Tina Pruschmann | Essay |

Orte, die von uns erzählen

„Des Geldes wegen zieht hier niemand her“, sagt Steven Kempe, der für die SPD im Frankenberger Stadtrat sitzt. Die mittelsächsische Kleinstadt liegt etwa eine Fahrradstunde von Chemnitz entfernt. Der Weg führt über sanfte Hügel, durch beschauliche Dörfer und auf alten LPG-Straßen an blühenden Rapsfeldern vorbei. Die Landschaft ist noch nicht die der hochschießenden Fichten und schroff abfallenden Felsen, die Caspar David Friedrich in seinen sächsischen Naturcollagen beschwört. Und auch sonst begleiten mich an diesem letzten Apriltag auf dem Weg vom Chemnitzer Hauptbahnhof nach Frankenberg weniger die Sehnsuchtsbilder romantischer Naturmalerei als die sehr realen Plakate der Freien Sachsen, einer neonazistischen Kleinstpartei, die bereits einen Tag nach dem Start der Plakatierung für die EU- und Kommunalwahlen überproportional häufig an den Lichtmasten hängen. Kempe und ich trinken Kaffee auf dem Frankenberger Marktplatz. Es ist frühsommerlich warm und sonnig und mein Blick fällt auf die Brunnenfigur, die auf der Nordseite des langgezogenen Marktplatzes steht und über den nahezu menschenleeren Platz schaut – ein nackter Mann, der einen Hammer über der Schulter trägt und mir den Rücken zukehrt, fast wie eine von Friedrichs Bildfiguren. Später lese ich, dass dem Entwurf das Thema „Arbeit, unser Segen Quell“ vorangestellt war, und ich frage mich, ob sich die Frankenberger*innen zum Rendezvous am „Nack’schen Mann“ treffen. So nennen ihn die Leute hier.

Die Leere am längsten Produktionsband der Welt 

Ich spreche mit Steven Kempe über die Region, die Entwicklungen in der Stadt vor und nach der Wende und über das Konzentrationslager, das die Nationalsozialisten von 1933 bis 1937 im Fabrikgebäude der alten Spinnerei im Frankenberger Ortsteil Sachsenburg betrieben. Es sind Themen, die für die einen nichts, für die anderen viel miteinander zu tun haben. „Vor 1990 waren die Barkas-Werke das längste Produktionsband der Welt“, erzählt Kempe. „Die Motoren kamen aus Chemnitz, die Karosserie aus Frankenberg und in Hainichen wurden die Kleintransporter endmontiert.“ Auf den Straßen der DDR waren die B 1000, wie die Barkas allerorts genannt wurden, allgegenwärtig: als Kranken- und Polizeiwagen, als Kleinbus, Pritschenwagen oder Einsatzwagen der Feuerwehr. B 1000, das hieß „größtmögliche Ladefläche bei formschönem Wagenkörper“, so stand es im Leistungsheft an die Ingenieure. Der letzte Barkas lief am 10. April 1991 um 9:37 Uhr in Hainichen vom Band – mit Trauerflor an der Frontscheibe. Bereits zuvor war die Belegschaft der Barkas-Werke von etwa 7800 im November 1989 auf etwa 1200 im Jahr 1990 geschrumpft. Zahlen, die den Arbeitsplatzverlust der Zulieferbetriebe allerdings noch nicht abbilden. Seitdem ringt die Stadt um tarifgebundene Arbeitsplätze und um Identität, um etwas, in dem sich Erinnerungen fortschreiben lassen.

Aber welche Erinnerungen? Lange Zeit habe die einnahmenschwache Kommune dort investiert, wo es Förderprogramme gab, erzählt Kempe. Mit ihnen sanierte die Stadt die historischen Häuser am Marktplatz, baute eine Turnhalle, richtete eine Landesgartenschau aus, eröffnete eine Musikschule und jüngst einen internationalen Kindergarten und eine internationale Schule: Sportstadt, Blumenstadt, Bildungsstadt. Ganz offiziell trägt die Gemeinde seit 2021 den Titel Garnisonsstadt und tatsächlich ist der Stab der Panzergrenadierbrigade 37 derzeit der größte Arbeitsgeber im Ort. Die Frankenberger*innen begegnen dem recht leidenschaftslos, sagt Steven Kempe, dem als Gewerkschaftssekretär der IG Metall Dresden und Riesa Investitionen in eine langfristige Stadtentwicklung als politische Bilanz lieber wären, ebenso wie Wirtschaftsansiedlungen und Arbeitsplätze mit Tarifbindung und Betriebsräten, die die demokratische Erfahrung der Mitbestimmung vermitteln. „Du kommst doch aus Leipzig?“, fragt er. „Dann kennst du das vielleicht: In Leipzig wird gelebt, in Dresden Politik gemacht und in Chemnitz gearbeitet.“

Der letzte Barkas hat unterdes in der ehemaligen Blumenhalle der Landesgartenschau eine neue Heimstatt gefunden. Die Halle wurde, nachdem Fuchsien und Dolce Vita Florale wieder ausgezogen waren, zum Erlebnismuseum Zeit.Werk.Stadt umgebaut. Barkas’ formschöner Wagenkörper transportiert nun nicht mehr Wasserschläuche, Verletzte, Delinquenten, sondern Erinnerungen – und dieser Tage bekommt er dafür auch seinen Trauerflor zurück. Der Kleintransporter, den die Arbeiter*innen am längsten Produktionsband der Welt montiert haben, vermochte es, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft für eine Region zu verbinden. Bewusst wurde ihnen dies, als er aus dem Straßenbild verschwand und begann, an den Sehnsüchten zu rütteln wie Friedrichs Nebelmeer. Die Leere am längsten Produktionsband der Welt ist auch eine identifikatorische.

Alles fügt sich dem Idyll

Im fünf Kilometer entfernten Sachsenburg versucht der Historiker Dr. Mykola Borovyk, die Vergangenheit zumindest einmal mit der Gegenwart zu verbinden. Schauplatz ist das Gelände einer alten Spinnerei, gelegen am Zschopau-Wehr. Es ist mittlerweile Ende Mai, eine Woche vor der EU- und Kommunalwahl, die vielen als Stimmungstest für die im September anstehenden Landtagswahlen gilt. Wir beugen uns über den Rand eines kniehohen Rondells aus Beton, das an einen Brunnentrog erinnert. Das Rondell, in dessen Mitte ein junger Feldahorn sprießt, ist Teil einer Topografie des nationalsozialistischen Terrors, über deren Bedeutung und angemessene Erinnerung in der Stadtgesellschaft weit weniger Einigkeit herrscht als über die Geschichte der Barkas-Werke im Erlebnismuseum Zeit.Werk.Stadt. Im Kommunalwahlkampf wirbt die AfD damit, keine weiteren Ideologieprojekte zu unterstützen und vorhandene zu beenden. Eines dieser Projekte – Dorn im Auge der Rechten – ist der Aufbau der Gedenkstätte KZ Sachsenburg. Die Geschichte des Konzentrationslagers im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu halten, ist Borovyks Aufgabe, der seit 2020 als wissenschaftlicher Projektmitarbeiter für die Stadt Frankenberg mit Konzept und Aufbau der Gedenkstätte betraut ist. Mittlerweile erzählen die Außenausstellung „Pfad der Erinnerung“ und die Ausstellung „Sachsenburg: Eine Gedenkstätte entsteht“ im Kommunikations- und Dokumentationszentrum von der Geschichte des Ortes. Wer den Bild-Text-Tafeln folgt, erfährt, wie der nationalsozialistische Staatsterror begann und kann erahnen, was sich wiederholen könnte, wenn eine rechtsextreme Front von den Freien Sachsen bis zur AfD ihre politischen Fantasien in die Tat umsetzt.

„In der Anfangszeit des Lagers wurden vor allem Regimegegner inhaftiert – Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter“, erzählt Borovyk. Als Instrument diente den Nazis die Auslegung und Verschärfung einer Rechtsgrundlage, die es im Grundsatz schon zuvor gab, nämlich, Menschen in Präventivhaft nehmen zu dürfen. Die frühen Lager sind nicht gleichzusetzen mit den späteren großen Lagern beispielweise in Buchenwald oder den Vernichtungslagern Lublin-Majdanek und Auschwitz. Sie verdienen jedoch Aufmerksamkeit, weil sie ein Instrument für den Aufbau der nationalsozialistischen Diktatur waren und weil in ihnen das Gewaltinstrumentarium erprobt wurde, das in den späteren Lagern Anwendung fand. Dass ihr Netz vor allem in Sachsen dicht war, zeigt eine der Ausstellungstafeln. „Etwa ein Viertel dieser Lager gab es hier“, so Mykola Borovyk weiter. Und doch wird die Gedenkstätte des KZ-Sachsenburg – politischen Willen und Finanzierung vorausgesetzt – die erste in Sachsen sein, die davon erzählt.


Über Sachsenburg zu sprechen, bedeutet, über die alte Fabrik zu sprechen, über das Gelände, das sie umgibt und über das Schloss, das auf einer Anhöhe über dem Zschopau-Tal thront. Es fordert Gedenkstättenmacher*innen wie Besucher*innen nicht nur topografisch heraus: Da ist zum einen die idyllische Landschaft der Zschopau-Aue mit ihren alten Baumbeständen und dem träge dahinfließenden Gewässer, die die dunkle Seite des Ortes kaum erahnen lässt. Als ich im Herbst 2017 zum ersten Mal hier bin, sitze ich auf einer Picknickbank am Fluss, das spätgotische Schloss zu meiner Rechten. Ich schaue auf die Fabrik, deren Ruinenhaftigkeit eine Art moderne Ritterburgromantik ausstrahlt und beobachte ein Hochzeitspaar, das vor dieser Kulisse im milden Oktoberlicht für das Erinnerungsfoto ihres Lebens posiert, auf der Wiese neben mir steht ein Schaf angepflockt. Alles scheint sich dem Idyll zu fügen und fügen zu müssen. Dass ich so genau hinschauen muss, um den Charakter des Ortes wahrzunehmen, hat nicht nur damit zu tun, dass die Hinweise auf das KZ damals noch zurückhaltender sind als heute. Vielleicht habe ich das Sehen verlernt. Vielleicht lasse ich mich von meiner Begeisterung für eine schöne Landschaft nur allzu gerne täuschen. Vielleicht kann ich die Gleichzeitigkeit von Schönheit und Terror so wenig aushalten, dass eines weichen muss: das Idyll oder die Brutalität.

Steven Kempe, Jahrgang 1988, ist in Sachsenburg aufgewachsen. Das Gelände der Fabrik ist für ihn ein Kindheitsort. Ein schöner sogar. Er erinnert sich, mit Freunden durch die Keller- und Abstellräume der alten Kommandantur gestromert zu sein, dort, wo in der Zeit des Konzentrationslagers Arrestzellen waren und Häftlinge gefoltert wurden. Das Wohnhaus der Kommandanten, eine alte Fabrikantenvilla, um deren Erhalt zuletzt heftig gestritten wurde [26.6.2024], war seine Kinderkrippe. „Krasser Nutzungswechsel“, das oder etwas Ähnliches sage ich und Steven Kempe nickt zustimmend. Mykola Borovyk sieht es anders. Für ihn sind genau solche Nutzungswechsel ein Grund für Zuversicht: „Dass in der Kommandantenvilla danach eine Kinderkrippe war, das gibt mir Hoffnung, dass alles auch besser sein kann, dass nichts vorgegeben ist, dass wir keine Angst haben müssen. Alles ist in unseren Händen. Wir entscheiden, ob hier eine Fabrik, ein Erholungsort oder wieder ein KZ steht.“

Damit sind wir bei der zweiten Herausforderung, vor die Sachsenburg diejenigen stellt, die sich der Geschichte des Ortes nähern. Denn wie in den 1930er-Jahren entschieden wurde, zeigen die personellen und wirtschaftlichen Vernetzungen des Konzentrationslagers mit der damaligen Stadtgesellschaft. Nicht wenige der Wachleute und Inhaftierten stammten aus der näheren Umgebung von Frankenberg. Sie dürften sich gekannt haben. „Die frühen Verfolgungen hatten fast immer einen Geschmack von persönlicher und politischer Rache“, sagt Borovyk. Zudem war das KZ für die Gewerbetreibenden und Unternehmer von Anfang an auch ein Wirtschaftsfaktor. Noch vor Eröffnung des Lagers schickten sie ihre Angebote. „Wir haben dutzende Dokumente, die das belegen“, so der Historiker weiter. ‚Arbeit, unser Segen Quell‘, höre ich den Nack’schen Mann auf dem Frankenberger Marktplatz rufen, während wir uns über den Brunnentrog beugen und die Innenwand betasten, als könnten wir den Wasserstand noch erfühlen. „Der Brunnen, der wahrscheinlich ein Zierbrunnen war, war Teil dieser bürgerlichen Welt“, sagt Borovyk, dessen wissenschaftlicher Schwerpunkt die Erinnerungs- und Biografieforschung ist. Mit der bürgerlichen Welt meint der Historiker nicht nur die Stadtgesellschaft, sondern auch das Gelände hinter dem Brunnen, auf dem die Kommandantenvilla stand. Die Kommandanten wohnten in Hör- und Sichtweite des Appellplatzes, auf dem die Zählappelle stattfanden und die Prügelstrafen vollzogen wurden: 25 Hiebe mit einem Stock aus Nussbaumholz. Der schreiende Häftling hat das Idyll nicht gestört.

Erinnerungslandschaft mit Untiefe

Der Gedenkkranz, den Matthias Werner, Präsident des Ostdeutschen Kuratoriums von Verbänden, vor dem Sachsenburger Ehrenmal für die Opfer des Konzentrationslagers niederlegt, trägt tiefrote Nelken. Es ist der 2. Juni 2024, die Lagerarbeitsgemeinschaft und die Geschichtswerkstatt Sachsenburg laden anlässlich des ersten Zählappells im Konzentrationslager zu einer Gedenkveranstaltung. Zuvor spielt das Blasorchester der Frankenberger Musikschule ein Gedenkkonzert. Unter den Gästen sind neben den offiziellen Vertreter*innen der Stadt, allen voran der Bürgermeister Oliver Gerstner, und Vertreter*innen der Bundeswehr Interessierte und Angehörige ehemaliger Häftlinge. Als ein junger Mann aus dem Ensemble der Frankenberger Musikschule in seiner Ansprache auf 75 Jahre Grundgesetz und auf die Errungenschaft der Gewaltenteilung nach zwei Diktaturen hinweist, zieht eine nervöse Unruhe durch die Stuhlreihe vor mir. Die dort sitzen, applaudieren nicht. Es ist eine Reaktion, die mich nicht überrascht. Wer sich der Lagerarbeitsgemeinschaft und ihrem Umfeld – zu dem das Ostdeutsche Kuratorium von Verbänden gehört – nähert, findet sich schnell in einer illustren Runde wieder, die sich nicht nur gerne an die Barkas auf den sozialistischen Straßen des Landes erinnert, sondern für die die DDR keine Diktatur war, die fürchten, eine Akte in Salzgitter[1] zu haben, die wenig verschämt erzählen, im Wachregiment „Feliks Dzierzynski“ gedient zu haben, die in leisen Sätzen berichten, dass ihre Kinder AfD wählen, und die nicht wissen, woher das kommt. Im Ostdeutschen Kuratorium der Verbände organisieren sich Vereine wie beispielsweise der Traditionsverband der NVA und die ISOR – Initiativgemeinschaft zum Schutz der sozialen Rechte ehemaliger Angehöriger bewaffneter Organe und der Zollverwaltung der DDR.[2] Jährlich am 3. Oktober richtet das Kuratorium eine alternative Einheitsfeier aus, die Wiedervereinigung gilt Matthias Werner und seinen Mitstreiter*innen als „Annexion der DDR durch die imperialistische BRD“.[3] Ihr Gedenken in Sachsenburg knüpft an der Gedenktradition der DDR an.

Womit wir bei der dritten Herausforderung sind: der kulturelle Kampf um das Erinnern, der auch ein Schlaglicht auf die nachwirkende Instrumentalisierung des Antifaschismus durch die SED wirft. Ort des Erinnerns war zu DDR-Zeiten ein Gedenkkabinett im VEB Zwirnerei Sachsenburg, in dem vor allem der antifaschistischen Widerstandskämpfer gedacht und vom Sieg der Sowjetarmee erzählt wurde. In einem Dia-Ton-Vortrag aus dem Jahr 1974 heißt es: „Ihr Vermächtnis [der inhaftierten Widerstandskämpfer von Sachsenburg] ist von uns, den Erben von Karl Marx in der Deutschen Demokratischen Republik, erfüllt. Unter Führung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands werden die Ideale der besten Söhne der deutschen Arbeiterklasse stolz verwirklicht.“ [4] Es ist ein Vermächtnis, das nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus nicht etwa die Würde des Einzelnen zum Maßstab einer neuen Politik erhob, sondern das sozialistische Kollektiv. Entsprechend hielt Sachsenburg die kommunistischen Kämpfer nicht davon ab, in Sichtweite des ehemaligen KZ, auf dem Schloss Sachsenburg, von 1947 bis 1967 einen Jugendwerkhof zu betreiben.[5]

Was staatliche Gewalt an so einem Ort bedeutet, kann Matthias Häusler erzählen, der die Geschichte des Jugendwerkhofs erforscht und dafür auch mit Zeitzeugen gesprochen hat: „Gründe, in einen Jugendwerkhof eingewiesen zu werden, waren fehlende Systemkonformität, beispielsweise sich klar gegen die FDJ ausgesprochen zu haben, systemkritische oder republikflüchtige Eltern oder kleinere Delikte wie Schulschwänzen oder Schlägereien.“ Häusler berichtet aus einem der Zeitzeugeninterviews, in dem eine Arrestzelle zur Sprache kam, in der die Jugendlichen bis zu drei Tage eingesperrt wurden. „Arrest bedeutete kein Licht, keine Toilette, keinen Stuhl, hochgeklapptes Bett und begrenzter Zugang zu Essen.“ Zum disziplinarischen Werkzeug des Personals gehörten auch Kollektivstrafen und geduldete Misshandlungen unter den Jugendlichen. Kollektivstrafen, man könnte sie als die langen Schatten des kollektiven Lagerfeuers beschreiben, an dem sich die DDR-Kommunist*innen ihre widerspruchsfreie sozialistische Menschengemeinschaft erträumten. Als Häusler mit einem Aufruf nach Zeitzeugen suchte, ähnelten die Reaktionen – mit anderen Vorzeichen – denen, mit denen sich die Gedenkstättenmacher*innen des KZ Sachsenburg konfrontiert sehen: Neben Zuspruch, dieses Kapitel endlich aufzuarbeiten, gibt es diejenigen, die behaupten, so schlimm sei es nicht gewesen oder dass die Jugendlichen es verdient hätten, dort zu sein. Sachsenburg ist auch ein Ort, an dem diejenigen, die vom Jugendwerkhof im Schloss nichts wissen wollen, gegen die Ignoranz derer kämpfen, die den Charakter des Konzentrationslagers leugnen.

Wissen, vermuten, nicht wissen und ein Raum für offene Fragen

Den Zierbrunnen, der auf dem Gelände des ehemaligen KZ an der Grenze vom Wohnbereich der Täter zum Lagergelände steht, will Historiker Mykola Borovyk für die Außenausstellung erhalten. Für ihn ist er als Objekt des guten bürgerlichen Lebens eine Erinnerung an die menschliche Bereitschaft, unter bestimmten Vorzeichen Gewalt als einen Teil des Alltags zu akzeptieren. Aktuelle Entwürfe sehen vor, ihn mit schwarzem Granit auszukleiden und wieder mit Wasser zu befüllen. Wenn sich die Besucher*innen über den Brunnenrand beugen, so wie wir gerade, wird die Wasserfläche zu einem schwarzen Spiegel, zu einer Fläche, um auf sich selbst zu schauen. Reflexionsräume zu schaffen, ist eines der wichtigsten Anliegen der künftigen Gedenkstätte. „Die Ausstellung muss mit einer zweiten, mit einer vertiefenden Ebene gebaut werden“, erklärt Borovyk. „Sie soll präsentieren, was wir wissen, was wir nur vermuten können und auch offenlegen, was wir nicht wissen. Besucher sollen eingeladen werden, eigene Fragen zu stellen, und anhand der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Antworten zu finden.“

Der Prozess der Auseinandersetzung mit dem Quellenmaterial ist ihm wichtiger als das konkrete Ergebnis oder das Vermitteln eines Standpunktes. Er versteht ihn als einen Weg, „freie und selbstbewusste Persönlichkeiten zu fördern“, und fügt hinzu: „Wenn wir als Gedenkstätte dazu beitragen können, dann werden wir nicht umsonst existieren.“ Eine Woche später zeigt uns das Ergebnis der EU- und Kommunalwahlen, wo wir stehen: Die CDU kann sich im Frankenberger Stadtrat zwar als stärkste Kraft behaupten und auch Steven Kempe zieht wieder ein. Die Wahlgewinner heißen aber auch hier Alternative für Deutschland und Bündnis Sarah Wagenknecht: Erstere eine Partei, deren Landesverband vom sächsischen Landesamt für Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird, und zweitere eine Partei, die – schaut man auf den Wahlkampf und die innerparteilichen Verfahren – auf dem Weg ist, sich zu einer populistischen Kaderpartei zu entwickeln. Im nahegelegenen Chemnitz ist die AfD stärkste Kraft im Kommunalparlament und 5 Prozent der Wähler*innen entschieden sich für die neonazistischen Freien Sachsen. Ich soll trotzdem etwas Hoffnungsvolles schreiben, sagt Mykola Borovyk, als wir über die Wahlergebnisse sprechen, immerhin haben 50 Prozent der Wähler*innen weder rechts noch populistisch gewählt. Das Hoffnungsvollste hat er selbst gesagt, nämlich dass nichts vorgegeben ist, auch jetzt nicht, und dass es an uns liegt, was hier geschieht. Alles liegt in unseren Händen, zum Beispiel, wer uns ab September in den drei ostdeutschen Landesparlamenten vertritt.

  1. Zentrale Erfassungsstelle der Landesjustizverwaltungen in Salzgitter, die Beweismittel zu Tötungsfällen an der Grenze und später auch zu Opfern politischer Justiz in der DDR sammelt.
  2. Dazu zählen unter anderem die NVA, die Grenztruppen der DDR, die Volkspolizei, das Ministerium des Inneren und das Ministerium der Staatssicherheit.
  3. Dr. Matthias Werner in seinem Eröffnungsvortrag auf der Alternativen Einheitsfeier [26.6.2024] am 3. Oktober 2023 in Berlin.
  4. Zit. aus der Broschüre „Gedenkstätte Konzentrationslager Sachsenburg – Pfad der Erinnerung“, hrsg. von Stadt Frankenberg/Sa, Lagerarbeitsgemeinschaft KZ Sachsenburg e.V., Geschichtswerkstatt Sachsenburg e.V.
  5. Häussler zufolge muss hier differenziert werden zwischen dem Jugendhof von 1947 bis1949 und dem späteren Jugendwerkhof ab 1949. Die Einrichtungen unterschieden sich unter anderem darin, dass der Jugendwerkhof den Jugendlichen eine Arbeitsstätte bereithalten musste. Es war eine Form der Arbeitserziehung. Während die Jugendlichen des Jugendhofs aus der Umgebung kamen, stammten die Insassen des Jugendwerkhofs aus der ganzen Republik, da der Kontakt mit der Außenwelt abgebrochen werden sollte.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Arbeit / Industrie Bildung / Erziehung Erinnerung Familie / Jugend / Alter Sozialgeschichte Stadt / Raum

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Tina Pruschmann

Tina Pruschmann (*1975), Autorin, lebt in Leipzig. Zuletzt erschien der Roman „Bittere Wasser“ im Rowohlt Verlag. Derzeit radelt sie für das Projekt des Instituts für Kulturwissenschaft der Universität Leipzig „Ways across the Country. Democracy in Transforming Landscape“ in die entlegenen Winkel ihres Heimatlandes Sachsen. Vor dem Hintergrund der kommenden Landtagswahlen kommt sie mit den Menschen dort ins Gespräch. (©Robin Kunz)

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