Alexander Hobe | Veranstaltungsbericht |

Rechte Geschichten

Bericht zum digitalen Symposium „Affektive Narrative des Rechtspopulismus“ am 15. Juni und 2. Juli 2021 an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

„At the center of [our] movement is a crucial conviction – that a nation exists to serve its citizens. […] But for too many of our citizens, a different reality exists. […] We are one nation, and their pain is our pain. Their dreams are our dreams, and their success will be our success. We share one heart, one home and one glorious destiny.“[1]

Diese Worte aus Trumps Antrittsrede beleuchten schlaglichtartig das „Zusammenspiel des Politischen, Affektiven und Narrativen“[2] in seiner Rhetorik. Die Kieler Tagung „Affektive Narrative des Rechtspopulismus“ machte es sich nun zur Aufgabe, das Verhältnis der drei Begriffe in rechtspopulistischen Kontexten näher zu untersuchen. Mit einem Schwerpunkt auf politikwissenschaftlichen Perspektiven ging es zum einen darum, den Nutzen der Begriffe „Narrativ“ und „Affekt“ für die Analyse von Politik zu demonstrieren. Zum anderen sollten beide Begriffe miteinander verschränkt werden. Damit leistete die Tagung einen Beitrag zu einer Debatte, die spätestens seit der Wahl Trumps nicht nur öffentlich, sondern auch wissenschaftlich intensiv und kontrovers geführt wird.[3]

Affektives Erzählen als Modus der Politik

Die Veranstaltung bestand aus zwei Blöcken: dem Eröffnungsvortrag am 15. Juni und vier Referaten am 2. Juli. Die theoretische Grundierung fand im ersten Vortrag am 2. Juli statt. Die Organisatorinnen NINA ELENA EGGERS und BRIGITTE BARGETZ (beide Kiel) stellten darin das Konzept „Affektive Narrative“ vor, worin sie „Affekt“ und „Narrativ“ analytisch verschränkten. Eine solche Verschränkung sei notwendig, da jede Erzählung Affekte erzeuge. Die Referentinnen regten mit ihrem Beitrag zu einer sozialwissenschaftlichen Nutzung des Begriffs „affektive Narrative“ an, den sie als zentralen Modus politischen Handelns stark machten. Auf drei Ebenen äußere sich die affektive Dimension des Erzählens: auf der Ebene der Erzählung, auf der des Publikums und auf der des Erzählenden. Rechtspopulismus stoße nicht zuletzt deshalb auf Resonanz, weil er affektiv und narrativ wirkmächtig sei.

Im Anschluss an ihre theoretischen Vorüberlegungen widmeten sich Eggers und Bargetz unter Zuhilfenahme des Beispiels Björn Höckes der Frage, welche Funktionen affektive Narrative für Rechtspopulist*innen einnähmen. Sie hoben auf drei „affektive Brücken“ ab, die Rechtspopulist*innen bauten. Die erste sei jene zwischen Volk und Führungsfigur, die unter anderem dadurch errichtet werde, dass Höckes Thematisierung eigener Gefühle eine Projektionsfläche für sein Publikum böte. Dabei greife Höcke verbreitete Ohnmachtsgefühle auf, die er dann in einen narrativ strukturierten Appell zur Resouveränisierung von Männlichkeit einbinde. Eine zweite Brücke werde zwischen Männlichkeit und maskulinistischer Staatlichkeit konstruiert, wenn Höcke behauptet, Deutschland habe seine Männlichkeit verloren. Diese Aussage, so die Referentinnen, verbinde der Thüringer AfD-Politiker mit einem personalisierten Lösungsangebot als männliche Führungsfigur. Affektive Narrative vergegenwärtigten Zukunft und Vergangenheit zugleich, indem sie eine noch nicht realisierte, neue heroische Männlichkeit imaginierten, die sie wiederum aus einer idealisierten Vergangenheit herleiteten. Die dritte Brücke schließlich werde zwischen Rechtsextremismus und der gesellschaftlichen Mitte geschlagen: Da affektive Narrative nicht unbedingt sofort als rechtsextreme Inhalte erkennbar seien, sei es einfacher, sich mit ihnen zu identifizieren. Darüber hinaus ermöglichten sie die Sprechbarkeit dieser Inhalte.

Auch der zweite Vortrag des Tages von WOLFGANG BERGEM (Siegen), der vom Erzählen als Modus der Politik handelte, war von Theoriearbeit geprägt. Als soziale Prozesse der Sinnbildung seien Narrative jedoch nicht nur für Politik konstitutiv, etwa weil deren großes Potential für Verunsicherungen jeglicher Art nach kontinuierlicher Sinnbildung verlange, sondern Erzählen sei auch „transhistorische“ Eigenschaft des „homo narrans“. Erzählen sei ein Faktor der Identitätsbildung, sowohl der personalen als auch der kollektiven, und erst narrative Entfaltung mache aus der Identitätsbildung einen sozialen Prozess. Da Politik in ihren technischen und strukturellen Details heute häufig zu komplex erscheine, gehe es in ihr zunehmend häufiger um konkurrierende Erzählungen und somit um Deutungsmacht. Da Politik auch Sinnbildung sei, seien narratologische Perspektiven auch für die Politikwissenschaft wichtig.

Widersprechen möchte man Bergem jedoch in seiner in der Diskussion aufkommenden Behauptung, die Geschichtswissenschaft habe sich nicht mit dem Konstruktivismus auseinandergesetzt. Lediglich Hayden White, Reinhart Koselleck und Eric Hobsbawm, so Bergem, hätten mit konstruktivistischen Methoden gearbeitet. Nun ist es nicht nur so, dass vermutlich sowohl Koselleck als auch Hobsbawm der Etikettierung als Konstruktivisten widersprochen hätten, sie sind auch kanonisch – kein*e Geschichtsstudent*in kommt heute um die Auseinandersetzung mit diesen drei höchst einflussreichen Autoren herum.

Affekt und Geschlecht

Neben diesen theoretischen Vorträgen fanden sich auch empirische Auseinandersetzungen mit dem Thema, so in dem Eröffnungsvortrag am 15. Juni von BIRGIT SAUER (Wien), unter dem Titel „Maskulinistische Identitätspolitik: Rechtspopulistische affektive Mobilisierungen“. Ihren Fokus legte Sauer auf die Rolle von Geschlecht bei Rechtspopulist*innen in Österreich und Deutschland. Zunächst listete sie verschiedene affektiv aufgeladene Bedrohungsnarrative auf, die Rechtspopulist*innen einander erzählten, darunter beispielsweise die Angst vor dem Verlust männlicher Vormachtstellungen oder vor dem Vordringen „anderer“ (insbesondere muslimischer oder arabischer) Männlichkeiten. Hierbei wies sie auf die Verknüpfung von konkreten Feindbildern mit bestimmten wiederkehrenden Affekten hin. Danach schilderte sie die „maskulinistische Identitätspolitik“, die Rechtspopulist*innen propagierten. Hierbei würden Affekte benutzt, um eine positive Männlichkeit zu konstruieren – Sauer erwähnte beispielsweise das Versprechen von Fürsorge im Rahmen einer exklusiven Solidarität, für das „Heimat“ als Metapher diene. Insgesamt gehe es bei maskulinistischer Identitätspolitik um „Resouveränisierung von Männlichkeit“ als Reaktion auf einen neoliberal induzierten Verlust staatlicher Souveränität.

Mit der Erwähnung des Neoliberalismus war der Bogen zum dritten Teil des Vortrags geschlagen. Sauer argumentierte, es gehe den Rechtspopulist*innen um die Beeinflussung der „neoliberalen affektiven Gouvernementalität“, mit deren Mitteln sie schließlich zu regieren trachteten. Die Rechtspopulist*innen machten sich den durch den Neoliberalismus freigesetzten „Gefühlscocktail“ (als Zutat des Cocktails nannte Sauer beispielsweise Verunsicherung) zunutze, indem sie ein affektives Angebot formulierten, das sich in Wahlerfolge übersetze. Auch wenn es nicht das erklärte Ziel des Vortrags war, hätte man am Ende gerne mehr über mögliche Gründe für zeitliche und regionale Besonderheiten erfahren, schließlich vollzog sich der Aufstieg des Rechtspopulismus in Deutschland und Österreich zeitlich versetzt und fiel nicht direkt mit neoliberalen Reformen zusammen.

Ebenfalls mit Geschlecht setzte sich der Vortrag von GABRIELE DIETZE (HU Berlin) auseinander. Sie stellte rechtspopulistische Narrative von Weiblichkeit vor, am Beispiel der „Women for Trump“, der „trad wife“-Aktivistinnen und verschiedener führender Politikerinnen rechtspopulistischer Parteien. Insbesondere die ersten beiden Kollektive, so arbeitete Dietze heraus, definierten sich in Abgrenzung zum Feindbild des linksliberalen Feminismus. Sie arbeiteten sich beispielsweise an Forderungen nach weiblicher Berufstätigkeit ab, die unter neoliberalen Bedingungen ohnehin für viele nicht sonderlich attraktiv sei. Dem setzten sie mit „Feminität statt Feminismus“ ein positiv besetztes Bild der „Retroweiblichkeit“ entgegen. Eine modernere Form der Weiblichkeit manifestiere sich laut Dietze in der Figur Marine Le Pens: Die Rechtspopulistin nutze ihre Weiblichkeit nicht nur zur Abgrenzung von ihrem radikaleren Vater Jean-Marie. Darüber hinaus artikuliere sie mit ihrem Erfolg als Führungsfigur ein nicht verbalisiertes Narrativ, demzufolge die feministische Kritik am Rechtspopulismus ins Leere laufe. Weitere Aspekte dieser Weiblichkeit schließen die Sichtbarmachung des weiblichen Körpers ein, über den Rechtspopulistinnen fremdenfeindliche Motive kommunizierten oder auch radikale Botschaften kaschierten.

Einen etwas anderen Akzent setzte das Referat von JULIA LESER (HU Berlin). Hier ging es nicht primär um rechtspopulistische Narrative. Leser stellte die Ergebnisse des Projektes „Fremde im eigenen Land?“ an der Universität Leipzig vor.[4] Basierend auf einem Konzept des Sozialpsychologen Michael Billig untersuchte die Studie „banalen Nationalismus“ im Alltag. Exemplarisch handelte der Vortrag von einem zentralen Erzählstrang deutscher Nationalidentität, dem Narrativ der „Leistungsdeutschen“. Die in den untersuchten Bevölkerungsgruppen weit verbreitete Erzählung der pünktlichen und ordentlichen Deutschen lasse sich zum Teil als „wohlfahrtsstaatschauvinistisch“ verstehen, da sie Zugehörigkeit über produktive Arbeit definiere. An dieser Stelle entstünde die Anschlussfähigkeit für rechtspopulistische Diskurse. Die behauptete Erkenntnis der Studie, der zufolge sämtliche von ihr entdeckten nationalen Narrative wenigstens implizite Ausschlüsse produzierten, mag jedoch auch mit der Fragestellung zusammenhängen: Wer nach spezifisch Deutschem fragt, lädt die Befragten zur Betonung von Unterschieden ein.

Der Vortrag von PAULA DIEHL (Kiel) unter dem Titel „Das Narrativ des betrogenen Volkes im Populismus“ fiel krankheitsbedingt aus.

Narrative alleine reichen nicht aus

Die Abschlussdiskussion stellte unter anderem die Frage nach einer anderen feministischen Praxis, mit der man den Herausforderungen begegnen solle, die sich aus der Macht rechtspopulistischer Narrative und deren Mobilisierung von Affekten ergeben. Im Fokus standen dabei die Motive, die Dietze aufgedeckt hatte, wobei auch die explizite Abwertung rechtspopulistischer Weiblichkeit vonseiten linksliberaler Feminist*innen zur Sprache kam. Vorgeschlagen wurden Angebote zum Sich-Wohlfühlen in der Uneindeutigkeit sowie Gegenbewegungen zu einer ständig neue Unsicherheiten erzeugenden Krisenrhetorik. Ohne diesen Vorschlägen zu widersprechen, setzte Dietze einen etwas anderen Akzent und plädierte dafür, mehr über das „männliche kapitalistische Neopatriarchat“ zu sprechen.

Hiermit war ein Teil dessen angesprochen, was man bei dem insgesamt inspirierenden Symposium ein wenig vermisste. Denn die Vorträge boten vielerlei Erkenntnis über die „supply side“ des Rechtspopulismus. Wenig lernte man allerdings über Elemente jenseits der affektiven Narrative. Deren Erfolg beziehungsweise den Erfolg der Akteur*innen, die solche Narrative verbreiten, kann man aber nicht allein mittels narratologischer Analyse erklären. In den Diskussionen klang dieser Aspekt immer wieder unter dem Stichwort „Rezeptionsebene“ an, doch die Antwort, Narrative zirkulierten eben in einer Feedbackschleife zwischen Publikum und Erzähler*innen kann gerade im Detail nicht vollumfänglich überzeugen. Auch Lesers Vortrag deutete in diese Richtung, als sie rechtspopulistischen Erfolg mit vorhandenen Erzählungen von nationaler Identität in Verbindung brachte.

Es sind bestimmte Narrative und bestimmte Affekte, die zu bestimmten Zeiten bestimmte Ausprägungen von Erfolg zeitigen, während andere wirkungslos verhallen. Müsste ein solcher Erfolg daher nicht mit spezifischen und somit nicht unbegrenzt generalisierbaren Erfahrungen einer Gesellschaft oder Teilen derer zusammenhängen, die letztlich stark über Plausibilität und Anschlussfähigkeit narrativer Mobilisierungen mitentscheiden? Der wiederholte Rekurs auf den Neoliberalismus deutet darauf hin, dass auch die Referent*innen in diese Richtung dachten. Gleichzeitig müsste auch dieser Argumentationsstrang stärker auf historische und regionale Eigenheiten neoliberalen Wirtschaftens eingehen, um einen überzeugenden Zusammenhang mit der Resonanz von Affekten und Narrativen herstellen zu können. Ein Neoliberalismus als deus ex machina, der unvermittelt erscheint und die Erklärungslücke schließen will, ist wenig überzeugend.

  1. Donald J. Trump, Inaugural Address, 20. Januar 2017, https://millercenter.org/the-presidency/presidential-speeches/january-20-2017-inaugural-address (29.07.2021).
  2. https://www.politik.uni-kiel.de/de/aktuelles/affektive-narrative-des-rechtspopulismus-15-06-02.07 (29.07.2021).
  3. Vgl. Jan-Werner Müller, What Is Populism?, Philadelphia 2016; Philip Manow, Die politische Ökonomie des Populismus, Berlin 2018; Cornelia Koppetsch, Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter, Bielefeld 2019; Cas Mudde / Cristóbal Rovira Kaltwasser, Populism. A Very Short Introduction, Oxford 2017; Pierre Rosanvallon, Das Jahrhundert des Populismus. Geschichte – Theorie – Kritik, übers. von Michael Halfbrodt, Hamburg 2020; Pankaj Mishra, Age of Anger. A History of the Present, New York 2017.
  4. https://www.politische-laboratorien.de/ (29.07.2021).

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Samir Sellami.

Kategorien: Affekte / Emotionen Demokratie Medien Politik

Autorenfoto Alexander Hobe

Alexander Hobe

Alexander Hobe studierte in München und Berlin Geschichte und Politikwissenschaft. Er forscht im Rahmen des BMBF-Verbundprojekts „Geschichte der Euroskepsis“ am Hamburger Institut für Sozialforschung zu rechtsnationalen Europabegriffen.

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