonzepts ist berechtigt, aber die Frage nach den Alternativen bleibt offen: Kann die Frau auf den Status als männlich geprägtes Subjekt überhaupt verzichten, ohne noch unsichtbarer zu werden? Oder muss sie ein eigenes Subjekt werden? Und wie soll dieses aussehen, ohne dass daran der Schatten des Anderen, das heißt der vom Differenzdenken beerbten hochbürgerlich-patriarchalen Komplementaritätsideologie, hängen bleiben würde? In der Nachfolge des Differenzdenkens opponiert Anna Hartmann zu Recht gegen die Reduktion von sorgender Weiblichkeit auf den Status einer bloßen Naturressource im rational-kalkulierenden Kapitalismus. Aber die Romantisierung von Schwanger- und Mutterschaft reicht nicht aus; vielmehr ist sie das passgenaue Gegenbild und leistet so der Instrumentalisierung der ‚Natur‘ Vorschub. Um die berechtigte Kritik schlagend werden zu lassen, müsste die hinlänglich bekannte Schwäche des Geschlechterdifferenzdenkens überwunden, die Befangenheit im Dualismus von Einem (Männlichkeit) und Anderen (Weiblichkeit) überschritten werden. Im Hinblick auf die Realität des Sorgens ist das längst geschehen; hier sind neue und neuartige Herausforderungen der Kranken- und Altenpflege sowie die soziale Sorge um ‚Fremde‘ neben die Sorge für Kinder- und Jugendliche getreten.

Noch eine letzte Bemerkung zum „Beziehungsmoment“ des Sorgens, das Autorin und Rezensentin verbindet. Der Beziehungsmoment der Liebe realisiert sich im Nu, also in dem Augenblick, in dem eine unmittelbare seelisch-körperliche Verbindung stattfindet. Aber eine auf der Mikroebene „primäre Bindung“ kann für die beobachtende Theorie keinen Primat beanspruchen. Denn die psycho-physischen Beziehungen stehen in den Grenzen des Daseins, der Existenz im Allgemeinen und der gesellschaftlichen Relationen im Besonderen. Liebe ist weder Göttergabe noch Naturprodukt, sondern ein hochkomplexes, historisch-gesellschaftlich geprägtes Gebilde, das übrigens auch in der Unmittelbarkeit der Zweierbeziehung höchst ambig bleibt. Der Hinweis auf die Momente der Angewiesenheit und Unverfügbarkeit in Beziehungen, der Anna Hartmann wichtig ist, bleibt unvollständig, wenn die schwierigen Seiten von Abhängigkeit und Vergänglichkeit im Dunklen gelassen werden. Die andere Seite der Liebe besteht nicht nur in der liebenden Sorge, sondern auch im Hass, den Abhängigkeit auf beiden Seiten des Verhältnisses erzeugen kann – und die Unverfügbarkeit des Anderen endet letztlich im Tod. Das Thema der Sorge steht im clair-obscur von Lust und Leid und bei seiner theoretischen beobachtung dürfen wir die Augen nicht verschließen vor dem (Sternen-)Staub, aus dem wir anfangs gemacht sind und zu dem wir am Ende (wieder) werden. Vor allem aber gilt es den Dreck nicht zu vergessen, den wir auf der Strecke dazwischen machen: Die Sorge ist ein schmutziges Geschäft.

Der mutige Spagat zwischen Ökonomie und Psychoanalyse, den Anna Hartmann mit ihrer Dissertation versucht, schmerzt im Schritt. Die Übung muss scheitern, weil zwischen den beiden als Ausgangspunkten gewählten Theoriepfeilern zu viel ‚Welt‘ liegt. Es ist Anna Hartmanns intellektueller Redlichkeit und Rigorosität zu verdanken, dass die Lektüre ihrer klugen Arbeit der Mühe dennoch lohnt. 

Fußnoten

[1] Genauer dazu insbes. S. 173–179.

[2] Vgl. Cornelia Klinger, Die andere Seite der Liebe. Das Prinzip Lebenssorge in der Moderne, Frankfurt am Main / New York (im Erscheinen).

[3] Von „Tradition“ kann eigentlich noch nicht die Rede sein; vielmehr entstanden die darunter geführten Ansätze gerade erst im Zeitraum der beobachtung.

[4] Die anderorts oft verschmähte Hausarbeitsdebatte (referierend S. 68) wird „als eine der bedeutendsten Debatten der Neuen Frauenbewegung“ (S. 25) gewürdigt.   

[5] Dies diskutiert die Intersektionalitätsforschung – von den drei Kategorien „Klasse“, „Geschlecht/Sexismus“ und „Nationalität/Ethnizität/Rassismus“ aus- und weit darüber hinaus gehend – seit geraumer Zeit lebhaft und durchaus kontrovers. Vgl. das in Wuppertal angesiedelte Portal Intersektionalität [26.1.2021].

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.