Deadline: 30.09.2021

Medikalisierung / De-Medikalisierung

Call for Papers für eine Ausgabe von Psychologie & Gesellschaftskritik. Deadline: 30. September 2021

Medikalisierung beschreibt den Prozess, in dem ein Problem mit medizinischen Begriffen definiert und beschrieben, durch eine medizinische Rahmung verstanden oder mit medizinischen Mitteln ‚behandelt‘ wird (Conrad, 2007). Dabei ist es irrelevant, ob es sich um scheinbar eindeutige Krankheitszustände handelt oder um welche, die auch leicht anders interpretiert werden könnten wie etwa Alkoholismus oder Verhütung. Bei Medikalisierung geht es eben vor allem um den Prozess der Herstellung bzw. Konstruktion von Krankheit, Störung oder auch Gesundheit, was auch Bereiche wie Wellness oder Kosmetik umfasst. Dieser Prozess kann in verschiedenen Arenen vorangetrieben werden. So kann es zum einen das medizinische Versorgungssystem sein, dass etwas als krank definiert. Zum anderen können aber auch politische Debatten, Selbsthilfegruppen, Subkulturen sowie Individuen die Medikalisierung vorantreiben. Conrad stellte vor knapp 20 Jahren eine Zunahme der Medikalisierung fest. Er konstatierte beispielsweise eine zunehmende Medikalisierung von „normal life events“ (Conrad, 2007: 148) wie etwa dem Alter, der Menopause oder der Glatzenbildung. Die Medikalisierung von Phänomenen steht insbesondere in einem Zusammenhang zur ‚Individualisierung sozialer Probleme‘. Gesellschaftliche Strukturen werden nicht als solche benannt, sondern als Probleme von Individuen gedeutet und behandelt.

Grundsätzlich kann Medikalisierung für ein Individuum positive wie negative Folgen haben. Etwas als medizinisches Problem zu begreifen, kann Personen den Zugang zu medizinischer Versorgung ermöglichen und Sicherheit geben aber auch dazu führen, dass Menschen ausgegrenzt und als ´anders` markiert und somit stigmatisiert werden. Widerstände gegen die Medikalisierung finden sich in ganz unterschiedlichen Bereichen, wie etwa der Homosexuellenbewegung, dem Kampf um die Anerkennung von Neurodiversität oder geschlechtlicher Vielfalt. Doch auch das Aufkommen des Impfverweigerns, bzw. -gegner:innentum oder auch Homöopathie sind einem Prozess der De- Medikalisierung zuzuordnen und wenden sich dadurch gegen wissenschaftliche Erkenntnisse. In unserem Themenheft wollen wir uns, vom Begriff der Medikalisierung ausgehend, aus verschiedenen thematischen Blickwinkeln den Auswirkungen der Medikalisierung zuwenden. Fragen nach der Ausgestaltung und den Folgen von medizinisch gemachten Phänomenen sind dafür interessant. Wir wollen nach den psychologischen, gesellschaftlichen und/oder politischen Zusammenhängen fragen die Medikalisierung ermöglichen, aber auch beleuchten, wie medikalisierte Handlungen, Dinge oder Interaktionen ausgestaltet werden.

Beiträge für dieses Themenheft können sich grundlegend mit der Ausgestaltung medikalisierter Prozesse auseinandersetzen oder spezifische Ausformungen genauer in den Blick nehmen. Fragen könnten dabei sein:

  • Welche Folgen (positive wie negative) hat die Medikalisierung für das Individuum und/oder für die Gesellschaft?
  • Wie werden spezifische Phänomene medikalisiert?
  • Wie sehen Zusammenhänge zwischen Individualisierung und gesellschaftlichen Strukturen aus?
  • Welche Widerstände gegen Medikalisierung haben sich formiert und wie sehen diese aus?
  • Wie sehen Prozesse der De-Medikalisierung aus?
  • Wie zeigen sich Subjektivierungsprozesse im Zusammenhang mit Medikalisierung?

Psychologie & Gesellschaftskritik lädt ein, Beiträge zu diesem Thema einzureichen. Bitte senden
Sie Ihren Beitrag (max. 42.000 Zeichen und an die Manuskriptrichtlinien von Psychologie und
Gesellschaftskritik angepasst) bis zum 30.09.2021 an kontakt(at)pug-info.de. Gerne können uns
im Vorfeld (bis Ende Juni) auch erst einmal nur Abstracts zugeschickt werden.

Heftverantwortliche: Anike Krämer und Anne Rauber

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