Julia König | Essay |

Mit dem kindlichen „Wunsch-Körper“ Revolution machen

Konstellationen von Kindheit, Sexualität und Entführung bei Guy Hocquenghem

„In den modernen Gesellschaften […] ist die Erziehung der Kinder, die Sorge um ihre Gesundheit und um ihre Zukunft die mächtigste Bremse gegenüber Umwälzungen der sozialen Ordnung, der Revolutionen.“[1]

Eingesperrt in den „Familienkäfig“[2], in dem es „verdummt und verkindlicht“,[3] behütet und permanent überwacht[4] und auf diesem Wege privatisiert[5] werde, friste das Kind in der kapitalistischen Gesellschaft ein klägliches Dasein auf seiner Funktionsstelle im ödipalen Korsett und sehne sich nach einem Ausweg: nach Befreiung, Flucht, Entführung – so die Provokation und Überzeugung Guy Hocquenghems und René Schérers in ihrer bewegten und virtuos durch die Literaturgeschichte mäandernden Schrift Co-ire (1977 [1976]), die zugleich den Anspruch einer systematischen Abhandlung über die Kindheit erhebt.[6] Während dem Kind in besagtem Familienkäfig nur „seine Schwäche und Abhängigkeit ein[ge]hämmer[t]“[7] werde, stelle seine Entführung die Bedingung der Möglichkeit dar, unabhängig von funktionalen, familiären Platzierungen „das zu werden, was es ist“.[8] Durch die in den Zwangszusammenhang Familie eindringende Gewalt mache nämlich erst der Kindesraub den „Wunsch-Körper“ des Kindes sichtbar und enthülle „das Unreduzierbare in seiner kostbaren Individualität“.[9] Hierbei spielen die Reize des Kinderkörpers als „vollkommen begehrenswerter Körper“[10] eine entscheidende Rolle, der nicht als unfertiger, noch nicht ausgewachsener Körper, sondern gerade in „seiner ewig andauernden Adoleszenz […] begehrenswert“ sei und durch die „Begierde des Erwachsenen anerkannt“[11] werde. Diese Schlussfolgerung der furiosen Abhandlung über die Kindheit wirkt im heutigen gesellschaftlichen Kontext derangiert bis gefährlich; ohne genauer benannt zu werden haben die hier vertretenen Positionen wohl mit dazu beigetragen, dass eine Anfang des Jahres 2020 zu Ehren des 1988 an den Folgen von AIDS verstorbenen Guy Hocquenghem in der Pariser Rue de Plaisance installierte Gedenktafel im September desselben Jahres wieder entfernt wurde. Das feministische Kollektiv Les Grenades hatte die Tafel mit Kunstblut beschmiert und verkündet, Hocquenghem sei ein Apologet der Pädophilie und habe diesbezüglich mit Gabriel Matzneff kollaboriert,[12] einem französischen Schriftsteller, der sich aktuell vor Gericht für seine in den 1970er- und 80er-Jahren offen gelebten, in der linksintellektuellen Pariser Szene goutierten pädosexuellen Beziehungen verantworten muss.

‚Soll man Hocquenghem verbrennen?‘[13] fragt Hocquenghems Biograf Antoine Idier angesichts der Alles-oder-nichts-Logik dieser Protestaktion; so trage doch die Demontage der Tafel letztlich dazu bei, die Spuren französischer LGBTIQ-Kämpfe zurück in die Unsichtbarkeit zu drängen. Zudem seien Hocquenghems journalistische, aktivistische und philosophische Beiträge im Strudel der ‚libération sexuelle’ der 1970er-Jahre als Interventionen in eine schillernde und leidenschaftlich streitende soziale Bewegung zu verstehen, in der Gegenstand und Inhalt jener sexuellen Befreiung unterschiedlich aufgefasst wurden.[14] Um deutlich zu machen, dass sich Hocquenghems Interventionen nicht als gegen ‚die’ feministische Bewegung gerichtet, sondern nur innerhalb feministischer Diskussionen begreifen lassen, zeigt Idier die Nähe von dessen Positionen zur Kindheit und der sexuellen Befreiung (die aktuell als Apologie pädosexueller Übergriffe gelesen werden) zu denen der feministischen Schriftstellerin und, ebenso wie Hocquenghem, Mitgründerin des Front homosexuel d'action révolutionnaire (FHAR) Charlotte Rochefort auf.[15] Ich hingegen möchte mich im Folgenden mit den in Co-ire entwickelten Argumenten vor dem Hintergrund der ‚libération sexuelle’ befassen. Besonders interessieren mich dabei die aus der Kritik der Kindheit als sozialer und politischer Kategorie hervorgehenden Implikationen für das Verständnis kindlicher und jugendlicher Sexualität, und die daraus folgende Einschätzung intergenerationeller sexueller Akte und Beziehungen.

Co-ire im bewegungspolitischen Kontext der ‚libération sexuelle’

Mit Co-ire legten der Philosophieprofessor René Schérer und sein Schüler und Geliebter Guy Hocquenghem eine systematische Untersuchung der Kindheit vor,[16] als welche sie in der internationalen Fachdiskussion auch rezipiert wurde.[17] Die Schrift lässt sich als doppelte Intervention begreifen: So leisten die Autoren einerseits einen dezidierten Beitrag zur historischen Kindheitsforschung im Anschluss an Philippe Ariès‘ L’enfant et la vie familiale sous l’ancien régime[18] und intervenieren andererseits in Debatten um die ‚libération sexuelle’, innerhalb derer sich die Verteidigung der sexuellen Freiheit und Selbstbestimmung junger Menschen gegenüber der Kontrollgewalt ihrer Eltern als ein Dreh- und Angelpunkt erwies.[19] Denn der Reform des Sexualstrafgesetzes Ende der 1970er-Jahre durch die Commission de révision du Code pénal, die sich von keinem Geringeren als Michel Foucault beraten ließ,[20] gingen jahrelange Debatten um die Entkriminalisierung der Pädophilie voraus. Angeheizt wurden sie durch von medialen Hetzkampagnen begleitete Gerichtsprozesse, in denen Erwachsene im Einklang mit dem geltenden Sexualstrafgesetz zu relativ schweren Strafen verurteilt wurden. Hocquenghem gehörte zu den Autor:innen einer vielbeachteten Petition, die am 26. Januar 1977 in den überregionalen Zeitungen Libération und Le Monde publiziert wurde: Der offene Brief Zur Überarbeitung des Gesetzes über Sexualdelikte an Minderjährigen unterstützte drei Männer, die wegen des Verdachts auf sexuelle Beziehungen mit Unter-15-Jährigen – es ging um Nacktfotos und sexuelle Spiele – bereits seit 1973 in Untersuchungshaft saßen. Der Prozess wegen sexueller Belästigung Minderjähriger ohne Gewaltanwendung (attentat à la pudeur sans violence sur mineurs) stand bevor und die prominenten linksintellektuellen Unterzeichner:innen[21] kritisierten die Unverhältnismäßigkeit der Bestrafung vor dem Prozess durch die lange Untersuchungshaft sowie die Schwere der Vorwürfe.[22]

In einem Radiogespräch mit Michel Foucault und dem Rechtsanwalt Jean Danet, das am 4. April von France Culture ausgestrahlt wurde, betont Hocquenghem, dass man den „Verbrechens- oder Unzuchtsbegriff“[23] seiner Zeit demaskieren müsse. Denn der beruhe – und hierin folgt er Foucault – auf der falschen Annahme, dass Kinder und Erwachsene einander vollkommen fremd seien und diene somit in erster Linie dazu, „eine Gruppe von Perversen im eigentlichen Sinne des Wortes“ zu erschaffen, „von Ungeheuern, deren Lebensziel es ist, Sex mit Kindern zu haben“.[24] Die Konstruktion des Verbrechens erfülle hier schlicht eine Funktion, insofern sie – und hier liegt in mehrerlei Hinsicht die Crux – den Vorwurf legitimiere: „Ihr wollt Sexualität mit Kindern, die damit einverstanden sind.“[25] Es ist fraglos entscheidend, wer dabei unter den Begriff ‚Kinder’ subsumiert wird, was Hocquenghem allerdings dezidiert offenlässt: „Wir haben in diesem offenen Brief keine Altersgrenze genannt.“[26] Es geht ihm darum, die Kategorie ‚Kinder’ in diesem Kontext als unbrauchbar zu kritisieren. Schließlich gehe es in der Konstruktion des Unzuchtsverbrechens „im Wesentlichen um die Kinder, also um die Ausbeutung der im Volk und in der Öffentlichkeit herrschenden Empfindlichkeit und des spontanen Abscheus gegenüber jeglicher Sexualität im Zusammenhang mit Kindern.“[27] Damit hebt er auf eine genuin psychoanalytische Erkenntnis – die Irritation Erwachsener im Kontakt mit kindlicher Sexualität – ab. Anders als in der Psychoanalyse, in der diese Irritation als lebensgeschichtlich unvermeidlich, von der Nachträglichkeit gezeichnet und für die menschliche Sexualität konstitutiv begriffen wird, führt Hocquenghem sie auf gesellschaftliche Normen und Strukturen zurück und fantasiert über die Möglichkeit einer Alternative, wenn auch als Utopie. In diesem Sinne argumentieren Schérer und Hocquenghem in Co-ire, dass eine gesellschaftlich funktionale „elterliche Paranoia“ furchterregende Bilder vom „Unglück des umherschweifenden oder entführten Kindes“[28] beschwöre, das unter keinen Umständen sexuell begehrt werden dürfe.[29]

„Sex mit Kindern, die damit einverstanden sind“

Hocquenghems Argument, es handle sich um einen gegen ihn und seine Mitstreiter:innen gerichteten ‚Vorwurf’, demzufolge sie „Sex mit Kindern, die damit einverstanden sind“[30] wollten, muss im damaligen gesellschaftlichen Kontext betrachtet werden. Der war nun in der Tat durch Hetzkampagnen gegen und Jagden auf (vermeintliche) Pädosexuelle sowie populäre homosexuellenfeindliche Kampagnen wie Anita Bryants ‚Save Our Children’ geprägt und auch die Gesetzgebung setzte das Schutzalter bei homosexuellen Kontakten höher an als bei heterosexuellen.[31] Die von Hocquenghem und anderen Aktivist:innen wie Foucault oder Schérer angestrengte Verteidigung ist gewissermaßen eine ‚mit offenem Visier’ – sie soll sich gerade nicht in Dementis erschöpfen, sondern die immanente Falschheit des Vorwurfs an sich demaskieren: Dessen Prämissen seien schon so verfehlt, dass die Aktivist:innen lieber einen provokanten Gegenentwurf formulieren.

Als die Aktivist:innen die Aufhebung von Altersschutzgrenzen in sexuellen Beziehungen forderten, bekam das sexuelle Begehren von Kindern und Jugendlichen selbst eine Schlüsselrolle.[32] Wenn doch die Kinder nun selbst Lust hätten auf sexuelle Kontakte mit Erwachsenen – dann sei das Verbot gewaltsam und nicht die intergenerationell gelebte Lust, so die These. Solche Aussagen alarmieren im heutigen Kontext, in dem der Einvernehmlichkeit sexueller Beziehungen größte Relevanz zugemessen wird und damit einhergehend die Sensibilität für unsichtbare Ungleichheiten und Machtgefälle zwischen Sexualpartner:innen geschärft ist.

Fraglos wäre das Argument unproblematisch, wenn es sich bei der durch die damalige gesetzliche Konstruktion vor der französischen Strafrechtsreform als ‚Kind’ bestimmten Person um einen 17-jährigen schwulen jungen Mann handelte, der eine sexuelle Beziehung mit einem 21-Jährigen hätte – um solche Verhältnisse ging es Hocquenghem und seinen Mitstreiter:innen auch, aber eben nur unter anderem. Das gleiche galt für die reaktionären Kräfte, die – wie auch heute noch etwa von Initiativen wie Manif pour tout, die Besorgten Eltern und Demo für alle[33] – auf der Idee von der kindlichen Unschuld und der Konstruktion eines asexuellen Kindes als Opfer beharrten, wobei die Kategorie ‚Kind’ hier Säuglinge ebenso wie Jugendliche einschloss. Befürworter:innen der sexuellen Liberalisierung erkannten damals (ebenso wie kritische Beobachter:innen heute) den Versuch, mittels solcher Kampagnen in der aufgeheizten (französischen) Öffentlichkeit für eine Remoralisierung zu werben. In diesem Spannungsfeld gerieten die Aktivist:innen zugleich in Konflikt mit großen Teilen der vielstimmigen und, wie Idier zu Recht anmerkt, leidenschaftlich streitenden Frauenbewegung, in der zur selben Zeit sexuelle Gewalt skandalisiert, die Kriminalisierung der Vergewaltigung gefordert und auch in der Debatte um die Pädophilie auf deren Gewaltförmigkeit abgehoben wurde, die in der strukturellen Asymmetrie pädosexueller Beziehungen liege.[34] Hocquenghem rekurriert darauf, wenn er erläutert, dass die Autor:innen des Offenen Briefes sehr darauf geachtet hätten, in der Adressierung von „Unzucht mit Kindern und [der] Verführung Minderjähriger“[35] die Vergewaltigung, „die ein ganz anderes Problem darstellt, in keiner Weise anzusprechen“. Er konkretisiert:

„Es gibt da zwei Probleme. Einmal das eigentliche Problem der Vergewaltigung, über das die Frauenbewegung und die Frauen alles Notwendige gesagt haben. Und dann noch ein zweites Problem auf der Ebene der öffentlichen Meinung und der dort festzustellenden Reaktionen. Auf dieser Ebene kommt es zu Sekundäreffekten wie Menschenjagd, Lynchjustiz und moralischer Massenempörung.“[36]

Auch wenn die Unterscheidung der konkreten Vergewaltigung von den beobachteten rachlustigen Reaktionen anderer nach wie vor richtig und wichtig ist, wird an dieser Stelle doch offenkundig, dass Hocquenghem ausblendet, wie schnell sich die strukturelle Asymmetrie des Generationenverhältnisses in ein Gewaltverhältnis übersetzen kann. Dabei merkt er selbst an, wie trügerisch die Kategorie des Einverständnisses sein könne, deren Überprüfung vor Gericht ein „zweischneidiges Schwert“[37] sei. Er versucht sich an einer positiven Bestimmung:

„Wenn wir sagen, das Kind habe in einem bestimmten Fall sein ‚Einverständnis’ gegeben, meinen wir damit, dass keine Gewalt und keine hinterhältigen Manöver eingesetzt worden sind, um das Kind zu affektiven oder erotischen Beziehungen zu bewegen.“[38]

Wem es obliegt, zu überprüfen oder auch nur zu bestimmen, ob „hinterhältige […] Manöver“ eingesetzt worden seien, bleibt offen und damit ein Einfallstor für eben gerade jene unmerklichen, hinter den Kulissen jedoch oft sehr effektiven Manöver, die Kinder in Verzweiflung stürzen können, wie nicht erst seit Vanessa Springoras Le Consentement[39] weithin bekannt ist.

Zurück zur Frage des Alters der infrage stehenden ‚Kinder’: Hocquenghem möchte erklärtermaßen keine neue Altersgrenze für sexuelle Beziehungen ziehen; es geht ihm nicht nur um 15-, 16- oder 17-jährige Jugendliche. Darauf besteht er erstens weil er, wie oben gezeigt, auf den Diskurs von der kindlichen Unschuld reagiert, zweitens da er qua seiner Kritik der Kindheit ohnehin davon ausgeht, dass Kinder viel mehr (auch: sexuelle) Akteur:innen sind als ihnen gemeinhin zugestanden wird, und drittens weil er die kindliche Sexualität als wild und, in Anlehnung an den Psychoanalytiker und Sozialreformer Georg Groddeck, auch als „ursprüngliche und vollkommene“[40] Sexualität idealisiert.

Über die Queerness von Kindern und vermeintlich progressive Nivellierungen von Asymmetrien

Zweifelsohne zeigt sich hier eines der größeren Probleme der aktivistischen Einlassungen Hocquenghems zur Frage der Sexualität und der Kinder, das für die zeitgenössische Szene typisch ist: Über die Kinder selbst wird hier wenig gesagt, und wenn doch, dann gelingt es den Aktivist:innen nicht, kindliche Perspektiven zu inkludieren.[41] Kinder und ihre Sexualität werden in diesem Kontext schlicht virulent als ein Subthema des sexualrevolutionären Kampfes für die Rechte sexueller Minderheiten, namentlich Pädosexueller[42] und unterdrückter Bevölkerungsgruppen. In diesem Sinne stilisierte der bereits erwähnte Gabriel Matzneff Kinder zu einer (für Erwachsene) unantastbaren „Kaste“,[43] und Schérer und Hocquenghem skandalisierten die Pädagogik generell als Instrument der Aufspaltung der intergenerationellen Beziehung in einen sich selbst verleugnenden, verzichtenden Lehrer und ein idealisiertes Kind: Seit der Institutionalisierung der Pädagogik durch Sokrates und die erneuerte Veranschaulichung der Idee durch Rousseau segregiere das „System Kindheit“ generell Kinder und Erwachsene.[44]

Auf dieser Ebene harmoniert Hocquenghem sehr mit Foucault: beide kritisieren die Konstruktion einer kriminellen Tätergruppe ebenso wie erwachsene Fantasien von einer kindlichen Unschuld und die kindliche Lust betreffenden angstvollen Projektionen der Erwachsenen. Allerdings unterscheidet sich Hocquenghems Verständnis kindlicher Sexualität insofern von jenem Foucaults, der ihre Funktion im Diskurs verabsolutiert und kindliche Sexualität negativ bestimmt als ein systematisch Über- beziehungsweise Ungehörtes.[45] Hocquenghem und Schérer wollen hingegen eruieren, was kindliche und jugendliche Sexualität sei und was ihren Reiz ausmache. Im Anschluss an Schérers Vorarbeiten[46] stilisieren sie das Kind als wildes und unzivilisiertes Wesen, als ‚tierhaft’ in dem Sinne, dass es noch nicht (vollkommen) durch menschliche Milieus beziehungsweise gesellschaftliche Verhältnisse geformt und dem Diskurs gegenüber indifferent sei.[47] Gleichzeitig ästhetisieren sie den kindlichen Körper als von „übermenschlicher Schönheit“[48] unter Bezugnahme auf Texte von unter anderem Vladimir Nabokov, Michel Tournier, Robert Musil, Thomas Mann und Charlotte Rochefort. Unbestimmt und immer in neuen Formungen sei dieser Körper „noch nicht vom Stempel des Geschlechts gezeichnet“ und sei für „Verschiebungen“ offen, lehne „feste Zuweisungen“[49] ab und erweise sich insofern als ‚Wunsch-Körper’ – indifferent gegenüber gesellschaftlichen Zuweisungen und den Zumutungen der Vergeschlechtlichung. Als solcher sei er begehrenswert und lasse „das ‚ungeheuerliche’ Begehren des Erwachsenen in die Region des Unbeschreiblichen gleiten“.[50] Solche Passagen, die Überlegungen zur Queerness von Kindern vorwegnehmen, die erst im nächsten Jahrhundert Gegenstand von Fachdiskussionen werden sollten,[51] rechtfertigen es in der Tat, Hocquenghems theoretische Entwürfe als „Queer Theory avant la lettre[52] zu bezeichnen. Allerdings zeichnen sich diese Beschreibungen doch auch wieder dadurch aus, dass hier zwei Erwachsene über sexuell reizvolle Kinderkörper schreiben, während Fragen nach der kindlichen Lust oder den Perspektiven kindlicher Akteur:innen keine Rolle spielen.

Zwar ist der erotische Reiz des kindlichen Körpers schon früh von Freud analysiert worden; dessen Sexualtheorie lehnen Schérer und Hocquenghem jedoch ab, da sie die Kinder in der Dialektik des patriarchal strukturierten und strukturierenden ‚Familienromans’[53] gefangen halte, den die Autoren zudem mit der bestehenden kapitalistischen Ordnung und ihrer falschen Alternative zwischen proletarischer („Maschinenarbeit“) und bourgeoiser Kindheit („‚befreiende’ Einschulung“[54]) identifizieren. Dem setzen sie den ‚Kindheitsroman’[55] als außerfamiliäres, heterogenes Ensemble von zumeist literarischen Texten zur Kindheit entgegen. In Co-ire oszillieren die Autoren zwischen der stärker vertretenen Erwachsenenperspektive und Passagen, in denen sich die Autoren auf die Seite von Kindern zu schlagen suchen: Etwa in einer Parteinahme für das Storchennarrativ von Freuds ‚kleinem Hans’, das sie nicht als Narrativ zur Vermeidung der Themen Zeugung, Geburt und (elterlicher) Sexualität verstanden wissen wollen, sondern als kreative Leistung des Fünfjährigen, eine Ausflucht aus dem Familienroman zu fabrizieren:

„Ja zum Storch, aber nicht zu dem einer mütterlichen Prüderie, sondern ja zu dem Vogel mit dem großen Schnabel und den großen Flügeln der kindlichen Tierfabeln, zu denen auch die wilden Gänse gehören, die Nils Holgersson in den Geschichten von Selma Lagerlöf davontragen und die Schwäne mit schwarzen Flügeln, die ihre Schwester suchen kommen, um sie jenseits der Meere hinwegzuführen, Kinder, die durch eine böse Stiefmutter in Vögel verwandelt wurden.“[56]

Hier wird das Entführungsthema aus der Perspektive des in den Familienroman verstrickten Kindes aufgezogen: Die Entführung wird ersehnt, da das Kind eine:n Verbündete:n braucht, um der patriarchalen Gewalt der familiären Institution zu entkommen. Schérer und Hocquenghem stellen heraus, dass diese Sehnsucht nicht – wie im Rahmen des psychoanalytischen Familienromans – als Fantasie ‚misszuverstehen’ sei. Als solche diene sie lediglich der Stabilisierung jener Verhältnisse, die eben denjenigen Leidensdruck verursachen, der nur mit Hilfe der Entführungsphantasie auszuhalten ist. Im Rekurs auf die Psychoanalytikerin Maud Mannoni plädieren sie für reale „Notwendigkeiten der ‚Bruchstellen’, der Reisen, des Aufbruchs, des ‚unbestimmten Aufenthalts’“.[57] Erst dann verharre die Entführung nicht mehr in der familialen Fantasie, sondern trete „als Bruch einer von innen her strukturierenden Dialektik“ hervor.[58] Letztere als ewig schnurrende Maschine der Integration von Fluchtimpulsen verwerfend romantisieren sie die Entführung als „Flucht in die Radikalität“.[59] Die (sexuelle) Revolution ist mit Dialektik schlicht nicht zu machen, so das Fazit der Autoren, die die Indifferenz des kindlichen Körpers denn auch mit dem ‚organlosen Körper’ des Anti-Ödipus[60] in Verbindung bringen, und statt Widersprüchen oder Entgegensetzungen auf produktive Vielheiten setzen: Die Frage, ob das Kind von einem „noblen Ritter“ oder einem „Folterknecht“ entführt werde, „taugt nichts“,[61] sondern sei im Kontext von Vielheiten zu interpretieren. Hier scheint sich Aaron Lahls Vermutung zu bewahrheiten, dass

„die Unfähigkeit, sexuellen Missbrauch adäquat zu fassen, eine logische Konsequenz des Anti-Ödipus ist, der in seiner rigorosen Kritik des Familialismus die Differenz zwischen erwachsener und infantiler Sexualität vollständig negiert“.[62]

Die Leugnung dieser Differenz zeigt sich auch in der Beschreibung von intergenerationellen Sexualakten oder der sexuellen Spannung zwischen Kindern und Erwachsenen in Co-ire. Die sexuelle Initiative Lolitas gegenüber Humbert Humbert wird zur Rechtfertigung der erwachsenen ‚Antwort’, als seien beide doch in ihrer erotischen Beziehung gleich (genug, um eine sexuelle Beziehung zu haben).[63] In entsprechenden Passagen schildern Schérer und Hocquenghem mit Nabokov, wie der Erwachsene schmachtet und sich seine Lust am Kind aber versagt, die dieses dann aber plötzlich selbst einfordert. Verloren geht in einer Perspektive, in der die strukturelle Asymmetrie zwischen Kindern und Erwachsenen derart aus erwachsener Perspektive erotisiert wird, aber die Einsicht in das höchst ungleiche Machtverhältnis: Dass nämlich der Erwachsene, der mit einem sexuellen Akt auf eine Initiative des Kindes zu ‚antworten’ meint, damit wohl eher auf sein eigenes Begehren antwortet. So gehören die sexuellen Interessen von Kindern an Erwachsenen zwar in der Tat zu ihrer polymorph-perversen Sexualität – eine Anerkennung des Kindes und des „Unreduzierbare[n] in seiner kostbaren Individualität“[64] besteht aber gerade in der Wahrung seiner leiblichen, psychischen und auch sexuellen Integrität.

Ich habe an anderer Stelle gezeigt, inwiefern die Generationendifferenz in der Sexualität historisch in jenen Phasen zurücktrat, in denen sich die sexuelle Ordnung durch sexuelle Revolutionen oder andere Umwälzungen der sexuellen Verhältnisse auflöste und erst nach einer gewissen Konsolidierung der sexuellen Verhältnisse wieder restabilisierte.[65] Diese Dynamik scheint auch in Hocquenghems Ringen um die Erkenntnis, Bedeutung und Einschätzung von Sexualakten zwischen Kindern und Erwachsenen in den hitzigen gesellschaftlichen Debatten der ‚libération sexuelle’ virulent zu sein. Auch wenn die Frage von Bücherverbrennungen noch aus ganz anderen Gründen schlicht unrecht ist, sollte man Hocquenghem – um die Frage aus den aktuellen Auseinandersetzungen wieder aufzugreifen – natürlich nicht verbrennen. Die höchst verschiedenen soziohistorischen Kontexte, in denen sich auf seine Schriften über die kindliche Sexualität oder diejenige zwischen Kindern und Erwachsene bezogen wird, bringen vielmehr unterschiedliche Aspekte der Sache selbst zum Ausdruck. Dass Hocquenghem selbst ebenjene Sache an den herausgearbeiteten Stellen gravierend verfehlt, steht zwar außer Frage, dass seine Arbeiten durch die Reflexion auf ihre jeweiligen, historisch gebundenen Rezeptionskontexte – sei es die ‚libération sexuelle’ oder seien es zeitgenössische Debatten – nichtsdestotrotz zum besseren Verständnis des Gegenstands beitragen können, hoffe ich, gezeigt zu haben.

  1. René Schérer / Guy Hocquenghem, Co-ire. Kindheitsmythen, übersetzt vom Übersetzerkollektiv, München 1977, hier S. 13.
  2. Ebd., S. 11.
  3. Ebd., S. 33.
  4. Vgl. Schérer / Hocquenghem, Co-ire, S. 62 ff.; diese Position entwickeln Schérer und Hocquenghem in einer Kritik der Anti-Ödipus-Rezeption durch Jean-François Lyotard, der eine gesellschaftliche Auflösung der ödipalen Triade diagnostiziert in einer Zeit, in der Kinder ihre Zeit in „Kinderhort, Schule, [mit] Schulaufgaben, [in] Flippersalon und Kino“ verbrächten, und in der „die Gestalten der Eltern, Erzieher, Lehrer und Pastoren […] der Subsumtion unters Kapital“ unterlägen: „Ein lohnabhängiger Vater, das ist ein austauschbarer Vater und dessen Sohn ein Waisenkind.“ (Jean-François Lyotard, Capitalisme énergumène, Critique, Novembre 1972, übers. von und zit. nach Schérer/Hocquenghem, Co-ire, S. 62) Schérer und Hocquenghem entgegnen, dass es sich bei den aufgezählten Orten mit Ausnahme des Flippersalons um für Kinder designierte pädagogische Räume handele, die die Familie eben nicht ersetzten, sondern sie „überhaupt erst“ (ebd., S. 63) produzierten, wie Schérer auch schon in Das dressierte Kind argumentiert hatte (vgl. René Schérer, Das dressierte Kind. Sexualität und Erziehung: Über die Einführung der Unschuld, Berlin 1975 [1973]). Zudem sehen sie den ständigen Umgang der Kinder mit Erzieher:innen, Lehrer:innen und Pastor:innen nicht als „Anzeichen von Entprivatisierung“ (Schérer/Hocquenghem, Co-ire, S. 63), gehörten doch jene Erwachsene, die die Kinder davon abhielten, sich ohne elterliche Erlaubnis in öffentlichen Räumen zu bewegen zur „Sekte der Bewacher“ (ebd.).
  5. Vgl. ebd., S. 34 f.; S. 56 ff. In einer historischen Rekonstruktion zeigen Schérer und Hocquenghem auf, dass die Konstruktion der bürgerlichen und proletarischen Familie nur auf der Gewaltgrundlage der „ursprüngliche[n] Akkumulation mit der Zwangs-Enteignung, die Zerstörung der ländlichen Strukturen“ (ebd., S. 28) entstehen konnte, die mit der Entwicklung der kapitalistischen Ökonomie einherging. Diese Gewaltgrundlage der Familie aber werde verleugnet, „damit die staatlichen Institutionen als die langsame Entwicklung eines Fortschritts ›zu seinem Guten‹ erscheinen können, die Entführung aber als soziale Gefahr und als Schwerverbrechen“ (ebd., 34 f.)
  6. Während das Übersetzungskollektiv der Schrift im Deutschen den Untertitel Kindheitsmythen gaben und damit eine leichte Akzentverschiebung vornahmen, lautet der Untertitel im Original: Album systématique de l’enfance. Der französische Titel unterstreicht zudem eine weitere Dimension des Werks als Album im buchstäblichen Sinne insofern, als es zahlreiche Fotos nackter bzw. erotisierend in Szene gesetzter Kinder enthält, welche den erwachsenen Blick zum Genuss einladen sollen.
  7. Vgl. ebd., S. 33.
  8. Ebd., S. 36.
  9. Ebd.
  10. Ebd., S. 113.
  11. Ebd.
  12. Vgl. twitter.com/LesGrenades_/status/1301652609850318848 (31.10.2021)
  13. Antoine Idier, Faut-il brûler Hocquenghem?, blogs.mediapart.fr/antoineidier/ blog/060920/faut-il-bruler-hocquenghem (31.10.2021) Idiers Formulierung ist an Simone de Beauvoirs berühmten Aufsatz zu Marquis de Sade – „Soll man de Sade verbrennen?“ – angelehnt.
  14. Tatsächlich wurde im FHAR von Beginn an (und oftmals von den Minderjährigen selbst) eine Auseinandersetzung über die Sexualität Minderjähriger geführt. Exemplarisch dafür sind der Abschnitt „Les mineurs“ im Rapport contre la normalité von 1971 (vgl. FHAR (Hg.), Rapport contre la normalité, La Bussière 2015) sowie das Kapitel „04b“ der Recherches Nr. 12 von 1973, das den Titel „pédo-philie“ trägt (vgl. Félix Guattari (Hg.), Trois Milliards de Pervers. Grande encyclopédie des Homosexualités, Paris 1973 sowie die deutsche Ausgabe: Bernhard Dieckmann / François Pescatore, Drei Milliarden Perverse, Berlin 1980, S. 69–85).
  15. Unabhängig von den aktuellen Diskussionen hat auch Meike S. Baader in ihrer Untersuchung des wissenschaftlichen Diskurses über Pädosexualität in den 1970er- und 1980er-Jahren festgestellt, dass die Frontstellung ›Homosexuelle gegen Feministinnen‹ gerade in transnationaler Perspektive relativiert werden müsse. Vgl. Meike S. Baader, Zwischen Politisierung, Pädosexualität und Befreiung aus dem „Getto der Kindheit“. Diskurse über die Entgrenzung von kindlicher und erwachsener Sexualität in den 1970er Jahren, in: Meike S. Baader / Christian Jansen / Julia König / Christin Sager (Hg.), Tabubruch und Entgrenzung. Kindheit und Sexualität nach 1968, Köln, Weimar, Wien 2017, S. 55–84, hier S. 60.
  16. Es spielt in die Rezeption und sicher auch das Entstehen des Buches mit hinein, dass sich das Autoren- und Liebespaar selbst in einem pädagogischen Setting gefunden hatte, als nämlich Schérer an jenem Gymnasium unterrichtete, an dem der 24 Jahre jüngere Hocquenghem gerade die Oberstufe absolvierte.
  17. Die avancierte Differenzfeministin Luisa Muraro übersetzte das Werk 1979 ins Italienische, weil sich „nach Angabe der Experten […] 15% der erwachsenen […] Bevölkerung von jüngeren Menschen sexuell angezogen“ fühlten. Erst im Nachhinein beurteilt sie das Buch kritisch als „offenen Hymnus auf die Pädophilie“ (Luisa Muraro, Die Menge im Herzen, Rüsselsheim 2001 [2000], hier S. 132.). Der Jugendforscher Uwe Zinnecker ordnete das Buch zusammen mit Schérers Emile perverti der „Kinderforschung im Gefolge der anti-pädagogischen Bewegung“ zu, die an der „Zerstörung eines Kindheitsbildes“ arbeiteten, „das sie als historischen Ausfluß der Kontrollphilosophien pädagogischer Institutionen zu entlarven sucht“ (Uwe Zinnecker, Jugendliche Subkulturen. Ansichten einer künftigen Jugendforschung, Zeitschrift für Pädagogik 27 (1981), 3, S. 421-440, hier S. 424). Die Erziehungswissenschaftlerin Juliane Jacobi konstatierte in ihrer Rezension des Buches, es rege dazu an, „darüber nachzudenken, warum Kinder in unserer kapitalistischen Gesellschaft derartig desintegriert und zugleich zwangsintegriert ihr Leben fristen müssen.“ Juliane Jacobi, Rezension Schérer/Hocquenghem: Co-ire, Kindheitsmythen, in: päd.extra 5 (1978) 4, S. 60, hier S. 60. Zugleich enthielt sie sich – unisono mit dem Zeitgeist des Aufbruchs – einer Erwähnung und tatsächlichen Auseinandersetzung mit der infragestehenden kindlichen, jugendlichen und intergenerationellen Sexualität. Vgl. zum deutschsprachigen Diskurs Meike S. Baader, Zwischen Politisierung, Pädosexualität und Befreiung aus dem „Getto der Kindheit“, bes. S. 70 f.
  18. Philippe Ariès, L’enfant et la vie familiale sous l’ancien régime, Paris, Plon 1960, übersetzt von Caroline Neubaur und Karin Kersten, Geschichte der Kindheit, München 1975.
  19. Hier ging es z.B. um die Kriminalisierung homosexueller Kontakte unter dem Vorwand des Jugendschutzes: So hatte noch eine von Mirguet am 18. Juli 1960 eingebrachte Gesetzesänderung die Strafen für die Erregung Öffentlichen Ärgernisses für den Fall erhöht, dass es sich um Personen desselben Geschlechts handelt (Journal officiel 51 (1960), S. 1981).
  20. Vgl. Michel Foucault, Das Sexualstrafrecht (Gespräch), in: Ders., Schriften in vier Bänden. Dits et Écrits. Band III. 1976-1979, hrsg. v. D. Defert und F. Ewald, Frankfurt am Main 2003, S. 954–969, hier S. 954.
  21. U.a. Louis Althusser, Jean-Paul Aron, Roland Barthes, Simone de Beauvoir, Jean-Louis Bory, François Châtelet, Michel Cressole, Fanny und Gilles Deleuze, Jacques Derrida, Françoise Dolto (die sich später distanzierte), Jean-Pierre Faye, Michel Foucault, Philippe Gavi, André Glucksmann, Félix Guattari, Daniel Guérin, Jean-Luc Hennig, Bernard Kouchner, Jack Lang, Georges Lapassade, Michel Leiris, Jean-François Lyotard, Gabriel Matzneff, Bernard Muldworf, Anne Querrien, Christiane Rochefort, Jean-Paul Sartre, Réné Schérer, Philippe Sollers und Jean-Marie Vincent.
  22. Die „Dejager-Affäre“ endete mit einer vergleichsweise schweren Verurteilung der drei Angeklagten zu fünf Jahren Haft. Dies lag allerdings nach den in der trotzkistischen Zeitschrift Rouge dargelegten Beobachtungen des Journalisten P. Verdon ironischerweise daran, dass die linke Presse angesichts der Anklage in Solidarität mit den Angeklagten argumentiert habe, die Jugendlichen hätten in die Spiele und Fotos eingewilligt (vgl. Julian Bourg, Boy Trouble. French Pedophiliac Discourse of the 1970s, in: Axel Schildt / Detlef Siegfried (Hg.), Between Marx and Coca-Cola. Youth Cultures in Changing European Societies 1960–1980. Oxford und New York 2006, S. 287–312, hier S. 290 f.).
  23. Foucault, Das Sexualstrafrecht, hier S. 961.
  24. Ebd., S. 962.
  25. Ebd., S. 957.
  26. Foucault, Das Sexualstrafrecht, S. 969.
  27. Ebd.
  28. Schérer / Hocquenghem, Co-ire, S. 21.
  29. Vgl. ebd., S. 35 ff., 113 f.
  30. Ebd., S. 957.
  31. Vgl. Fn. 20.
  32. Eine besonders brisante Sprecher:innenposition nahmen hierbei Gruppen Minderjähriger innerhalb des FHAR ein, darunter der Front de Libération de la Jeunesse, der auf Demonstrationen mit Slogans wie „Minderjährige haben Lust, sich ficken zu lassen“ („les mineurs ont envie de se faire baiser“) auffielen. Vgl. Jean Bérard, De la libération des enfants à la violence des pédophiles. La sexualité des mineurs dans les discours politiques des années 1970, in: Genre sexualité & société 11 (2014), doi.org/10.4000/gss.3134 (6.12.2021). Ähnliche Forderungen nach einer selbstbestimmten Sexualbetätigung wurden auch in der deutschen Schüler- und Lehrlingsbewegung (vgl. Ulrike Heider, Sexueller Missbrauch, Pädophilie und die Unschuld der Kinder, in: Zeitschrift für Sexualforschung, 29 (2016), S. 255-265) sowie in der antipädagogischen und Pädophiliebewegung formuliert, wobei die um den Pädoaktivisten Ulli Reschke zentrierte, sogenannte ›Indianerkommune‹ besonders hervorstach. Vgl. Jan-Henrik-Friedrichs, Die Indianerkommune Nürnberg. Kinderrechte – Antipädagogik – Pädophilie, in: Meike S. Baader u.a. (Hg.), Tabubruch und Entgrenzung, S. 251–282.
  33. Vgl. Imke Schmincke, Das Kind als Chiffre politischer Auseinandersetzung am Beispiel neuer konservativer Protestbewegungen in Frankreich und Deutschland, in: Sabine Hark / Paula-Irene Villa (Hg.), (Anti-)Genderismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen. Bielefeld 2015, S. 93–108.
  34. Zu dem im internationalen Vergleich besonders ausgeprägten und lange unreflektierten Maskulinismus der französischen Linken der 1960er- und 1970er-Jahre vgl. Bourg, Boy Trouble, S. 303 ff.
  35. Foucault, Die Strafrechtsreform, S. 967.
  36. Ebd., S. 967 f.
  37. Ebd., S. 970.
  38. Ebd., S. 969.
  39. Vanessa Springora, Le Consentement, Paris 2020. In ihrem autobiografischen Text schildert Vanessa Springora, wie sie als 14-Jährige vom Schriftsteller Gabriel Matzneff, damals 50 Jahre alt, dazu gebracht wurde, eine vermeintlich einvernehmliche sexuelle Beziehung einzugehen. Der Text, der nicht zuletzt das Einverständnis weiter Teile des damaligen Pariser Intellektuellenmilieus bezeugt und anklagt, löste in Frankreich eine öffentliche Debatte aus und führte dazu, dass Ermittlungen gegen Matzneff eingeleitet wurden.
  40. Schérer / Hocquenghem, Co-Ire, S. 115.
  41. Dies spiegelt sich exemplarisch überdeutlich auch in Schérers und Hocquenghems Beitrag in Recherches Nr. 26 zum Thema Prostitution, in dem sie bereits in Co-Ire entwickelte Argumente (Schérer / Hocquenghem, Co-Ire, S. 25 f.) pointieren. Darin bespricht das Autorenduo verschiedene qualitative soziologische Untersuchungen zu minderjährigen männlichen Prostituierten und argumentieren, dass die darin wiedergegebenen Äußerungen junger Prostituierter von den Soziolog:innen überhört würden (etwa wenn die Befragten angeben, sie schämten sich, weil sie beim Sex mit Erwachsenen Lust empfänden). Im selben Text idealisieren die Autoren allerdings literarische Inszenierungen der Päderastie wie etwa bei Tony Duvert: „[L]e contact direct avec l'enfant cesse de faire de la prostitution un objet en soi d'étude dont il faudrait rechercher les causes et du prostitué un autre absolu à observer. C'est l'ensemble pédéraste-enfant qui fonctionne, animé d'un mouvement passionnel, ce qui permet de beaucoup mieux comprendre le mécanisme de l'échange, l'intrication du sexe et de l'argent. La prostitution échappe à son destin de damnation sociale pour apparaître au contraire dans sa fonction libératoire pour l'enfant, et de sa sexualité, et de ses relations en général avec les adultes.“ (René Schérer / Guy Hocquenghem, Sur la prostitution des jeunes garçons, in: Recherches 26 (1977), S. 215–242, hier S. 218)
  42. Für einen internationalen Überblick vgl. David Paternotte, Pedophilia, Homosexuality and Gay and Lesbian Activism, in: Gert Hekma / Alain Giami (Hg.), Sexual Revolutions, Basingstoke 2014, S. 264–278.
  43. Vgl. Gabriel Matzneff, Les moins de seize ans, Paris, 1974, hier S. 30; Gabriel Matzneff, Les passions schismatiques, Paris 1977, hier S. 140.
  44. Vgl. Schérer, Das dressierte Kind; Guy Hocquenghem, L’enfance d’un sexe, in: Normalisation de l’école – Scolarisation de la société. Sonderheft der Zeitschrift Les Temps modernes 340, 1974, S. 109–121. Schérer hatte sich in Das dressierte Kind bereits mit dem Komplex von Pädagogik und Pädophilie auseinandergesetzt. Co-ire entstand sodann als programmatische Abhandlung auf der Grundlage von Schérers Seminaren über Kindheit an der Universität Vincennes.
  45. Vgl. Foucault, Das Sexualstrafrecht, S. 968 f. Ausführlich habe ich dies dargelegt und kritisiert in Julia König, Kindliche Sexualität, Geschichte, Begriff und Probleme. Frankfurt am Main 2020, hier S. 32–62.
  46. Vgl. René Schérer, Une erotique puérile, Paris 1978, hier S. 182 ff; René Schérer, L’Emprise des enfants entre nous, Paris 1979, hier S. 237 ff.
  47. Vgl. Schérer / Hocquenghem, Co-Ire, S. 99.
  48. Ebd., S. 111; vgl. auch ebd., S. 116 ff.
  49. Ebd., S. 111.
  50. Ebd.
  51. Vgl. Kathryn Bond Stockton, The Queer Child. Or Growing Sideways in the Twentienth Century. Durham 2009; Steven Bruhm / Natasha Hurley (Hg.), Curiouser. On the Queerness of Children. Minneapolis und London 2004.
  52. Lukas Betzler / Hauke Branding, Guy Hocquenghems radikale Theorie des Begehrens – Nachwort zur Neuherausgabe, in: Guy Hocquenghem: Das homosexuelle Begehren, übers. von Lukas Betzler und Hauke Branding. Hamburg 2019, S. 151–188, hier S. 166. Zur ›queeren Kritik‹ Hocquenghems an der Psychoanalyse und ihren Fallstricken vgl. auch den Beitrag von Esther Hutfless in diesem Dossier.
  53. Freud fasste unter dem ›Familienroman‹ die Abwandlung der eigenen Familiengeschichte in Tagträumen und Phantasmen, in denen sich das Kind als Findelkind oder Stiefkind fantasieren kann, oder in denen die eigenen Eltern durch (abwesende) König:innen oder andere Personen von hohem Rang oder großem öffentlichen Interesse ersetzt werden und die realen Eltern phasenweise entwertet oder auch einfach bloß in Ruhe gehasst werden können. Freud beschreibt dies als Abkömmling des mit der notwendigen inneren Ablösung von den eigenen Eltern verbundenen Trennungsschmerzes.
  54. Ebd., S. 32.
  55. Ebd., S. 47 f.
  56. Ebd., S. 136.
  57. Ebd., S. 23.
  58. Ebd.
  59. Ebd.
  60. Gilles Deleuze / Félix Guattari, Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I. Übers. von Bernd Schwibs. Frankfurt am Main 1977 [1972].
  61. Schérer / Hocquenghem, Co-Ire, S. 15.
  62. Aaron Lahl, Wer zwei Mal mit demselben pennt… Rezension zu „Das homosexuelle Begehren“ von Guy Hocquenghem, www.soziopolis.de/wer-zwei-mal-mit-demselben-pennt.html (7.11.2021).
  63. Vgl. Schérer / Hocquenghem, Co-Ire, S. 113.
  64. Ebd., S. 36.
  65. Vgl. König, Kindliche Sexualität.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.

Kategorien: Familie / Jugend / Alter Gender Körper Psychologie / Psychoanalyse

Julia König

Julia König ist Juniorprofessorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Sexualitätsgeschichte und der Analyse aktueller Konstellationen kindlicher Sexualität, auf Untersuchungen von Antisemitismus, Rassismus und Verschwörungsdenken, und berühren feministische, (post)koloniale und kindheitstheoretische Fragen. Systematisch nimmt sie dabei neben den genannten vor allem die Perspektive Kritischer Theorie und der Psychoanalyse ein. Derzeit arbeitet sie an einem Projekt über Zivilisation und Verletzlichkeit.

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