Jens Bisky | Rezension |

Marx und kein Ende

Rezension zur Ausstellung „Karl Marx und der Kapitalismus“ im Deutschen Historischen Museum Berlin und dem gleichnamigen Begleitband von Raphael Gross, Jürgen Herres und Sabine Kritter (Hg.)

Für einen Augenblick verband der dreißigjährige Karl Marx mit dem Berliner Zeughaus, heute Unter den Linden 2, revolutionäre Hoffnungen. Nachdem am 14. Juni 1848 eine aufgebrachte Menschenmenge, die ihr Recht auf Volksbewaffnung einforderte, aus den Reihen der Bürgerwehr beschossen worden war, daraufhin das Zeughaus gestürmt und sich Waffen beschafft hatte, frohlockte die Neue Rheinische Zeitung: „Ihr leugnet die Existenz der Revolution. Durch eine zweite Revolution wird sie ihr Dasein beweisen. Die Ereignisse vom 14. Juni sind nur das Wetterleuchten dieser zweiten Revolution …“[1]

Daraus wurde nichts, vom Zeughaussturm und der folgenden Angst um die öffentliche Ordnung profitierte die Reaktion. Das hat Marx nicht von weiteren Revolutionsprognosen abgehalten, mehr als 3000 sollen er und Engels „öffentlich wie privat im Lauf ihres Lebens abgegeben haben“.[2] Dass sie damit meist falsch lagen, hat ihrem Ruf unter Rebellen, Revolutionsfreunden und Empörten nicht geschadet. Sie mochten, so eine landläufige Überzeugung, politisch geirrt haben, wer aber den Kapitalismus verstehen, ja kritisieren wolle, komme an Marx nicht vorbei. „I TOLD YOU I WAS RIGHT ABOUT CAPITALISM“, sagt Marx auf einem Plakat, das Azlan McLennan für die Occupy-Bewegung in Melbourne entworfen hat. Mit dem Banner „Marx & Engels statt Engel & Völkers“ protestierten Mieter und Mieterinnen in Berlin-Prenzlauer Berg gegen den Verkauf ihres Hauses an ein Immobilienunternehmen.

Plakat der Occupy-Bewegung mit dem Porträt von Karl Marx, Designer: Azlan McLennan Australien, 2008
Plakat der Occupy-Bewegung mit dem Porträt von Karl Marx, Azlan McLennan, Melbourne/Australien

Das Deutsche Historische Museum, das 1987 auf Initiative Helmut Kohls entstand und heute im Zeughaus residiert, hat eine Umfrage in Auftrag gegeben, die ergründen sollte, was von Marx allgemein und im Detail zu halten sei. Auf die Frage, ob Marxens Kapitalismuskritik noch dazu beitragen könne, „die Probleme der modernen Wirtschaft besser zu verstehen“, antworteten im Sommer 2021 immerhin 43 Prozent der Befragten mit Ja; „unter den 16- bis 22-Jährigen und den 55- bis 64-Jährigen sind es jeweils sogar über 60 Prozent“.[3] Zugleich war die Hälfte der Teilnehmer:innen unentschieden, ob sie Karl Marx positiv oder negativ gegenüberstehe.[4]

Für diese Situation, das Ineinander von starken Meinungen, bloß gestischen Bezugnahmen, Klischees, großem Interesse und Urteilsunsicherheit ist die Ausstellung „Karl Marx und der Kapitalismus“ im Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums berechnet. Sie kann intellektuell aus dem Vollen schöpfen, zurückgreifen auf die vielen neuen Biografien und Deutungen, die zum 200. Geburtstag von Karl Marx erschienen sind, die auf sehr verschiedene Weise an Marx anknüpfenden Studien etwa von Jacques Derrida, Joseph Vogl oder Thomas Piketty nutzen.[5]

Vor allem aber stehen allen, die es genauer wissen wollen, die Bände der Marx-Engels-Gesamtausgabe zur Verfügung, die nicht nur vorher Ungedrucktes wie etwa die Exzerpthefte und Notizbücher erschließt, sondern auch ideologisch missbrauchte Kompilationen wie „Die Deutsche Ideologie“ historisch-kritisch dekonstruiert und philologisch genau präsentiert. Wer sich jetzt mit Marx beschäftigt, hat das Vergnügen, nicht länger den Systembaumeister oder Verfertiger einer „wissenschaftlichen Weltanschauung“ lesen zu müssen, sondern einem Autor folgen zu können, der wiederholt neu ansetzte, im Studium des Materials, über konkrete Fälle und Fragen gebeugt, die Fertigstellung von Werk oder Lehre aus den Augen verlor.

Bei seinen nie aufgegebenen Versuchen, den versteinerten Verhältnissen ihre eigene Melodie vorzuspielen, hat Marx sowohl die Tonlage vielfach gewechselt, als auch seine Instrumente auseinandergenommen, neu zusammengesetzt, weggeworfen, wieder zur Hand genommen und schließlich vielleicht doch beiseitegelegt. Dass sich Grundakkorde über all die Jahrzehnte zwischen 1840 und 1883 dennoch wiederholten, versteht sich.

Was schließlich im 20. Jahrhundert in den verschiedensten Spielarten unter dem Etikett „Marxismus“ firmierte, beruhte zu einem Teil auf Texten, die Marx zu Lebzeiten nie veröffentlicht hat, und entwickelte sich andererseits in Unkenntnis wichtiger Passagen, die er tatsächlich zu Papier gebracht hatte. Die Sachlage ist nicht ungewöhnlich für Rezeptionsschicksale, jedoch vertrackt im Fall eines Autors, der zwar hoffte, ,Bewegungsgesetze‘ sei es der Ökonomie, sei es der Geschichte zu enthüllen, daran aber als Tagesschriftsteller arbeitete, polemisch und im Handgemenge.

Diesem Marx kommt die Ausstellung des Deutschen Historischen Museums nahe, indem sie ihn erstens historisiert, also konsequent im 19. Jahrhundert verortet, indem sie zum Zweiten thematische Schwerpunkte setzt, Marx und seine Gegenwart also in Ausschnitten behandelt, und indem sie drittens auf Veranschaulichung wie spielerische Rekombination setzt. Das Konzept überzeugt. Es beruht auf einem Entwurf des Marx-Biografen Jonathan Sperber,[6] kuratiert wurde die Ausstellung von der Politikwissenschaftlerin Sabine Kritter unter Beratung des Historikers Jürgen Herres, der lange an der Marx-Engels-Gesamtausgabe mitgearbeitet und 2018 „Marx und Engels. Porträt einer intellektuellen Freundschaft“ veröffentlicht hat.[7]

Es ist ein Vorzug der Ausstellung, dass sie auf konventionelle Erzählmuster verzichtet. Sie bebildert weder das Leben noch die Geschichte der sozialistischen Arbeiterbewegung. Besucherinnen und Besucher müssen sich stattdessen in einem offenen Raum ihren eigenen Reim auf die etwa 220 Exponate und mögliche Korrespondenzen zwischen ihnen machen. Gemälde, Büsten, Bücher, Grafiken, Manuskriptblätter, Maschinen, ausgestopfte Tiere und Konsumprodukte sind zu sehen, kurze Filme werden gezeigt, Hologramme stiften zum Nachdenken über Fetische, Waren und den Warenfetisch an. Alle sind eingeladen, interaktiv tätig zu werden, etwa eine Pumpe zu bedienen und zuzuschauen, wie sich das mit „Kapital“ beschriftete Gefäß rasch füllt, während nur wenige Tropfen ins „Lohn“-Glas fallen. „Gerüche des Kapitalismus“ verheißt in einem kleinen Treppenraum eine Installation der Künstlerin Sissel Tolaas. Als der Rezensent ihn betrat, stank der Kapitalismus, er roch, wenn die olfaktorische Erinnerung nicht trügt, etwa so wie manche Chemiefabriken in der sozialistischen DDR um 1970.

Ausstellungsansichten „Karl Marx und der Kapitalismus“
Ausstellungsansichten „Karl Marx und der Kapitalismus“, Deutsches Historisches Museum/Yves Sucksdorff

Andreas Kilb hat der Ausstellung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung „verpuzzelten Historismus“ vorgeworfen,[8] was höchstens zur Hälfte stimmt, historisiert die Ausstellung leider doch nur halbherzig. Sie wird zu selten konkret und schöpft das erzählerische Potenzial der Exponate kaum aus. Darüber dass sie auch die innige Verbindung von Historismus und Schaulust kappt, die Sinne also mehr als nötig darben lässt, kann man sich beim Blättern im gelungenen Begleitband, beim Lesen der exzellenten Aufsätze etwa von Rahel Jaeggi, Patrick Eiden-Offe, James M. Brophy, Dirk Baecker, Branko Milanović, Gerd Koenen, Christina Morina hinwegtrösten.

Aufwendig inszeniert wurde das Kapitel mit dem unglücklich vagen Titel „Neue Technologien“, es handelt von der industriellen Revolution. Maschinen stehen herum, eine Dampfmaschine (um 1850), eine Nähmaschine, eine Spinning Jenny sowie ein Thomas-Arithmeter aus dem Jahr 1872. Vermerkt ist ausdrücklich, dass Marx in dieser Rechenmaschine einen großen Fortschritt sah, weil der Geist eines gelehrten Mathematikers nun nicht mehr für einfache arithmetische Operationen beansprucht werden müsse. Gleich neben den Maschinen versammelt eine große Schauwand „Neue Waren und Produkte“ aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: einen Thonet-Stuhl, ein Fahrrad, Kleidung, Kakao und einiges mehr. Das passende, kanonisch gewordene Zitat fehlt nicht: „Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ,ungeheure Warensammlung‘, die einzelne Ware als seine Elementarform.“[9] Daneben liegt ein Blatt, auf dem Marx einen Artikel aus dem „Technischen Wörterbuch“ exzerpierte und eine schon damals technisch überholte Dampfmaschine zeichnete. Wenigstens wollte der Mann es genau wissen. Man kann eine Fabrikordnung studieren, eine Zeichnung zur Kinderarbeit betrachten oder Studienblätter Adolph Menzels zum Monumentalgemälde „Eisenwalzwerk“.

Die Exponate passen alle irgendwie zueinander, doch lassen sich die Ungeheuerlichkeit der industriellen Revolution, das Ausmaß an Knechtung und Verelendung, die inhärente Gewaltsamkeit des Fabriksystems bestenfalls erahnen. Wir sind es gewohnt, Maschinen des 19. Jahrhunderts mit ästhetischem Wohlgefallen zu betrachten, die Warenansammlung erinnert an eine Zeit, bevor alles noch billiger und schlechter hergestellt wurde, hat eine Manufactum-Anmutung. Die industrielle Revolution erscheint auf diese Weise verniedlicht. Wenn dann eine eindrucksvolle Galerie von Alltagsbildern mit „Prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen in den wachsenden Industriestädten des 19. Jahrhunderts“ beschriftet ist, scheint der Historismusverdacht ausgeräumt. Da überschreibt die heutige Sorge das Elend und die Not von einst.

Zu zeigen, wie Marx die „kapitalistische Produktionsweise“ und die historische Rolle der Bourgeoisie sah, ist gewiss keine einfache Aufgabe, allerdings darf eine Ausstellung zum Kapitalismus gerade diese Aufgabe nicht abwählen. Über Mehrwert, Lohn, Preis, Profit klärt sie auf, die erschrockene Faszination, mit der im „Manifest der Kommunistischen Partei“ die gewaltigen Leistungen und Folgen einer kaum hundertjährigen Herrschaft der Bourgeoisie beschrieben sind, bleibt jedoch unsichtbar. Die unauflösliche Verschwisterung von Freisetzung aus Ständischem und Stehendem, kolossaler Produktivkraftentwicklung, weltumspannender und nicht stillzustellender Revolutionierung muss in den Blick bekommen, wer mit Marx den Kapitalismus analysieren will. Dass diese Aufbrüche hier nicht greifbar werden, ist das größte Manko der Ausstellung. Sie findet keine Form, die ungeheure Ungeheuerlichkeit, die mitreißende, eiseskalt alles verschlingende Dynamik des historischen Prozesses zu thematisieren. Die Ausstellung könnte die historische Diagnose selbstverständlich auch zurückweisen, doch enttäuscht, dass sie bloß verschattet wird. Aufgeschlossene Besucher:innen mögen sich fragen, was denn sonst von Marx für die heutige Kapitalismuskritik zu lernen wäre, außer dieser atemnehmenden Ungeheuerlichkeit. Elend, soziale Ortlosigkeit, Umweltzerstörung, Ausbeutung, Ungleichheit sind auch nicht-marxistisch vielfach beklagt, angeprangert, kritisiert worden.

Dennoch lassen sich manche Entdeckungen in der Ausstellung machen. Sie zeichnet zunächst den Weg „von der Religions- zur Gesellschaftskritik“ nach und beschäftigt sich anschließend mit „Judenemanzipation und Antisemitismus“. Dieses Kapitel dient wohl auch der Vorbereitung auf die für April angekündigte Komplementärausstellung „Richard Wagner und das deutsche Gefühl“. Wie es jüngst Herfried Münkler in seinem Buch „Marx, Wagner, Nietzsche“ (Vorabdruck: https://www.soziopolis.de/bourgeois-proletarier-mittelmaessige.html; Rezension: https://www.soziopolis.de/das-verlangen-nach-system.html) vorgemacht hat, sollen mit den beiden Ausstellungen „linke“ und „rechte“ Kapitalismuskritik ineinander gespiegelt, miteinander ins Gespräch gebracht werden, um am Ende klarer zu sehen. Dass Marx in „Zur Judenfrage“ 1843 judenfeindliche Stereotype nutzte, zu denen er auch in Briefen immer wieder griff, ist bekannt.

Ein erhellendes Fundstück ist der Brief des Kölner Demokraten David Levy Elkan an die Redaktion der „Neuen Rheinischen Zeitung“. Am 27. Oktober 1848 kündigte er sein Abonnement, weil das „Organ der Demokratie“ „confessionellen Haß“ anfache, „besonders auf die Juden“.[10] Der Wiener Korrespondent des Blattes, Eduard Müller-Tellering, hatte seine Artikel mit antisemitischen Verleumdungen gespickt, Redakteur Marx druckte die Texte unbenommen, lobte die Berichte über die Niederschlagung des Wiener Oktoberaufstands und wurde 1850 selber Gegenstand einer antisemitischen Schmähschrift Müller-Tellerings.

Titelblatt Karl Marx „Zur Judenfrage“, in: Deutsch-Französische Jahrbücher Karl Marx, Paris 1844
Titelblatt Karl Marx „Zur Judenfrage“, in: Deutsch-Französische Jahrbücher Karl Marx, Paris 1844, Deutsches Historisches Museum

Wie weit verbreitet der Antisemitismus selbst unter den ersten Sozialisten und unter den Liberalen war, zeigt eindrucksvoll der Aufsatz von Sebastian Voigt im Begleitband.[11] Von ihm lässt sich lernen, dass zeitgemäße Kapitalismuskritik heute die Reflexion auf die frühe und nie ganz gelöste Verbindung von Antikapitalismus mit Antisemitismus voraussetzt, will sie nicht reaktionär werden.

Wer die Ausstellung aus historischem Interesse besucht, wird vor allem die Zeugnisse der frühen Arbeiterbewegung mit Neugier betrachten, Embleme und Fahnen, die Liste über „Attendance of Members“, über die „Anwesenheiten der Mitglieder des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation (September bis Dezember 1870)“, das Trinkfässchen, das Aufständische der Pariser Kommune nutzten, den Briefbeschwerer, der auf Beschluss der Kommune aus der 1871 gestürzten Vendome-Säule gefertigt wurde.

Vor diesen leicht auratischen Objekten ließe sich lange diskutieren, ob Marx, hätte er länger gelebt, sich nicht auf die Seite jener gewerkschaftlich, reformerisch orientierten Arbeiterorganisationen und -parteien, die sich für kommunale und praktische Verbesserungen einsetzten, geschlagen und also die leninistische Vorstellung einer Avantgarde-Partei verworfen hätte. Aber solche Fragen würden eine eigene Ausstellung über die russische und andere Revolutionen erfordern. Leider ist in der hiesigen Ausstellung die überzeugende These Patrick Eiden-Offes nicht inszeniert worden, der zufolge das Proletariat bei Marx „zu einer paneuropäischen Phantasmagorie“ geworden sei. Er habe „seine eigenen sozialen Erfahrungen mit dem Pariser Proletariat“ mit den Erfahrungen seines Freundes Engels „in den Elendsquartieren von Manchester und London“ amalgamiert.[12] Bei ihrem Umgang mit dem Proletariat hätten Marx und Engels eine Doppelstrategie verfolgt, nämlich zum einen die Arbeiter idealisiert, zum anderen deren theoretische wie politische Wortführerinnen und Wortführer polemisch gnadenlos attackiert.[13] Diese Doppelstrategie scheint in der Linken bis heute fortzuwirken.

Selbstverständlich fragt die Ausstellung auch nach Marxens Äußerungen zum Verhältnis der Geschlechter, zur außereuropäischen Welt, zur Naturzerstörung. Das ist biografisch interessant, noch einmal wird der Bildungsbürger von erstaunlicher Neugier und mit zugleich sehr konventionellen Meinungen sichtbar. Aber die Aktualität des Marxschen Denkens liegt gewiss nicht darin begründet, dass bei ihm Formulierungen zu finden sind, die heutigen Überzeugungen zu entsprechen scheinen. In ihrem Aufsatz über „Karl Marx und die Geschlechterfrage“ erinnert Gisela Notz an die feministische Forderung der 1970er-Jahre nach „Lohn für Hausarbeit“, an die Kritik marxistischer Begriffe wie ,Arbeit‘ und ,Reproduktionsarbeit‘, an das gegen Marx gewendete Argument, „die Sklaverei des Fließbandes“ sei „keine Befreiung von der Sklaverei des Spülbeckens“.[14] Dass Notz dabei August Bebels Bestseller „Die Frau und der Sozialismus“ übergeht, immerhin eine der erfolgreichsten und wirkmächtigsten Schriften der deutschen Sozialdemokratie, überrascht.

Wie für die Gegenwart von Marx zu profitieren wäre, lässt sich am besten in den Aufsätzen von Rahel Jaeggi und Dirk Baecker studieren. Ebenso knapp wie allgemein verständlich rekonstruiert Jaeggi die Dimensionen des Entfremdungsbegriffs bei Marx, spürt der „Doppelung von Machtlosigkeit und Sinnverlust“ nach,[15] um einen gehaltvollen Begriff von ,Entfremdung‘ abzusetzen gegen eine leicht ins Muffige kippende Klage über Arbeitsteilung schlechthin: „Entfremdete Arbeit ist die Verkehrung des in der Arbeit angelegten (arbeitsteiligen) Kooperationsprozesses, eine ,in sich verkehrte‘ defizitäre Sittlichkeit. Entfremdet ist Arbeit dann nicht, weil sie arbeitsteilig vollzogen wird; entfremdet und verkehrt ist das arbeitsteilige Verhältnis selbst, die Art und Weise des Aufeinanderbezogenseins“.[16] Das Gegenbild entfremdeter Arbeit wäre also nicht in der Vormoderne zu suchen, sondern in noch unbekannten Regionen, unter „Menschen, die in einem rational organisierten gelingenden Kooperationsprozess ,füreinander produzieren‘: die Assoziation freier Menschen.“[17]

Mit Marx gegen Marx und über Marx hinaus geht auch der Soziologe Dirk Baecker, wenn er bündig erklärt, dass sich Marx eigentlich „nur in einem Punkt geirrt habe“: „Er hat die Theorie der modernen Wirtschaft mit einer Theorie der modernen Gesellschaft verwechselt. Er hielt den Teil, den Kapitalismus, für das Ganze, die Gesellschaft“.[18] Bei Baecker wird deutlich, welcher Vorzug es ist, dass Marx eine gesellschaftliche Theorie der Wirtschaft entwarf und was demgegenüber eine Formanalyse anderer Subsysteme der Gesellschaft verlangt.

In diesen beiden Fällen beleuchten Aufsatz und Ausstellung einander. Fotos aus einer Schuhfabrik illustrieren Entfremdung, Dirk Baecker ist in einem Video zu sehen und zu hören. Trotz ihrer Schwächen bietet die Ausstellung die Möglichkeit, informierter, also besser über Marx und den Kapitalismus in seinen unzähligen Variationen zu reden und eine Kritik der gegenwärtigen Produktionsweise zu erproben, die sich weder in reaktionärem Lamento erhitzt noch in utopistischem Überschwang beruhigt.

  1. „Die Vereinbarungsversammlung vom 15. Juni“, Karl Marx / Friedrich Engels, Werke, herausgegeben vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Band 5, März–November 1848, S. 79; vgl. Regina Müller, Das Berliner Zeughaus. Die Baugeschichte, Berlin 1994, S. 157–159.
  2. Gerd Koenen, Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus, München 2017, S. 406.
  3. Jürgen Herres / Sabine Kritter, „Karl Marx und der Kapitalismus. Einführung in die Ausstellung“, in: Karl Marx und der Kapitalismus, herausgegeben von Raphael Gross / Jürgen Herres / Sabine Kritter für das Deutsche Historische Museum, Darmstadt 2022, S. 11–23, hier S. 11.
  4. Karl Marx und der Kapitalismus, S. 291.
  5. Vgl. etwa Thomas Steinfeld, Herr der Gespenster. Die Gedanken des Karl Marx, München 2017; Jürgen Neffe, Marx. Der Unvollendete, München 2017; Jacques Derrida, Marx‘ Gespenster. Der verschuldete Staat, die Trauerarbeit und die neue Internationale (1993), übersetzt von Susanne Lüdemann, Frankfurt am Main 2005; Joseph Vogl, Das Gespenst des Kapitals, Zürich 2010; Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert, übersetzt von Ilse Utz und Stefan Lorenzer, München 2014.
  6. Vgl. Jonathan Sperber, Karl Marx. Sein Leben und sein Jahrhundert, München 2013.
  7. Jürgen Herres, Marx und Engels. Porträt einer intellektuellen Freundschaft, Ditzingen 2018.
  8. Andreas Kilb, Ein historisches Würfelspiel. Berlin zeigt Marx als Zeitzeugen des Frühkapitalismus – und blendet vieles aus, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10.02.2022, S. 9.
  9. Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, in: Marx-Engels-Werke, Band 23, S. 49.
  10. Karl Marx und der Kapitalismus, S. 79.
  11. Sebastian Voigt, Die Entstehung des modernen Antisemitismus, in: Karl Marx und der Kapitalismus, S. 57–-65.
  12. Patrick Eiden-Offe, Pariser Begegnungen: Marx entdeckt das Proletariat, in: Karl Marx und der Kapitalismus, S. 95–102, hier S. 100.
  13. Ebd., S. 99.
  14. Gisela Notz, Karl Marx und die Geschlechterfrage, in: Karl Marx und der Kapitalismus, S. 216–226.
  15. Rahel Jaeggi, Entfremdung und Arbeit bei Karl Marx, in: Karl Marx und der Kapitalismus, S. 27–40, hier S. 33.
  16. Ebd., S. 39.
  17. Ebd.
  18. Dirk Baecker, Karl Marx und die moderne Gesellschaft, in: Karl Marx und der Kapitalismus, S. 183–190.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer, Stephanie Kappacher.

Kategorien: Arbeit / Industrie Geld / Finanzen Kapitalismus / Postkapitalismus Sozialgeschichte

Jens Bisky

Dr. Jens Bisky ist Germanist und arbeitet am Hamburger Institut für Sozialforschung als Redakteur der Zeitschrift Mittelweg 36 sowie des Internetportals Soziopolis. (Foto: Bernhardt Link /Farbtonwerk)

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