Paula-Irene Villa Braslavsky | Interview |

„Polarisierung dient als Metapher, die Empirie ist in der Regel wesentlich komplexer“

Fünf Fragen an Paula-Irene Villa Braslavsky zum Thema des diesjährigen DGS-Kongresses

Der diesjährige Kongress steht unter dem Motto „Polarisierte Welten“. Warum hat sich die DGS für dieses Kongressthema entschieden?

Weil es ein alltagsweltlich und politisch relevantes Bild für Phänomene ist, die soziologisch beforscht werden. Viele Menschen und Intellektuelle, viele Entscheidungsträger:innen in Politik und Kultur sind davon überzeugt, dass wir es mit Polarisierung zu tun haben. Die Soziologie fragt: Stimmt das? Wenn ja, wo, wie, in welcher Hinsicht, bei wem? Wenn nicht, warum ist die Diagnose (dennoch) so plausibel und beliebt? Polarisierung bringt Dynamiken auf den – vielleicht nicht ganz richtigen, aber sicher produktiven – Begriff, die auch als Dialektik oder Spannung beschrieben werden können. Ich denke da an global/lokal, Nord/Süd, arm/reich, universal/partikular, Inklusion/Exklusion, kosmopolitisch/nationalistisch und andere.

Der Kongress beschäftigt sich also mit Dynamiken der Spannung und des Konflikts, die unsere Gesellschaft prägen und bei denen wir derzeit nicht genau wissen, wie zweiwertig, wie entweder/oder, wie tiefgreifend und wie sehr sie ökonomisch-materiell beziehungsweise kulturell sind. Gerade über Letzteres wird es viele Vorträge und Diskussionen geben: Wie hängen ökonomische Konflikte um Ressourcen einerseits mit Auseinandersetzungen auf politischer und kultureller sowie individueller Ebene andererseits zusammen?

Wichtige Phänomene, die diese Dimensionen verbinden, sind soziale Bewegungen im Bereich von Ökologie oder Antirassismus. Bei all dem kommt Diskussionen um Lebensführung, etwa Ernährung, Kleidung oder Mobilität, eine immense Bedeutung zu. Nicht zuletzt spielen auch Medien und die digitale Verfasstheit unserer Gesellschaft eine zentrale Rolle bei der Diagnose der ‚Polarisierung‘, auch deshalb greifen wir das Thema auf. Wir wollen wissen, was es damit auf sich hat: Wirken Medien selbst polarisierend? Schreiben sie die Polarisierung am Ende herbei? Stimmt die Wahrnehmung der abgeschotteten bubbles? Hat die Polarisierung in vor allem den Sozialen Medien auch Auswirkungen auf das Leben außerhalb der Medien?

Geht mit Polarisierung automatisch immer schon eine Spaltung der Gesellschaft einher?

Nein, keineswegs. Zunächst ist auch die Diagnose der Polarisierung eher eine These, die wir auf dem Kongress in der gebotenen Offenheit und Gründlichkeit im Lichte der Forschung diskutieren werden. Denn dass es überhaupt relevante Polarisierung in Deutschland gibt, das müssen wir soziologisch, also durch empirische Forschung und Theoriearbeit, ausloten. Und selbst wenn wir dabei auf relevante Polarisierungen stoßen, wäre Spaltung damit noch keineswegs gegeben. Spaltung wie Polarisierung sind Metaphern für Dynamiken, die sich in der empirischen Forschung meist als wesentlich komplexer darstellen.

Spaltung ist als Gesellschaftsdiagnose eine sehr starke Behauptung, womöglich gibt es eher eine Fülle an Einstellungen, Lebensstilen, Status, Ungleichheitslagen, die sich – auch das eine These – voneinander entfernen oder sogar abschotten. Auch ein solcher Befund wäre aber weder sonderlich neu noch zwingend krisenhaft, schließlich zeichnen sich moderne Gesellschaften durch Vielfalt, etwa von Milieus und Orientierungen, aus – und nicht durch homogene Konformität.

Woran erkennt man Polarisierungen und wo lassen sie sich beobachten?

Ein gutes Beispiel für Polarisierung scheint Care, also Fürsorge und Betreuungstätigkeiten, ob beruflich zum Beispiel als Pflege in Einrichtungen oder als privater ‚Liebesdienst‘ in Familien oder Nachbarschaften. Care ist nicht nur weiblich vergeschlechtlicht, sondern auch als solches naturalisiert, das heißt, Weiblichkeit gilt als von Natur aus fürsorglich, weil mütterlich. Das ist eine Deutung, ein Diskurs, der ganz wesentlich ist für Geschichte und Gegenwart moderner kapitalistischer Gesellschaften, denn als Naturressource ließ und lässt sich Care ausbeuten – eben als privater ‚Liebesdienst‘ und als Arbeit, die sowieso gemacht werde muss, weil wir sonst schlicht nicht überleben.

Nun hat die Pandemie gezeigt, wie sehr sich Ökonomie, Bildung, Unternehmen, eigentlich die gesamte Gesellschaft darauf verlassen, dass ‚die Familie‘ – faktisch, etwas verkürzt, Mutti – es schon richten wird, etwa beim Homeschooling. Auch die überwiegend weiblich Beschäftigten in den Krankenhäusern oder Alten- und Pflegeheimen nahm man, bei katastrophalen Arbeitsverhältnissen, ganz selbstverständlich weiterhin in die Pflicht. Wir sehen, wie hier Gleichheitsideale einerseits und faktische Ungleichheitspraxen andererseits aufeinandertreffen: Alle sind mitverantwortlich für die Eindämmung der Pandemie, aber manche (z.B. Pflegekräfte, Paketboten, Mütter, Supermarktpersonal) schultern sehr viel mehr als andere. Es gab zwar sehr viel Anerkennung für die ‚systemrelevanten‘ Tätigkeiten, diese blieb und bleibt aber größtenteils symbolisch. Währenddessen ist der gesamte Care-Bereich weiterhin stark ungleich in geschlechtlicher Hinsicht.

Wir sehen allerdings in den entstehenden Studien, dass eine Polarisierung, etwa zwischen Männern und Frauen oder zwischen Care und anderen (Erwerbs-)Tätigkeiten, nicht so eindeutig festzustellen ist wie vielleicht erwartet. Es gibt massive Ungleichheiten, ja, und die haben sich in der Pandemiesituation verschärft. Aber sie sind nicht so krass zweiwertig polar. Da gilt es empirisch zu differenzieren. Hier zeigt sich also, was ich oben schon angesprochen habe: Polarisierung dient als Metapher, die Empirie ist in der Regel wesentlich komplexer.

Welche gesellschaftlichen Konflikte gibt es? Wo verlaufen die Konfliktlinien?

Zunächst: Es gibt immer gesellschaftliche Konflikte in modernen Gesellschaften, das gehört unweigerlich dazu. Moderne Gesellschaften versprechen beispielsweise seit Jahrhunderten Gleichheit und Freiheit für alle Menschen, sie versprechen Aufstieg, Einkommen und Status allein nach Leistungs- und Kompetenzkriterien und nicht etwa nach göttlicher Fügung oder aufgrund angeborener Merkmale, sie versprechen individuelle Selbstentfaltung und Rationalisierung von sozialer Ordnung. Allerdings scheitern diese Versprechen in der Wirklichkeit immer wieder – oder an ihr. So ist das Geschlecht einer Person weiterhin vielfach entscheidender als reine Leistungskriterien, wenn es um Einkommen, berufliche Chancen oder politische Teilhabe geht.

Aber die letzten gut zwei (Pandemie-)Jahre zeigen nicht zuletzt, es gibt in Deutschland auch ein hohes Maß an Solidarität und Empathie, an gegenseitiger Rücksichtnahme und, gerade in gesellschaftlichen Risikosituationen, eine praktisch-gewordene Einsicht in rationale Erwägungen, die weit über die Komfortzone des Einzelnen hinausgehen. Es gibt, auch das wissen wir aus Studien, hierzulande eine breite und nachhaltige Orientierung an Werten wie Gleichheit, Gerechtigkeit, Schutz der Schwächeren, Solidarität. Ob das immer auch praktisch so realisiert wird, ist tatsächlich eine andere Frage, mit der sich die Soziologie empirisch auseinandersetzt.

Aus soziologischer Sicht haben wir es derzeit in Deutschland auch mit Konflikten zu tun, die sich aus einer zunehmenden Pluralisierung ergeben. Immer mehr und verschiedene Stimmen ergreifen gesellschaftlich gesehen das Wort, zugleich nehmen wir unsere Gesellschaft zunehmend als in sich heterogen und uneinheitlich wahr: Menschen mit migrantischer Geschichte, unterschiedliche Geschlechter, Ostdeutsche, Jugendliche, verschiedene religiöse Ausrichtungen und viele(s) mehr werden nun wahrnehmbarer Teil ‚des Deutschen‘. Das stellt bisherige Annahmen von Normalität, von common sense und sozialem So-Sein infrage.

Es muss überhaupt kein Problem sein, dass dabei Konflikte entstehen. Es kann aber sein, dass die empfundene Polarisierung – als zweiwertige Logik, die das Momentum des Auseinanderziehens in sich hat – zu Abschottung, gegenseitiger Missachtung und zum autoritären Umgang mit Konflikten führt. Weil Gruppen oder Milieus sich für das Ganze, das Eigentliche, das Richtige halten und sich nicht als ein Element unter verschiedenen sehen. Tatsächlich beschreiben einige soziologische Studien diese Art von Polarisierung für die USA. Für Deutschland ist das eine bislang offene Frage, manche Soziolog:innen widersprechen aufgrund ihrer Forschung der Annahme, wir seien eine polarisierte Gesellschaft.

Wie könnte man etwaigen Spaltungstendenzen entgegenwirken?

Das ist keine Frage für die Soziologie – wir wollen ja zunächst und wesentlich die soziale Welt verstehen, beschreiben, auf Begriffe bringen, die empirisch taugen und theoretisch fundiert sind. Ob sich damit diese Welt verbessern lässt, das ist eine andere, nämlich politische Frage. Die Soziologie kann dazu etwas beitragen, wenn ihre Einsichten übersetzt werden in den politischen Raum. Das geschieht ja vielfach, zum Beispiel in Bezug auf Wandel von Familie oder Arbeit, Geschlechter- und andere soziale Ungleichheit, Digitalisierung, Care/Sorge-Arbeit und so weiter. Die Soziologie ist also im besten Falle gesellschaftliche Selbstaufklärung, und davon kann auch die Politik profitieren.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Care Gender Medien Sozialer Wandel Wissenschaft

Paula-Irene Villa Braslavsky

Prof. Dr. Paula-Irene Villa Braslavsky ist Professorin für Allgemeine Soziologie und Gender Studies an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie beschäftigt sich u.a. mit Embodiment/Körper, Biopolitik, Care, soziologischer, Gender und queer Theorie sowie Populärkulturen. Seit Jahren schreibt sie verschiedentlich für das deutsch- und englischsprachige Feuilleton.

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