Stefan Kühl | Essay |

Publikationsorientiertes Schreiben lehren und lernen

An Hilfestellungen, in denen Studierende erfahren, wie sie wissenschaftlich schreiben, existiert kein Mangel.[1] Andrea Frank, Stefanie Haacke und Swantje Lahm sprechen treffend von einem „Valentin-Phänomen“: Zum Verfassen akademischer Texte sei schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.[2] Gleichzeitig gibt es so einige offene Fragen, die nicht einfach damit beantwortet sind, dass man über sie spricht. Dazu zählt insbesondere das praktische Problem, wie Studierende und Lehrende an Universitäten und Hochschulen dazu zu bewegen sind, systematisch an Fähigkeiten wissenschaftlichen Schreibens zu arbeiten.

Glaubt man den entsprechenden Schilderungen aus den Massenuniversitäten, dann besteht die Rückmeldung auf den Text eines Studierenden nicht selten einzig und allein in der Mitteilung einer Note. Früher mussten sich die Studierenden die Noten noch in Form eines Scheins in den Sekretariaten der Lehrenden abholen und bekamen dabei wenigstens die schriftlichen Kommentare der Lehrenden zu den Arbeiten mitgegeben. Mit der Durchsetzung der Campus-Management-Systeme an den Universitäten und Fachhochschulen ist häufig noch nicht einmal mehr das gegeben, weil die Dozierenden die Note nur noch elektronisch einstellen müssen und darüberhinausgehende inhaltliche Rückmeldungen nicht mehr erforderlich sind. Diese für die Lehrenden und Studierenden interaktionsschonende Variante mag in den meisten Studiengängen die Ausnahme sein, aber selbst wenn es Feedback zu einer Studienarbeit gibt, so ist dieses meist inhaltlicher Art. Selten hingegen versuchen die Lehrenden, ihre Studierenden zum Schreiben anzuregen oder deren Schreibfähigkeiten zu verbessern.

Wer nicht schreibt, nimmt sich Potenziale zu denken.

Die fehlende Schreibkompetenz ist nicht nur ein Problem, weil die Studierenden nicht in der Lage sind, sich in den wichtigsten wissenschaftlichen Kommunikationsmedien auszudrücken. Vielmehr behindert sie dieses Manko generell in ihrer Leistungsentwicklung. Schließlich geht es beim Abfassen wissenschaftlicher Texte – darüber besteht in der Schreibforschung schon lange weitgehende Einigkeit – zum einen um „die allmähliche Verfertigung von Texten beim Schreiben“,[3] zum anderen bewirkt das Schreiben „die allmähliche Verfertigung des Gedankens beim Schreiben“.[4] Wer nicht schreibt, nimmt sich also Potenziale zu denken.

Die Lage ist glücklicherweise nicht aussichtslos, denn die Lehre in Universitäten und Fachhochschulen basiert vielfach auf Imitation. Das betrifft einerseits didaktische Konzepte. Man erfährt, dass eine andere Hochschule mit einem interessanten Einführungskonzept für das erste Semester experimentiert, lässt sich dieses Modell schildern und passt es für die eigenen Zwecke an. Man hört von Studierenden, dass ihnen die Veranstaltung einer Kollegin besonders gut gefällt, in der sie keine langweiligen studentischen Referate mehr halten und hören müssen, und stellt dann seine eigenen Veranstaltungen auf die Diskussion von Texten um. Oder man bekommt von einem Kollegen erzählt, dass vier- statt zweistündige Seminare besondere Möglichkeiten zur Vertiefung bieten, und experimentiert daraufhin mit ähnlichen Modellen. Wer nur ein wenig sucht, fragt oder sich erinnert, entdeckt gerade auch schreibdidaktisch so einige Konzepte, die sich zu imitieren lohnen.

Ich durfte diese Erfahrung in meinem eigenen Studium mehrfach machen: Lehrende aus dem Diskussionszusammenhang der Zeitschrift Das Argument ließen Studierende in ihren Veranstaltungen Rezensionen schreiben, die dann auch Publikationschancen haben sollten. Im zweiten Semester meines Soziologiestudiums nahm ich an einer dieser Lehrveranstaltungen teil. Auch wenn ich das damals von mir rezensierte Buch von Walter Hollstein heute anders besprechen würde, so ist besonders die Erkenntnis hängen geblieben, dass Studierende schon sehr früh in ihrem Studium publizierbare Texte verfassen können. Zum Ende meiner Studienzeit empfahl mir ein Dozent als Vorbild für eine gute Abschlussarbeit die bereits als Buch erschienene Diplomarbeit eines anderen Studenten und regte dadurch an, die eigene Arbeit gleich so zu verfassen, dass man sie auch veröffentlichen kann.[5] Während meines Studiums in den USA ist mir die Idee begegnet, dass am Ende des Masterstudiums jeder Student und jede Studentin einen publizierbaren Artikel vor allen anderen Studierenden des Programms und vor dem Lehrkörper verteidigen muss.[6]

Andererseits können didaktische Konzepte selbst auf dem Prinzip der Imitation aufbauen. Das ist letztlich der Grundgedanke einer Herangehensweise, die ich als publikationsorientierte Vermittlung von Schreibkompetenzen bezeichne. Möglichst alle Studierenden eines Seminars oder einer Lehrforschung sollen sich beim Schreiben von Texten am wissenschaftlichen Publikationsprozess orientieren, indem sie sich typische Formate zum Vorbild nehmen. Es reicht dabei nicht – und das möchte ich ausdrücklich hervorheben –, dass nur jeder fünfte oder zehnte Studierende eines Studiengangs einen wissenschaftlichen Fachartikel in einer Zeitschrift oder einem Sammelband publiziert. Vielmehr soll jede schriftliche Arbeit als grundsätzlich publikationswürdiger Text behandelt werden – unabhängig davon, ob der Verfasser oder die Verfasserin sie tatsächlich am Ende publiziert oder nicht.

Das Grundprinzip einer publikationsorientierten Vermittlung von Schreibkompetenzen ist, dass Studierende im Rahmen ihres Studiums an das wissenschaftliche Publizieren herangeführt werden.

Studierende schreiben auf diese Weise von Beginn des Studiums an nicht für die Schublade, sondern für ein Publikum – und die anvisierte Leserschaft besteht nicht nur aus einem einzigen Lehrenden. Kein Zweifel, viele Texte von Studierenden, aber auch von Wissenschaftlern landen in der (elektronischen) Versenkung: die Notizen zu gelesenen Texten, Mitschriften von Diskussionen, Zusammenfassungen eigener Gedanken oder am Ende letztlich abgebrochene Veröffentlichungsversuche. Das Grundprinzip einer publikationsorientierten Vermittlung von Schreibkompetenzen ist, dass Studierende im Rahmen ihres Studiums an das wissenschaftliche Publizieren herangeführt werden. Sie können und sollen dabei das gesamte Spektrum wissenschaftlicher Textformen imitieren.

Entscheidend ist nicht, ob die Studierenden genau diese Textform später tatsächlich regelmäßig abfassen. Relevant ist vielmehr, dass man beim Schreiben von Rezensionen, Artikeln oder Essays Fähigkeiten erlernt, die in ganz unterschiedlichen Berufen erwartet werden: Das Schreiben einer Rezension zwingt dazu, die Essenzen eines umfangreichen Textes zu erfassen und auf einer oder zwei Seiten wiederzugeben und zu kritisieren. Im Rahmen eines Artikels muss der Autor ein Problem allgemeinverständlich darstellen und dieses in einer Abfolge von Schritten analytisch bearbeiten. Wer ein Essay verfasst, ist in der Lage, ein Thema in der Regel mit einem einzigen theoretischen Zugang prägnant und allgemeinverständlich zu beleuchten. So gesehen sollte die Orientierung an einer wissenschaftlichen Publikation nicht als zu erreichendes Ziel am Ende eines Studiums stehen. Sie ist stattdessen ein Mittel, um die Kompetenzen von Studierenden zum Schreiben von Texten zu verbessern.

Die Latte, sagen wir, für einen eigenen Fachartikel liegt zugegebenermaßen hoch. Sie ist aber überwindbar! Sicher, wenn man im zweiten oder dritten Fachsemester seine erste Hausarbeit schreibt, erscheint der erste eigene wissenschaftliche Artikel meilenweit entfernt. Aber es ist der richtige Zeitpunkt, sich an den in einschlägigen Fachzeitschriften publizierten Vorbildern zu orientieren und es auch einmal zu riskieren, die eigene Arbeit in den wissenschaftlichen Publikationsbetrieb einzuspeisen. Vorbilder gibt es genug:

  • Von der Hausarbeit zum wissenschaftlichen Fachartikel: Die Sammelbände Black-Box Beratung,[7] Soziologische Analysen des Holocaust[8] oder Wenn Food Waste sichtbar wird.[9]
  • Von der Zusammenfassung von Büchern zur Rezension: Die Integration von studentischen Buchbesprechungen in die Handbücher Schlüsselwerke der Organisationsforschung[10] und Schlüsselwerke der sozialwissenschaftlichen Klimaforschung.[11]
  • Von der studentischen Abschlussarbeit zum Buch: Die Monografien Über die Normalisierung organisierter Brutalitäten[12] oder „Black and White, unite and fight“. Die deutsche 68er-Bewegung und die Black Panther Party.[13]
  • Vom studentischen Essay zum wissenschaftlich informierten Artikel für ein breiteres Publikum: Der Blog Sozialtheoristen, das Soziologiemagazin oder das langjährige, mittlerweile aber beendete Journal 360°.

Eine Kritik an einem solchen Konzept lautet, dass es das wissenschaftliche Publikationswesen für erzieherische Zwecke ‚missbrauche‘. Überspitzt ausgedrückt: Wissenschaftlich publiziert werden solle nur das Beste vom Besten, und Studierende seien dazu in aller Regel nicht in der Lage. Wenn bereits die Studierenden an den wissenschaftlichen Publikationsprozess herangeführt würden, drohe das wissenschaftliche Publikationswesen mit minderwertigen Texten überschwemmt zu werden, die man mühsam durch einen Begutachtungsprozess oder durch Missachtung in den Zitationszirkeln herausselektieren müsse. Aber – so könnte man einwenden – ist das wissenschaftliche Publikationswesen nicht schon voll mit minderwertigen Texten? Aus (fast) jeder Konferenz wird inzwischen ein Sammelband zusammengebastelt. Die durch Drittmittel angetriebene Projektmaschinerie verlangt Publikationen, auch wenn nichts herausgekommen ist. Das akademische Karrieresystem ist – Stichwort „publish or perish“ – darauf angelegt, dass Wissenschaftler jeden halbgaren Gedanken veröffentlichen, während sie die garen Gedanken nach dem Prinzip der kleinsten publizierbaren Einheit auf möglichst viele Publikationen verteilen. Manchmal hat man den Eindruck, eine originelle, sorgfältig gearbeitete Masterarbeit eines Studierenden sei besser als der Schnellschuss eines Wissenschaftlers, in dem er lediglich seine bereits bekannten Thesen nochmal aufgewärmt.

  1. Bei diesem Text handelt es sich um eine stark gekürzte, umgestellte und an einigen Stellen ergänzte Fassung des Artikels „Der publikationsorientierte Erwerb von Schreibkompetenzen. Zur Orientierung des studentischen Schreibens am wissenschaftlichen Veröffentlichungsprozess“ von Stefan Kühl, der in Das Hochschulwesen 63 (2015), 5–6, S. 143–157 erschienen ist.
  2. Andrea Frank / Stefanie Haacke / Swantje Lahm, Schlüsselkompetenzen. Schreiben in Studium und Beruf, Stuttgart/Weimar 2013, S. v.
  3. Almuth Grésillon, Über die allmähliche Verfertigung von Texten beim Schreiben, in: Wolfgang Raible (Hg.), Kulturelle Perspektiven auf Schrift und Schreibprozesse. Elf Aufsätze zum Thema Mündlichkeit und Schriftlichkeit, Tübingen 1995, S. 1–36, hier S. 1.
  4. Cornelia Epping-Jäger, Schriftlichkeit im Hochschulunterricht, in: Ulrich Welbers (Hg.), Das Integrierte Handlungskonzept Studienreform. Aktionsformen für die Verbesserung der Lehre an Hochschulen, Neuwied 1997, S. 220–228, hier S. 223.
  5. Das Vorbild, das mir mein damaliger Dozent Christof Wehrsig nannte, war die – auch aus heutiger Sicht noch – exzellente Diplomarbeit von Uwe Schimank über Identitätsbehauptungen in Arbeitsorganisationen. Uwe Schimank, Identitätsbehauptung in Arbeitsorganisationen. Individualität in der Formalstruktur, Frankfurt am Main / New York 1981. Die von mir verfasste Diplomarbeit über die Tücken flacher Hierarchien in formalen Organisationen ist dann ebenfalls im Campus-Verlag als Buch erschienen. Stefan Kühl, Wenn die Affen den Zoo regieren. Die Tücken der flachen Hierarchien, Frankfurt am Main / New York 1994.
  6. Die Modelle variieren von Universität zu Universität und häufig auch von Fachbereich zu Fachbereich. Das hier geschilderte Modell basiert auf dem Ph.D.-Programm für Geschichtswissenschaft an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore.
  7. Karolina Galdynski / Stefan Kühl (Hg.), Black-Box Beratung? Empirische Studien zu Coaching und Supervision, Wiesbaden 2009.
  8. Alexander Gruber / Stefan Kühl (Hg.), Soziologische Analysen des Holocaust. Jenseits der Debatte über „ganz normale Männer“ und „ganz normale Deutsche“, Wiesbaden 2015.
  9. Nadine Arnold (Hg.), Wenn Food Waste sichtbar wird. Zur Organisation und Bewertung von Lebensmittelabfällen, Bielefeld 2021.
  10. Stefan Kühl (Hg.), Schlüsselwerke der Organisationsforschung, Wiesbaden 2015.
  11. Youssef Ibrahim / Simone Rödder (Hg.), Schlüsselwerke der sozialwissenschaftlichen Klimaforschung, (im Erscheinen).
  12. Dennis Firkus, Über die Normalisierung organisierter Brutalitäten. Eine organisationssoziologische Analyse der Euthanasieanstalt Hadamar, Wiesbaden 2021.
  13. Pablo Schmelzer, „Black and White, unite and fight“. Die deutsche 68er-Bewegung und die Black Panther Party, Hamburg 2021.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Thomas Hoebel, Wibke Liebhart.

Kategorien: Universität Wissenschaft

Stefan Kühl

Professor Dr. Stefan Kühl ist Soziologe und Historiker. Er ist Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld und arbeitet als Organisationsberater der Firma Metaplan für Unternehmen, Verwaltungen, Ministerien und Nichtregierungsorganisationen.

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