Ingrid Gilcher-Holtey | Essay |

Max Weber und Robert Michels

Ein Gespräch über Ehe, Erotik, Ethik und die Frauen

Vorbemerkung: 132 Briefe von Max Weber an Robert Michels sind erhalten geblieben. Sie sind in den Briefbänden der Max Weber Gesamtausgabe (MWG II) dokumentiert. Sie zeigen, so Wolfgang J. Mommsen, der Michels als Schüler Webers bezeichnet, ein „außerordentlich enges Verhältnis“. Wenn Weber an Michels schrieb, so der Weber-Biograf Joachim Radkau, machte ihm dies offensichtlich Vergnügen, weise doch sein Briefstil im Austausch mit Michels oft einen flotten und frechen, spritzigen und pointierten Ton auf, den man im Großteil seiner Korrespondenz vergeblich suche (Joachim Radkau, Max Weber. Die Leidenschaft des Denkens, München 2005, S. 361). Auf die in der Max Weber Gesamtausgabe veröffentlichten Briefe sowie ausgewählte Texte beider Protagonisten, die als Zitate kenntlich gemacht sind, stützt sich das nachfolgende fiktive Gespräch. - Ingrid Gilcher-Holtey

 

Heidelberg 1911: Großer Salon des Weber-Hauses. Max Weber sitzt lesend in einem dunkelgrünen Ohrensessel, als Berta, das Hausmädchen, die Tür öffnet und die Ankunft von Dr. Michels ankündet. Weber springt auf.

WEBER: Herein mit ihm! Treten Sie ein, mein lieber Freund!

MICHELS: Professore – endlich. Wie schön Sie wiederzusehen!

WEBER: Seien Sie willkommen! Gut sehen Sie aus! Mir scheint, Sie bringen das Licht der Toscana mit.

MICHELS: … an die Heidelberger Riviera, wie Georg Simmel den Ort hier nennt? Ich bitte Sie! Das haben Sie nicht nötig. Auf Ihr Haus am Fluss scheint doch den ganzen Tag die Sonne.

WEBER: … wenn nur diese schreckliche Schlossruine nicht wäre ….

MICHELS: Wieso? Die ist doch schön! Ich wollte, ich hätte eine Professur hier. Aber nein, lassen wir das. Ich habe Ihnen etwas anderes mitgebracht. (M. überreicht W. ein Buch)

WEBER: Die Grenzen der Geschlechtsmoral? Mein Freund, warum schreiben Sie denn so etwas? Wo bleibt die Culturgeschichte der modernen proletarischen Bewegung?[1] Mit einem solchen Projekt könnten Sie Ihr Forschungsprofil stärken und ergänzen. Aber unmittelbar nach der Soziologie des Parteienwesens[2] jetzt ein Buch über die „Geschlechtsmoral“?

MICHELS: Ich muss schreiben, schreiben, schreiben … denn ich muss leben, leben, leben. Ich habe keine feste Stelle, und ich möchte eine … in Deutschland.

WEBER: Und diese glauben Sie zu erhalten, wenn Sie – wie ich hier sehe – in einem Frauenverlag veröffentlichen?

MICHELS: Ich unterstütze damit zugleich die Frauenbewegung ….

WEBER: Nein, mein Lieber, SIE verzetteln sich. Ich habe Ihnen das doch neulich am Beispiel ihrer Turiner Antrittsvorlesung schon klar gemacht. Diese war „ als solche natürlich vollkommen all right, – aber als wissenschaftliche Abhandlung – sagen Sie selbst! – entschieden unter Ihrem Niveau, weil unscharf, verschiedene Probleme vermischend und keines ganz scharf stellend. [...] Ich fürchte, Sie müssen sich in Ihrer jetzigen Lage durch sehr vieles Sich-Abnötigen von Produktionsleistungen (aus materiellen Gründen) geistig ermatten. Den Eindruck hat man (zuweilen!).“ Und ich sehe „gefährliche Consequenzen“, die „ich ehrlicherweise, auch wo sie nur (wie vorerst) andeutungsweise auftreten, doch nicht verschweigen darf!“[3]

MICHELS: Nun lesen Sie erst einmal das neue Buch. „Auf Empirie gestützte Beobachtungen“ liefere ich darin, „überwiegend psychologischer Art.“ „Nicht streng wissenschaftlich“, das räume ich ein. Indes, „keineswegs ohne Hilfe der vertrauten Sozialwissenschaften“, lediglich unter „Umgehung des der Beschreibung lästigen statistischen Apparates und nicht in dem den gebildeten Massen unverständlichen Jargon.“[4]

WEBER (liest): „Hunger und Liebe“, „Vom Wesen und von den Grenzen des Schamgefühls“ … „Erotische Streifzüge in verschiedenen Ländern“. Mein Freund, Sie schreiben sich um Kopf und Kragen ….

MICHELS: … ich schreibe als Mann, „der über die sexualen Probleme von jüngster Jugend auf viel und ernst nachgedacht hat“. Ich schreibe nicht für Leser, „welche die Probleme der sexuellen Moral in ihrem Kopf auf Grund eines vorgefaßten Dogmas – bereits gelöst haben. Ich schreibe über ungelöste Fragen der Gegenwart. Es geht mir nicht darum Urteile zu fällen, sondern „mehr zu fragen als zu antworten, mehr Probleme zu stellen als Probleme zu lösen.“

WEBER: Die Botschaft höre ich wohl, allein mir fehlt der Glaube, dass Ihnen dies hier (er schüttelt das Buch) weiterhilft. „Sie sind überall Polemiker, und das schafft ‚Grenzen‘ des Blicks.“[5] Als Anwalt eines selbstbewussten Frauentypus und einer neuen Geschlechtsmoral machen Sie sich unter denen, die Sie bereits als Sozialisten ablehnen, keine neuen Freunde.

MICHELS: Ich schreibe über „Grenzgebiete“ und über das, was die Jungen und auch ein Teil der Älteren in ganz Europa in diesem Moment bewegt, wirklich bewegt: Fragen der sexuellen Moral.

WEBER: Ja, ja – aber „ist es für Sie materiell ganz unmöglich, daß Sie sich zu mehr wissenschaftlicher Ruhe verhelfen“?[6]

MICHELS: Wie machen Sie das denn?

WEBER: Sie wissen, meine Frau ist Teilhaberin einer Leinenfabrik in Bielefeld-Oerlinghausen.

MICHELS: Und Sie wissen, ich habe eine Professorentochter geheiratet, da gibt es nach der Mitgift nichts mehr.

WEBER: Lieber Freund, verzeihen Sie. „Immer wieder ertappe ich mich plötzlich in einer Art von Schulmeister-Pose Ihnen gegenüber! Ich lechze förmlich darnach, Ihnen einmal Gelegenheit zu geben, den Spieß umzukehren.“[7]

MICHELS: … das können Sie haben, sofort! Sprechen wir doch einmal über Ehe, Erotik, Ethik und die Folgen überkommener Verhaltensregeln für die Frauen.

WEBER: Über Frauenfragen zu schreiben, überlasse ich meiner Frau.[8]

MICHELS: Die sexuelle Frage ist nicht allein eine Frauenfrage – auch und gerade die Männer sind gefordert, Standpunkte und Moralregeln zu überdenken.

WEBER: Ah, wollen Sie nun à la Otto Gross die „freie Liebe“ propagieren, die Freisetzung der Erotik durch erotische Emanzipation der Frau? Gross war hier. Ich habe ihn kennengelernt und einen Aufsatz von ihm für das Archiv abgewehrt. „Kinderwindeln aber sind es“.[9] Nichts als Kinderwindeln, das sage ich Ihnen.

MICHELS: In der „freien Liebe“ sehe auch ich einen „Freibrief zur Liederlichkeit und Gewissenlosigkeit“.[10] Aber das Problem, auf das die „freie Liebe“ eine Antwort suggeriert, besteht! Es zu leugnen, vermögen auch Sie nicht.

WEBER: Können Sie sich etwas klarer fassen? Welches Problem?

MICHELS: Ja gut, klarer – ich versuche es: Die Ehe ist ein Problem.

WEBER: Aha … und was folgern Sie daraus?

MICHELS: Grundsätzlich gilt: „Die Ehe kann die Wiege stillen Glückes, die Stätte wirtschaftlichen Aufschwungs, idealgesetzter und idealgerichteter Würdigung und Zusammenarbeit von Mann und Weib sein; sie ist das Grab der […] Poesie. Wer deshalb nur nach einem Leben voller Poesie lechzt, der entsage der Ehe. […] Sein Himmel wird stets voller Geigen hängen, Harfenton wird ohne Unterlaß sein Ohr erfreuen; ewig verliebt, wird er ein törichtes und sozial nutzloses, aber individuell herrliches Leben verbringen.“[11]

WEBER: Das ist für Sie klarer? Offen gestanden, „mein Intellekt sträubt sich gegen eine die Probleme nicht richtig fassende Contrastierung. Was soll der Mensch, der ‚poetisch‘ leben will, meiden? Was muß er meiden? Das Standesamt? Oder: den Willen zur monogamen ‚Treue‘? Oder die Haushaltsgemeinschaft? Oder das Kinderkriegen? Oder alles zusammen? Oder jedes einzeln? Denn die Ehe ist halt ein Complex von Merkmalen und man will doch wissen, welches hier das wesentliche ist.“[12]

MICHELS: Ich denke an die Körperlichkeit der Liebe, die in der Ehe zum Problem werden kann.

WEBER: Kant hat die Antwort darauf doch formuliert.

MICHELS: Nicht auf alle damit verbundenen Fragen. Ich spreche von der Geschlechtsliebe. „Liebe ist Geschlechtsliebe. […] Die Geschlechtlichkeit aus der Liebe ausschalten, hieße die Liebe töten. Geschlechtslose Liebe, ob in der Ehe oder außerhalb ihrer, ist schal und flach.“[13] Und es erscheint mir „über jeden Zweifel erhaben, daß es keinen auch noch so tugendhaften Mann gibt, der nicht mindestens in Gedanken, im Traum usw. mehrere Frauen besessen hat. Die Reize, die den Mann in geschlechtliche Erregung […] zu bringen vermögen, sind so überaus mannigfaltiger, differenzierter Art, daß es unmöglich ist, daß ein Weib allein sie besitzen könnte.“[14] Mit anderen Worten, der Mann ist polygam.

WEBER (nachdenklich): Und welche Konsequenz ziehen Sie daraus für die Ehe? Ein permanentes Doppelleben wie Heinrich Lee in Gottfried Kellers Roman Der grüne Heinrich?

MICHELS: Das lässt sich mit einem Roman nicht fassen. Das Problem besteht ja nicht nur in der Ehe, sondern auch vor der Ehe. Erinnern Sie die Regeln der Brautstandsmoral. Sie zwingt die Liebenden „bei monatelanger und oft jahrelanger beständiger Nervenüberreizung dennoch geschlechtlich abstinent zu leben.[15]

WEBER (sich eine Zigarre anzündend): Über den Verkehr (geschlechtlichen) Verlobter dachte man früher anders als meist heute: mein ältester Onkel kam einen Monat nach der Trauung zur Welt, und der Vater war Lützower, ‚Moralist‘, und – Geheimrat.“ Und mein Lieber: „Ich bin übrigens mit meiner Braut absolut ungeniert gereist etc. etc.“[16]

MICHELS: In der Arbeiterklasse lebt man auch heute anders – ungehemmter, freier als in akademischen Kreisen. „Ein boshafter Spottvogel meinte einmal, als er zum ersten Male nach Deutschland kam und sich den Aufzug der Damenwelt auf dem Rektoratsball einer deutschen Universitätsstadt betrachtet hatte, jetzt erst verstehe er die offenbare Häufigkeit der Homosexualität unter den deutschen Männern.“ [17]

WEBER: … mein lieber Freund, was reden Sie denn da?

MICHELS: „Aber, auch ohne geistreichen Übertreibungen zu frönen, soviel muß zugegeben werden: die Deutschen sind früher zu Macht und Reichtum als zu Kultur des Geschmackes gelangt, und in der Kleidung und äußeren Haltung ihrer Frauenwelt findet dieses Mißverhältnis seinen prägnantesten Ausdruck.“[18]

WEBER: Sagen Sie das bloß nicht öffentlich, sonst bringen Sie im Frauenverlag kein Buch mehr unter.

MICHELS: Aber das ist doch alles bekannt! Papst Alexander VI. hat in einer Bulle den deutschen Frauen „anbefohlen, sich im Liebesgenuß mehr aktiv und lebendig zu bezeigen“.[19] Wenn diese Geschichte nicht wahr ist, ist sie zumindest gut erfunden. Und was daraus folgt? Ist doch klar: Wir brauchen eine „vergleichende Liebeswissenschaft“!!![20] Professore, diese könnte ein Teil der Soziologie sein, deren Begründung Ihnen doch so am Herzen liegt. Und ich … ich habe einen Anfang gemacht – eine vergleichende Studie des Dirnenmilieus in Europa … hier alles, alles in diesem Buch! Sie müssen das lesen!

WEBER: Ach, ich kenne das doch. Darüber reden Sie doch ständig. Sie idealisieren die Pariser Dirnen, die „deutschen Dirnen kommen bei ihnen zu schlecht weg“.[21] – Aber nun mal ernsthaft: Was ist Ihr Erkenntnisinteresse? Worin liegt Ihr Wertbezug?

MICHELS: Aber Professore, das liegt doch auf der Hand. „Die Geschlechtsliebe ist ein Bedürfnis des Menschen“. Die Regeln, denen diese Liebe unterworfen ist, sind nicht mehr zeitgemäß und zeigen schädliche Konsequenzen – auch und insbesondere für die Frauen. Lesen Sie! Ich zeige diese Konsequenzen auf. Die Regeln der Institution der Ehe sind ein Beispiel dafür. Wir müssen nachdenken, über die Moral, die ihnen zugrunde liegt und gegebenenfalls die Grenzen der Moral verschieben. Eine Maxime könnte sein, hören Sie: „Das Bewußtsein, Eroberer sein zu können, erhält einen jung. Deshalb: keine ,Ehe‘, d.h. keinen Verzicht darauf, sich ,jung‘ zu fühlen.“[22] Und, so meine These: „Wir müssen den Mut haben zu bekennen, dass wir die Liebe und ihre Ektase um ihrer selbst willen lieben.“ – Das gilt übrigens nicht nur für die Männer. Ich schätze die Frauen als „polyandrisch“ ein.[23]

WEBER: Einspruch, Einspruch werter Freund! Erotik ist, so meine These, eine Wertsphäre, eine

außeralltägliche Gegenwelt zum rationalen Alltag. Was Sie „Bedürfnis“ nennen, ist eine „innerirdische Erlösungssensation“.[24]

MICHELS: Professore, mit welcher Leidenschaft Sie das sagen! Aber, offen gestanden, ich verstehe Sie nicht. Sind Sie gerade dabei, die Kernthese Ihrer Studie Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus zu widerrufen?? Erlösung durch Erotik, nicht Askese?

WEBER: Hmm, vielleicht könnte ich es einmal so formulieren: „[N]icht nur vermöge der Intensität seines Erlebens, sondern der unmittelbar besessenen Realität nach, weiß sich der Liebende in den jedem rationalen Bemühen ewig unzugänglichen Kern des wahrhaft Lebendigen eingepflanzt, den kalten Skeletthänden rationaler Ordnungen ebenso entronnen wie der Stumpfheit des Alltages.“[25]

MICHELS: Mon dieu, quelle poésie! Sind Sie unter die „Poeten“ gegangen, Professore? Rechnen Sie sich doch denen zu, die „poetisch“ leben wollen? Gerade haben Sie das noch abgelehnt.

WEBER: Ich versuche „zu erklären und zu verstehen“, mehr nicht. „Ich bin kein erotischer Mensch“ – leider sollte ich vielleicht sagen. Denn auf meine Frage, was Erotik ist und meiner insistierenden Nachfrage: „Sie werden doch nicht etwa behaupten, daß in Erotik irgendein Wert steckt“ – hat mir einmal eine erotische Frau geantwortet: „Aber sicher“ – „Schönheit!“.[26] Ich denke seitdem darüber nach und möchte gern darüber weitersprechen. Aber ‚erotische Frauen lieben nur erotische Männer‘[27] und das macht meine Suche nach Antwort nicht leicht.[28]

MICHELS: Aber was suchen Sie denn? Wo liegt denn Ihr Erkenntnisinteresse? Denn mir ist unklar, wie ich Ihre Metapher von der Erotik als Weg „den Skeletthänden rationaler Ordnungen“ zu entrinnen, der Arbeiterklasse erklären soll, meinen Proletariern – ganz zu schweigen von den hessischen Bauern im Wahlkreis Alsfeld, die mich schon beim letzten Mal nicht verstanden haben.

WEBER: Aber bester Freund, es geht mir nicht um Lebens- und Liebesregeln für die Arbeiterklasse. Mir stellt sich das Problem der Erotik auf einer anderen, höheren Ebene: Gibt es allgemeine sittliche Normen des Handelns, oder gibt es nur ein individuelles Gesetz?

MICHELS: „Individuelles Gesetz“[29] – ver-simmeln Sie jetzt? Mon dieu, es geht doch um mehr! Die „Geschlechtsmoral“, wie ich es nenne, ist Teil der sozialen Frage. Die Emanzipation der Gesellschaft – mein Lieber, das wissen wir doch seit Fourier – lässt sich an der Emanzipation der Frauen in der Gesellschaft messen.

WEBER: … und diese Frauen konfrontieren Sie nun mit dem Idealtypus des polygamen Mannes, ihnen erklären Sie die Liebe als ein sexuelles Bedürfnis, Liebe um der Sensation willen. Letztlich läuft das doch auf Bruch mit der Institution Ehe, auf Trennung, Scheidung hinaus – und den Bruch mit der Institution üben Sie ja schon heute fleißig ein. Ich war Zeuge, wie Sie mit ihrer kleinen sechsjährigen Tochter Manon zu Hause „Ehebruch“ gespielt haben. Manon hat übrigens agiert „wie eine Schauspielerin“, spielte „den ‚Ehebruch‘ glänzend in Gesten, Mienen und Conversation“.[30]

MICHELS: Ich will die Ehe als Institution nicht abschaffen, ich will sie verändern und ihr durch die Veränderung neue Legitimation verschaffen.[31] Die Veränderung beginnt bei der erotischen Kultur. Wie das geschehen soll? Erstens: „Je mehr Varietät […], desto größer sind die Chancen der Männertreue in der Ehe.“ Daraus folgt: a) „Maßvolligkeit und Passivität“ der Frauen in der Liebe – adé. Und das gilt (b) auch für den „Aufzug der Damenwelt“. Seien wir doch einmal ehrlich, „die durchschnittsdeutsche (Frau) der mittleren, aber auch höheren Stände“ trägt „ungraziöse Kostüme lieblos auf einem schläfrigen Körper“. Was nötig ist, ist Kleidung, die mehr „Energie und Selbstbewußtsein“ ausdrückt und verleiht. Das Familienbudget in Deutschland gibt dafür – verglichen mit Frankreich und England – zu wenig her. Das muss und kann geändert werden. Aber damit nicht genug: „Das A & O ist Bildung. Wenn die Frau sich in der Ehe fortbildet, wird sie nicht langweilig für den Mann. Damit sie sich bilden kann, gilt es die Geburten/Kinderzahl zu reduzieren und last but not least die Beteiligung der Männer an der Hausarbeit einzuführen.“[32]

WEBER: Wertester, das kann nicht Ihr Ernst sein!? Sind Sie völlig verrückt geworden? Berta!!! Bringen Sie uns bitte eine Flasche Cognac!

MICHELS: Ich meine, was ich sage, und ich handle nach meinen Maximen. Ich beteilige mich bereits an der Babyversorgung – jeden Tag, jede Nacht.

WEBER: Dann passen Sie aber auf, „wenn Sie beim Stillen der Kinder vor Neid Brustschmerzen bekommen“ sollten.[33] (Berta kommt mit einer Flasche Cognac und zwei Gläsern.) Mein Lieber, das meinen Sie also, wenn Sie in Ihren Briefen von Nachtarbeit schreiben. Kommen Sie, lassen Sie uns ein Glas Cognac trinken. Auf Ihr Wohl, mein Freund!

MICHELS (das Glas absetzend): Ich brauche eine Stelle – unbedingt. Selbst Werner Sombart hat doch eine Professur bekommen trotz seiner marxistischen Weltanschauung.

WEBER: Man sagt, er habe viele Weltanschauungen und (er lacht) er habe „noch mehr Frauen als Weltanschauungen“. Wie der das nur macht?

MICHELS: … und ich zerreiße mich mit einer Frau und drei Kindern.

WEBER: Ich habe keine Kinder, schlafen kann ich nachts aber auch nicht. Aber lassen wir das. Ich muss gestehen, ich habe Sie immer für eigensinnig, für das Paradebeispiel eines „Gesinnungsethikers“ gehalten. Wenn ich Sie nun höre, dann sind Sie das nicht, dann suchen Sie nach einer neuen kollektiven Ethik aus gesellschaftlicher Verantwortung heraus.

MICHELS: So ist es, Professore! Ihre Idealtypen klassifizieren, aber, verzeihen Sie, sie greifen manchmal im realen Leben nicht.

WEBER: Sie wissen, ich lehre seit einigen Jahren nicht mehr. Ich lese und schreibe, schreibe und lese, und ich beobachte. Die sexuelle Revolution, die Otto Gross durch sein Erscheinen in Heidelberg ausgelöst hat, hat meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen und mich nachdenken lassen. Ich interessiere mich vor allem für die Wirkung der normentbundenen Erotik auf die Gesamtpersönlichkeit.[34] Was passiert mit den Menschen, die sich der erotischen Bewegung anschließen? Waren Sie schon einmal in Ascona?

MICHELS: Nein, in diese Gartenkolonie der Reichen fahre ich sicherlich nicht, keine zehn Pferde kriegen mich dorthin.

WEBER: I c h suche die Menschen mit anderen Lebensentwürfen auf. Versuche zu helfen, wo ich kann, den Frauen vor allem, damit sie ihre Kinder nicht verlieren. Eines steht fest: Wir brauchen einen weiteren Akzeptanz- und Toleranzspielraum, eine Weitung der „bürgerlichen Moral“. Ob das eine neue Ethik nach sich zieht, sehe ich nicht. Erotik ist eine „außerethische selbständige Wertsphäre“.

MICHELS: Das verstehe ich nicht.

WEBER: Erotik ist eine „Wertsphäre“ neben Ethik und Ästhetik. Es ist eine Sphäre „welche, jeder Heiligkeit oder Güte, jeder ethischen oder ästhetischen Gesetzlichkeit, jeder Kulturbedeutsamkeit oder Persönlichkeitsbewertung gleich fremd und feindlich gegenüberstehend, dennoch und eben deshalb ihre eigene, in einem alleräußersten Sinn des Wortes ‚immanente‘ Dignität in Anspruch“ nimmt.[35] Erotik „ist die stärkste irrationale Macht des persönlichen Lebens“,[36] aber es ist eine Wertsphäre neben anderen. Es obliegt dem Einzelnen, mit sich zu ringen, welches für ihn die höchste Wertsphäre ist. Das meinte ich, als ich vorhin vom „individuellen Gesetz“ sprach.

MICHELS: Sie verlagern die Wahl, wie man leben soll, in den Einzelnen hinein!?

WEBER: … na ja, die Wissenschaft kann ihm nicht sagen, wie er handeln soll.

MICHELS: Es m u s s doch aber Regeln geben!

WEBER: Ich bin kein Sozialpädagoge, ich bin Soziologe. Für mich stellt sich die Frage: Ist Erotik ein philosophischer, metaphysischer und vor allem lebensschöpfender Wert? Die Antworten darauf sind vielfältig. Sie sind abhängig nicht zuletzt vom höchsten Wertbezug der Individuen. Es ist ein „Kampf zwischen Göttern“, in dem und zu dem der Einzelne sich positionieren muss.

MICHELS: … ein Kampf, in dem ‚Ideen die Weichen stellen, in deren Bahnen sich die Interessen fortbewegen‘?

WEBER: Tja schon, aber wie ich meiner Frau gerade schrieb: „Die ethischen Werthe sind nicht allein in der Welt. Sie können Menschen, die in Schuld gerathen sind, klein machen, wenn sie ‚Entsagung‘ fordern. Und sie können dann in unauflösliche Conflikte führen, wo ein schuldloses Handeln unmöglich wird. Dann muß (ethischerweise) so gehandelt werden, daß die beteiligten Menschen die möglichst geringsten Verluste an Menschenwürde, an Fähigkeit zur Güte und Liebe, zur Pflichterfüllung und Persönlichkeitswerth erleiden, und das ist oft eine schwere Rechnung.“ [37]

MICHELS: Aber dagegen steht: Eroberung macht und hält jung!

WEBER: … und macht phantasievoll, kreativ …. Aber lassen wir das. Wir lösen den Knoten zwischen Sehnsucht und Sollen heute nicht. Lassen Sie uns in die Altstadt gehen, wo Philip Witkopp heute seinen Abschied von Heidelberg feiert Er hat einen Ruf nach Freiburg angenommen. In Heidelberg wird er vermisst werden, hat er doch als Privatdozent, inspiriert von den Ideen der sexuellen Revolution à la Gross, den Frauen des akademischen Milieus den Hof gemacht … und Erfolg damit gehabt. Er gehört zu den ‚Erotikern‘ hier.

MICHELS: … und so einer bekommt eine Professur und ich mit drei Kindern nicht, nur weil ich Mitglied der im Reichstag vertretenen Sozialdemokratie bin!!

WEBER: Auch Edgar Jaffé wird heute Abend anwesend sein. Ich stelle Sie ihm vor. Lassen Sie sich nicht anmerken, was Sie alles über ihn und die Liaison seiner Frau mit meinem Bruder Alfred wissen. Das würde ihn in Rage bringen. Mein Ziel ist es, Sie als meinen Nachfolger im Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik zu präsentieren. Fünf Herausgeber trägt das Unternehmen nicht. Treten Sie an meine Stelle, das zahlt sich auch für Sie aus.

MICHELS: Aber Professore, das geht doch nicht, was wollen Sie denn dann machen?

WEBER: … endlich frei sein von der Herausgebertätigkeit für das Archiv … und mit einer Studie über „Die rationalen und soziologischen Grundlagen der Musik“ beginnen. Ich habe angefangen, Klavierstunden zu nehmen und auch bereits einen neuen Flügel bestellt – hier schauen Sie – hier soll er stehen.

MICHELS: Was sagt denn Ihre Frau dazu? Sie spielt doch nicht und war nicht unfroh, als Sie mir vor Jahren Ihr altes Klavier verkauften.

WEBER (lacht): Ich schenke ihr den Flügel zum Geburtstag, dann kann sie gar nichts einwenden.

MICHELS: Professore, das hätte ich nicht von Ihnen gedacht – eben doch ein Poet, na ja zumindest poetisch hier und da …!

WEBER: Nein, kommen Sie! Sie müssen zunächst Ihr Bild von den Frauen im akademischen Milieu revidieren. Denn „Götterkinder“, wenn Sie verstehen, was ich meine, sind darunter. Auch meine Klavierlehrerin will ich Ihnen vorstellen. Sie ist mit Witkopp liiert, der sie aber nicht mit nach Freiburg nimmt. Gott sei Dank! Nun aber, lassen Sie uns mit Jaffé sprechen, dass er Sie als meinen Nachfolger akzeptiert und damit die Soziologie im Archiv akzentuiert. (Beide Männer verlassen den Salon.)[38]

  1. Zur Aufforderung, eine solche zu schreiben, siehe Max Weber an Robert Michels, Brief vom 19. Februar 1909, in: Max Weber, Gesamtausgabe, II. Abt., Bd. 6: Briefe 1909–1910, hrsg. von Mario Rainer Lepsius und Wolfgang J. Mommsen, Tübingen 1994, S. 60–62, hier S. 62 (künftig zitiert als MWG II/6).
  2. Max Weber nimmt Bezug auf Robert Michels, Zur Soziologie des Parteienwesens in der Demokratie. Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens, Leipzig 1911. Das Buch, das die Widmung trägt: „Seinem lieben Freunde Max Weber in Heidelberg, dem Geraden, der, insofern es das Interesse der Wissenschaft erheischt, vor keiner Vivisektion zurückscheut, mit seelenverwandtschaftlichem Gruße gewidmet“, ist bereits in der zweiten Dezemberwoche 1910 in Heidelberg eingetroffen. Weber bedankte sich am 14. Dezember 1910 mit einem Brief für das Buch, mit dessen Thesen er sich ausführlich in einem weiteren Brief vom 21. Dezember 1910 auseinandersetzte. Vgl. MWG II/6, S. 726, S. 754–761.
  3. Max Weber an Robert Michels, Brief vom 19. Februar 1909, in: MWG II/6, S. 61.
  4. Robert Michels, Die Grenzen der Geschlechtsmoral. Prolegomena. Gedanken, Untersuchungen, München und Leipzig 1911, hier fortan zitiert nach der Neuauflage: Die Grenzen der Geschlechtsmoral und weitere Schriften. Robert Michels zu Sexualmoral und Frauenbewegung vor dem Ersten Weltkrieg, hrsg. von Vincent Streichhahn und Hans Geske, Berlin 2021.
  5. Max Weber an Robert Michels, Brief vom 11. April 1911, in: Max Weber, Gesamtausgabe, II. Abt., Bd. 7.1: Briefe 1911–1912, hrsg. von Mario Rainer Lepsius und Wolfgang J. Mommsen, Tübingen 1994, S. 178 (künftig zitiert als MWG II/7.1).
  6. Max Weber an Robert Michels, Brief vom 19. Februar 1909, in: MWG II/6, S. 62.
  7. Ebd.
  8. Vgl. Ingrid Gilcher-Holtey, Max und Marianne, in: Leviathan 48 (2020), 4, S. 572–591.
  9. Max Weber an Else Jaffé, Brief vom 13. September 1907, in: Max Weber, Gesamtausgabe, II. Abt., Bd. 5: Briefe 1906–1908, hrsg. von Mario Rainer Lepsius und Wolfgang J. Mommsen, Tübingen 1990, S. 393–403, hier S. 397, S. 398 f. (künftig zitiert als MWG II/5)
  10. Zitiert nach Timm Genett, Der Fremde im Kriege. Zur politischen Theorie und Biographie von Robert Michels 1876–1936, Berlin 2008, S. 67.
  11. Zitiert nach Joachim Radkau, Max Weber. Die Leidenschaft des Denkens, München 2005, S. 364 f.
  12. Max Weber an Robert Michels, Brief vom 7. April 1911, in: MWG II/7.1, S. 171–173, hier S. 171 f.
  13. Michels, Die Grenzen der Geschlechtsmoral, S. 126.
  14. Ebd., S. 131.
  15. Ebd., S. 110.
  16. Max Weber an Robert Michels, Brief vom 11. Januar 1907, in: MWG II/5, S. 210 f.
  17. Michels, Die Grenzen der Geschlechtsmoral, S. 134.
  18. Ebd.
  19. Ebd., S. 132.
  20. Michels, Die Grenzen der Geschlechtsmoral, S. 51.
  21. Hier zitiert nach Radkau, Max Weber, S. 367.
  22. Zitiert nach Max Weber an Marianne Weber, Brief vom 22. April 1911, in: MWG II/,7.1, S. 199 f. Vgl. auch Radkau, Max Weber, S. 364.
  23. Michels, Die Grenzen der Geschlechtsmoral, S. 131.
  24. Max Weber, Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen, in: ders., Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 1, 9. Aufl., Tübingen 1988, S. 237–573, hier S 561.
  25. Ebd.
  26. Vgl. Martin Green, Else und Frieda, die Richthofen-Schwestern, übers. von Edwin Ortmann, München 1976, S. 234.
  27. Zu dieser Maxime Webers siehe Eberhard Demm, Else Jaffé-von Richthofen. Erfülltes Leben zwischen Max und Alfred Weber, Düsseldorf 2014, S. 110 f.
  28. Vgl. Ingrid Gilcher-Holtey, „Max Weber und die Frauen“, in: Jürgen Kocka / Christian Gneuss (Hg.), Max Weber. Ein Symposium, München 1988, S. 142–154.
  29. Vgl. Georg Simmel, Das individuelle Gesetz, in: Logos. Internationale Zeitschrift für Philosophie der Kultur IV (1913), S. 117–160.
  30. Max Weber an Robert Michels, Brief vom 22. April 1911, in: MWG II/7.1, S. 199 f.
  31. Vgl. dazu auch Genett, Der Fremde im Kriege, S. 65.
  32. Alle Zitate und Gedanken stammen aus Robert Michels, „Eheliche Grenzprobleme“, in: ders., Die Grenzen der Geschlechtsmoral, S. 116–162, hier vor allem S. 133, S. 134, S. 140, S. 158.
  33. Max Weber an Robert Michels, Brief vom 7. April 1911, in: MWG II/7.1, S. 171 f.
  34. Marianne Weber, Max Weber – Ein Lebensbild, Tübingen 1984, S. 391.
  35. Max Weber, Der Sinn der „Wertfreiheit“ der soziologischen und ökonomischen Wissenschaften, in: ders., Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, hrsg. von Johannes Winckelmann, 6., erneut durchges. Aufl., Tübingen 1985, S. 489–540, hier S. 506 f.
  36. Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, hrsg. von Johannes Winckelmann, 5., rev. Aufl., Tübingen 1976, S. 365.
  37. Max Weber an Marianne Weber, Brief vom 24. Januar 1910, in: MWG II/6, S. 380.
  38. Robert Michels wird 1913 Mitherausgeber des Archivs für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik und Nachfolger Max Webers in der Redaktion.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.

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Porträt Ingrid Gilcher-Holtey

Ingrid Gilcher-Holtey

Ingrid Gilcher-Holtey ist emeritierte Professorin für Allgemeine Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Zeitgeschichte an der Universität Bielefeld und assoziiertes Mitglied des Centre Européen de Sociologie et de Science Politique (CESSP) an der Université de Paris 1. Sie war Mitarbeiterin der historisch-kritischen Max-Weber-Gesamtausgabe.

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