Barbara Thériault | Essay |

Miss Mittelgebirge 1972

Ich kam in die Kleinstadt im Thüringer Wald. Weil der Friseursalon bekanntlich ein Schlüssel zur Stadt ist, hatte ich einen Termin in einem solchen Etablissement vereinbart. Mein Vorwand? Die Färbung der Haaransätze.

An dem Tag war ich erstaunlich wenig gesprächig. Ausgerechnet ich, die ein Loblied auf die Geselligkeit verfasst hatte,[1] fragte nichts, war maulfaul. Die Friseurin genauso. Musik füllte die Stille. Zum Beobachten spürte ich für meine Verhältnisse kaum Ansporn. Ich merkte etwas lustlos, dass der Salon gepflegt, sauber, bodenständig war.

Als die Friseurin dabei war, meine Farbe anzulegen, betrat eine weitere Kundin den Salon, die mit einer Handgeste gebeten wurde, sich in den Stuhl neben mich zu setzen. Sie – mittellanges Haar, keine oder kaum sichtbare Grauansätze – war nicht alt, sah dennoch gealtert aus. Sie trug eine formlose Jeans, Turnschuhe, ein langes rosa T-Shirt, dazu ein Stoffhalstuch und eine Tasche. Ihr Wunsch? Eine Kurzhaarfrisur mit freien Ohren, deren Name mir nicht bekannt ist, die sich aber in kleinen und mittleren Städten Deutschlands allgemeiner Beliebtheit erfreut. Oh! Ich würde der Herstellung von Normalität beiwohnen. Normalität mag hier das falsche Wort sein, denn ‚normal‘ bleibt unbemerkt. Jedenfalls war meine Neugier geweckt. Einen doch so oft anzutreffenden Haarschnitt hatte ich, muss ich an der Stelle zugeben, nie selbst ausprobiert oder geschnitten.

Die Friseurin machte sich schweigend an die Arbeit. Sie wusste, was zu tun ist. Nach etwa zwanzig Minuten war die Kundin fertig. Sie sah wie so viele ihrer Zeitgenossinnen aus und schien sich darüber zu freuen, denn sie verließ den Salon mit zufriedener Miene. Am Waschbecken steuerte ich nun doch ein Gespräch mit der Friseurin an: „Sie haben die Haare im Nacken der Kundin relativ lang gelassen. Wirkt es so weiblicher?“ Leidenschaftslos zuckte sie die Schultern und erwiderte lakonisch: „Sie wollte es so.“ Mein Interesse, eben noch so groß, schrumpfte schnell. ‚Nun ja, es handelt sich also bloß um einen namenlosen Männerschnitt mit fransiger – statt scharfer – Haarlinie im Nacken‘, dachte ich ernüchtert.

Nach einigen Wochen Arbeit als Friseurin und Wissenschaftlerin in der Hauptstadt kehrte ich in die Kleinstadt im Mittelgebirge zurück. Diesmal verspürte ich die Lust am Beobachten. Ich suchte mir einen geeigneten Platz, einen Brunnen zur belebtesten Tageszeit, am Vormittag. Das Notizbuch in der Hand schaute ich mich um: Egal wohin mein Blick wanderte, sah ich die Kundin, oder genauer gesagt: den Stil, für den sie exemplarisch steht. Überall hatten Frauen – egal wie alt, was wiederum ihr Alter undefiniert erscheinen ließ – Variationen der im Salon beobachteten Kurzhaarfrisur; dazu trugen sie Hosen, flache, orthopädisch-bequeme Fußbekleidung, über der Schulter getragene Handtaschen und Rucksäcke, Halstücher und Nagellack. Freilich gab es auch zwei oder drei konkurrierende Frisuren – darunter meine, wie ich feststellen musste – und einige wenige andere Kleidungsstücke. Einen Rock beispielsweise, von einer Frau getragen, die, wie ich hörte, Russisch sprach. Allem Anschein nach hatte sich die Trägerin nicht völlig assimiliert.

Massenproduktion geht nicht unbedingt mit erschwinglichen Preisen einher: Der Stil, der in Friseursalons, Nagelstudios und Bekleidungsgeschäften produziert wird und der auf Komfort gerichtet ist, ist nicht billig – das wusste ich spätestens, nachdem ich die Rechnung für die Färbung meiner Haaransätze im Altstadtsalon beglichen hatte (72 Euro. Zum Vergleich: in der Hauptstadt zahle ich 26 Euro).

Mit meinen Straßenbeobachtungen zur allgemeinen Ästhetik komme ich ungefähr 200 Jahre zu spät. Schon 1830 wies Balzac in seinen Aphorismen Über das elegante Leben darauf hin, was ihm später den Ruf des „Vorgängers der Soziologie“ einbrachte: „Wir sind jetzt fast alle auf dieselbe Art angezogen.“[2] In egalitären Zeiten kommt es auf Details, auf kleine Unterschiede an. Accessoires werden dabei eine immer wichtigere Rolle zugemessen. Daraus ist eine Modezubehörindustrie, aber auch eine Wissenschaft des Details, des aufmerksamen Beobachtens entstanden. Betrachten wir die Frauen in der Altstadt genauer: Ihre Liebe zu Details zeigte sich tatsächlich in Form von Accessoires – Strähnchen in Pastellfarben, Schmuckstücke, Geziertes auf farbigem Nagellack, Telefonetuis. Was drücken diese Accessoires aus? Sie verleihen dem Leben einen Hauch Poesie, ohne auf den Anschluss an einen Stil – und damit an die Gesellschaft – zu verzichten.

Unter allen Passantinnen, die zwischen der Drogerie Müller und der Volksbank Einkäufe erledigten, fiel mir eine Frau um die Siebzig auf, die ich im Augenwinkel bemerkte. Ich schrieb in mein Notizbuch „Miss Mittelgebirge 1972“.

Als ich später auf der Terrasse eines Cafés saß, sah ich sie wieder, was in der Kleinstadt keine Überraschung war. Sie trug kurze rote – manche sagen dazu auberginefarbene –, punkig gestylte Haare, eine enge Jeans, Sandalen mit hohen Keilabsätzen, dazu eine zierliche Tasche, lackierte Nägel. Ich sprach sie an. Sie erzählte von sich selbst und von der Stadt. „Wieso bin ich in der Kleinstadt geblieben?“, fragte sie mehr sich selbst als mich. Mir wurde dabei eins klar: Die schöne Frau war ganz anders – und doch wie viele andere. Sie war gepflegt, trug eine ähnliche Kleidung und modisches Zubehör wie die anderen Stadtbewohnerinnen. Ich dachte an einen Aphorismus Balzacs, der in Frauenmagazinen stets beschworen wird: „Die Toilette [Bekleidung] besteht nicht so sehr aus den Kleidungsstücken an sich, als aus einer gewissen Art, sie zu tragen.“[3] Doch dann wurde ich unsicher. Es schien mir, dass die Kleinstadt, mehr als die Haltung der Frau, ihre Accessoires intensiviert und der Schlüssel zu ihrer Schönheit ist. So inspirierte mich die Frau zu einem Aphorismus: Wer elegant sein möchte, sollte in eine kleine Stadt gehen.

Balzacs Interesse an Details beruht auf einer extrem kühnen Behauptung: „Das äußere Leben ist eine Art von Organisationssystem, das einen Menschen ebenso exakt darstellt.“[4] Ja, „[d]ie Toilette ist Ausdruck der Gesellschaft“.[5] Auch wenn sich aus dem Äußeren sicher nicht das Ganze ableiten lässt, so ist doch Inspiration aus Balzacs Verfahren zu schöpfen. Die Aufmerksamkeit für Äußeres wie für Details und das Erkennen neuer sozialer Figuren, die aus dem Niedergang alter Schichten und dem Aufstieg neuer entstanden sind, bleiben geboten. Diese Figuren sind Antworten auf Dilemmas der Zeit. So interessant und lehrreich Miss Mittelgebirge 1972 sein mag, müssen wir auch Ausschau nach Neuem halten.

Ich sehe, wie ein Mann mit feinen Wildlederschuhen und einer blonden Tolle einen Barbiershop ansteuert. Ich werde ihm folgen.

  1. Barbara Thériault, Abenteuer einer linkshändigen Friseurin, Leipzig, 2024.
  2. Honoré de Balzac, Über das elegante Leben [1830], nach der Übers. von W. Fred erg., aktual. und komm. von Constanze Derham, Berlin, 2021, S. 89.
  3. Ebd., S. 108.
  4. Ebd., S. 61.
  5. Ebd., S. 101.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Familie / Jugend / Alter Körper Normen / Regeln / Konventionen

Abbildung Profilbild Barbara Thériault

Barbara Thériault

Barbara Thériault ist eine in Deutschland ausgebildete kanadische Soziologin und Friseurin. Sie ist Professorin an der Université de Montréal und übersetzt Feuilletons und Miniaturen vom Deutschen ins Französische. Außerdem ist sie Mitherausgeberin von „Siggi, le magazine de sociologie“ und ehemalige Stadtschreiberin in Lviv (Ukraine) und Halle an der Saale. (© Maurice Weiss)

Alle Artikel

Teil von Dossier

Umschwung Ost

Vorheriger Artikel aus Dossier: Orte, die von uns erzählen

Empfehlungen

Bernd Eggen

Das Kind als eindimensionales Subjekt

Rezension zu „Das Problem Kind. Ein Beitrag zur Genealogie moderner Subjektivierung“ von Christoph T. Burmeister

Artikel lesen

Hinterfragt – Der Ethik-Podcast

Entscheidungen über das Verhalten werden oft sekundenschnell getroffen: erst im Gespräch, das Situation, Optionen und Gründe auseinanderdividiert, ergeben sich ethische Alternativen.

Artikel lesen

Newsletter