Birgit Stammberger | Rezension |

Nichtessen als Körpertechnik

Rezension zu „Hunger spüren. Leib und Sozialität bei Essstörungen“ von Isabella Marcinski

Abbildung Buchcover Hunger spüren von Isabella Marcinski

Isabella Marcinski:
Hunger spüren. Leib und Sozialität bei Essstörungen
Deutschland / USA
Frankfurt am Main / New York 2020: Campus
376 S., 39,95 EUR
ISBN 978-3593513034

Ob aufgrund ihrer vielfältigen Erscheinungsformen, durch ihre mediale Präsenz oder wegen zahlreicher (autobiografischer) Texte – Essstörungen sind ein Thema der Gegenwart, das viele Fragen offen lässt: Worin liegen die Ursachen von Essstörungen? Auf welchen gesellschaftlichen, politischen und sozialen Faktoren gründen sie? In welchem Zusammenhang sie stehen zu Körper- und Selbstkonzepten, die wir nicht vordergründig als Pathologien bezeichnen? Als eine schwerwiegende Erkrankung, die mit einer massiven Körperbildstörung einhergeht, erforschen Medizin und Psychiatrie Essstörungen mit verhaltenswissenschaftlichen, psychoanalytischen, neurowissenschaftlichen und neuerdings auch genetisch-molekularbiologischen Ansätzen. Dabei sind die Grenzen zwischen Pathologie und Norm keineswegs so eindeutig wie es (zunächst) scheint.

Bereits die medialen Körperinszenierungen, in denen Betroffene stolz den eigenen abgemagerten Körper präsentieren, zeigen, dass Essstörungen in ihren Symboliken und Metaphern auch Ausdruck dessen sind, wie Menschen sich und andere mit ihren Körpern verstehen. Eingebettet in spezifische Selbstverhältnisse setzt die kultur- und sozialwissenschaftliche Forschung zu Essstörungen nicht an Krankheitssymptomen, sondern an Essenspraktiken an, um sich beispielsweise kritisch mit den Gesundheits- und Optimierungsparadigmen der Gegenwart auseinanderzusetzen. Und nicht zuletzt bekunden die in jüngster Zeit massenhaft vorliegenden Ratgeber, Autobiografien und Blogs wie Pro Ana, dass die Pathologien des Essens längt Gegenstand exzessiven Schreibens und medialer Darstellungen geworden sind.[1] In den Pathografien des Essens manifestiert sich mitnichten nur die Dringlichkeit einer Präventions- und Aufklärungsarbeit, vielmehr verknüpfen sich in ihnen die Symptome einer Krankheit mit individuellen und kulturellen Vorstellungen von Autonomie und Selbstverwirklichung sowie mit neoliberalen Selbst- und Körperkonzepten.

Unter dem Titel Hunger spüren nähert sich Isabella Marcinski dem Thema Essstörungen aus einer philosophisch-phänomenologischen Perspektive. Ausgang der Studie ist die These, dass es sich bei Essstörungen um „Hungerkrankheiten“ handelt. Marcinski entfaltet ihre Argumentation entlang eines erstaunlichen Korpus von Phänomenen, Praktiken und Perspektiven, der von den Pathologien des Essens über freiwillige oder politische Formen der Essensverweigerung, des Nahrungsverzichts und des Hungerstreiks bis hin zu zeitgenössischen Alltagspraktiken des Hungerns und Fastens reicht. Für all diese Formen des Nichtessens sei, so Marcinski, das „leibliche Spüren des Hungers“ (S. 10) essenziell.

Essstörungen in den Kontext des Hungerns zu stellen, scheint auf den ersten Blick trivial. Wer nicht isst, obwohl er essen könnte, setzt sich bewusst einer leiblichen Erfahrung des Hungers aus. Aber Hunger ist keinesfalls nur eine physiologische Reaktion. Was Hunger bedeutet, wie er wahrgenommen und erlebt wird, gründet zum einen auf subjektiven Erfahrungskontexten und ist zum anderen kulturell und historisch situiert.

Marcinski versteht leibliches Erleben generell nicht als allgemeine, universelle Regung, sondern als spezifische Handlungsform zur Herstellung von Subjektivität: Wer freiwillig hungert, agiert im Rahmen seiner eigenen „soziokulturellen Situiertheit“ (S. 127). Im Zentrum der philosophischen Untersuchung von Essstörungen steht also nicht die Klärung einer medizinischen Entität, sondern die Reflexion gegenwärtiger Selbstverhältnisse.

Die Autorin differenziert das Erleben von Hunger, indem sie danach fragt, welche Praktiken, welches Wissen und welche Selbstkonzepte mit und in der leiblichen Erfahrung von Hunger zum Ausdruck gebracht werden. Weil für Marcinski leibliche Erfahrung also immer schon durch gesellschaftliches Wissen strukturiert ist, beziehen sich Subjekte zwangsläufig auf herrschende Normen und Praktiken, wenn sie freiwillig hungern. Essstörungen leibphänomenologisch zu analysieren, heißt demnach, Praktiken und Normen in ihrer Wirksamkeit und Geschichtlichkeit in den Blick zu nehmen und sie als leibliche Erfahrungen sichtbar werden zu lassen, sowie die Veränderungen und Modalitäten in den medizinischen und kulturellen Beschreibungen aufzuzeigen.

Essstörungen liegt keine „überhistorisch fixierbare Wahrheit“ zugrunde, sie hängen, wie auch andere menschliche Krankheiten und Symptome, „ganz eng mit unserem medizinischen Wissen, den Werten und Normen unserer Kultur sowie den geltenden Körper- und Selbstkonzepten zusammen“ (S. 39). Denn anders als bei Hunger aus Not sei für Essstörungen, so Marcinski, das „Moment der Freiwilligkeit“ (S. 23) zentral, weshalb es nicht um den Verlust von Autonomie gehe, sondern, im Gegenteil, um das Erlangen oder den Erhalt von Handlungsfähigkeit. Wie aber ist der Zusammenhang von Essenspraktiken, Selbstverhältnissen und Hunger zu denken und was lässt sich aus solch einer Betrachtung Neues gewinnen?

Der Band spannt das Thema in vier Abschnitten auf. Nach einer ausführlichen Einleitung historisiert die Autorin das Phänomen Essstörungen und verortet sie im Kontext von Praktiken der Selbstaushungerung (Teil 2), um sodann die Bedeutung sozialer Praktiken für die Konstitution psychischer Krankheiten herauszuarbeiten (Teil 3). Mit Maurice Merleau-Ponty und Hermann Schmitz widmet sich Marcinski hierbei Ansätzen, die die existenzielle Dimension des subjektiven und leiblichen Erlebens von Krankheit betonen und den Menschen als „situiertes, abhängiges und verletzliches Subjekt“ adressieren.

Ein so verstandenes Subjekt bildet der Autorin zufolge den Ausgangspunkt sowohl der Phänomenologie im Allgemeinen als auch insbesondere ihrer feministischen Prägung (S. 162). Die Phänomenologie liefere durch ihren Fokus auf die Subjektivität des Leidens Begrifflichkeiten, die der Psychiatrie und Medizin nicht zur Verfügung stünden. Darüber hinaus müsse sie jedoch auch die Sozialität von Leiberfahrungen bedenken, denn ohne eine philosophische Reflexion der sozialen, historischen und sprachlichen Bedingungen des Leiblichen komme sie nicht zu einer „adäquaten Beschreibung der Erfahrung“ und verfehle deshalb auch ihr eigentliches Ziel (S. 163).

Die feministische Phänomenologie hingegen verstehe leibliches Erleben immer schon im Kontext der „gegebenen Verflechtungen von spürbare[m] Leibsein und Körperhaben im Sinne historischer, sozialer, kultureller und politischer Bedeutungen“ (S 201). Auch die Frage nach Leib und Sozialität bei Essstörungen, so der Band im Untertitel, könne nur unter Einbezug der Praktiken und Normen, die das leibliche Erleben des Hungers mitkonstituierten, untersucht werden (S. 195). Marcinski argumentiert zunächst poststrukturalistisch und dekonstruktivistisch. Damit will sie es aber offensichtlich nicht bewenden lassen, wenn sie schreibt, dass normierende Praktiken als Dispositive nur dann Wirkmach besäßen, sofern sie „leiblich verankert und gespürt werden“ (S. 204), was wiederum phänomenologisch zu begründen sei.

Einen besonderen Fokus legt Marcinski im vierten und letzten Teil der Arbeit auf Narrationen über Essstörungen in autobiografischen Texten. Die Pathografien des Essens zeigten nicht nur, wie Betroffene ihre Krankheit erleben, sondern auch, wie sie davon erzählen. In diesen Narrationen offenbarte sich nicht zuletzt die zentrale Bedeutung der Psychologie für moderne Selbstverhältnisse, denn mit der Etablierung der Psy-Disziplinen im 20. Jahrhundert seien Autonomie, Authentizität und Selbstverwirklichung „zur normativen Pflicht“ eines erfüllten Lebens geworden (S. 105). Entsprechend stehen im Mittelpunkt der autobiografischen Texte neben den Schreibpraktiken über Essstörungen auch die spezifischen Selbstverhältnisse, die ein solches Schreiben überhaupt erst ermöglichen. Wenn Betroffenen über ihre eigene Krankheit Auskunft geben, ob schriftlich oder verbal, folgen sie Artikulationsmustern des Leidens, die zuvor gesellschaftlich ausgehandelt und subjektiv angeeignet wurden. Insofern werden in den anorektischen Schriftstücken auch die an das kranke Subjekt gestellten normativen Anforderungen sichtbar, die die Betroffenen in ein spezifisches Verhältnis zu sich Selbst und ihrer Krankheit setzen (S. 106). Die Erfahrungsberichte und autobiografischen Erzählweisen zeugen also von einem kulturell verfügbaren Wissen, das das eigenleibliche Erleben der Krankheit strukturiert.

Im doppelten Rekurs auf Diskurs und Erleben erkundet Marcinski diese eigenleiblichen Dimensionen als spürbare Techniken des Selbst (S. 270). Die autobiografischen Texte verdeutlichen zudem, wie sich Diskurse über Ernährung und Essen in der Moderne verbreitet und wie sich moderne Selbstverhältnisse gewandelt haben, sodass Essen und Ernährung von zentraler Bedeutung für das moderne Subjekt sind. Denn was und wie wir essen, aber auch welche Bedeutung wir mit der Nahrung(saufnahme) verknüpfen, verweist auf die Anforderungen, die in der Moderne an das Subjekt gestellt sind. Diese Normen und Werte reproduzieren sich als „Krankheitspraktiken in Essstörungen“ (S. 205), die zugleich als eigensinnige und eigenlogisch leibliche Erfahrungen verstanden werden können. Restriktive Hungerpraktiken, exzessives Sporttreiben oder gesellschaftlich anerkannte Formen der Ernährungsregulierung sind stets Teil einer „leiblichen Ökonomie“ (S. 134), in die die Subjekte gestellt sind.

Marcinski zeigt anhand der autobiografischen Texte eindrücklich, dass sich die Schreibenden durchaus ihres eigenen abgemagerten Körpers bewusst sind. Praktiken des Hungerns sind gerade nicht auf eine Auslöschung, sondern auf eine Veränderung oder Handhabung von Leiblichkeit angelegt. Essstörungen können deshalb nicht grundsätzlich als Negation des Körperlichen aufgefasst werden, sie sind stattdessen als eine Praxis zu verstehen, für die die Dimension des leiblichen Erlebens zentral ist. Die Subjekte stabilisieren sich in krisenhaften Situationen in und an den Erfahrungen des Hungerns. Indem sie freiwillig hungern, setzen sie sich und ihren Körper bewusst einer existenziellen Grenzerfahrung aus, die dem „diagnostischen Kriterium“ einer Körperschemastörung regelrecht widerspricht (S. 288).

Neben Schmerz- oder Ekelerfahrungen loten die Hungernden dabei auch emanzipative Möglichkeiten aus, etwa indem sie sich über eine selbst herbeigeführte eigenleibliche Erfahrung die Fähigkeit zur Distanzierung aneignen. Während ihnen Distanz im Alltag kaum gelingt, kann das Hungern dafür sorgen, dass sich die Betroffenen dem Außen, dem sie sich sonst nur schwer entziehen können, weniger ausgesetzt fühlen. Marcinski denkt dabei sowohl an medizinisch relevante Pathologien des Essens wie auch an gegenwärtige Alltagspraktiken der Nahrungskontrolle, zugleich betont sie aber, dass sich beide Formen des Hungerns in einem Punkt fundamental unterscheiden: wie das Hungern erlebt wird.

Die Geschichte der Magersucht verweist auf die „sozial sanktionierten und damit intelligiblen Subjektformen“, die in diesem speziellen Hunger-Erleben sichtbar werden (S. 119). Der medizinische Terminus für Magersucht, Anorexia nervosa, bedeutet nervlich bedingte Appetitlosigkeit, was die „Passivität des Leidens“ zur Voraussetzung für ihre Anerkennung als Krankheit macht (S. 117). Dabei ist das Hungern eine aktive Handlung des Verzichts und der Verweigerung. Medizin und Psychiatrie haben das aktive Moment von Hungerkrankheiten lange Zeit ignoriert und durch die starke bis ausschließliche Zuschreibung von Passivität nicht nur gesellschaftliche Attribuierungen des Weiblichen reproduziert, sondern Magersucht auch primär als Frauenkrankheit thematisiert.

Indem das Buch Essstörungen im Kontext von Praktiken der Selbstaushungerung verortet, nimmt es zahlreiche Phänomene des freiwilligen Nahrungsverzichts in den Blick und gründet auf einer Fülle von Materialien und Phänomenen, die in methodischer und disziplinärer Vielfalt analysiert werden. Marcinski macht sich und der Leserin gleich zu Anfang ihrer Studie bewusst, dass eine sozialphilosophisch ausgerichtete Untersuchung des Essens und des Hungerns nicht auf der einen philosophischen Methode aufbauen könne. Vielmehr sei sie auf eine Reihe von Perspektiven der Wissenschaftstheorie, der Sozialphilosophie, der Wissenschaftsgeschichte, der Epistemologie und Medizinphilosophie angewiesen, um all die medialen, historischen, politischen und kulturellen Faktoren einzubeziehen, die bei der Rekonstruktion der Phänomene und Praktiken des freiwilligen Hungerns und des Nahrungsverzichts eine Rolle spielen. Leider ist kritisch einzuwenden, dass – wie so oft – auch in diesem Fall die vermeintliche Vollständigkeit zu Lasten der Problemschärfe geht.

Marcinskis großes Verdienst ist es, dass sie die normierenden und regulierenden Praktiken nicht rein zurichtend versteht, sondern sie in ihrem Handlungscharakter und Handlungsvollzug adressiert. In diesem Sinne ist ihre Studie Teil einer kritischen Phänomenologie. Bei der Rekonstruktion diskursiver Praktiken und Phänomene zur Untersuchung der damit verbundenen Selbstverhältnisse bezieht sie die spezifischen eigenleiblichen und eigenlogischen Dimensionen des Erlebens von Hunger ein. Denn nur so sei zu klären, „wer zu welcher Zeit und wo auf legitime Weise auf Praktiken des Hungerns als Techniken der Subjektivierung zurückgreifen kann“ (S. 119).

Die Handlungsfähigkeit des freiwilligen Hungerns bleibt in den mannigfaltigen gesellschaftlichen wie wissenschaftlichen Thematisierungen von Essstörungen meist außen vor. Dadurch können wir die krankhaft scheinenden mageren Körper nur als Unterwerfung unter herrschende Vorstellungen von sexueller und körperlicher Attraktivität verstehen. Das Buch von Isabella Marcinski bietet eine neue (und ungewohnte) Sicht auf Essstörungen, indem es die komplexen Verwicklungen der Pathologien und Normativitäten des Essens mit modernen Selbstverhältnissen aufgezeigt.

Der wichtigste Beitrag des Buches liegt darin, sich von etablierten kritischen Perspektiven auf die Optimierungslogiken und Körperlichtechnologien der Gegenwart abzusetzen – nicht indem es deren Wirksamkeit negiert, sondern indem es sie vielmehr historisiert und kontextualisiert. Essstörungen in Phänomene und Praktiken des Hungerns einzubetten, erschließt den großen Komplex des Nichtessens im Rahmen einer Geschichte und Philosophie des Essens, die differenziert, befragt und reflektiert. Dies ist für sich genommen schon ein gewichtiges Verdienst für Diskussionen und Debatten um Körperlichkeit und neoliberale Selbstverhältnisse, die damit um die Dimension des leiblichen Erlebens erweitert werden. Ob und inwiefern Anorexie allerdings als eine Krankheit des Hunger-Spürens aufzufassen ist, müssen wir weiter diskutieren. Denn der Begriff des „Spürens“ könnte letztlich wieder eine passive Dimension stärken, mit der die Krankheit eben nicht angemessen beschrieben wäre.

  1. „Pro-Ana“ (wörtl.: Für Anorexie) und „Pro-Mia“ (Für Bullimie) sind Sammelbegriffe für Internet-Plattformen, auf denen sich fast ausschließlich Frauen über ihre Essstörungen austauschen. Oftmals werden Mager- und Ess-Brech-Sucht dort als Selbstverwirklichungen, Souveränität und Macht über den eigenen Körper verteidigt.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Gender Körper Psychologie / Psychoanalyse

Abbildung Profilbild Birgit Stammberger

Birgit Stammberger

Birgit Stammberger, Dr. phil., ist Kulturwissenschaftlerin und als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsgeschichte (IMGWF) an der Universität zu Lübeck tätig. Seit 2015 koordiniert sie das Zentrum für Kulturwissenschaftliche Forschung Lübeck (ZKFL). Zu ihren Forschungs- und Arbeitsschwerpunkten gehören Feministische Wissenschaftskritik, Geschichte der Psychoanalyse ("Der Zwei-Kulturen-Freud") sowie Geschlechterwissen in der Medizin.

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