Henning Schmidt-Semisch | Rezension |

Plädoyer für eine drogenpolitische Neuorientierung

Rezension zu „Der große Rausch. Warum Drogen kriminalisiert werden. Eine globale Geschichte vom 19. Jahrhundert bis heute“ von Helena Barop

Abbildung Buchcover Der große Rausch von Barop

Helena Barop:
Der große Rausch. Warum Drogen kriminalisiert werden. Eine globale Geschichte vom 19. Jahrhundert bis heute
Deutschland
München 2023: Siedler
304 S., 26,00 EUR
ISBN 978-3-827-50172-1

„Kann das weg?“, fragt die Historikerin Helena Barop am Ende ihres Buches und meint damit das seit spätestens Anfang der 1960er-Jahre geltende globale Drogenverbot. Ihre Antwort nach knapp 300 Seiten ist ‚Ja‘ und betrifft keineswegs nur das in den vergangenen zwei Jahren in Deutschland politisch und medial heftig umkämpfte Cannabisverbot‚ das die Ampelregierung vor Kurzem aufhob, sondern die Drogenprohibition insgesamt. Ihre Einschätzung trifft die Autorin, auch wenn das Buch in einem sprachlich lockeren, populärwissenschaftlichen Duktus gehalten ist, keineswegs leichtfertig, sondern stellt das Ergebnis von etlichen Jahren historischer Forschung und intensiven Nachdenkens dar. Die Basis des vorliegenden Buches bildete dabei die mehrfach ausgezeichnete Doktorarbeit der Autorin, die 2021 unter dem Titel Mohnblumenkriege. Die globale Drogenpolitik der USA 1950–1979 im Wallstein Verlag erschienen ist.

Barops Ausgangsfrage ist zunächst, was Drogen eigentlich sind beziehungsweise was die (doch sehr) unterschiedlichen verbotenen Substanzen miteinander verbindet und was sie von den nicht verbotenen unterscheidet. Sie stellt fest, auch angesichts der bröckelnden Gewissheiten im Bereich Cannabis: „Welche Substanzen als Drogen verboten werden und welche nicht, ist das Ergebnis von Politik, also das Ergebnis einer ganzen Reihe von politischen Entscheidungen.“ (S. 18) Genau darum sei es wichtig, zu verstehen, wie und warum welche Drogen wann zu einem sozialen Problem wurden. Fälschlicherweise, so die Autorin, werde heute „häufig angenommen, Drogen seien primär aus Gründen des Gesundheitsschutzes verboten“ (S. 19) worden. Im historischen Rückblick allerdings zeige sich, dass dem nicht so sei, vielmehr hätten eine ganze Reihe anderer Gründe eine Rolle gespielt.

Vor diesem Hintergrund begibt sich die Autorin auf eine höchst informative und gleichermaßen detail- wie erkenntnisreiche Reise durch die Geschichte des globalen Drogenverbots, das – wie bereits viele andere Arbeiten gezeigt haben – seinen Ausgang in den Vereinigten Staaten von Amerika nahm. Den Anfang bildete dabei das rassistisch motivierte Verbot des Rauchopiums Ende des 19. Jahrhunderts in den USA, das wie viele andere Gesetze auf die chinesischen Einwanderer:innen zielte (S. 34–75). Mehr oder weniger parallel gab es in den 1910er-Jahren Kampagnen gegen Kokain, bei denen vor allem „männliche Afroamerikaner in den Verdacht [gerieten], durch Kokain zu gewalttätigen Monstern zu werden“ (S. 29). Und auch die ‚Angstkampagnen‘ hinsichtlich Marihuana (Cannabis) stellten in den 1930er-Jahren Verbindungen zwischen mörderischen Gewalttaten und dem Marihuanakonsum beziehungsweise der damit verbundenen ‚reefer madness‘ von afroamerikanischen Personen her. Zur Zielscheibe wurden in diesem Zusammenhang auch mexikanische Immigranten, die man somit sanktionieren konnte: 

„Das Muster war auch hier das gleiche wie im Fall der chinesischen Migrant*innen und der afroamerikanischen Minderheit: Je nach politischer Zielsetzung nutzte man abwechselnd die Angst vor der Droge, um den Fremdenhass zu befeuern, und den Fremdenhass, um die Droge zu diskreditieren.“ (S. 92) 

Die rassistische Grundierung der US-amerikanischen Drogenpolitik wirke im Übrigen bis heute nach und sei unter anderem auch der Grund für die hohen Inhaftierungszahlen afroamerikanischer jungen Männer.[1]

Allerdings sei die Drogenpolitik in den Vereinigten Staaten keineswegs nur rassistischen Mustern gefolgt, sie habe immer wieder auch innenpolitischen Zielen sowie der Kontrolle bestimmter ‚Abweichler:innen‘ beziehungsweise ‚Feind:innen‘ gedient: Als Richard Nixon 1971 den Krieg gegen die Drogen (war on drugs) ausrief, sollte dies zum einen vom Vietnamkrieg ablenken, zum anderen war die Kampagne dazu gedacht, diejenigen zu diskreditieren, die gegen diesen Krieg waren, insbesondere die sogenannten Hippies, die über die verschärften Drogenverbote kontrollier- und sanktionierbar gemacht werden sollten (S. 198 ff.). Nixons Kriegserklärung habe der prohibitiven Drogenpolitik national und vor allem auch international mehr Aufmerksamkeit beschert, wobei der „amerikanische Prohibitionsexport […] in Westdeutschland (und später in der wiedervereinigten Bundesrepublik) auf willige Importeure“ (S. 247) getroffen sei.

Die Übernahme der US-amerikanischen Drogenpolitik sei zunächst der Niederlage im Ersten Weltkrieg geschuldet gewesen, in deren Folge sich Deutschland mit der Unterzeichnung des Versailler Vertrags zur Einführung eines eigenen Opiumgesetzes habe verpflichten müssen (S. 208 ff.). Anfang der 1970er-Jahre folgte mit dem Betäubungsmittelgesetz (BtmG) „ein deutsches Gesetz nach amerikanischem Vorbild“ (S. 219) und damit eine Drogenpolitik, deren Basis zahlreiche Mythen und zweifelhafte Grundannahmen hinsichtlich Drogen bildeten und immer noch bilden: etwa der Mythos von der ‚Einstiegsdroge‘ Cannabis; die Annahme, man werde beim ersten Heroinkonsum sofort und unweigerlich abhängig; und dies wiederum verbunden mit der Vorstellung, es sei für Dealer möglich, Personen ‚anzufixen‘ (S. 225 ff.). Zugleich fand das „Zerrbild des Junkies, wie es in den USA schon seit Jahrzehnten durch die Debatten spukte, […] nun auch seinen Weg in die [deutschen] Magazine und Zeitungen“ (S. 233 ff.) und bekam 1978 mit Christiane F.[2] gewissermaßen ein deutsches Gesicht.[3]

Aber auch wenn die in diesen Kontexten thematisierte gesundheitliche und soziale Verelendung durchaus real sei, so dürfte diese doch nicht als unausweichliche Folge des Drogengebrauchs interpretiert, sondern müsse als Kollateralschaden des war on drugs verstanden werden. So bestätigt Barop, was mittlerweile auch zahlreiche andere Studien[4] nachgewiesen haben, dass nämlich die allermeisten Menschen, die Drogen konsumieren, keine konsumbezogenen Probleme entwickeln: 

„Die Stigmatisierung der Drogenabhängigen, die in vielen Fällen fließend in systematisch unterlassene Hilfeleistung überging und übergeht, ist keine zwangsläufige Konsequenz von Drogenkonsum, sie ist vielmehr die herzlose, brutale und oftmals tödliche Nebenwirkung der deutschen Drogenpolitik.“ (S. 254) 

In der Konsequenz bedeutet dies für die Autorin, dass ein radikales Umdenken in der aktuellen Drogenpolitik notwendig ist. Auch wenn der Drogenkonsum durchaus auch gefährlich sein könne, so zeige doch die jahrzehntelange Forschung, aber auch Erfahrung, dass die Drogenprohibition etwaige Probleme eher verschlimmere. Vor allem aber schade es den Betroffenen, wenn in populistischer Manier „die Angst vor Drogen und deren Konsument*innen missbraucht [werde], um politisches Kapital oder Aufmerksamkeit zu generieren“ (S. 278). Insofern plädiert Barop dafür, die drogenpolitische Neuordnung in Sachen Marihuana für eine offene, weitergehende Debatte zu nutzen (S. 282).

Insgesamt handelt es sich bei Der große Rausch um ein historisch fundiertes und sprachlich ansprechendes Buch, das die Debatte über eine andere, nicht prohibitive Drogenpolitik ausgesprochen bereichert. Zwar sind die Vorschläge und Überlegungen für eine alternative Drogenpolitik keineswegs neu, sondern im Gegenteil Gegenstand mittlerweile unzähliger Bücher und Aufsätze.[5] Aber ihre historisch solide Herleitung, die hier für ein größeres Publikum ansprechend und spannend aufbereitet wurde, kann den einen oder die andere ‚Drogenkrieger*in‘ vielleicht doch auf andere drogenpolitische Gedanken oder Schlussfolgerungen bringen. Angesichts der zum Teil abstrusen Argumente (oder Mythen), die in den vergangenen Monaten gegen die Regulierung von Cannabis beziehungsweise das entsprechende „Gesetz zum kontrollierten Umgang mit Cannabis und zur Änderung weiterer Vorschriften“ (CanG) vorgebracht wurden, wäre dies ein Gewinn. Insofern ist dem Buch ein großer Kreis an Lesenden zu wünschen – zumal (nicht nur) die historischen Argumente deutlich über den Bereich Cannabis hinausweisen und grundlegende Veränderungen der Drogenpolitik insgesamt anmahnen.

  1. Vgl. hierzu auch meine Rezension zu Carl L. Hart, Drug Use for Grown-Ups. Chasing Liberty in the Land of Fear, New York 2021: Coming out of the (Drug) Closet [25.4.2024], in: Soziopolis, 19.4.2021.
  2. Kai Hermann / Horst Rieck / Christiane F., Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Eine Kindheit zwischen Heroin und Kinderstrich – nach einer wahren Geschichte, Hamburg 1978.
  3. Vgl. zur Ikonografie des ‚Junkies‘ ausführlich Lisa Scheibe, Heroinbilder. Eine Diskursanalyse visueller Präventionsmedien, in: Robert Feustel / Henning Schmidt-Semisch / Ulrich Bröckling (Hg.), Handbuch Drogen in sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektive [2019], 2., überarb. und erw. Aufl., Wiesbaden 2024 (im Erscheinen).
  4. Vgl. etwa Joanne Csete et al., Public Health and International Drug Policy, in: The Lancet 387 (2016), 10026, S. 1427–1480; Richard Hammersley, Sociology of Addiction, in: Hanna Pickard / Serge H. Ahmed (Hg.), The Routledge Handbook of Philosophie and Sciences of Addiction, London / New York 2020, S. 220–228; Hendrik Jungaberle / Nils Biedermann / Julia Nott / Andrea Zeuch / Maximilian von Heyden, Salutogene und nicht-pathologische Formen von Substanzkonsum, in: Maximilian von Heyden / Hendrik Jungaberele / Tomislay Majić (Hg.), Handbuch Psychoaktive Substanzen, Wiesbaden 2018, S.175–196.
  5. Für einen Überblick vgl. z.B. Henning Schmidt-Semisch, Drogen und Sucht. Eine Einführung, Wiesbaden 2024 (im Erscheinen).

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Geschichte Gesundheit / Medizin Rassismus / Diskriminierung

Henning Schmidt-Semisch

Henning Schmidt-Semisch ist Professor am Fachbereich Human- und Gesundheitswissenschaften der Universität Bremen und leitet im Institut für Public Health und Pflegeforschung die Abteilung Gesundheit und Gesellschaft.

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