Und der Zukunft zugewandt

Rezension zu "Handbuch Geschichte der deutschsprachigen Soziologie. Band 1-3" von Stephan Moebius, Andrea Ploder, Nicole Holzhauser und Oliver Römer (Hg.)

Wer als Rezensent das dreibändige, überwiegend von Stephan Moebius und Andrea Ploder verantwortete „Handbuch Geschichte der deutschsprachigen Soziologie“ auf den Schreibtisch bekommt, dem stellt sich, bevor er auch nur eine Zeile gelesen hat, gleich eine Reihe von Fragen. Darunter dürfte die nicht unwichtigste sein, ob es sinnvoll ist, sich mit diesem über drei Kilogramm schweren „Ding“ etwa zur ungestörten Lektüre von jenem Tisch überhaupt wieder wegzubewegen – zu umständlich und schwer ist ein Transport dieses Wälzers. Selbstverständlich sind logistische Probleme solcher Natur weder ein Einwand gegen die Produzenten des Handbuches noch gegen das Produkt selbst, ist es doch eine Handbücher charakterisierende Eigenschaft, sowohl dick als auch schwer zu sein.

So scheint eine nächste, sich aufdrängende Frage sinnvoller zu sein, nämlich ob es wirklich notwendig war, ein dreibändiges Handbuch vorzulegen, eines, dessen Bände bereits wegen ihres Seitenumfangs höchst unterschiedlich ausfallen: Während der erste Band mehr als 1100 Seiten umfasst, beträgt das Volumen des zweiten nur mehr etwas über 400, dasjenige des dritten gar nur knapp über 100 Seiten. Hätte eine andere Umfangsgestaltung nicht Kosten sparen können, selbst wenn die Untertitel der Einzelbände signalisieren, dass inhaltlich jeweils Unterschiedliches auf die drei Buchkörper verteilt wurde?

Schließlich wird man sich womöglich – noch immer steht ein lesender Erstkontakt aus – eine dritte, ganz und gar grundsätzliche Frage vorlegen, nämlich ob es überhaupt angemessen ist, ein Handbuch zur Geschichte der deutschsprachigen Soziologie aufzulegen, einmal angenommen, dass – wie uns Wikipedia sagt – ein ‚Handbuch eine geordnete Zusammenstellung eines Ausschnitts des menschlichen Wissens ist, das als Nachschlagewerk dienen kann‘, und dass ein solches Nachschlagewerk – wie es die weitergehende Annahme des Rezensenten wäre – sich auf ein einigermaßen gut etabliertes und beforschtes Wissensgebiet bezieht. (Über die Annahme, dass es so etwas wie eine „deutschsprachige“ Soziologie gibt, anders als etwa eine „deutschsprachige“ Physik, Biologie oder Informatik, sei hier nicht spekuliert, obwohl durchaus auch noch gefragt werden könnte, wie sinnvoll es ist, innerhalb einer Wissenschaft wie der Soziologie Differenzierungen einzuführen, die meinen, zwischen einer deutsch-, englisch- oder französischsprachigen Soziologe trennscharf unterscheiden zu können. Gehört eine in die Schule der Luhmann’schen Systemtheorie gegangene Soziologin, die in Italien lehrt, zur deutschsprachigen Soziologie?)

Nun scheint die Publikation von Handbüchern derzeit eine Art Modeerscheinung zu sein. Da die Veröffentlichung thematisch eingegrenzter Monografien mit Risiken behaftet ist – jede Themenstellung schränkt im Zeitalter durchgreifenden Expertentums die prospektive Leserschaft ein –, setzen die Verlagshäuser auf Buchentitäten, die jeweils innungsweit rezipiert werden müssten. Also kommen beispielsweise im Metzler-Verlag ständig Handbücher zu berühmten Literaten und Sozial- und Geisteswissenschaftlern heraus, so dass wir uns in überaus sachkundig zusammengestellten, daher nützlichen Aufsatzkompilationen über Leben, Werk und Wirkung von Köpfen wie Franz Kafka, Martin Heidegger oder Pierre Bourdieu ins Bild setzen können. Auch der Suhrkamp-Verlag hat sich jüngst mit der Publikation eines Simmel-Handbuchs hervorgetan – ebenfalls mit guten Gründen, weil die Literatur zu Georg Simmel wie diejenige zu anderen, gerade genannten Autoren kaum mehr zu überblicken ist. Also befriedigen handbuchartige Synthesen und verdichtete Einführungen in den jeweiligen Forschungsstand dringende Bedürfnisse, die über einen engen Kreis von Interessent*innen hinausgehen, mithin auch in höheren Auflagen zu verkaufen sein dürften.

Doch ist der Forschungsstand zur Geschichte der deutschsprachigen Soziologie tatsächlich derart unübersichtlich, dass es eines Handbuches bedürfte? Die Antwort auf diese Frage kann so eindeutig nicht ausfallen, jedenfalls dann nicht, wenn man die Publikationstätigkeit des erstgenannten Herausgebers, diejenige von Stephan Moebius, verfolgt hat, der seit einiger Zeit mit vorzüglichen Arbeiten nicht nur die Geschichtsschreibung zur deutschsprachigen, sondern auch zur französischsprachigen Soziologie[1] maßgeblich prägt. Der seit 2009 in Graz lehrende Moebius hat sich höchst erfolgreich darum bemüht, sowohl substantielle Beiträge zur Soziologiegeschichte vorzulegen, als auch die Methodendiskussion über die Soziologiegeschichtsschreibung voranzubringen, nicht zuletzt in dem 2015 von ihm mitherausgegebenen Sammelband „Soziologiegeschichte“.[2] Und gerade die Lektüre dieses Bandes belehrt darüber, dass – wie die Herausgeber in ihrem Einleitungsbeitrag betonen – noch erhebliche Kontroversen darüber herrschen, was eine Soziologiegeschichte eigentlich leisten kann und soll. Sie lässt außerdem erkennen, dass die bisherige Geschichte der Geschichtsschreibung zur Soziologie – wie vor allem der fulminante Aufsatz von Moebius‘ Grazer Kollegen Christian Fleck[3] herausarbeitet – alles andere als eine Erfolgsstory ist. Unabhängig davon, dass es ganz ohne Zweifel einzelne sehr gute Arbeiten zur Geschichte der (internationalen) Soziologie gab und gibt, muss Fleck eine enorm lange Defizitliste aufmachen, die eher den beklagenswerten Zustand der Soziologiegeschichtsschreibung dokumentiert als eine Situation, in der gesichertes soziologisches Wissen nun handbuchartig kondensiert und dargeboten werden müsste. Wie Fleck hervorhebt, sind a) die meisten der von Soziolog*innen geschriebenen Biografien zu Sozialwissenschaftler*innen höchst konventionell, jedenfalls weit entfernt von dem methodischen Diskussionsstand, der etwa im Bereich der „intellectual history“ vorherrscht,[4] gibt es b) kaum Untersuchungen über das Wirken und Funktionieren großer und einflussreicher Soziologie-Departments und kaum Kollektivbiographien zu Forscher*innengruppen,[5] fehlt c) fast vollkommen eine historische Semantik soziologischer Begriffe,[6] werden d) realistische Einschätzungen über die Tragfähigkeit und Fruchtbarkeit eines theoretischen Forschungsprogramms (im Sinne von Imre Lakatos) kaum je gewagt,[7] besteht e) wenig Interesse an der Frage, wie soziologische Begrifflichkeiten – einmal in andere Disziplinen emigriert – dort ihre Wirkung entfalten und über solche Migrationsprozesse auf die Soziologie zurückwirken,[8] wurden f) bis dato seltenst Analysen zu nicht-staatlichen Auftraggebern sozialwissenschaftlicher Forschung erstellt,[9] und ist g) unter den Autor*innen in der Soziologiegeschichte ein genauer Blick auf Institutionen vergleichsweise selten, eine Perspektive, die zwar in der Wissenschaftsgeschichte einschlägig ist, von den Historiker*innen der Soziologie jedoch ungern eingenommen wird.[10] Angesichts dieses Befundes – und Flecks damalige Diagnose erscheint mir zumindest plausibel und bis heute gültig – bleibt allerdings fraglich, ob zum jetzigen Zeitpunkt ein Handbuch tatsächlich schon fällig ist – wie gesagt ungeachtet der Tatsache, dass zur deutschsprachigen Soziologie bereits höchst aufschlussreiche Arbeiten vorliegen, wobei an Autor*innen wie Wolf Lepenies, Dirk Kaesler, Klaus Lichtblau, Sven Papcke und Erhard Stölting ebenso zu denken ist wie an Volker Kruse, Otthein Rammstedt, Peter Wagner, Reinhard Blomert, Paul Nolte, Ariane Leendertz, Oliver Römer, die schon genannten Stephan Moebius und Christian Fleck sowie schließlich die Mitherausgeberin des Handbuches Andrea Ploder, die jüngst eine Arbeit zur Husserl-Rezeption in der Qualitativen Sozialforschung veröffentlicht hat. Nicht wenige unter diesen Autor*innen sind mit eigenen Beiträgen auch im Handbuch vertreten, was belegt, dass es dessen Herausgeber*innen gelungen ist, mehr oder minder alles, was in der Soziologiegeschichtsschreibung Rang und Namen hat, zu versammeln. Dennoch bleibt die Frage, ob die Zeit für ein Handbuch schon gekommen ist? Auf sie wird am Schluss dieser Rezension noch zurückzukommen sein!

Beginnen wir mit dem ersten Band, demjenigen, der das Wissen über die deutschsprachige Soziologie auf über 1100 Seiten versammelt und in acht Teilen vergegenwärtigt. Die Logik der ersten vier Teile ist eine chronologische: in Teil I wird die Geschichte zwischen 1871 und 1918 verhandelt, in Teil II diejenige zwischen 1918 und 1945, in Teil III und IV schließlich diejenige nach 1945, wobei es in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg einerseits um die jeweils dominanten Paradigmen und Kontroversen geht, andererseits darum, wie die deutschsprachige Soziologie andernorts entstandene oder dort ‚großgewordene‘ Theorien rezipiert hat. Was erfährt man in diesen Teilen? Zu erkennen – und dies ist sofort zu loben – ist das verdienstvolle Bemühen der Herausgeber*innen, von der Deutschlandzentrierung wegzukommen und die österreichische ebenso wie die schweizerische Soziologie gleichberechtigt in den Blick zu nehmen. Da über die Epoche der sogenannten Klassiker und Gründerväter bislang am meisten geforscht wurde, sind die in Teil I präsentierten Ergebnisse selbstverständlich nicht alle neu – das können und sollen sie in einem Handbuch auch nicht sein! Dennoch liest man Klaus Lichtblaus konzise Skizze der Gründungsphase der Soziologie mit Gewinn, in der etwa darauf aufmerksam gemacht wird, wie spät Max Weber den Begriff „Soziologie“ verwendet hat und die mit der provozierenden These aufwartet, ausgerechnet die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg und die Novemberrevolution sei zu einer Art Glücksfall für die akademische Institutionalisierung der Soziologie geworden (Band 1, S. 31). Aufschlussreich auch, wie Gerald Mozetič mit Blick auf Österreich verdeutlicht, dass der Hintergrund für die Etablierung der Soziologie ein ganz anderer als in Deutschland war, weil es starke örtliche Initiativen gab – etwa in Wien, aber eben auch in Graz –, die das Fach durchsetzen wollten. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Sozialdemokratie wie der Austromarxismus – und dies trotz der Tatsache, dass Figuren wie Ludwig Gumplowicz, der von „Rasse“ sprach, ohne Rassentheoretiker zu sein, höchst einflussreich für die Formierung der Disziplin wurden. Mozetič kann jedoch nicht umhin zu konstatieren, dass – vermutlich inspiriert durch den Vergleich mit der Situation im damaligen Deutschen Kaiserreich – ein gewisser Kontrast unübersehbar sei zwischen der geistigen Lebendigkeit und Ausstrahlungskraft der K.u.K.-Kultur im Allgemeinen und den eher zögerlichen, intellektuell bescheidenen Anfängen der österreichischen Soziologie im Besonderen. Ähnliches gilt auch für die Schweiz, identifiziert Markus Zürcher mit Blick auf die dortige Soziologie doch ausgesprochen heterogene lokale Anfänge, wobei sich in seiner Beschreibung zunächst Lausanne (durch das Wirken von Vilfredo Pareto) und danach insbesondere Genf als die beiden bedeutsamen, das heißt international wettbewerbsfähigen Zentren soziologischer Forschung herauskristallisierten.

In Teil II stellen Alexandra Schauer und Volker Kruse lesenswerte Analysen zur Soziologie in der NS-Zeit zur Verfügung, wobei erstere intensiv auf die vergangenen und anhaltenden Kontroversen über den Stellenwert oder gar die (von manchen bestrittene) Existenz einer Soziologie unter Bedingungen nationalsozialistischer Herrschaft eingeht, die Uneinheitlichkeit der NS-Soziologie betont und den erstmaligen Aufstieg sozialwissenschaftlicher Experten in Deutschland bemerkenswerterweise auf die Zeit zwischen 1933 und 1945 datiert. Volker Kruse zeichnet in ausgewogener Manier und unter Verwendung eines Generationenansatzes nochmals die Kontinuitäten zwischen der Soziologie im sogenannten „Dritten Reich“ und der Nachkriegssoziologie nach. Er analysiert die Tabuisierung der NS-Herrschaft bei denjenigen, die nach 1945 erstmals auf soziologische Professuren gelangten, und verdeutlicht, welche abstraktifizierenden Argumentationsstrategien durch die NS-Zeit belastete Autoren wie Arnold Gehlen, Hans Freyer oder Helmut Schelsky benutzten, um eben diese Tabuisierung bei ihren Schüler*innen vorzubereiten. Und nebenbei lässt sich in Kruses Beitrag lernen, welche soziologischen Publikationen aus der NS-Zeit auch heute noch mit Gewinn zu lesen wären. – Christian Flecks Darstellung der Situation in Österreich während dieser Zeit fällt ebenso erfreulich wie deprimierend aus. Erfreulich deshalb, weil Fleck selten mit einem klaren Urteil hinterm Berg hält, deprimierend, weil er zeigt, wie wenig Interesse Österreich nach 1945 für die durch den Nationalsozialismus vertriebenen Sozialwissenschatler*innen aufbrachte, wie wenige in die Emigration getriebene Soziolog*innen folglich in ihr vormaliges Heimatland zurückkehrten. – Die auf die Schweiz bezogenen Analysen von Markus Zürcher bestechen deshalb, weil es ihm gelingt, die Verflechtung zwischen der deutschen und der schweizerischen Soziologie in dieser Zeit sorgfältig nachzuzeichnen (herausgearbeitet wird insbesondere die Nähe zwischen der Heidelberger und der Baseler Soziologie). Gewürdigt wird nicht zuletzt das Wirken von René König beziehungsweise dasjenige seines Schülers Peter Heintz in Zürich sowie die exponierte Rolle von Jean Piaget in Genf.

Insgesamt neun Beiträge leuchten die „Paradigmen, Hegemonien und Kontroversen“ nach 1945 aus, wobei Lothar Peter in einem dicht geschriebenen Aufsatz auch genauer auf die Geschichte der DDR-Soziologie eingeht. Mit zwei Texten in diesem Teil III glänzt der Mitherausgeber Stephan Moebius, der auf jüngst von ihm vorgelegte Arbeiten zurückgreifen kann, um die lokalen Zentren der westdeutschen Soziologie mit ihren tonangebenden Professoren zu beleuchten. Also ist von Köln und dem dortigen Wirken René Königs die Rede, von Münster unter dem Einfluss von Schelsky, schließlich von Göttingen und dem Einfluss, der dort von Helmuth Plessner und Hans-Paul Bahrdt ausging. Zudem erinnert Moebius daran, wie stark die politische Soziologie und die Politikwissenschaft in Berlin und hier insbesondere Otto Stammer durch die Förderung ihres wissenschaftlichen Nachwuchses ausstrahlten, zu dem so bedeutende Figuren wie Renate Mayntz, Wolfgang Schluchter oder Peter Weingart zählten. – Christian Fleck steuert auch in diesem Teil einen höchst instruktiven Aufsatz bei, der die konservative ÖVP-Herrschaft an den österreichischen Universitäten mit der daraus folgenden Berufungspolitik, die vor allem aus dem katholischen Milieu schöpfte, beschreibt (großartig sind Flecks Ausführungen zum Ablauf der damaligen Berufungsverfahren, S. 332) und nochmals heraushebt, wie viele glänzende Soziolog*innen das Land verließen, um im Ausland Karriere zu machen – von Helga Nowotny über Karin Knorr-Cetina zu Georg Vobruba und Michael Pollak. Fleck reißt außerdem ein Thema an, über das man in den drei Bänden des Handbuches gerne sehr viel mehr erfahren hätte, nämlich die sich wandelnde Stellung der Professor*innen, ein Punkt, der natürlich gerade in Österreich aufgrund der dortigen Abschaffung des Beamtenstatus für Professor*innen zu Beginn dieses Jahrtausends fast automatisch ins Blickfeld rückt. – Zwei weitere Beiträge verdienen in diesem Teil III zumindest eine kurze Erwähnung: Fran Osrecki lässt mit seinen Thesen zur großen Beliebtheit und zum ebenso großen Erfolg von Gegenwarts- oder Zeitdiagnosen im deutschsprachigen Raum deshalb aufhorchen, weil er die nicht unplausible These vertritt, im Zeitalter der theoretischen ‚Paradigmatase‘ dienten gerade Zeitdiagnosen als eine Art Theorieersatz. Sie genössen im Fach nicht deshalb solche Popularität, weil sie überzeugend und unangreifbar seien, sondern weil man sich an ihnen in verschiedenen Theorielagern gut abarbeiten könne, weil sie Kommunikation ermöglichten. Osrecki betont, anders gesagt, die innerwissenschaftliche Kommunikation animierende Funktion von Zeitdiagnostik – ein nachdenkenswerter Punkt in Zeiten, in denen annähernd im Monatsrhythmus das Heraufkommen eines neuen und wieder ganz anders gearteten Gesellschaftstyps beschworen wird (S. 471ff.). – Oliver Römer schließlich stellt sich erstmals die bis dato kaum je unternommene Aufgabe, die Geschichte der deutschsprachigen Nachkriegssoziologie anhand ‚ihrer‘ Verlage, Buchreihen und Zeitschriften nachzuzeichnen und damit gewissermaßen einen ‚materiellen Blick auf die Ideengeschichte‘ zu werfen (S. 479). Römer weiß selbst, dass eine solche, ernsthaft vorgenommene Sondierung eine systematische Durchforstung von Verlagsarchiven verlangt hätte, wie er sie für diesen Aufsatz (und zu diesem Zeitpunkt) nicht leisten kann. Doch ist ihm hoch anzurechnen, dass er mit seinem wichtigen Anlauf einen Impuls dazu liefert, diese Forschung in Angriff zu nehmen, sind seine Belege dafür, wie sehr die deutschsprachige Soziologie durch bestimmte Verlage und durch die von meist männlichen Herausgebern betreuten Reihen geprägt wurden, doch außerordentlich eindrücklich. Und Eindruck hätte wohl auch der (von Römer allerdings nicht genannte und in den sonstigen Beiträgen ebenfalls ausgesparte) Befund hinterlassen können, dass auch privates Mäzenatentum die Soziologie respektive ihren Textkanon erheblich geprägt hat: es reicht ja, sich nur zu vergegenwärtigen, wer etwa die enorm kostspieligen Gesamt- und Werkausgaben von Theodor W. Adorno, Walter Benjamin oder Ferdinand Tönnies finanziert hat. Aus dem Eigenkapital der Verlage oder in Erwartung zukünftiger Verlagsrenditen wären solche Editionsprojekte sicherlich weder finanziert noch überhaupt auf die Beine gestellt worden!

Teil IV des Bandes, der sich der Rezeption ‚fremder‘ Theorien widmet, wobei insgesamt acht Aufsätze der Aufnahme des Sozialkonstruktivismus ebenso nachgehen wie derjenigen von Bourdieu oder des Strukturfunktionalismus, erscheint mir als einer der schwächeren Teile von Band I des Handbuchs. Dabei beruht der Eindruck keineswegs darauf, dass diese Beiträge womöglich falsche, problematische oder gar unwichtige Behauptungen aufstellen. Was irritiert, ist der Umstand, dass einige so geschrieben sind, als beschäftige sich die Theorieproduktion und innerwissenschaftliche Rezeption vorgelegter Theorien in erster Linie mit der bürokratischen Klein- und Aufarbeitung andernorts aufgeworfener Probleme. Dass es in theoretischen Kontroversen „um etwas ging“ und noch immer „geht“, dass es sich oft um intellektuelle Abenteuer handelte und handelt, die ob ihrer umstrittenen Thesen und Hypothesen unsere Aufmerksamkeit verdienen, ist in den Darstellungen kaum spürbar. Die rühmliche Ausnahme bildet nach meinem Eindruck der Aufsatz von Robert Seyfert zur Foucault-Rezeption. Sein Text vermittelt in der Tat das Gefühl, die Vergegenwärtigung der Arbeiten von Michel Foucault sei mehr und anderes als eine antiquarische Dienstleistung. Sie verweist demgegenüber auf veritable Konflikte, die nicht nur lebensgeschichtlicher, sondern durchaus auch weltanschaulicher Natur waren. Mithin wird die Irritationsfähigkeit und der Irritationswille bestimmter intellektueller Milieus handgreiflich, seien sie nun in Berlin, Freiburg oder Bochum beheimatet. Auch soziologisches Theoretisieren hat – so sollte man zumindest postulieren – etwas mit der sozio-politischen Gegenwart zu tun, und Seyfert vermag den Umstand, dass auch Soziologie ihre Zeit in Gedanken ist, überaus scharf zu beleuchten. Allein deshalb sollte man seinen Aufsatz lesen, selbst wenn man – wie der Rezensent – den Analysen Foucaults eher mit Vorbehalten begegnet.

Die Teile V bis VIII im ersten Band des Handbuchs widmen sich der Methodengeschichte und der Entwicklung empirischer Sozialforschung, den Institutionalisierungsprozessen von Fachgesellschaften und soziologischen Fachzeitschriften sowie schließlich der Funktionsweise und Etablierung von Forschungseinrichtungen. In diesen Beiträgen wird bei weitem zu viel verhandelt, als dass es hier auch nur in groben Zügen vorgestellt werden könnte. Vielleicht sind aber einige Schlaglichter angebracht? Reinhard Müller erinnert in zwei Aufsätzen daran, wie entschieden der heute weithin vergessene Rudolf Goldscheid (er dürfte nur noch den am Steuerstaat Interessierten bekannt sein) versucht hat, eine soziologische Fachgesellschaft in Österreich zu etablieren, wie sehr er bereits vor 1914 darum bemüht war, Beziehungen nach Deutschland zu knüpfen. Die Aufsätze von Uwe Dörk und Henning Borggräfe thematisieren frühere Debatten, die sich auch heute noch über die Bedeutung von Fachgesellschaften führen ließen: Was ist eigentlich der Sinn einer Fachgesellschaft (S. 818), sieht man einmal von der offensichtlichen Lobbyfunktion ab, die solche Interessengemeinschaften erfüllen? Die Frage ist deshalb von Belang, weil etwa die DGS – wie Borggräfe zeigt – seit den 1970er Jahren kein Motor mehr für die über Sektionsgründungen erfolgte Ausdifferenzierung des Faches gewesen ist. Sie hat diese quasi naturwüchsige Ausdifferenzierung ‚von unten‘ nur mehr akzeptiert und widergespiegelt. Kein Wunder, dass nach wie vor Diskussionen über die (beklagenswerte) Fragmentierung des Faches stattfinden – eine Fragmentierung, die (dieser heikle Punkt wird leider nicht zum Thema) sich entweder darin niederschlägt oder dadurch vorangetrieben wird, dass an der Spitze der Fachgesellschaften kaum mehr Vertreter*innen der Disziplin mit großem internationalem Renommee stehen. – Die Aufsätze zu den Fachzeitschriften übermitteln wichtige Daten zum überall beobachtbaren Trend einer abnehmenden Bedeutung von Artikeln mit explizitem Theoriebezug (abzulesen an der „Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie“ ebenso wie an der „Schweizerischen Zeitschrift für Soziologie“), auch wenn Klassikersonderhefte (siehe den Aufsatz von Frank Ettrich zum „Berliner Journal für Soziologie“) noch immer stark nachgefragt werden, zur (langsamen) Zunahme der Frauenanteils unter den Autor*innen und zum Wachstum des Anteils von Publikationen vor allem jüngerer Soziolog*innen. Die Frage nach dem Anteil nicht-nationaler Autor*innen in den jeweiligen Fachzeitschriften wird leider nur im Aufsatz von Werner Reichmann zur „Österreichischen Zeitschrift für Soziologie“ zureichend beantwortet (S. 972). Der oft höchst schwierige und auf alle möglichen Zufälle treffende, damit historiografisch aber umso interessantere Aushandlungsprozess bei der Gründung einer neuen Zeitschrift wird in Heinz Hartmanns Aufsatz zur „Soziologischen Revue“ zum Thema. – In Teil VIII, dem letzten des Bandes, wird in sechs Texten die Geschichte von sieben Forschungseinrichtungen dargelegt und analysiert, diejenige des Instituts für Höhere Studien in Wien, des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin, des Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung in München, des SOFI in Göttingen, des WZB und des früheren Max-Planck Instituts in Starnberg und des jetzigen in Köln. Die präsentierten Erfolgs- und Misserfolgsgeschichten sind alle höchst lesenswert. Besonders hervorzuheben ist der von Andreas Knie und Dagmar Simon geschriebene Aufsatz zum WZB insofern, als er durchaus selbstkritisch die Frage aufwirft, was in der aktuellen Forschungslandschaft überhaupt noch unter „problemorientierte Grundlagenforschung“ zu verstehen wäre – das heißt unter dem Schlagwort, auf das hin sich das frühe WZB ausrichtete. Und in dem von Michael Schumann und dem 2018 verstorbenen Martin Baethge geschriebenen Text zum SOFI ist nachzulesen, wie zentral die damaligen Debatten um das Verhältnis von Forschung und Lehre für das An-Institut waren, welche Verwaltungsstrukturen dem SOFI für seine (industriesoziologischen) Zielsetzungen unabdingbar schienen und auf welche Zielkonflikte es bei seiner wesentlich durch Drittmittel finanzierten Forschung stieß. Von daher liefert der Aufsatz eine Art instruktives Lehrstück über die verschlungene Dialektik zwischen Forschungsvisionen und ihrer Verwirklichung, gerade eingedenk der erst im historischen Rückblick aufzuwerfenden Fragestellung, wie stark zeitgebunden die SOFI-Gründung doch war.

Der jetzt resümierte Band I des Handbuchs versammelt gewissermaßen das Wissen über die Geschichte der deutschsprachigen Soziologie. Auf die beiden anderen Bände, die eine andere Zielsetzung verfolgen, werde ich noch kurz eingehen. Dennoch sei ein erstes Fazit schon gezogen, eines, das den (vorläufigen) Gesamteindruck des Rezensenten zusammenfasst, wie er sich nach der Lektüre der mehr als 1100 Seiten und mit Blick auf folgende Frage eingestellt hat: Was war die deutschsprachige Soziologie, was war sie nicht?

Nun dürfte es, was den historiografischen Stand der deutschsprachigen Soziologie anlangt, nicht sinnvoll sein, auf die von Christian Fleck aufgemachte und ganz zu Beginn zitierte Defizit- und Mängelliste der bisherigen Soziologiegeschichtsschreibung zurückzukommen; schließlich können die Herausgeber*innen des Handbuchs nur das aufbereiten und präsentieren, was bereits in der Vergangenheit erforscht worden ist. Doch ungeachtet dieser Sachlage scheint mir das vorgelegte Handbuch aufgrund seiner Machart eine Reihe von Auffälligkeiten aufzuweisen, die kritisch zu beleuchten sind. So sehr es zweifelsohne gelungen ist, die deutsche, österreichische und schweizerische Soziologie einzufangen, so sehr fällt auf, wie wenig in diesem Handbuch eigentlich von den Nachbardisziplinen die Rede ist. Die Soziologie findet sich in den über 50 Aufsätzen des ersten Bandes weitgehend als eine autonome Wissenschaft dargestellt, deren Beziehungen zu Nachbarfächern unausgelotet bleiben. Wie sich die Grenzen zwischen der Soziologie und anderen Disziplinen wie etwa der Politikwissenschaft, den Wirtschaftswissenschaften, der Philosophie, Ethnologie und Anthropologie herauskristallisiert haben, wird allzu selten zum Thema, was umso merkwürdiger ist, als die Lektüre eines Handbuches zur deutschsprachigen Soziologie ja etwas zur Einsicht in deren Spezifika beitragen sollte – also beispielsweise ihre Besonderheit im Verhältnis zur französischsprachigen Soziologie kennzeichnen könnte.[11] Um nicht missverstanden zu werden: natürlich sind Stephan Moebius, dem Mitherausgeber, solche Dinge völlig klar, wie seine schon zitierte, gleich auf mehrere Disziplinen blickende Studie zum Pariser Collège de Sociologie eindrücklich demonstriert hat. Auch die beiden Herausgeber*innen markieren in ihrer Einleitung kurz diesen ‚blinden Fleck‘ (S. 5). Dennoch bleibt bemerkenswert, wie wenig die Lektüre des Handbuchs (mit Ausnahme derjenigen Teile, welche die Zeit der Gründerväter abhandeln) die Wahrnehmung darauf lenkt, dass sich die deutschsprachige Soziologie in einem ganz besonderen Fächerfeld entwickelte, weshalb sich – nur ein prominentes Beispiel – offensichtlich ihr Verhältnis zur Geschichtswissenschaft seit den späten 1960er Jahren ganz anders gestaltet hat als etwa in Großbritannien oder in den USA, wo die Historische Soziologie zu blühen begann, während sie im deutschsprachigen Raum stets ein randständiges Dasein fristen sollte. – Irritierend für eine unbefangene Leserin ist auch, dass sich die Darstellung in einzelnen Aufsätzen selten (eine der wenigen Ausnahmen ist der schon erwähnte Beitrag von Baethge und Schumann) auf bestimmte Themen und Bücher konzentriert. Was der thematische Schwerpunkt der deutschen, österreichischen oder schweizerischen Soziologie je gewesen sein könnte, ist den Texten nicht zu entnehmen. Gab es Brennpunkte wie in der deutschen Politikwissenschaft nach 1945, wo in der Anfangsphase Forschungen zur DDR und zu Weimar, aber auch zum Nationalsozialismus das Fach prägten, bevor die Parteien-, die Wahl- und Parlamentarismusforschung und – sehr viel später – die Verbände- und Policy-Forschung an Gewicht und Einfluss gewannen?[12] Kann man – jenseits der wiederkehrenden ebenso theoretischen wie abstrakten Kontroversen um Positivismus und Kritische Theorie, um Spätkapitalismus und Industriegesellschaft, um Moderne und Postmoderne, um funktionale Differenzierung und soziale Ungleichheit[13] – irgendwelche empirischen oder zumindest Empirie nahen Themen erkennen, mit denen die deutschsprachige Soziologie leidenschaftlich gerungen hätte? Gab es kein Thema, das demjenigen des „Black Ghetto“ in den USA vergleichbar gewesen wäre, dessen lange und höchst kontroverse Diskursgeschichte uns jüngst Mitchell Duneier zugänglich gemacht hat?[14] – Und was ist mit den Büchern und ihren Verfassern? Welche Monografien sind in einzelnen Forschungsfeldern wichtig und forschungsleitend gewesen? Was waren die Veröffentlichungen, die Epoche machen konnten? Darüber erfährt man – mit Ausnahme der sich als Zeitdiagnosen begreifenden Arbeiten – bedauerlich wenig, was gleichzeitig dafür sorgt, dass bestimmte Autor*innen in ein merkwürdiges Licht geraten oder besser: in dunkelste Schatten gestellt werden. Der Name von Jens Beckert taucht, um ein beliebiges Exempel anzusprechen, in diesem Band I dreimal auf – und zwar um ihn in seiner Funktion entweder als Herausgeber der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie oder als Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln zu adressieren. Darüber, dass Beckert mit seinen monografischen Studien zur Entwicklung und Etablierung der deutschen Wirtschafts- und Marktsoziologie Erhebliches geleistet hat und noch immer leistet, ja dass sie ihm enormen internationalen Einfluss eingetragen haben, schweigt sich das Handbuch aus. Nun ließe sich einwenden, als noch einigermaßen junger Wissenschaftler müsse Beckert in einem Handbuch zur Geschichte der Soziologie nicht unbedingt prominent vertreten sein. Freilich widerfährt das gleiche Schicksal auch seiner Vorgängerin in Köln, Renate Mayntz, die gerade ihren 90. Geburtstag feierte. Namentlich taucht sie zugegebenermaßen deutlich häufiger als Beckert auf, aber überwiegend wieder als Funktionsträgerin, das heißt eben nicht als produktive Autorin, originelle Anregerin, als begnadete Themensetzerin etc. Noch eine Menge weiterer Namen und weiterer Bücher ließe sich auflisten, worauf ich allerdings verzichten kann, weil der Punkt, der mir wichtig ist, klar geworden sein dürfte: Tendiert die Art und Weise, wie die Texte im Handbuch dargeboten werden, nicht dazu, die individuellen intellektuellen Leistungen deutschsprachiger Soziolog*innen zu verdecken? Unterbindet die Machart des Handbuchs nicht von vornherein die Möglichkeit, die Konkurrenzfähigkeit oder das „Standing“ der deutschsprachigen Soziologie (oder zumindest von Teilen dieser Soziologie) im internationalen Vergleich zu eruieren? Und dies auch deshalb, weil uns das Handbuch zwar vieles über die Rezeption nicht-deutschsprachiger Theorieansätze verrät, jedoch kaum etwas darüber, welche Bücher – gleichgültig ob empirischer oder theoretischer Ausrichtung – ins Englische oder in andere Sprachen übersetzt wurden? Ganz verschwiegen werden Erkenntnisse darüber, welche deutschsprachigen Autor*innen insbesondere nach 1945 gerade aufgrund ihrer internationalen Reputation den deutschsprachigen Raum verlassen haben, um in renommierten ausländischen Universitäten und Instituten ihre Arbeit fortsetzen zu können. Also bleibt (mit Ausnahme des schon genannten und auf Österreich bezogenen Beitrages von Christian Fleck) ein wissenschaftshistorisch so bedeutsames Phänomen wie „braindrain“ ausgespart. – Auffallend ist zudem, dass so gut wie nichts über Machtstrukturen in der deutschsprachigen Soziologie und ihrem Umfeld mitgeteilt wird, was besonders ins Auge sticht, zieht man die bereits zitierte Geschichte der Politikwissenschaft in Deutschland aus der Feder von Wilhelm Bleek als Kontrastfolie heran: Dort garantiert eine bewusste Schwerpunktsetzung, dass die Leserschaft nicht nur über den nach 1945 erfolgten quantitativen Ausbau der Disziplin (auf Studierendenseite ebenso wie auf Seite der Professoren und Assistenten) ins Bild gesetzt wird, sondern auch über einen (vorwiegend gegen die Geschichtswissenschaft geführten und der Absicht verschriebenen) Kampf der Politikwissenschaft, in den Schulen curricular durch Fächer vertreten zu sein, die damals – von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich – als „Sozialkunde“ oder „Gemeinschaftskunde“ etc. firmierten.[15] Demgegenüber scheint sich die Soziologie, so jedenfalls suggeriert es die Lektüre des Handbuches, kaum je dafür interessiert zu haben, was es für ein akademisches Fach bedeutet, wenn es – wie seit den 1980er Jahren geschehen – zunehmend aus den schulischen Lehrplänen verschwindet, die Schüler*innen in verschiedenen Bundesländern nur mehr über „PoWi“ (Politik und Wirtschaft) unterrichtet werden, ohne je etwas über eine Disziplin wie die Soziologie zu hören. Ist das wirklich der Fall, und wenn ja, was verrät ein solches Desinteresse über die Zukunft der Disziplin, über die objektiven Chancen ihrer Selbstreproduktion, über die Rekrutierungsmöglichkeiten aufgeweckter Schüler*innen für ein etwaiges Hochschulstudium der Soziologie? All dies sind Fragen, die man in einer Geschichte der Soziologie gerne beantwortet fände.

Aber vielleicht wird eine zukünftige Historiografie zur (deutschsprachigen) Soziologiegeschichte die unbeantworteten Fragen ja aufgreifen und die von Christian Fleck aufgemachte Defizit- oder Mängelliste sukzessive abarbeiten? Damit es dazu kommt und kommen kann, wurde Band II des Handbuches so konzipiert, wie er jetzt vorliegt, nämlich als eine Art „Werkzeugkasten“ und Anleitung zum Schreiben guter Soziologiegeschichte. Fast 30 Aufsätze geben Auskunft darüber, wie sich Lehrveranstaltungs-Protokolle, Berufungsakten oder akademische Nachrufe als Daten der Soziologiegeschichte verwenden lassen, welche Datenbanken nützlich sind (hier ist vor allem der Aufsatz von Nicole Holzhauser hervorzuheben), wo sich die wichtigsten deutschen, österreichischen oder schweizerischen Archive befinden, wo die Nachlässe von Tönnies, Theodor Geiger, Adorno oder Friedrich Tenbruck liegen. Dies Informationsangebot dürfte extrem hilfreich sein, nicht wenige der Beiträge lesen sich als eine überzeugende Werbung für die Soziologiegeschichte, nicht zuletzt derjenige von Christian Fleck, der mit Witz und vielen Tipps den Soziolog*innen die Angst vor der Archivbenutzung nimmt. Demgegenüber spricht der diesen Band II einleitende, umfängliche Aufsatz von Stephan Moebius die Hürden an, vor die sich eine auf der Höhe der Zeit befindliche Soziologiegeschichtsschreibung gestellt sieht. Moebius bietet in seinem instruktiven Text theoretisch-methodische Hilfestellungen an, indem er der Soziologie Konzepte und Arbeitsweisen aus der Ideengeschichte und „intellectual history“ empfiehlt, die – so der Duktus seiner Argumentation – von den historiografisch interessierten Soziolog*innen aufgegriffen werden müssten, sollen die von Christian Fleck angemahnten Defizite herkömmlicher Soziologiegeschichtsschreibung beseitigt werden. Wollte man seine Intervention bösartig akzentuieren, wäre Moebius‘ Aufsatz als ein Hilferuf zu interpretieren, der die Kolleg*innen dringend dazu animierte, es in Zukunft doch bitte besser zu machen. Dabei ist Moebius selbst durchaus optimistisch. Er traut der Soziologie zu, aus sich heraus einen Zustand herbeizuführen, der es den Soziolog*innen – irgendwann – gestatten wird, eine methodisch elaborierte und den Vergleich mit anderen Disziplingeschichten bestehende Soziologiegeschichte zu verfassen: „Insbesondere mit Blick auf eine historische Betrachtung einer Disziplin wie der Soziologie ist die Behauptung, die Geschichtswissenschaften könnten den sozialen Kontext besser als andere Disziplinen ins Auge fassen, abwegig, da die Soziologie bereits aus ihrem fachlichen Selbstverständnis heraus den sozialen, kulturellen und politischen (Entstehungs- und Verbreitungs-)Kontext von Ideen in der Regel – etwa inspiriert durch Karl Mannheims wissenssoziologische Analysen – mit einbezieht.“ (Band II, S. 6)

Ob alle Beiträger*innen des Handbuchs diese Meinung und damit auch Moebius‘ Zuversicht teilen, dürfte fraglich sein. Der Rezensent jedenfalls ist eher pessimistisch, nicht zuletzt, weil die immer weiter vorangetriebene Spezialisierung und die in der Soziologie mittlerweile übliche universitäre Ausbildung die Erarbeitung einer solchen, fächerübergreifenden Kompetenz eher blockieren als prämieren. So ist zu befürchten, dass man als Soziologe oder Soziologin irgendwann die wissenschaftliche Satisfaktionsfähigkeit gegenüber den methodisch besser ausgebildeten Historiker*innen einbüßt und das Feld wird räumen müssen.

Der schmale Band III präsentiert zum Abschluss eine – wie der Untertitel bereits ankündigt – „Zeittafel“ der deutschsprachigen Soziologie, die – beginnend mit dem Jahre 1603 und der Veröffentlichung von Johannes Althusius‘ „Politik“ und endend mit dem DGS-Kongress, der 2018 in Göttingen stattfand – ausgewählte Institutionen, Personen und Publikationen verzeichnet, die eine gemeinsame Jahreszahl verbindet. Natürlich nicht erschöpfend, allerdings doch aufschlussreich und interessant, lässt sich dank eines solchen Tableaus ermitteln, wer wann wohin berufen wurde, wer wann im Vorstand welcher Fachgesellschaft vertreten war, wer wann welches wichtige Buch publiziert hat. So kann man schnell nachlesen, dass der „Mittelweg 36“ 1992 gegründet wurde, im selben Jahr, in dem das Centre Marc Bloch in Berlin und das Ludwig-Boltzmann Institut für Menschenrechte in Wien ins Leben gerufen, die DGS-Sektion „Modellbildung und Simulation“ eingerichtet und Ilse Lenz auf einen Lehrstuhl für Soziologie in Bochum berufen wurde. Die Macht der Synchronie will außerdem, dass in diesem Jahr beispielsweise Hans Joas die „Kreativität des Handels“ publizierte und Reinhard Kreckel seine „Politische Soziologie der sozialen Ungleichheit“ (Band III, S. 86f.). Dass „Soziopolis“ 2015 startete und somit in dasselbe Jahr gehört, in dem der Kongress der Schweizerischen Gesellschaft für Soziologie in Lausanne unter dem Motto „Kollektive Dynamiken. (De-)Regulierung und Öffentlichkeit“ stattfand, ist mehr als interessant und signifikant über eine bloß erste Orientierung hinaus (Band III, S. 103f.). Wer diese Zeittafel, deren Erstellung enorm aufwändig gewesen sein dürfte und somit höchst verdienstvoll ist, konsultiert, gewinnt nicht nur einen raschen Überblick über die Geschichte der deutschsprachigen Soziologie. Die Daten zu den Erscheinungsjahren wichtiger Bücher regen schließlich auch dazu an, nochmals über ein in dieser Besprechung moniertes Defizit nachzudenken, das heißt die Frage zu ventilieren, wie eine Geschichte der Soziologie aussehen könnte, die aus den Thesen der wichtigsten Monographien heraus entfaltet würde.

Insgesamt hinterlässt die Lektüre der drei Bände des Handbuches einen etwas zwiespältigen Eindruck. Kein Zweifel kann daran aufkommen, dass die Herausgeber*innen ein Handbuch vorgelegt haben, das in jede Bibliothek gehört, die sich der deutschsprachigen Soziologie annimmt. Als Nachschlagewerk ist es höchst nützlich. Ob die 3 Bände dazu beitragen können, die Defizite zu beseitigen, an denen die bisherige Soziologiegeschichtsschreibung leidet, steht dahin. Immerhin wurde ja gerade Band II mit diesem Ziel konzipiert. Und verschweigen lässt sich auch nicht, dass Anlage wie Ausführung von Band I Gefahr laufen, den kritikwürdigen status quo der Fachgeschichte noch zu verfestigen. Vielleicht ist das Werk zu früh in Angriff genommen worden, vielleicht ist die Zeit für ein veritables Handbuch der Geschichte der deutschsprachigen Soziologie noch gar nicht reif?

Fußnoten

[1] Stephan Moebius, Die Zauberlehrlinge. Soziologiegeschichte des Collège de Sociologie (1937-1939), Konstanz 2006; Stephan Moebius / Lothar Peter (Hg.), Französische Soziologie der Gegenwart. Konstanz 2004.

[2] Christian Dayé / Stephan Moebius (Hg.), Soziologiegeschichte. Wege und Ziele. Berlin 2015.

[3] Christian Fleck, Skizze einer Methodologie der Geschichte der Soziologie, in: Dayé/Moebius (Hg.), Soziologiegeschichte, S. 34–111.

[4] Ebd., S. 47.

[5] Ebd., S. 51.

[6] Ebd., S. 67.

[7] Ebd., S. 68.

[8] Ebd., S. 71.

[9] Ebd., S. 83.

[10] Ebd., S. 85.

[11] Vgl. etwa die ganz andere Perspektive bei Salvador Juan, L’École Française de Socioanthropologie. Préface de Georges Balandier. Paris 2015; Johan Heilbron, French Sociology. Ithaca, NY 2015.

[12] Wilhelm Bleek, Geschichte der Politikwissenschaft in Deutschland, München 2001.

[13] Vgl. Georg Kneer / Stephan Moebius (Hg.), Soziologische Kontroversen. Beiträge zu einer anderen Geschichte der Wissenschaft vom Sozialen, Berlin 2010.

[14] Mitchell Duneier, Ghetto. The Invention of a Place, the History of an Idea. New York 2016.

[15] Bleek, Geschichte, S. 305 ff.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.