Mithu Sanyal | Rezension |

Let’s Talk About Sex

Rezension zu „Sexkultur“ von Bettina Stangneth

Bettina Stangneth:
Sexkultur
Deutschland
Hamburg 2020: Rowohlt
288 S., 22 EUR
ISBN 978-3-498-00145-2

Let’s talk about sex! Das ist die Forderung von Bettina Stangneths Buch „Sexkultur“: Lasst uns über Sex reden, lasst uns endlich über Sex reden – offen und lustvoll und unverschämt, im Sinne von dreist und ohne Scham.

Also so, wie wir es bereits in allen Talkshows tun und mit allen Hashtags?

Tun wir eben nicht, argumentiert Stangneth, worüber wir statt dessen reden, sind sexuelle Grenzüberschreitungen, #metoo: „Missstände zu thematisieren ist viel einfacher, denn Abwehren ist angenehmer als die gedankliche Zuwendung.“ (S. 11 f.)

Das ist ein Satz, der die Problemlage so treffend beschreibt, dass man sich ihn an die Wand hängen möchte. Allerdings gibt es außer #metoo auch noch andere Hashtags, wie zum Beispiel #sexpositive oder #feministporn. Nun sind diese zwar nicht Mainstream, aber doch zumindest Mainstream der Minderheiten, so sehr, dass der Berliner Senat überlegte, Feministische Pornos im Rahmen der Filmförderung zu fördern. Warum beschäftigt sich Stangneth also nicht mit diesen?

Bei der Lektüre ihres Buches drängt sich der Verdacht auf, dass sie sie schlicht nicht kennt. Die Welt, die sie beschreibt, ist verklemmt und verklemmt:

„In der europäischen Tradition gilt Sex als Gegenteil der Kultur, und Kultur ist das Bollwerk gegen das Tier, von dem es sich unbedingt abzuheben gilt […]. Sex, das ist der Inbegriff unserer Natur und sonst gar nichts, erst als das Gegenteil des Göttlichen gesehen, viel später als das Andere der Vernunft.“ (S. 10)

Und noch viel später? Also heute?

Heute gibt es Stangneths Buch, das sie beschreibt als „eine bewusste Entscheidung dafür, etwas zu tun, was die wenigsten für richtig halten: Es bedeutet, sichtbar und gegen die eigene Angst darüber nachzudenken, was Sex ist und was wir daraus machen können.“ (S. 27) Wirklich nur die wenigsten?

Mail-Provider installieren Filter, die Worte wie ,Vulva‘, ,Vagina‘ oder ,Brüste‘ blockieren, um ihre User*innen vor Sexismus – also in vielen Fällen vor sich selbst – zu schützen.

Auf meinem Schreibtisch jedenfalls stapeln sich Bücher, die genau das tun, wie zum Beispiel Dr. Brooke Magnantis „The Sex Myth“ oder Carsten Müllers „Sex ist wie Brokkoli nur anders“ oder Mollena Williams’ „the toybag guide to playing with taboo“ oder Meg-John Barkers und Justin Hancocks „Enjoy Sex (How, when and if you want to)“ oder alle Bücher von Annie Sprinkle, Ann-Marlen Henning und Sheila de Liz – und da bin ich noch nicht aufgestanden und habe in meine Bücherregale geguckt. Statt sich aber diesem Stapel zu widmen, arbeitet sich Stangneth an den alten weißen Männern der Philosophiegeschichte ab, vordringlich an Adorno, der ebenfalls nicht nur dumme Gedanken zu Sex gedacht hat. Bloß ist seitdem eine Menge passiert.

Ja, die Medien, also wir, hinken diesen Diskursen häufig hinterher. Und erst recht die sozialen Medien, so sperrt Facebook routinemäßig Profile von Sexolog*innen oder Aktivist*innen, wenn diese Bilder posten, die zu sexy sind oder auch nur einen Tropfen Menstruationsblut zeigen. Ebenso installieren Mail-Provider schon mal Filter, die Worte wie ,Vulva‘, ,Vagina‘ oder ,Brüste‘ blockieren, um ihre User*innen vor Sexismus – also in vielen Fällen vor sich selbst – zu schützen. Und ja, es ist deprimierend, dass die ansonsten gute erste deutschlandweite repräsentative Studie zur Sexualität Erwachsener GeSiD (die Forschende des Universitätsklinikums Hamburg Eppendorf zusammen mit dem Sozialforschungsinstitut Kantar Emnid mit Unterstützung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung durchgeführt haben) Frauen nach Orgasmusproblemen befragt und Männer danach, ob sie zu früh kommen. Als hätten nur Frauen Schwierigkeiten, einen Orgasmus zu erreichen, und als wären Männer darin so fix, dass schon wieder alles vorbei ist, bevor er auch nur angefangen hat, sie mit Kerzen und Champagner zu umwerben. Willkommen in der sexuellen Welt der 1950er Jahre.

Leider erwähnt Stangneth diese Studie nicht. Auch ansonsten finden sich in ihrer Literaturliste nur wenige Bücher aus diesem Jahrtausend. Nichts gegen den Blick in die Geschichte, aber ihr Buch tritt mit dem Versprechen an, zu beleuchten – und damit Einfluss zu nehmen – wie wir hier und jetzt über Sex reden oder eben nicht reden. Und wenn wir alle immer selbst das Rad erfinden müssen, dauert das schlicht zu lange.

Denn Bettina Stangneth stellt ja durchaus kluge und lesenswerte Überlegungen an und ihre Grundthese, dass wir als Gesellschaft dringend eine Sexkultur brauchen, ist nicht nur richtig, sondern gerade in der aktuellen Situation – in der Sexualität nach wie vor nicht zu den systemrelevanten Handlungen gezählt wird – auch überaus dringend.

„Sexkultur“ enthält viele wunderbare Sätze wie:

„Natürlich war es ein heute kaum noch zu ermessender Fortschritt, als Frauen das Recht erstritten, auch Hosen tragen zu dürfen. Nur leider übersieht man im Rückblick allzu gerne, dass es nie der Rock gewesen ist, der Frauen daran hindert, alles zu tun, was sie wollen, sondern allein die dazugehörige Regelung, wie weit eine Frau ihren Rock im Zweifel anheben darf. Wer ein Hindernis beseitigt, schafft etwas mehr Bewegungsfreiheit, aber nur wer auch die grundsätzlichen Fragen angeht, gibt sich nicht schon mit ,etwas mehr‘ zufrieden.“ (S. 26)

Allerdings sind diese haarscharfen Beobachtungen gemischt mit äußerst unscharfen Verallgemeinerungen, etwa über den Sexismus an den Hochschulen:

„Es war kein großes Geheimnis, wer körperlichen Einsatz erwartete, wenn eine Frau halbwegs gerechte Bewertungen für ihre Studienleistungen wollte. Entsprechende Wünsche wurden ebenso selbstverständlich geäußert, wie man auch in der Gegenwart von Studentinnen herzhaft über einen Vertreter des Lehrkörpers aus einem anderen Fachbereich lachen konnte, der in einer Prüfung seine Studentin vor den anwesenden Kollegen gefragt hatte, ob ihre Argumentation immer so labbrig sei wie ihr Busen.“ (S. 21)

Das ist fraglos haarsträubend! In seiner Verallgemeinerung („Das Talent so manchen Mannes, sich allein durch die Existenz einer Frau gekränkt zu fühlen, ist schwer zu überschätzen.“, ebd.) regt es mich jedoch zum Widerspruch an: Halt, das ist eine Erfahrung aus den späten 1980er Jahren, ist das wirklich noch immer repräsentativ!? Aber Moment: Habe ich das tatsächlich gerade geschrieben? Das ist ja fast so schlimm, wie zu sagen: Also ich habe so etwas noch nie erlebt!

Deshalb möchte ich mich hiermit bei Bettina Stangneth entschuldigen. Mein Widerspruch aus dem vorangehenden Abschnitt ist natürlich kein Argument. Ihre persönlichen Erinnerungen aus einem ganz bestimmten Milieu sind es aber auch noch nicht. Denn „Sexkultur“ liest sich über weite Strecken so, als hätte Stangneth ein Selbstgespräch geführt und würde nun mir als Leserin nur die Zusammenfassung präsentieren Und ich hätte gerne die ganzen Argumente dazwischen. Wie gesagt, viele ihrer Gedanken sind für sich genommen klug, doch macht sie ihre Bezüge so häufig nicht klar, dass man nur etwas damit anfangen kann, wenn man eh schon weiß, worüber sie redet. So schreibt sie über den westlichen Umgang mit der tantrischen Tradition:

„Auch das Ausweichen in bildungsbürgerliche Abgeklärtheit wirkt doch verdächtig beruhigend, vor allem aber völlig absurd. Wie schafft man es, ganz klar zu erkennen, dass es hier, also bei unverkennbar sexuellen Darstellungen, selbstverständlich ,in Wirklichkeit‘ nie um Sex gegangen sein kann?” (S. 197)

Wer ist man? Und wo hat er*sie das gesagt?

„Wozu also Genaueres von hinduistischem oder buddhistischem Tantrismus wissen oder überhaupt vom Tantra rechter und linker Hand gehört haben, solange sich nur die pädagogisch wertvolle Watschen verteilen lässt, dass man doch unter gar keinen Umständen westliches Denken über die alten Geschichten ferner Kulturen stülpen dürfe.“ (ebd.)

Dem ist wohl zuzustimmen. Aber dann hätte ich gerne eine Quelle, anstatt ihr blind glauben zu müssen, dass die andere Seite blöd ist. Denn viele von Stangneths Grundüberlegungen oder Schlussfolgerungen stimmen ja:

„Darstellungen sind dafür gemacht, dass man sie nicht wegdenkt, sondern anschaut, und das heißt auch, sich die ganz einfache Frage zu stellen, was uns bei aller Unbildung daran ebenso vertraut sein könnte wie ein gemarterter Jesus am Kreuz und die trostlos traurige Mater dolorosa.“ (S. 198)

Zumindest auf der Bildebene löst sie dieses Versprechen ein. In dem Buch werden achtzehn Abbildungen internationaler erotischer Kunst enthüllt: Bronzen mit kopulierenden indischen Gött*innen, chinesische Wäschebeschwerer in Form einer Erdnuss, die man öffnen und dann einem Paar beim Liebesspiel zuschauen kann, und, mein Lieblingsgegenstand, ein geschnitztes Hirschgeweih aus Japan, das auf der einen Seite einen Penis darstellt und auf der anderen eine hungrig geöffnete Vulva. Sexkultur, halt!

Stangneth führt aus:

„Der Maler oder die Malerin des Ölgemäldes auf dem Buchumschlag hingegen wollte nicht erkannt sein. Dieses Bild aus Frankreich, gemalt vermutlich 1910 hängt seit vielen Jahren in meiner Bibliothek, aber ich trage auch ein Foto davon mit mir herum und belästige jeden Menschen, der nicht schnell genug flüchtet mit der Frage, was wohl darauf zu sehen sein könnte. […] Niemand hat die geringsten Probleme, bei dem Schwanzende der nackten Schönheit sofort an einen Penis zu denken. Dass jedoch der sehr viel größere Schwanz des Vogels zu den wenigen Darstellungen einer Vulva gehört, die es in unserer Kunstgeschichte überhaupt gibt, fällt in Europa nur den wenigsten auf, bevor man sie auf diesen Gedanken bringt. Kultur, so sagt man, beginnt damit, zu wissen, wovon die Rede ist.“ (ebd.)

Da hat sie ganz Recht. Nur habe ich ein ganzes Buch über die Kulturgeschichte der Vulva geschrieben – „Vulva“, Wagenbach, Ende des Werbeblocks – aber auch ich konnte in dem Schwanz des Vogels nicht wirklich eine Vulva erkennen. Dafür weiß ich, dass es zahlreiche Darstellungen der Vulva in der Kunstgeschichte gibt – ja sogar an Kirchen und über Stadttoren – und dass das Gemälde auf dem Buchumschlag keineswegs in Frankreich um 1910 entstanden ist, sondern 1979 in Amerika. Gemalt hat es der Sci-Fi- und Fantasykünstler und Illustrator Boris Vallejo. Es ist nicht Stangneths Schuld, dass wir beide in unserer Jugend zu sehr unterschiedlichen Bildern masturbiert haben.

„Es ist ganz einfach: Wer Sex unbedingt im Dunkeln halten will, bekommt nichts Besseres als Dunkelheit. Wer Dunkelheit überwinden will, muss über Licht sprechen.“

Apropos Selbstbefriedigung: „Autoerotik ist kostenlos, leicht verfügbar, tut niemandem etwas Böses, bereitet Vergnügen und wirkt entspannend“, erklärt Stangneth, „es sagt doch auch niemand, dass ich aufhören kann, noch selber Luft zu holen, nur weil sich der Atem eines anderen in meinem Nacken so unwiderstehlich anfühlt.“ (S. 91) Muss das heute noch gesagt werden? Ja! Obwohl die Zeiten vorbei sind, in denen wir von Masturbation Rückenmarkserweichung befürchteten („Tausend Schuss, dann ist Schluss“), haben wir heute halt andere Worte dafür wie: Pornografisierung, Sexsucht, Übersexualisierung, #nofabnovember. Und das ist der wirkliche Grund, warum ich das Buch hier kritisiere anstatt es zu lobpreisen, weil es so richtig und wichtig ist, weil Bettina Stangneth eine Kluge und Sympathische ist, und ich deshalb so viel davon erwartet hatte. „Es ist ganz einfach: Wer Sex unbedingt im Dunkeln halten will, bekommt nichts Besseres als Dunkelheit. Wer Dunkelheit überwinden will, muss über Licht sprechen.“ (S. 23) Das ist eine Forderung, die ich sehr, sehr, sehr teile. Nur wünschte ich mir, sie hätte mehr dorthin geschaut, wo andere kluge Menschen bereits eine Menge Licht auf dieses faszinierende Thema werfen.

Und dann denke ich an all die Redakteur*innen, die mir gesagt habe: Aber Sex verliert doch alle Spannung, wenn man darüber spricht. Und daran, dass Bettina Stangneth Philosophin ist und die Philosophie ein massives Problem mit der Leiblichkeit hat: Cogito ergo sum. Vielleicht ist „Sexkultur“ schlicht nicht für Leute wie mich geschrieben, sondern für Leute, die Angst vor dem Orgasmus haben, weil er als kleiner Tod nahezu so unkalkulierbar ist wie der große Tod, also der Tod. Dem widmet Stangneth ein ganzes Kapitel und ihre Argumentation ist wasserdicht, nur hatte ich noch nie Angst vor Kontrollverlust durch Orgasmus.

Ich wünsche mir, dass Bettina Stangneth und ich die Gelegenheit haben werden, auf einem Podium über all diese Themen zu diskutieren, damit ich besser verstehen kann, aus welchem Antrieb und Hintergrund heraus sie schreibt, und damit sie erkennt, dass sie nicht alleine ist mit ihrem Wunsch nach Sexkultur.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Samir Sellami.

Kategorien: Affekte / Emotionen Feminismus Gender Körper Kultur

Autorinnenfoto von Mithu Sanyal

Mithu Sanyal

Dr. Mithu Sanyal, 1971 in Düsseldorf geboren, ist Kulturwissenschaftlerin, Autorin, Journalistin und Kritikerin. Neben dem Verhältnis von Identität und Politik beschäftigt sie sich u.a. mit Postkolonialismus, Kapitalismus, Alltags-Mithuologie und – natürlich – mit Gender und Sex(ualitäten). 2009 veröffentlichte sie bei Wagenbach „Vulva. Das unsichtbare Geschlecht“, 2016 „Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens“ in der Edition Nautilus. Ihr erster Roman „Identitti“ erschien 2021 im Hanser Verlag und war auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Alle Artikel

Empfehlungen

Laura Wolters

„Warum liegt hier überhaupt Stroh?“

Rezension zu „Kampfplatz Sexualität. Normalisierung – Widerstand – Anerkennung“ von Thorsten Benkel und Sven Lewandowski (Hg.)

Artikel lesen

Vincent Streichhahn

Der Grenzgänger

Robert Michels zwischen Frauenbewegung, Sozialdemokratie und Soziologie

Artikel lesen

Christian Jansen, Hedwig Richter

Gefühlte Geschichte

Rezension zu „Demokratie. Eine deutsche Affäre: Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart“ von Hedwig Richter

Artikel lesen