Ute Klammer, Frank Nullmeier | Interview |

Nachgefragt beim Deutschen Institut für Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung

Fünf Fragen zur Institutsgründung, beantwortet von Ute Klammer und Frank Nullmeier

Frau Klammer, Herr Nullmeier, Sie leiten das Deutsche Institut für Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung (DIFIS), das am Institut für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen und am SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen angesiedelt ist und am 1. Mai seine Arbeit aufnimmt. Zunächst einmal ganz grundsätzlich gefragt: Was sind die theoretischen oder methodologischen Hypothesen, mit denen das Institut den Gegenstand der Sozialpolitik zu einem wissenschaftlichen Erkenntnisobjekt zuschneidet?

UK: Das DIFIS ist keine normale Forschungseinrichtung, die ein Thema mit einem ganz bestimmten Set an Methoden auf der Basis bestimmter methodologischer Überlegungen und mit Hilfe ausgewählter theoretischer Ansätzen untersucht. Es hat eine andere Aufgabe. Es soll die Vernetzung der gesamten bundesdeutschen Sozialpolitikforschung sicherstellen und eine Stärkung des Verbundes der bereits im Themenfeld Sozialpolitik agierenden Einrichtungen und Wissenschaftler*innen herbeiführen. Es soll neue Forschungsthemen identifizieren und grundlegende Fragen der Zukunft des Sozialstaates in einzelnen, nur für begrenzte Zeit gebildeten Forschungsteams in Angriff nehmen und erste Impulse setzen. Daraus können später Forschungsverbünde erwachsen.

FN: Das DIFIS soll wie ein Katalysator wirken. Es ist zudem eine Einrichtung, die helfen soll, die Bedingungen für eine mehrere Disziplinen übergreifende Sozialpolitikforschung zu verbessern – in Lehre und Forschung, bei der Dateninfrastruktur und beim Transfer zwischen Wissenschaft und Politik. Das setzt sowohl die Identifikation von Defiziten voraus als auch die Entwicklung von Empfehlungen, die mit der gesamten Sozialpolitik-Community erarbeitet werden. Dadurch soll auch die öffentliche Sichtbarkeit der Sozialpolitikforschung in Deutschland erhöht werden.

Das DIFIS ist mit der Koordination des ebenfalls vom BMAS finanzierten „Fördernetzwerks Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung“ (FIS) betraut. Was sind die Ziele dieses Netzwerks?

UK: Das DIFIS ist aus dem Fördernetzwerk interdisziplinäre Sozialpolitikforschung als ein besonderes Förderformat nach Ausschreibung und Wettbewerb zwischen mehreren Antragstellern hervorgegangen. Die FIS-Initiative wurde 2016 durch das BMAS gestartet, um dem Abbau sozialpolitischer Forschung an den Hochschulen durch die Finanzierung von Stiftungsprofessuren, Nachwuchsgruppen und Einzelprojekten entgegenzuwirken. Das FIS als Förderinstitution bleibt erhalten, getragen vom Ministerium und beraten durch einen wissenschaftlichen Beirat. Das DIFIS wird aber den Austausch zwischen den FIS-geförderten Projekten, Nachwuchsgruppen und Forschungsprofessuren übernehmen, zum Beispiel durch die Veranstaltung eines jährlichen FIS-Forums.

Mit welchen konkreten Fragen wird sich das DIFIS beschäftigen?

FN: Das DIFIS hat sechs Arbeitsbereiche. Ein Bereich widmet sich der weiteren Vernetzung der FIS-Projekte untereinander und mit der deutschen und internationalen Forschungsszene. Der Bereich Wissenschaftskommunikation versucht die Sichtbarkeit der sozialpolitischen Forschungsergebnisse zu erhöhen. Bestandsaufnahmen finden für die Felder Lehre und Weiterbildung sowie Dateninfrastrukturen statt. Im Arbeitsbereich Transfer wird zum Beispiel die Gestaltung der Politikberatung eine größere Rolle spielen. Die Corona-Krise hat dazu geführt, dass die Rolle der Wissenschaft in der Öffentlichkeit und Politik ausführlich debattiert wird. Für die Sozialpolitik ist entsprechend zu fragen, ob bereits existierenden Strukturen der Politikberatung wirklich zielführend sind. Bisher scheint diese eher stark fragmentiert. Wie kann es also gelingen eine Struktur zu entwickeln, in der die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Feldern der Sozialpolitik und den sozialen Risiken und Ungleichheiten insgesamt in den Blick rückt? Nur so können die oft eher verharmlosend als „Schnittstellenprobleme“ bezeichneten Folgen der Zersplitterung in Bürokratien und Sektoren des Wohlfahrtsstaates überwunden werden.

UK: Es muss aber auch der gesamte Prozess des Austausches zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit untersucht werden. Wie kann man den Transfer wissenschaftlichen Wissens zwischen den Bereichen so gestalten, dass er ein partizipativer Austausch wird, keine „Ansage“ der Wissenschaft an die Politik und auch keine Auftragsforschung im Dienste der jeweiligen Regierungspositionen?

FN: Nachdem in den ersten beiden Jahren die Vernetzung innerhalb der Sozialpolitikforschung intensiviert wurde, startet im Jahre 2023 die Forschungsphase, in der Teams zu den genannten sechs Themen arbeiten. Jedes Forschungsteam umfasst sowohl Gründungsmitglieder und Kooperationspartner des DIFIS als auch Wissenschaftler*innen aus anderen sozialpolitischen Einrichtungen. Jedes Forschungsteam bearbeitet auf begrenzte Zeit ein zentrales Thema der Sozialpolitik, zum Beispiel Sozialpolitik als kritische Infrastruktur oder das Verhältnis von Klima- und Sozialpolitik.

UK: Welche Themen das 2023 im Einzelnen sein werden, wird mit der Sozialpolitik-Community im Vorfeld bei der Erstellung eines Forschungsprogramms gemeinsam entschieden. Im Arbeitsbereich Lehre wird eine Bestandsaufnahme zeigen, in welchem Maße sozialpolitische Themen an den Hochschulen verankert sind, welche Studiengänge auf dieses riesige Feld der Staatstätigkeit eingehen und welche nicht. Wie kann die sozialpolitische Lehre verbessert werden? Zu klären ist auch die Frage, ob es nicht auch ein bundesweites Weiterbildungsprogramm für Sozialpolitik geben sollte. Schließlich ist der Arbeitsbereich Wissenschaftskommunikation hervorzuheben. Ohne einen besseren Informationsfluss und ein Forum für Diskussionen innerhalb der Wissenschaft wie zwischen Wissenschaft und den verschiedenen Praxisfeldern können viele der genannten Ziele nicht erreicht werden. Ein speziell auf die Sozialpolitik ausgerichteter Blog wird als geeignetes Mittel angesehen: wir hoffen, dabei von Soziopolis lernen zu können.

Das Feld der wissenschaftlichen Sozialpolitikforschung ist nicht gerade dünn besiedelt. Was unterscheidet die Arbeit des DIFIS von der Tätigkeit anderer Einrichtungen, die sich mit ähnlichen Themen befassen?

UK: Wir haben ja bereits den Vernetzungscharakter des DIFIS betont. Unsere besonderen Möglichkeiten im Bereich Forschung liegen darin, kleine Vorhaben zur Erforschung von aktuellen sozialen Problemen zu unterstützen. So können Themen aufgegriffen werden, die interdisziplinäre Herangehensweisen erfordern, also zum Beispiel nur bei Zusammenarbeit von Rechtswissenschaft, Soziologie, Politikwissenschaft, Ökonomie, Sozialethik, Geschichtswissenschaft oder auch Sozialer Arbeit sinnvoll bearbeitet werden können. Uns ist dabei die Verbesserung des Transfers ein ebenso großes Anliegen. Es muss eine Kommunikations­kultur im Austausch zwischen Verbänden, Trägern, Ministerien und Parteien entwickelt und etabliert werden, in der Forschung zum einen nicht instrumentalisiert wird und sich zum anderen nicht völlig fern der Anforderungen praktischer Sozialpolitik vollzieht.

FN: Die Anreize im wissenschaftlichen Karrieresystem gehen in Richtung methodischer und theoretischer Verfeinerung, das Verständnis für die Komplexität und Spezifik einzelner sozialpolitischer Felder und die Anliegen der politischen Akteure kann dadurch verloren gehen. Auch innerhalb der Wissenschaft ist ein größerer wechselseitiger Respekt zwischen den verschiedenen Richtungen der Forschung erforderlich. Das ist auch auf die unterschiedlichen Teilgebiete der Sozialpolitik übertragbar. Der Trend zur Spezialisierung führt nicht selten dazu, die Zusammenhänge aus dem Blick zu verlieren. Das wird ein neues Institut nicht grundlegend ändern können, dennoch sollen Orte und Diskussionsformate zur Verfügung gestellt werden, die fachübergreifende Diskussionen möglich machen.

Wie wird sich der Umstand, dass Ihr Institut aus Bundesmitteln finanziert ist, auf die wissenschaftliche Arbeit des DIFIS niederschlagen? Wer entscheidet nach welchen Kriterien über die Finanzierung von Stellen und Projekten? Kann unabhängige Forschung unter diesen Umständen vollumfänglich sichergestellt werden?

UK: Das Deutsche Institut für Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung wird vom BMAS zunächst für fünf Jahre als Projektvorhaben finanziert. Die Forschung, die insbesondere die Forschungsteams betreiben werden, ist selbstverständlich freie wissenschaftliche Forschung. Sie funktioniert wie bei jedem anderen wissenschaftlichen Forschungsvorhaben. Das DIFIS unterliegt dabei den allgemeinen Regeln der FIS-Förderung, die für Stiftungsprofessuren, Einzelprojekte und Nachwuchsgruppen gelten. In der Personalauswahl sind die das DIFIS tragenden Universitäten autonom. Viele Institutionen in der Bundesrepublik haben bereits sehr positive Erfahrungen gemacht mit der Förderung des BMAS im Rahmen der FIS-Initiative. Wenn die Arbeit des DIFIS erfolgreich ist, ist seitens des Ministeriums eine Verstetigung dieser Institution in Aussicht gestellt.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.

Kategorien: Politik Sozialpolitik Wissenschaft

Ute Klammer

Ute Klammer ist Geschäftsführende Direktorin des Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) und Professorin an der Universität Duisburg-Essen, Fakultät Gesellschaftswissenschaften. Ihre Forschungs- und Publikationsschwerpunkte umfassen Themen der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, der Europäischen Sozialpolitik- und der Gender-Forschung. Sie ist u.a. Mitglied des Sozialbeirats der Bundesregierung und war Vorsitzende der Sachverständigenkommission Gleichstellung der Bundesregierung. Ab Mai 2021 leitet sie das BMAS-geförderte „Deutsche Institut für Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung“ (DIFIS).

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Frank Nullmeier

Prof. Dr. Frank Nullmeier ist Politikwissenschaftler am SOCIUM – Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Politische Theorie, Sozialstaatstheorie und Politikfeldanalyse.

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