Sorge: Arbeit, Verhältnisse, Regime

Ein Sammelband über Care-Arbeit und Fürsorgebeziehungen

Gesellschaften leben von der Sorge um sich und andere. Care-Arbeit, Fürsorgebeziehungen und die Befähigung zur Selbstsorge stellen unerlässliche Voraussetzungen für das soziale Zusammenleben und die individuelle Existenzsicherung dar. Die Art und Weise, wie Sorge in einer Gesellschaft organisiert wird, wer die hierfür notwendige Arbeit leistet, mit welchen Mitteln und in welchem Umfang sie finanziert wird, aber auch, warum Sorge, trotz vorhandenen Bedarfs und zuweilen mit lebensgefährlichen Konsequenzen für die Betroffenen, vernachlässigt wird, sind daher Fragen von hoher soziologischer und gesellschaftspolitischer Relevanz. Im Grunde ist es ganz einfach, wie Joan Tronto im vorliegenden Band resümiert: „[A]ll humans need care, all the time“ (Tronto: 42). Und doch hat sich die Soziologie mit der Sorgethematik lange Zeit nur am Rande auseinandergesetzt und sie vornehmlich in ihren ‚Bindestrichdisziplinen’, allen voran in der Frauen- und Geschlechterforschung, behandelt. Ein Grund hierfür dürfte unter anderen in den Verstrickungen des soziologischen Diskurses mit dem Androzentrismus der Moderne zu suchen sein, der Eigenschaften wie individuelle Autonomie, Produktivität oder Rationalität prämiert – und dabei übersieht, dass unsere Lebensrealität in hohem Maße auch durch Vulnerabilität, körperlich-seelische Bedürftigkeit und wechselseitige Abhängigkeit geprägt ist (vgl. dazu den Beitrag von Cornelia Klinger im Band).

Seit einigen Jahren zeichnet sich allerdings eine Trendwende ab, wovon nicht zuletzt der hier besprochene Sonderband der Zeitschrift Soziale Welt zeugt. In ihrer Einleitung stellen die drei Herausgeberinnen – allesamt ausgewiesene Expertinnen auf den Gebieten der Geschlechter-, Arbeits- und Wohlfahrtstaatsforschung – fest, dass Sorge allmählich die breite soziologische Aufmerksamkeit zuteilwird, die ihr in den von ihnen bearbeiteten Forschungsfeldern schon lange zukommt. Diese Wende sei „jedoch weniger der innersoziologischen Diskussion als neuen gesellschaftlichen Problemlagen geschuldet, nämlich der krisenhaften Entwicklung des Sorgens und der Sorgearbeit nicht zuletzt in Gesellschaften des Nordens und Westens, die vor noch nicht allzu langer Zeit davor gefeit zu sein schienen“ (Aulenbacher/Riegraf/Theobald: 6). Mit anderen Worten: Die Soziologie nimmt die fundamentale Bedeutung der Sorge für Individuum und Gesellschaft erst in dem Augenblick zur Kenntnis, da sowohl ihre Qualität als auch ihre gesellschaftsweite Sicherstellung infolge jahrzehntelanger neoliberaler Austeritäts- und Arbeitspolitik zu erodieren droht.

Als „breit angelegte und in die Tiefe gehende Sozialdiagnose zur gegenwärtigen Verfasstheit und Ausgestaltung von Care und Care-Work“ (ebd.) will der Sammelband eine fundierte und zugleich vielstimmige Antwort auf die Herausforderungen formulieren, die die aktuellen Krisendynamiken für eine gesellschaftspolitisch engagierte Soziologie der Sorge mit sich bringen. Hierbei zeichnet er sich durch eine breite empirische Auffächerung des Themenfeldes aus – von der Kinderbetreuung bis zur Altenpflege, von der Selbstsorge bis zur Pflege-Robotik, von New Public Management bis zu den globalen Migrationsbewegungen von Care-Arbeiter_innen. Während der Schwerpunkt auf aktuellen Entwicklungen in Europa liegt, wartet der Band darüber hinaus auch mit Analysen der Sorgeregime in Lateinamerika, Japan, Israel und Südafrika auf.

Im Anschluss an die elaborierte Einleitung, in der die Herausgeberinnen das Forschungsfeld zu den Themen Sorge und Care-Arbeit moderne- und kapitalismustheoretisch situieren und hinsichtlich aktueller Entwicklungen „neuvermessen“ (ebd:5ff.), gliedert sich der Band in vier Teile (A-D) mit jeweils fünf bis sieben deutsch- und englischsprachigen Texten. Die Beiträge im ersten Teil widmen sich der Sorge als Grundfrage moderner Gesellschaften, indem sie die spezifischen Weisen der Institutionalisierung, Organisation und praktischen Umsetzung von Sorge und Care-Arbeit im Kontext des Kapitalismus und seiner wiederholt als androzentrisch und rassistisch charakterisierten Ordnungs- und Legitimationsmuster untersuchen. Sorge und Care-Arbeit werden hierbei in sozialphilosophischer (Klinger), ethischer (Tronto), gerechtigkeitstheoretischer (Nussbaum) und politisch-ökonomischer (Dörre/Ehrlich/Haubner) Perspektive in den Blick genommen. Im Anschluss daran werden die gesellschaftliche Organisation ebenso wie die konstatierte Vernachlässigung der Sorgeverhältnisse in den unterschiedlichen Kontexten der feministischen Wohlfahrtsstaatsforschung (Gerhard), der Rationalisierungskritik (Aulenbacher/Dammayr) sowie der Ideologiekritik (Becker-Schmidt) verortet und bearbeitet. Hierbei lassen sich insbesondere zwei zentrale Argumentationsfiguren unterscheiden, die in der Mehrzahl der Texte des Bandes wiederkehren:

Die erste dieser beiden Argumentationsfiguren konstatiert einen tiefgreifenden Widerspruch zwischen Kapital und Sorge: Demnach sei eine gute und gerechte Praxis der Sorge, die sich sowohl hinsichtlich ihrer Qualität als auch ihres Umfangs an den Bedürfnissen und Erfordernissen der an einer Sorgebeziehung beteiligten Personen orientiert, mit den herrschenden Rationalitäten kapitalistischer Vergesellschaftung schlechterdings unvereinbar. Die sich ausweitende Ökonomisierung sämtlicher Lebensverhältnisse unterwerfe die Sorge nämlich Logiken der Effizienzsteigerung und Rationalisierung, die ihre angemessene Ausübung verhinderten. Die alltägliche Reproduktion des Lebens stelle unter den Bedingungen verschärften ökonomischen Wettbewerbs somit keinen Selbstzweck mehr dar, sondern folge wirtschaftlichen Imperativen, die „Selbst- und Lebenssorge“ in ein bloßes Instrument des „Humankapitalismus“ verwandelten (Klinger: 30ff.). Diese „gesellschaftliche Sorglosigkeit“ (Aulenbacher/Dammayr: 136) zeitige letztlich selbstzerstörerische Konsequenzen, weshalb sie als „Sozialpathologie“ (Becker-Schmidt: 91) begriffen werden müsse.

Die zweite prominente Argumentationsfigur, die eine weitere communis opinio der Autorinnen und Autoren des Bandes zum Ausdruck bringt, kreist um die Abwertung von Sorge und die Rolle gesellschaftlicher Machtverhältnisse: Die widersprüchliche Logik der gesellschaftlichen Sorgeverhältnisse zeige sich darin, dass Care-Arbeit in modernen Gesellschaften ökonomisch und kulturell abgewertet werde, obwohl sie eine unverzichtbare Grundlage für den Fortbestand nicht nur des individuellen, sondern auch des gesellschaftlichen Lebens bilde. Nur innerhalb eines globalisierten kapitalistischen Regimes erweise sich diese Abwertung von Sorge und Care-Arbeit als rationale Strategie der Arbeitskraftentwertung, diene sie doch der Steigerung von Profitabilität. Dieser Mechanismus sei insofern fatal, als er letztlich dazu führe, „dass der Reichtum der einen Armut und Prekarität bei den anderen bedingt“ (Dörre/Ehrlich/Haubner: 114) – wobei die Opfer von Armut und Prekarität im Bereich der Care-Arbeit nach wie vor überwiegend Frauen und hier zunehmend Migrantinnen seien. Sie kümmerten sich um die Privilegierteren und verbrauchten dabei ihre eigenen Ressourcen zur Selbstsorge häufig bis an den Rand der Existenzgefährdung.

Auch in den drei folgenden, stärker empirisch ausgerichteten Teilen des Bandes spielen diese beiden Argumentationsfiguren eine wichtige Rolle. Im Vordergrund stehen jedoch in erster Linie spezifischere Themen. So analysieren die Beiträge Sorge und Sorgearbeit im Alltag (Teil B), untersuchen den Wandel von Governancemustern in der Organisation von Sorgearbeit (Teil C) und stellen internationale Vergleiche zwischen Sorgeregimen in Europa und anderen Weltregionen (Teil D) an. Die gesellschaftliche Arbeitsteilung entlang von Geschlecht, Klasse, Race und Alter steht im Mittelpunkt der Beiträge von Teil B, die den Wechselverhältnissen zwischen gesellschaftlichen Sorgearrangements und individuellen Handlungsmustern im Alltag nachgehen. Einführend umreißt Ursula Apitzsch die Grundproblematik, die den aktuellen Regulierungs- und Bewältigungsweisen anfallender Sorge und Care-Arbeiten zugrunde liegt und die viele der nachfolgenden Beiträge aufgreifen: Ihrer Darstellung zufolge habe die seit den 1970er-Jahren steigende Erwerbsbeteiligung von Frauen in den westlichen Industriegesellschaften ein Vakuum in den bis dato überwiegend durch unbezahlte Frauenarbeit getragenen Sorgeverhältnissen entstehen lassen, das in der Folge nicht durch „ein neues, partnerschaftliches Modell der Verteilung von Care und Lohnarbeit“ (Apitzsch: 147) gefüllt worden sei. Stattdessen habe sich eine herrschaftliche Bearbeitung der strukturellen Sorgedefizite durchgesetzt, die einerseits eine Doppelbelastung von Frauen forciere, andererseits einen deregulierten und prekären Care-Arbeitsmarkt geschaffen habe, in dem Sorge-, Reinigungs- und Pflegearbeiten den ärmeren und marginalisierten Bevölkerungsgruppen aufgebürdet würden. Von dem viel zitierten „Aufstieg der Frauen“ (ebd.: 152) im ‚Westen’ profitierten demnach in erster Linie in punkto Bildung und Einkommen besser gestellte Frauen, deren Aufstieg sich gewissermaßen auf dem Rücken weniger gut gestellter Frauen, häufig Migrantinnen, vollzogen habe. Wie sich dieser „Auslagerungsprozess“ (Lutz/Palenga-Möllenbeck: 219) geopolitisch gestaltet untersuchen unter anderen Helma Lutz und Ewa Palenga-Möllenbeck am Beispiel von osteuropäischen „Care-Migrantinnen im geteilten Europa“ (217ff.). Diese würden regelrecht in die west- und südeuropäischen Länder „importiert“, um dort Sorge- und Betreuungsdefizite zu kompensieren, während sie häufig ihre eigenen Familien zurück lassen müssten. Dies stelle die postsozialistischen Herkunftsländer wiederum vor ein „ideologisches Dilemma“, sofern nationalistisch-katholische Kräfte die „Arbeits-Pendel-Migration“ von Müttern einerseits stigmatisierten und mit Verweis auf das Kindeswohl unterbinden wollten, während die Einnahmen der Frauen andererseits wiederum zu einem wirtschaftlich bedeutenden Faktor avanciert seien (ebd.: 222ff.).

Wie sehr der Wandel in den globalen Sorgeverhältnissen durch die konfliktbeladene Aushandlung von traditionellen und postkonventionellen Geschlechterarrangements geprägt wird, zeigen auch viele andere Beiträge des Bandes. Hieran sind grundsätzliche geschlechtersoziologische, sozialpolitische und care-ethische Fragestellungen geknüpft, die in der öffentlichen, auf die Vereinbarkeit von (weiblicher) Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung enggeführten Care-Debatte häufig untergehen: Wie suchen wohlfahrtsstaatliche Politiken familiäre Sorgetätigkeiten trotz sich verändernder Geschlechterarrangements sicherzustellen (vgl. z.B. Appelt/Fleischer zur familialen Care-Arbeit in Österreich)? Wie wirken sich ökonomische Krisendynamiken auf die gesellschaftlichen Sorge- und Geschlechterverhältnisse aus (u.a. untersucht von Picchi/Simonazzi am Beispiel des mediterranen Care-Modells in Zeiten der Austeritätspolitik)? Wie müsste eine an Geschlechtergerechtigkeit und sozialer Gleichheit orientierte gesellschaftliche Organisation von Care-Arbeit aussehen, welche sowohl eine gute Qualität der Versorgung als auch faire Arbeitsbedingungen, ausreichend zeitliche Ressourcen und angemessene Entlohnung für Care-Arbeiter_innen sicherstellt?

Die wohlfahrtsstaatliche Regulierung und konkrete Ausgestaltung der Balance zwischen staatlichen, marktförmigen, zivilgesellschaftlichen und familiären Sorgeleistungen unterliegt – wie der Band sehr schön demonstriert – länderspezifischen Besonderheiten und ist abhängig von einem Mix unterschiedlicher Faktoren (ökonomische Verhältnisse, kulturelle Werte, demografische Entwicklungen, rechtliche Rahmenbedingungen usw.), die es jeweils zu untersuchen und zu erklären gilt. Der Band bietet viele interessante Einblicke, die die Care-Debatte weiterführen und zur Differenzierung beitragen. So besteht neben den internationalen Vergleichen und der gelungenen Integration von empirischer Analyse und kritischer Theoriebildung eine besondere Stärke der Publikation darin, dass sie sich nicht darauf beschränkt, die gegenwärtigen Sorgeverhältnisse einfach abzubilden. Stattdessen suchen und finden die Beiträge in ihnen immer wieder emanzipatorische Potenziale, die die herrschende Organisation von Sorge und Care-Arbeit in Frage stellen und Alternativen aufzeigen. Kritisch anzumerken ist lediglich, dass durch den Fokus auf die Bedingungen von Care-Arbeit die Situation von professionellen und informellen Sorgearbeiter_innen etwas zu einseitig in den Vordergrund gerückt wird, während die Perspektiven der Carenehmer_innen nur sporadisch, aber nicht systematisch einbezogen werden, ein Umstand, der sich nicht zuletzt in der weitgehenden Abwesenheit von Forschungsansätzen der disability studies spiegelt. Forderungen von Behinderten und chronisch Kranken nach Unabhängigkeit und Versachlichung von Care-Beziehungen stehen durchaus im Konflikt mit einer feministischen Care-Ethik, die Interdependenz, Fürsorglichkeit und affektive Beziehungsarbeit als Grundbegriffe sorgsamer Gesellschaften bestimmt. Es wäre daher an der Zeit, den in England und den USA bereits seit längerer Zeit existierenden konstruktiven Dialog zwischen Sozialwissenschaften, Geschlechterforschung und Disability Studies auch hierzulande zu intensivieren.   

In Zeiten globaler ökonomischer und sozialer Krisen wird die Analyse der gesellschaftlichen Sorgeverhältnisse, wie eingangs bemerkt, vermehrt auf die soziologische Agenda gesetzt. Die Herausgeberinnen sehen damit auch Aufforderungen an die soziologische Disziplin als Ganze verknüpft: Es gehe darum, alte Rezeptionssperren zu überwinden und den geschlechtersoziologischen Erkenntnis- und Forschungsstand zur Kenntnis zu nehmen, dessen hohe Relevanz für die Thematik offenkundig sei. Zudem sei die Selbst-Positionierung der Soziologie als nicht nur beobachtende, sondern kritisch-engagierte Wissenschaft erforderlich: um „ihren Platz in der Gesellschaft und, in kritischer Denktradition betrachtet, an der Seite der Zivilgesellschaft“ (Aulenbacher/Riegraf/Theobald: 16). Wer diesen Aufforderungen folgen möchte, findet in dem Sammelband viel Stoff zum Weiterdenken und Diskutieren.  

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Imke Schmincke.