Mark Jakob | Rezension |

Made in Bangladesh

Rezension zu „Lieferketten. Risiken globaler Arbeitsteilung für Mensch und Natur“ von Caspar Dohmen

Abbildung Buchcover Lieferketten von Caspar Dohmen

Caspar Dohmen:
Lieferketten. Risiken globaler Arbeitsteilung für Mensch und Natur
Deutschland
Berlin 2021: Wagenbach
176 S., 18,00 EUR
ISBN 978-3-8031-3706-7

Das kommende bundesdeutsche Lieferkettengesetz,[1] mit dem sich der Deutsche Bundestag am 22. April 2021 in erster Lesung befasste, wird in der Öffentlichkeit seit längerem kontrovers diskutiert. Im Kern geht es dabei um die Frage, ob der Gesetzgeber Unternehmen nicht nur auf die Einhaltung von Menschenrechts- und Umweltstandards im eigenen Haus, sondern ebenso bei ihren vorgeschalteten Zulieferern im Ausland verpflichtet kann. Der Gesetzentwurf bezieht sich auf die 2011 von den Vereinten Nationen (UN) verabschiedeten Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte und adressiert Unternehmen, deren Fertigung entlang internationaler Beschaffungs- und Verarbeitungsketten organisiert ist. Laut der aktuellen Version des Gesetzes sollen ab 2023 größere Unternehmen nachweisen müssen, dass in ihrer gesamten Wertschöpfungskette vom Rohstoff bis zum Endprodukt keine Menschenrechtsverletzungen – etwa Kinderarbeit oder die Gefährdung von Leben und Gesundheit der Arbeitenden – erfolgen. In der Bundestagsdebatte erinnerte der Abgeordnete Sascha Raabe an den Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch 2013, bei dem mehr als 1100 Menschen starben. Das Unglück lenkte die Aufmerksamkeit auf die Produktionsbedingungen in der internationalen Textilindustrie und führte zu einigen Verbesserungen der Arbeitssicherheit und Arbeitsbedingungen.

Warum konstruieren Unternehmen internationale Wertschöpfungsketten? Welche Rolle spielen Staaten bei ihrer Steuerung? Und wie erfolgt eine Verlagerung der größten Risiken auf die schwächsten Glieder in der Kette?

Der Wirtschaftsjournalist Caspar Dohmen misst Rana Plaza zu Beginn seines Buches eine ähnliche Symbolwirkung zu wie dem Reaktorunglück von Fukushima. Allerdings ist Dohmen der Meinung, dass auch acht Jahre nach den von Rana Plaza angestoßenen Debatten und Maßnahmen die weltumspannenden Lieferketten eine enorme Gefährdung für Menschen und Umwelt darstellen. Staaten und Unternehmen hätten bislang bei der Regulierung der prekären Lieferketten weitgehend versagt – so die Grundthese des Buches. Von insgesamt sechs Kapiteln widmen sich die ersten drei der Problemanalyse: Warum konstruieren Unternehmen internationale Wertschöpfungsketten? Welche Rolle spielen Staaten bei ihrer Steuerung? Und wie erfolgt eine Verlagerung der größten Risiken auf die schwächsten Glieder in der Kette? Die folgenden drei Kapitel betrachten den Umgang mit den aufgezeigten Problemen: Dohmen erläutert die zivilgesellschaftliche Kritik am Lieferkettenkapitalismus, bewertet die bisherige nationalstaatliche Gesetzgebung und entwirft im letzten Abschnitt einen Forderungskatalog für einen Umbau der globalen Wirtschaft, den die Europäische Union (EU) voranzutreiben habe.

„Lieferketten“, der Begriff umfasst bei Dohmen Waren-, Produktions- und Wertschöpfungsketten, stehen in seiner Analyse zu Beginn des Buches synonym für einen ungezügelten Kapitalismus. Sie ermöglichen es, dass sich wenige Unternehmen, die meist im globalen Norden sitzen, auf die ertragreichsten Stufen der Wertschöpfung konzentrieren, die eigenen Risiken auslagern, die Zulieferer beherrschen, Verantwortung abgeben und die in den Industrieländern erreichten Sozialstandards umgehen, die dadurch selbst zunehmend ins Wanken geraten. Dohmen führt hier, wie im gesamten Buch, immer wieder Beispiele aus verschiedensten Stufen der Wertschöpfungsketten an, die den Rückzug des Staates oder vielmehr den Wandel in der staatlichen Politik bei der (Nicht-)Regulierung von global verflochtenen Arbeitsverhältnissen belegen sollen.

Die Rolle der Staaten bei der Gestaltung von Lieferketten betrachtet Dohmen zunächst anhand der Preisentwicklung im Handel mit Kakao und Kaffee, wobei er Erzeugerkartelle befürwortet, etwa die OPEC sowie internationale Verträge wie das Kaffeeabkommen von 1962, das Preise garantierte, die über den Selbstkosten liegen. Dem Ausbeutungsverhältnis in internationalen Lieferketten korrespondiert Dohmen zufolge die Erosion des Prinzips der „institutionalisierten Solidarität“ (S. 65), das in Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg dem Ausbau des Sozialstaates zugrunde lag. Dohmen zieht hier, wie auch an anderen Stellen, historische Vergleiche zur Frühindustrialisierung, in der er ein den modernen Lieferketten ähnliches, ungezügeltes Profitstreben erblickt. Seine knappen Ausflüge in die Geschichte entsprechen dabei nicht immer dem wirtschaftshistorischen Forschungsstand, so auch im Falle der „enclosures“, also der Umwandlung von Gemeinland in privaten Grundbesitz im frühneuzeitlichen England (S. 66). Die alte, von Marx geprägte Sicht auf die Industrialisierung leistet seiner Argumentation offenbar bessere Dienste als die Ergebnisse der neueren Forschung. Dohmen schlägt einen weiten Bogen von den ersten Arbeitsschutzbestimmungen über die Gründung der International Labour Organization (ILO) 1919 hin zu aktuellen Fällen von staatlicher Unterdrückung gewerkschaftlicher Betätigung und dem weltwirtschaftlichen Aufstieg Chinas in den letzten Jahrzehnten, bei dem der chinesische Staat weitgehend auf Arbeits-, Sozial- und Umweltstandards verzichtet. Abschließend skizziert er den Entstehungsprozess des aktuellen bundesdeutschen Entwurfs für ein Lieferkettengesetz. Dabei beschreibt er die Positionen der Befürworter und Gegner des Gesetzes und warnt im selben Atemzug vor dessen Verwässerung.

Dass er eine solche Aufweichung für wahrscheinlich hält, macht der Autor im dritten Abschnitt deutlich. Zum einen sei es seit Jahrzehnten nicht gelungen, internationale Großkonzerne dazu zu verpflichten, Menschenrechte, Arbeitsschutz und Umweltschutz einzuhalten. Zudem dienten die existierenden Vereinbarungen einer Corporate Social Responsibility (CSR) weit mehr der Imagepflege denn der Verankerung sauberer Geschäftspraktiken. Zum anderen sei es, so Dohmen, nur ein rhetorisches Mittel zur Beruhigung oder Manipulation, wenn Konzerne und Politiker die Macht der Konsumenten beschwören. Im Zweifelsfall verhindere dies sogar eine wirkungsvolle politische Mobilisierung, ob nun aufgrund der „Dummheit“ derjenigen, die CSR für bare Münze nehmen, oder wegen der „Gerissenheit“ der Konzerne (S. 103). Zwar beabsichtigten in den letzten Jahren zahlreiche Firmen, Werte jenseits des shareholder value in ihre Unternehmensphilosophie zu implementieren, aber viele dieser Projekte stünden noch am Anfang. Waren, die Zertifikate für faire Lieferketten tragen, haben derzeit erst einen sehr kleinen Marktanteil.

Fair-Trade-Ansätze sind aufgrund der Konkurrenz zu billigeren konventionell gehandelten Produkten immer auf den Willen der Verbraucher angewiesen, höhere Preise zu akzeptieren, und können außerdem nur einzelne Glieder bestimmter Lieferketten erfassen.

Dabei, so Dohmen, arbeiteten zivilgesellschaftliche Initiativen bereits seit mehr als einem Vierteljahrhundert daran, Missstände bei den Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie zu benennen und zu beseitigen. Im Bereich des fair trade reichten die Bemühungen sogar noch länger zurück. So wichtig der gesellschaftliche Druck sei, um eine regulierende Gesetzgebung weiter voranzutreiben, so begrenzt sei zugleich die Reichweite von Fair-Trade-Ansätzen. Denn sie sind aufgrund der Konkurrenz zu billigeren konventionell gehandelten Produkten immer auf den Willen der Verbraucher angewiesen, höhere Preise zu akzeptieren, und können außerdem nur einzelne Glieder bestimmter Lieferketten erfassen.

Die begrenzten Einflussmöglichkeiten zivilgesellschaftlicher Initiativen führen Dohmen zu dem Schluss, dass die Kontrolle von Sozial- und Umweltstandards in Lieferketten nur durch internationale staatliche Kooperationen zu erreichen ist. Am Beispiel der in den USA durch den Dodd-Frank Act eingeführten Dokumentationspflicht zur Verwendung von Konfliktmineralien in der Elektronikindustrie zeigt Dohmen, wie gesetzliche Regulierung ökonomische Anreize für Unternehmen zur Ausweisung ihrer Lieferverflechtungen schaffen kann, sodass diese tatsächlich die Bedingungen am Anfang der Kette verbessern. Dagegen enthalte die 2017 beschlossene und Anfang 2021 in Kraft getretene EU-Regelung zu Konfliktmineralien einige Schwächen und Schlupflöcher, die es Unternehmen leicht machten, die Bestimmungen zu umgehen. Dohmen zeigt im Anschluss anhand verschiedener, in den Industrieländern während der letzten Jahre erlassener Gesetze, dass eine wirkungsvolle Kontrolle der Lieferketten, die zudem mit entsprechenden Sanktionsmöglichkeiten ausgestattet ist, trotz einiger Fortschritte noch in weiter Zukunft liegt.

Im letzten Abschnitt des Buches listet Dohmen die seiner Ansicht nach notwendigen Bestandteile einer international verbindlichen und durchsetzungsfähigen Regelung auf, die die Einhaltung von Menschenrechts-, Arbeitsschutz- und Umweltstandards in globalen Lieferketten garantiert. So schlägt er unter anderem vor, einen internationalen Arbeitsgerichtshof einzusetzen, eine Haftungspflicht für Wirtschaftsprüfungsgesellschaften einzuführen, den Umweltverbrauch in die Unternehmensbilanzen einzubeziehen und die Gewerkschaftsfreiheit weltweit durchzusetzen. Indem sie protektionistische Maßnahmen ergreife, könne – und müsse – die EU denjenigen Unternehmen, die ihre Lieferketten ökologisch und sozial einwandfrei organisierten, den Konkurrenzkampf gegen Produkte ermöglichen, bei deren Herstellung und Verarbeitung gegen Umwelt- und arbeitsrechtliche Standards verstoßen würde.

Dohmen hat ein starkes Plädoyer für eine umfassende gesetzliche Regulierung der globalen Lieferketten verfasst. Um seine Argumentation zu unterfüttern, bezieht er sich auf eigene Erlebnisberichte, öffentliche Quellen und Interviews, deren Angaben über einen Anmerkungsapparat stets nachprüfbar sind. Das Buch gibt vor allem ein politisches Statement ab und erhebt nicht den Anspruch, seinen umfangreichen Gegenstand wissenschaftlich zu durchdringen. Die engagierte Schreibweise, die immer auf den Fluchtpunkt der gesetzlichen Regulierung ausgerichtet ist, geht mitunter auf Kosten der Systematik, erzeugt Redundanzen und neigt oftmals zu verallgemeinernden Formulierungen. Als kenntnisreicher Kommentar zum laufenden Gesetzgebungsprozess erscheint das Buch zum richtigen Zeitpunkt, wobei es aus demselben Grund bald in Teilen überholt sein wird.

Trotz der genannten Vorbehalte lohnt die Lektüre, denn es gelingt Dohmen, den Facettenreichtum und die miteinander verschränkten Problematiken einer der zentralen Funktionsbedingungen der modernen Wirtschaft herauszuarbeiten und die aktuelle Veränderungsdynamik im politischen Diskurs einzufangen. So gibt das Buch einen schnellen Einblick in die laufende Debatte, auch wenn der Leser die Haltung des Autors nicht immer teilen mag.

  1. Deutscher Bundestag, 19. Wahlperiode: Entwurf eines Gesetzes über die unternehmerischen Sorgfaltspflichten in Lieferketten, Bundestags-Drucksache 19/28649, 19.4.2021.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Arbeit / Industrie Globalisierung / Weltgesellschaft Kapitalismus / Postkapitalismus Konsum Politik Wirtschaft

Mark Jakob

Dr. Mark Jakob ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Philipps-Universität Marburg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Unternehmensgeschichte, Geschichte der Familienpolitik und regionalen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Derzeit forscht er zur Bedeutung von Sicherheit für exportierende Unternehmen in Großbritannien und Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Alle Artikel

Empfehlungen

Sebastian Möller

What would Colin say?

Bericht zum Workshop "Beyond Neoliberalism? Colin Crouch on Democracy and Capitalism" an der Bergischen Universität Wuppertal am 20. März 2018

Artikel lesen

Jens Bisky, Karsten Malowitz

Schulen der Demokratie

Bericht zu den „Walter Benjamin Lectures 2021“ von Axel Honneth am 16., 17. und 18. Juni im Berliner Freiluftkino Hasenheide

Artikel lesen

Friederike Bahl

F. Butollo: The End of Cheap Labour?

Happy Guangdong? Warum technologische Aufwertung in China Qualifikationserfordernisse schafft und doch nicht das Ende billiger Arbeit bedeutet

Artikel lesen