Valentin Domann | Rezension |

Lokal, regional, national

Rezension zu „Rechtes Denken, rechte Räume? Demokratiefeindliche Entwicklungen und ihre räumlichen Kontexte“ von Lynn Berg und Jan Üblacker (Hg.)

Lynn Berg / Jan Üblacker (Hg.):
Rechtes Denken, rechte Räume? Demokratiefeindliche Entwicklungen und ihre räumlichen Kontexte
Deutschland
Bielefeld 2020: transcript
286 S., 29,00 EUR und Open Access
ISBN 978-3-8376-5108-9

Vielen von uns werden die Bilder aus Chemnitz noch präsent sein: Im Sommer 2018 wird die drittgrößte Stadt Sachsens zum Schauplatz bundesweiter Mobilisierung der radikalen Rechten. Die Instrumentalisierung des Todes von Daniel H. mündet in einen Großaufmarsch, bei dem Vertreter_innen der parlamentarischen Rechten den öffentlichen Schulterschluss mit gewaltaffinen Neonazis üben. Welche Gelegenheitsstrukturen nutzt die radikale Rechte hier, um tagelang spektrenübergreifend zu mobilisieren, die Deutung der Tat hegemonial zu bestimmen und die Straßen der Stadt zu dominieren? Und weshalb bleibt ein solcher Erfolg weitestgehend aus, als in ganz ähnlicher Manier nur wenige Wochen später Proteste im sachsen-anhaltinischen Köthen organisiert werden sollen?

Mit diesen Eindrücken und Fragen im Kopf fand im Oktober 2018 der Workshop „Rechtes Denken, rechte Räume?“[1] bei dem vom Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung ausgerichteten NRW-Dialogforum statt. Die Organisator_innen des Workshops, Lynn Berg und Jan Üblacker, haben nun ausgewählte Beiträge in einem gleichnamigen und frei zugänglichen Sammelband im transcript-Verlag veröffentlicht.

Der Untertitel „Demokratiefeindliche Entwicklungen und ihre räumlichen Kontexte“ umreißt das dem Band zugrundeliegende Problem. Der Sammelband will sich demnach nicht ausschließlich mit lokalen Mobilisierungen der Rechten befassen, sondern tritt an, „die impliziten und expliziten räumlichen Aspekte rechter Orientierungen, Akteure und Diskurse herauszuarbeiten“ (S. 17). Dabei stehen zwei gegenläufige Fragen im Fokus: Einerseits, wie räumliche Faktoren die Entstehung rechter Einstellungen bedingen; anderseits, wie solche (kollektiven) Einstellungen und Handlungen „rechte und/oder demokratieferne Räume“ hervorbringen (S. 10). Diesen analytischen Fragen wird die anwendungsbezogene Fragestellung an die Seite gestellt, wie Akteur_innen vor Ort mit der Bedrohung von rechts umgehen und Ergebnisse aus der Wissenschaft in die Praxis umsetzen können. Die drei Schwerpunkte geben auch die Struktur des Bandes vor. Nach einer einleitenden Sektion, die ein Geleitwort (Heitmeyer) sowie zwei Beiträge der Herausgeber_innen umfasst, widmen sich in den folgenden zwei Buchteilen jeweils vier Beiträge den beiden analytischen Fragen. Der abschließende Teil „Praktische Perspektiven auf eine raumsensible Demokratieförderung“ präsentiert neben einem Nachwort drei von den Herausgeber_innen geführte Interviews mit Akteur_innen, die auf unterschiedliche Weisen mit lokalen Phänomenen des gesellschaftlichen Rechtsrucks umgehen.

Dem Aufbau des Buches ist bereits eine seiner zentralen Stärken zu entnehmen: Durch zahlreiche eigene Beiträge interpretieren Lynn Berg und Jan Üblacker ihre Rolle als Herausgeber_innen sehr aktiv. Auf verschiedenen Wegen versuchen sie, die Sammlung der Beiträge mit konzeptionellen und theoretischen Überlegungen zu einem Erklärungszusammenhang zu verdichten. Unter anderem entwerfen sie in einem der einleitenden Kapitel auf Basis einer systematischen Synthese des Forschungsstandes einen konzeptionellen Rahmen zur Erfassung „räumlicher Aspekte rechter Orientierungen“ (S. 34). Das zugehörige Schaubild strukturiert zunächst das Feld entlang von fünf Ebenen, vom Individuum bis zum Nationalstaat, und ordnet ihnen räumliche Kontextmerkmale zu, die kultureller, sozioökonomischer oder politischer Natur sein können. In zwei weiteren Spalten werden Akteur_innen der politischen Rechten und Diskursräume angeführt, die nicht gänzlich in dem skalaren Ordnungsprinzip aufgehen wollen. Pfeile sollen zudem Wirkungszusammenhänge aufzeigen, wobei sich zwei Hauptbewegungen abzeichnen: In eine Richtung werden Individuen durch die „Kontexteffekte“ der jeweiligen (Diskurs-)Räume via Wahrnehmung und soziale Beziehungen geprägt; in die andere Richtung wirkt das aktive Handeln der Individuen auf die Akteur_innen und (Diskurs-)Räume durch beispielsweise Wahl oder Beteiligung am Diskurs.

Für sich genommen wirkt dieses Ordnungssystem in Anbetracht der eigens hervorgehobenen Komplexität der Thematik zunächst recht schematisch, fast sperrig; nicht zuletzt, weil es den Eindruck einer eindeutig hierarchisch geordneten Gesellschaft weckt und die Perspektive auf den nationalstaatlichen Container verengt. Dennoch kondensiert und strukturiert der vorgeschlagene Rahmen eine Vielzahl relevanter Aspekte der aktuellen Forschung und stellt damit eine hilfreiche Basis zur Einordnung der folgenden acht empirisch informierten Aufsätze bereit.

Sechs von ihnen basieren auf Beobachtungen aus konkreten Fallstudien, die zum überwiegenden Teil in Großstädten West- und Ostdeutschlands durchgeführt wurden. Demgegenüber nehmen zwei andere Beiträge größere Regionen oder einen geografisch übergreifenden Raumtyp in den Blick. Die Autor_innen rekrutieren sich überwiegend aus der Soziologie und den Politikwissenschaften, aber auch Perspektiven aus der Stadtplanung, Geografie und sozialen Arbeit sind vertreten. Zudem, und auch hier liegt eine Stärke des Sammelbandes, stellen die meisten Beiträge empirische Ergebnisse aus unterschiedlichen Forschungsprojekten vor, wobei gleich vier Texte auf Daten aus BMBF-geförderten Projekten basieren.[2]

Vor dem Hintergrund dieser vielfältigen Zugänge ist es nicht verwunderlich, dass sowohl die Definition des Gegenstandes (rechte Einstellungen, Akteur_innen und Diskurse) als auch die Betrachtungsweise (räumliche Kontexte) sehr unterschiedlich ausfallen. Was einzelne Beiträge als politische Rechte adressieren, driftet teils beträchtlich auseinander: Beiträge, die sich mit räumlichen Strategien von Neonazikadern auseinandersetzen (Kubiak, Simon), stehen neben anderen, die lokale Politiken der AfD in den Blick nehmen (Feustel und Bescherer, Dellenbaugh-Losse et al.), während die Herausgeber_innen in einem weiteren Sinne von Demokratiefeind_innen und eine Interviewpartnerin von „demokratiefernen Kreisen“ (Reker) sprechen. Zwar liegen inzwischen Konzepte vor, die das Zusammenwirken solcher unterschiedlichen Kräfte etwa als „rechte Bedrohungsallianzen“[3] beschreiben, doch in diese gehen die verwandten Begrifflichkeiten keineswegs reibungslos auf.

Wenn einzelnen Orten oder Regionen „strukturelle Toxizität“ attestiert wird, offenbart sich ein Denken, das Raum als mehr oder weniger deterministische Hintergrundfolie interpretiert, vor der sich gesellschaftliche Prozesse abspielen.

Insgesamt setzen sich die meisten Beiträge vergleichsweise wenig mit der ersten Hälfte des Buchtitels, dem „Rechtem Denken“, auseinander. Im Mittelpunkt steht die Nachfrageseite,[4] mithin die Suche nach Gelegenheitsstrukturen für rechte Erfolge. Die Konzentration auf gesellschaftliche Dispositionen lässt einige Autor_innen prominente Großdiagnosen aufgreifen. Diese Suchbewegung, die gewiss auch darauf zurückgeht, dass einige Beiträge eher vorläufige Projektergebnisse oder Vorüberlegungen darlegen, illustriert der erste externe Beitrag des Sammelbandes (Dellenbaugh-Losse et al.). Hier werden unterschiedliche raumbezogene Erklärungsmodelle angeboten, die von der Modernisierungsverlierer_innenthese über Transformationsverwerfungen bis hin zu den „Posttraumatischen Orten“ von Justin Gest reichen. Der diagnostische Teil des Beitrags macht sich insbesondere die populären, doch umstrittenen[5] Thesen aus Cornelia Koppetschs Buch Die Gesellschaft des Zorns[6] zu eigen. Mit den Thesen von Werner Patzelt und David Goodhart werden zudem Erklärungsangebote aufgegriffen, derer sich die Rechte selbst allzu gerne bedient.[7] Hier hätte man sich entweder eine kritischere Auseinandersetzung mit den Debatten oder einen stärkeren Fokus auf das reichhaltige empirische Material gewünscht. So stellt sich beispielsweise die Frage, wie genau die „affektiven Angebote“ der AfD beschaffen sind, die viele Autor_innen auf zahlreichen Wahlkampfveranstaltungen beobachtet haben. Des Weiteren tritt im Beitrag von Dellenbaugh-Losse et al. eine Schwachstelle deutlich zutage, die raumbezogenen Analysen rechter Erfolge oft attestiert wird und auch andere Beiträge des Bandes betrifft. Denn wenn einzelnen Orten oder Regionen „strukturelle Toxizität“ (S. 71) attestiert wird, offenbart sich ein Denken, das Raum als mehr oder weniger deterministische Hintergrundfolie interpretiert, vor der sich gesellschaftliche Prozesse abspielen. Andere Studien zeigen, welches Erklärungspotenzial ein sensiblerer Blick auf die soziale Produziertheit von Räumen für die Erklärung lokaler Vormachtstellungen der radikalen Rechten besitzt.[8]

Am meisten überzeugt das Buch durch Beiträge, die mittels konkreter Fallstudien spezifische raumbezogene Dynamiken zu identifizieren in der Lage sind. Dies gelingt etwa, wenn anhand zweier Nachbarschaften in München-Neuperlach und Meißen nachgezeichnet wird, wie „analoge Kontextbedingungen“ und digitale nachbarschaftliche Plattformen „hybride Räume“ produzieren und wie hier unterschiedliche Funktionslogiken der digitalen Medien politische Polarisierung vor Ort bedingen (Becker et al.). Oder wenn in der „dichten Beschreibung“ eines stadtplanerischen Konflikts rings um einen Leipziger Garagenhof herausgearbeitet wird, wie nach rechts verschobene Debatten und lokale Problemlagen zusammenwirken (Bescherer und Feustel). Auch eine Untersuchung des Zusammenhangs zwischen der Wahrnehmung von Gentrifizierung und der Unterstützung rechtspopulistischer Positionen präsentiert Ergebnisse, die die Debatte bereichern. Sie stellt überraschenderweise fest, dass es zwar einen robusten Zusammenhang zwischen ökonomischen Ängsten und der Zustimmung zur AfD gibt, dieser durch die Wahrnehmung sozialer Aufwertung im Wohnumfeld aber eher abgeschwächt als gestärkt wird (Üblacker et al.).

Wenngleich sich auf konzeptioneller Ebene also der Bedarf einer kohärenten Weiterentwicklung zeigt, werfen die umfangreichen empirischen Untersuchungen zentrale Fragen auf.

Der Sammelband ist für ganz unterschiedliche Leser_innen zu empfehlen. Die sich durch die Beiträge ziehende Suchbewegung nach passenden Konzepten zur Erklärung räumlicher Aspekte rechter Erfolge entfaltet ein reichhaltiges Repertoire an Theorien für alle, die sich ein Bild über den Debattenstand machen wollen. Auch wenn man sich an einigen Stellen eine deutlich kritischere Auseinandersetzung mit den Erklärungsangeboten gewünscht hätte, wecken entsprechende Passagen die Lust auf weitergehende Lektüre.

Wenngleich sich auf konzeptioneller Ebene also der Bedarf einer kohärenten Weiterentwicklung zeigt, werfen die umfangreichen empirischen Untersuchungen zentrale Fragen im untersuchten Themenfeld auf. Sie verweisen auf wichtige „Entdeckungslücken“, wie sie im Geleitwort bezeichnet werden, deren Schließung zukünftige empirische Arbeiten anstreben können.

Ob der Sammelband ebenso für Praktiker_innen relevant ist, kann an dieser Stelle nicht abschließend beurteilt werden. Dagegen könnte sprechen, dass die Beiträge teilweise zu gegensätzlichen Ergebnissen gelangen. So können Friedrichs et al. nicht nachweisen, dass die alltägliche Begegnung mit dem „Fremden“ Toleranz und Anerkennung erhöht, während andere Beiträge die Kontakthypothese[9] implizit voraussetzten und das sozial-kohäsive Potenzial von Begegnungsräumen hervorheben (etwa Brandt et al.). Außerdem verbleiben die Handlungsempfehlungen sehr abstrakt, teilweise nebulös, beispielsweise wenn „Anerkennungsangebote für nichttransnationale Milieus“ (Dellenbaugh-Losse et al.) empfohlen werden. Für die Leser_innenschaft aus der Praxis werden jedoch die Interviews mit Akteur_innen aus der Zivilgesellschaft von Interesse sein. Im Kontext der oben aufgeworfenen Frage nach dem unterschiedlichen Mobilisierungserfolg der radikalen Rechten in Chemnitz und Köthen verdeutlicht etwa das Interview mit einem Konfliktberater, wie wichtig die proaktive und geschlossene Positionierung gegen rechts seitens der Stadtpolitik ist und welche Instrumente dabei unterstützen können (Faller).

Letztlich ist es das große Verdienst des Sammelbandes, durch die Schlaglichter, die er auf unterschiedliche räumliche Facetten rechter (Miss-)Erfolge wirft, die Komplexitäten und lokalen Spezifika des Problems einem breiten Publikum verständlich zu machen.

  1. Offenlegung: Ich habe auf der Tagung, aus der die vorliegende Publikation hervorgegangen ist, selbst vorgetragen und kenne folglich sowohl die Herausgeber_innen als auch einige Autor_innen. An der Entstehung des Bandes oder einzelner Texte war ich nicht beteiligt.
  2. PODESTA (Populismus|Demokratie|Stadt), PoliLab (Fremde im eigenen Land? Veränderbarkeit nationaler Narrative mithilfe Politischer Laboratorien), SiBa (Sicherheit im Bahnhofsviertel), ZuNaMi (Zusammenhaltsnarrative miteinander erarbeiten)
  3. Wilhelm Heitmeyer / Manuela Freiheit / Peter Sitzer, Rechte Bedrohungsallianzen. Signaturen der Bedrohung II, Berlin 2020.
  4. In der (Rechts-)Populismusforschung prominent vertreten ist ein heuristisches Modell, das politisches Angebot (seitens der Parteienlandschaft und populistischer Akteur_innen etc.) und die gesellschaftsseitige Nachfrage (sozioökonomische Situation, Interessen, Einstellungen etc.) in ihren Wechselwirkungen betrachtet. Vgl. Cas Mudde, Populist Radical Right Parties in Europe, Cambridge 2007.
  5. Floris Biskamp, „Alter Wein in anregender Mischung: Cornelia Koppetschs ‚Gesellschaft des Zorns‘ im Kontext“, in: SozBlog. Blog der deutschen Gesellschaft für Soziologie, 22.7.2019.
  6. Cornelia Koppetsch, Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter, Bielefeld 2019.
  7. Patzelt galt einige Zeit als „Pegida-Versteher“ und auch in der Debatte um die Einordnung der Chemnitzer Proteste im Sommer 2018 relativierten er und weitere Autor_innen rassistische Übergriffe. Goodharts Thesen zur Spaltung der Gesellschaft (an deren Polen hier mobile und kosmopolitisch orientierte „Anywheres“ und dort sesshafte und kommunitaristische „Somewheres“ stehen) werden gerne von Spitzenpolitiker_innen der AfD für eliten- und migrationskritische Zuspitzungen genutzt. Seiner übermäßigen Fokussierung auf die weiße Arbeiterklasse wird aus rassismuskritischer Perspektive zudem „methodological whiteness“ attestiert (was sich ebenso auf das Buch von Koppetsch beziehen lässt), vgl. Gurminder K. Bhambra, „Brexit, Trump, and ‘Methodological Whiteness’“, in: The British Journal of Sociology, 68 (2017), 1, S. 214–S232.
  8. Thomas Bürk, Gefahrenzone, Angstraum, Feindesland. Stadtkulturelle Erkundungen zu Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus in ostdeutschen Kleinstädten, Münster 2012.
  9. Ein guter Überblick über die widerstreitenden Annahmen findet sich bei: Gill Valentine, „Living with Difference: Reflections on Geographies of Encounter“, in: Progress in Human Geography 32 (2008), 3, S. 323–337.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jakob Borchers.

Kategorien: Rassismus / Diskriminierung Staat / Nation Stadt / Raum

Valentin Domann

Valentin Domann forscht und lehrt in der Abteilung Angewandte Geographie und Raumplanung am Geographischen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin. Er ist Mitglied im DFG-Netzwerk „Territorialisierungen der radikalen Rechten“, assoziiertes Mitglied im SFB 1265 „Re-Figuration von Räumen“ und arbeitet schwerpunktmäßig zu Geographien der neuen Rechten.

Alle Artikel

Empfehlungen

Samir Sellami

Der Schwarze Kontinent

Rezension zu „Afropäisch. Eine Reise durch das schwarze Europa“ von Johny Pitts

Artikel lesen

Alfons Söllner

Prediger des Hasses

Rezension zu „Falsche Propheten. Studien zur faschistischen Agitation“ von Leo Löwenthal

Artikel lesen

Francesca Raimondi

Staaten und Körper in der Pandemie

Rezension zu „Die Ordnung der Berührung. Staat, Gewalt und Kritik in Zeiten der Coronakrise“ von Gesa Lindemann

Artikel lesen