Thomas Hoebel | Essay |

Recoding, Situationspotenziale, Autotelie

Über drei Zeitschichten in der Gegenwart des Krieges

Die illegale russische Invasion in die Ukraine sorgt für die bedrückende Gewissheit, dass es „Krieg in Europa“ gibt, wie die Süddeutsche Zeitung am 25. Februar 2022 titelte. Die öffentliche Fassungslosigkeit über den russischen Angriff ist einerseits eng verknüpft mit einem tiefen Mitgefühl für die Menschen in der Ukraine, die sich schlagartig in einer lebensbedrohlichen Situation wiederfinden; andererseits ist sie gepaart mit einer Deutung, die diesen Februar 2022 als „Zeitenwende“ charakterisiert.[1] Manche Politikwissenschaftler („Wir befinden uns seit zwei, drei Tagen in einer anderen Welt“[2]) vertreten sie ebenso wie einige Zeithistoriker („Der Krieg verändert alles“[3]). Die Erzählung variiert in einigen Nuancen, besteht aber im Kern darin, dass das vermeintliche „Ende der Geschichte“, das seit Anfang der 1990er-Jahre zumindest für die in der NATO versammelten Staaten eine sogenannte Friedensdividende abwarf, nun seinerseits abrupt geendet habe.

Das Diskontinuitätsnarrativ ist schlüssig, da es den völkerrechtlichen Tabubruch der russischen Politik und den Ernst der Lage unterstreicht. Es ist eine Situation eingetreten, die nicht mehr gestattet, die Gegenwart des Krieges auf dem europäischen Kontinent zu ignorieren, ihn für etwas Vergangenes zu halten, etwas weit Entferntes, etwas Exotisches, das den eigenen Lebensalltag unberührt lässt. Der Angriff verändert mehr oder weniger prompt die öffentliche Wahrnehmbarkeit eines Phänomens, das in Europa keineswegs verschwunden war, nur weil das gesellschaftliche Coping in Sachen Krieg recht erfolgreich war.[4] Faktisch beginnen die russischen Angriffe ja keinen Krieg, sondern erweitern einen von Russland seit 2014 geführten über den Donbass hinaus.

Und wenn wir nur an die zahlreichen Menschen denken, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten nach Europa kamen, weil sie vor unmittelbarer Waffengewalt flohen, und daran, dass diese leibliche Erfahrung für sie bis heute mehr oder weniger lebensbestimmend ist, dann ist das Phänomen Krieg nie besonders weit entfernt, längst vergangen oder etwas gänzlich Fremdes gewesen. Ganz zu schweigen von den Gewalttraumata aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien, die sich in Familien, Gemeinschaften und Dörfern mehr oder weniger latent fortschreiben.

Diejenigen, die nun von Bruch, Diskontinuität, eben ‚Zeitenwende‘ sprechen, bewegen sich letztlich auf dem Leim, den Putin angerührt hat.

So ist die Wendepunkt-Deutung insofern problematisch, als sie dem russischen Präsidenten in die Karten spielt, der doch erklärtermaßen ‚Geschichte machen‘ will. Bliebe dieser Aspekt unreflektiert, würde Wladimir Putin in der Tat als dasjenige weltgeschichtliche Subjekt anerkannt, das diese historische Zäsur herbeigeführt hätte – was ihm sicher zupass käme. Diejenigen, die nun von Bruch, Diskontinuität, eben ‚Zeitenwende‘ sprechen, bewegen sich letztlich auf dem Leim, den Putin angerührt hat. Also bleibt in jedem Fall Skepsis gegenüber der Wendepunkt-Deutung angebracht, nicht zuletzt weil diese Sichtweise in der deutschen Politik und bei vielen, die jetzt eine massive (nukleare) Aufrüstung fordern,[5] gegenwärtig als Begründungszusammenhang dafür fungiert, große Geldmengen zur Bundeswehr zu schieben und langjährige Prämissen deutscher Außenpolitik außer Kraft zu setzen.[6]

Ereignisse, prozessual gedacht

Solche Vorbehalte sprechen gleichwohl nicht per se gegen eine zeitlich-prozessuale Interpretation des Geschehens. Reinhart Koselleck hat schon in den 1970er-Jahren die Metapher der „Zeitschichten“[7] vorgeschlagen, um temporale Interpretationen von soziohistorischen Vorgängen angemessen zu verkomplizieren.[8] Er wendet sich damit gegen die Vorstellung, es gäbe eine lineare Zeit, die abliefe und als kontinuierliche wie gleichförmige Hintergrundfolie für menschliche Lebenszusammenhänge fungiere.[9] Stattdessen argumentiert Koselleck mithilfe einer verräumlichenden Bildsprache dafür, historische Zeit im Plural zu untersuchen und damit zu rechnen, dass soziale Phänomene – er nennt exemplarisch „Konflikte, Kompromisse und Konsensbildungen“[10] – für gewöhnlich mehrere Zeitebenen enthalten. Historische Geschehnisse seien zeittheoretisch gesehen mehrschichtig.

Mit Blick auf den 24. Februar 2022 ist es in einer solchen Perspektive erhellend, dass der russische Präsident zu diesem Zeitpunkt schon seit Wochen, ja eher seit Monaten und Jahren, eine Geschichtsdeutung vorträgt, die einen althergebrachten russischen Herrschaftsanspruch auf das ukrainische Territorium begründen soll.[11] Dabei handelt es sich jedoch nicht um schiere legitimationsschaffende Propaganda. Mindestens drei Gründe sprechen gegen eine solche, eher irreführende Deutung. Erstens schaltet der russische Präsident innenpolitisch weitgehend nach eigenem Gusto, mit einer Exekutive, die institutionell und personell auf ihn zugeschnitten ist. Die muss er nicht überzeugen. Zweitens ist sein Geschichtsbild außerhalb der ihm zugewandten Zirkel und jener Bevölkerungsteile, die seine Ansichten teilen oder übernehmen, gelinde gesagt, umstritten. Das zeigen nicht zuletzt die zahlreichen mutigen Demonstrierenden, die in Russland seit Tagen auf die Straße gehen und mit ihrer unmittelbaren Verhaftung zu rechnen haben. Solche oppositionellen Milieus vermag Putin nicht zu überzeugen. Drittens ist der langjährige Vortrag des russischen Präsidenten nicht nur bloßes Gerede, sondern offenkundig handlungswirksam. Auf der Basis derartiger, vermeintlich historisch bezeugter Herrschaftsansprüche treffen Putin und sein Gefolge strategische Entscheidungen.

Sicher, eine Personalisierung bis hin zur einer Psychopathologisierung des Phänomens ist nur zu naheliegend: ‚Putin, der Historiker‘, der krude Vorstellungen vertritt und glaubhaft zu machen versucht. Zeittheoretisch handelt es sich jedoch um eine der Schichten, auf die Koselleck abhebt, um die besondere Temporalität historischer Vorgänge einsichtig werden zu lassen. Ich möchte sie, mich konzeptuell an Andrew Abbott anlehnend, annäherungsweise als Recoding bezeichnen.

Encoding/Recoding

Der Begriff selbst stammt nicht von Abbott, vielmehr spricht der Chicagoer Soziologe an zentralen Stellen seiner prozessualen Soziologie von „Encoding“. Dabei handelt es sich um ein sozialtheoretisches Konzept, das unsere Aufmerksamkeit auf den bedeutsamen Umstand lenkt, dass die Vergangenheit kausal in die Gegenwart hineinreicht, insofern symbolische, materielle oder territoriale Festlegungen existieren, die Menschen mit- und gegeneinander geschaffen haben und die ihre Positionen zueinander sowie ihre Ansprüche aneinander auch weiterhin prägen – im sich gerade ereignenden ‚Hier und Jetzt‘. So gesehen sind es in erster Linie menschliche Individuen, die Vergangenes fortschreiben, weil sie die Erfahrungen, die sie mit bisherigen Festlegungen und Gestaltungen nicht nur gesammelt, sondern auch in sich gespeichert haben, in jeweils gegenwärtige Begegnungen hineintragen.[12]

Grenzverläufe zwischen Staaten, die über Jahre, Jahrzehnte, womöglich über Jahrhunderte hinweg existieren, liefern ein markantes Beispiel. Wie umstritten sie auch sein mochten oder mögen, allemal schreiben sie vormals getroffene Festlegungen fort, indem Menschen sie teils über Generationen hinweg in ihrem Alltag berücksichtigen, durchaus kreative Umgangsweisen mit ihnen finden, ihre wiederholten Erfahrungen mit ihnen machen, sie in ihr Reden über die eigene Identität und diejenige anderer aufnehmen und vieles mehr.

Gerade solche Grenzverläufe sind nun offenkundig ein elementarer Aspekt einer Zeitschicht des russischen Angriffskrieges, die ich Recoding nenne. Die nun militärisch bewehrte Formulierung russischer Ansprüche auf ukrainisches Gebiet ist deren sichtbare, demonstrative Verkörperung. Es handelt sich um eine soziale Formation mit Putin als prägender Figur, die unter Einsatz ihrer politischen Macht versucht, das jahrzehntewährende, alltägliche Encoding territorialer Festlegungen nördlich und östlich des Schwarzen Meeres sukzessiv durch diverse Aktivitäten zu überschreiben – symbolisch durch Geschichtsklitterung und Drohungen, personell durch gezielte Angriffe auf ukrainische Politikerinnen und Intellektuelle, materiell durch Grenzverschiebungen, die Errichtung von Militärbasen und Unterstützung von de-facto-Regimen wie in Abchasien, die Annexion der Krim und jetzt durch den Angriff auf die Ukraine. Im Kern ist dieses Recoding gestaltete Zeit. Es deutet Vergangenes um, entwertet es und setzt es in den teleologischen Erzählzusammenhang eines ewigen Großrusslands, der kaum an die Alltagserfahrungen vieler Menschen in der Region anschließt, auf die sich das Narrativ erstrecken soll.

Blickt man auf die vergangenen zwei Jahrzehnte zurück, wird – zumindest militärisch gesehen – keine Gestaltung sichtbar, die eine lineare Sequenz von Aktivitäten darböte, sondern ein Verlaufsmuster, das eher inkrementell und treppenförmig ist. Phasen von hoher militärischer Aktivität – 2008 in Georgien, 2014 auf der Krim und im Donbass, gegenwärtig in der Ukraine – wechseln sich ab mit Phasen von geringerer Intensität, wobei an einigen Frontlinien immer wieder Kämpfe stattfinden.

Der russische Präsident ist unbestritten die zentrale Figur in diesem Gemenge. Nur auf ihn und seine Motive zu schauen, hieße aber, den kollektiven Charakter dieser Aktivitäten abzuschatten und herunterzuspielen.

Wie gesagt, der russische Präsident ist unbestritten die zentrale Figur in diesem Gemenge. Nur auf ihn und seine Motive zu schauen, hieße aber, den kollektiven Charakter dieser Aktivitäten abzuschatten und herunterzuspielen. Wie die Künstlerin, die andere braucht – von den Erzeugern unabdingbarer Vorprodukte bis hin zu Galleristinnen –, damit sie ihr Werk schließlich ausstellen und verkaufen kann,[13] bedarf auch ein russischer Präsident der Kooperation vieler anderer, sollen seine politischen Vorstellungen um- beziehungsweise durchgesetzt werden.

Unterschiedliche Zeitschichten

Das aktive Überschreiben früherer Festlegungen, die kraft ihrer alltagsprägenden Bedeutung in die Gegenwart hineinreichen, ist gleichsam nur eine von mehreren Zeitschichten, die das Kriegsgeschehen in der Ukraine prägen. Mindestens zwei weitere Ebenen existieren, die gegenüber dem Recoding ihre eigene zeitliche Ordnung besitzen. Bei ihnen handelt es sich nicht um gestaltete Zeit, es wäre treffender, von einer (a) sich entfaltenden und zu entdeckenden sowie von einer (b) eigensinnigen Zeitschicht zu sprechen. Doch der Reihe nach.

ad (a) Krieg sei ein Beweis für die Schwierigkeit, sich begreiflich zu machen, was es eigentlich heißt, zu handeln, gibt François Jullien in seiner Studie Über die Wirksamkeit[14] zu bedenken. Er kritisiert insbesondere ein Clausewitz’sches Denken, wonach Planung, Initiative und Wille diejenigen zentralen Aspekte seien, die im Krieg zum Erfolg führten. Clausewitz hat ein Handlungsmodell vor Augen, in dem planerische, gleichsam technische Vorfestlegungen – der „Kriegsplan“ – das A und O wirksamer Aktivität bilden, verbunden mit der Ambition, den Plan auch unter dem „scheinbaren Druck des Augenblicks“ nicht ohne Weiteres preiszugeben, obwohl mit Friktionen zu rechnen ist.[15]

Dieses mechanistische Modell hält Jullien für den Ausdruck schierer Selbstüberschätzung des menschlichen Verstandes, der Ideale von der Welt projiziert, die dieser Welt dann nicht standhalten. Eine interessante Alternative, sich stattdessen die Wirksamkeit von Handeln begreiflich zu machen, findet er im alt-chinesischen Denken und umreißt sie mit dem Konzept des Situationspotenzials.[16] Hier geht es darum, von Moment zu Moment die Beschaffenheit von Situationen zu lesen und einzuschätzen, wie tragfähig sie für bestimmte Handlungen oder Unterlassungen sind.

„Anstatt davon auszugehen, daß alles von unserer Initiative abhängig ist, erkennen wir, daß in der Situation ein bestimmtes Potential enthalten ist, das es zu entdecken gilt und von dem wir uns ‚tragen‘ lassen können.“[17]

Der Grundgedanke lautet, dass sich Handlungsalternativen für Beteiligte mit jedem Schritt, den sie und andere – im Krieg: die gegnerischen Parteien – machen, immer wieder aufs Neue bilden. Die betreffenden Spielräume formieren sich von Moment zu Moment. Sie werden zwar durch vorangehende Ereignisse mitgeprägt, aber keineswegs determiniert.

Instruktiv ist die Lektüre von Sunzis Die Kunst des Krieges[18] insbesondere, weil eine ökologische Perspektive ins Spiel kommt, die sich für Positionen der Beteiligten, die daraus resultierenden Konstellationen und zumal für die Umgebungen interessiert, in denen sich die Beteiligten befinden und begegnen (können). So erörtert Sunzi diverse Arten von Gelände, auf dessen Boden Krieg stattfindet, mit Blick auf vorhandene Situationspotenziale des Handelns. „Die Regeln für den Einsatz der Truppen kennen zerlaufendes, gängiges, umkämpftes, durchgängiges, bevorzugtes, kritisches, schwieriges, umschlossenes und tödliches Gelände.“[19] Wo stehen meine Truppen, wo diejenigen der Gegner, wie ist das Gelände beschaffen, auf dem sie stehen? Aus all diesen Umständen erwachsen situative ‚Tragfähigkeiten‘.

Situationspotenziale, die sich abhängig davon entfalten, wie sich Positionen, Konstellationen und Umgebungen stabilisieren oder wandeln, verweisen auf eine Zeitschicht, die sich in mindestens zwei Aspekten von dem zuvor skizzierten Recoding unterscheidet. Erstens handelt es sich um ein Phänomen, das sich der Kontrolle der Beteiligten entzieht. Daran ändert keine Initiative etwas. Anders ausgedrückt: Situationspotenziale erschließen keine Räume von Verfügbarkeit, in denen sich nach Belieben schalten und walten ließe. Zweitens hängt ihre Entdeckung elementar davon ab, Alltagserfahrungen fruchtbar zu machen, anstatt sie etwa mit teleologischen Erzählungen zu überschreiben und dadurch unter Umständen zu entwerten. Es geht darum, das von Abbott umrissene Encoding momentaner Gegenwarten erkennen, begreifen und einschätzen zu können, ohne sie mithilfe kruder Weltvorstellungen beiseitezuschieben.

Die Tragfähigkeit des Situationspotenzials für eine – nach Maßstäben des Angreifers – erfolgreiche russische Kriegsführung wird sich erst noch zeigen. Die ukrainische Gegenwehr ist vehement, während die internationale Sanktionspolitik vor allem auf die ‚politökonomische Umgebung‘ des militärischen Handelns der russischen Regierung zielt. Längerfristig betrachtet ist es unter dieser Hinsicht allerdings nicht gerade überraschend, dass die russische Regierung den Einmarsch in die Ukraine tatsächlich jetzt wagt. Die militärischen Erfolge seit dem Kaukasuskrieg, die gestiegene Angewiesenheit europäischer Länder auf russische Öl-, Gas- und Rohmetalllieferungen, eine Erweiterung des russischen Einflusses auf Syrien und Regionen in Nordafrika sowie – in jüngerer Zeit – ein gesunkenes US-amerikanisches Interesse, weiterhin als Weltpolizei zu fungieren, oder auch ein Regierungswechsel in Deutschland mit vermeintlich unerfahrenen, neuen Protagonist:innen, zu denen kaum langfristige Arbeitsbeziehungen bestehen, lassen sich als sukzessive Drift hin zu einer politischen Konstellation begreifen, deren Situationspotenzial nun von russischer Seite als günstig für die eigenen Weltmachtfantasien betrachtet wird.

ad (2) Krieg hat, einmal begonnen, seine eigene Zeit. Der zentrale Grund dafür ergibt sich aus der Form der ausgeübten Gewalt, die – bei allen strategischen, technischen und legitimatorischen Fragen, die aus Sicht von Angreifern und Verteidigern mit konkreten Attacken und ihrer Abwehr verbunden sein mögen – ein zutiefst autotelischer Zug kennzeichnet. Diese Gewalt exekutiert massive Zerstörungen: Sie zerstört die leibliche Integrität der Betroffenen[20] – nicht nur in der Gestalt körperlicher Versehrtheit, sondern als vieldimensionaler Schmerz, der mit der Sorge verknüpft ist, fliehen zu müssen, sich um Verwandte und Freunde zu kümmern, sie im Extremfall zu verlieren, keine Perspektive für die Zukunft mehr zu sehen, kurz: die Welt einzubüßen, die Fundament des individuellen wie kollektiven Alltags ist. Der Angriff auf die Menschen in der Ukraine mag mit bestimmten Absichten und Rechtfertigungen verknüpft sein. Doch treten solche Erklärungen spätestens ab dem Moment, in dem sich die Verletzung ereignet, völlig hinter den temporalen Eigensinn zurück, den die Verletzung für die Beteiligten hat und der von da an ihr weiteres Mit- und Gegeneinander beeinflusst.

In der Sphäre subjektiven Erlebens bleibt die erfahrene Zerstörung singulär, bezeichnet die leibliche Integrität eines Menschen doch etwas in seinem Welt- wie Selbstverhältnis, über das er ausschließlich individuell und nur einmal, das heißt in der Zeit seines Lebens, verfügt. Deren Verletzung zeitigt Spuren, die von eigener Dauer sind – manchmal weithin sichtbar, oftmals für andere lediglich zu vermuten und den Betroffenen womöglich selbst kaum transparent und zugänglich. Trifft zu, was Abbott über Encoding und die „Historizität von Individuen“[21] sagt, dann prägen derartige Spuren von mitunter extremer Gewalt gerade in ihrer je eigensinnigen Wirksamkeit fortan die Modalitäten von Vergesellschaftung mit.

Einfache Antworten auf die Fragen, die sich bei dem Versuch aufdrängen, diesen historischen Augenblick zu begreifen, sollte und wird es nicht geben.

Ebenso singulär ist die Situation, die der russische Angriff auf die Ukraine geschaffen hat. Auch sie ist nicht einfach vorfindlich, sondern gestaltet, mit im Augenblick unüberschaubaren Entfaltungsmöglichkeiten ausgestattet und trotz der Vielfalt an Kontingenzen eigensinnig: Recoding, Situationspotenzial und Autotelie charakterisieren ihre je eigenen Zeitschichten, die sich jedoch in der momentanen Gegenwart dieses Krieges nicht trennscharf voneinander unterscheiden lassen. Gerade die Art und Weise, wie sie, um im Bild zu bleiben, sich aufeinanderschichten, wie sie sich mit- und gegeneinander gliedern und artikulieren,[22] verleiht der Situation ihre Spezifika, macht ihre Besonderheit aus. Wie sie zueinander liegen, das werden russische Kriegstreiber, ukrainische Verteidigerinnen, Flüchtende, Friedensbewegte, Militaristen und viele andere unterschiedlich sehen, bewerten oder erhoffen. Einfache Antworten auf die Fragen, die sich bei dem Versuch aufdrängen, diesen historischen Augenblick zu begreifen, sollte und wird es nicht geben.

  1. Besonders prominent durch die Bundestagsrede von Bundeskanzler Olaf Scholz in einer Sondersitzung des Parlaments am 27. Februar 2022.
  2. Herfried Münkler im Gespräch mit Ute Welty, Deutschlandfunk, 25.2.2022, https://www.deutschlandfunkkultur.de/muenkler-putin-russland-100.html, [2.3.2022]. Das Unmögliche sei nun plötzlich möglich, meint Anne Applebaum, in: The Atlantic, 1.3.2022, https://www.theatlantic.com/ideas/archive/2022/03/putins-war-dispelled-the-worlds-illusions/623335/, [2.3.2022].
  3. Jörg Baberowski, Schwieriger Abschied vom Imperium, in: FAZ vom 1.3.2022, S. 9. Baberowski zeigt sich stellvertretend für viele überrascht, dass ein einziger Mensch, wie er meint, so abrupt den „Weltenlauf verändern“ könne, „indem er eine Entscheidung trifft, die nicht nur mit dem Status quo radikal bricht, sondern Tatsachen schafft, die niemand ignorieren kann“. Die deutsch-ukrainische Historikerkommission spricht dagegen von einem „Rückfall in das imperiale Zeitalter“, Pressemitteilung vom 24.2.2022, http://www.duhk.org, [2.3.2022].
  4. Siehe zu gesellschaftlichen Coping-Strategien im Wissen um mitunter extremer Gewalt Jan Philipp Reemtsma, Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne, Hamburg 2008, S. 481–505.
  5. Recherchenetzwerk Deutschland, Politologe Münkler für ‚nukleare Option der Europäer‘ – unabhängig von den USA, in: rnd.de, 28.02.2022, https://www.rnd.de/politik/ukraine-krieg-atomwaffen-in-eu-politologe-herfried-muenkler-fuer-optionen-OY43CODX35DJXBUIII5WT3CZDM.html, [2.03.2022].
  6. Noah Barkin, Europe’s Sleeping Giant Awakens, in: The Atlantic, 1.3.2022, [2.3.2022].
  7. Reinhart Koselleck, Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt am Main 1979, S. 132.
  8. Koselleck greift das Konzept dann in den Folgejahren immer wieder auf. Die gesammelten Vorträge und Aufsätze finden sich in: Reinhart Koselleck, Zeitschichten. Studien zur Historik, Frankfurt am Main 2000.
  9. Instruktiv dazu auch die Kritik an Linearitätsvorstellungen von Andrew Abbott, Über die allgemeine lineare Realität hinausgehen. Drei alternative Ontologien, in: ders., Zeit zählt. Grundzüge einer prozessualen Soziologie, Hamburg 2020, S. 80–117.
  10. Koselleck, Zeitschichten, S. 9.
  11. Timothy Snyder hebt in diesem Zusammenhang die enge geistige Nähe Putins zum faschistischen Ideologen Alexander Dugin hervor (Timothy Snyder, Der Weg in die Unfreiheit: Russland, Europa, Amerika, übers. von Ulla Höber / Werner Roller, München 2018, S. 96–108.
  12. Andrew Abbott, Die Historizität von Individuen, in: ders., Zeit zählt. Grundzüge einer prozessualen Soziologie, Hamburg 2020, S. 77–78; siehe dazu auch Thomas Hoebel / Wolfgang Knöbl / Aaron Sahr, Reputation und Randständigkeit. Andrew Abbott auf der Suche nach der prozessualen Soziologie, in: Andrew Abbott, Zeit zählt. Grundzüge einer prozessualen Soziologie, Hamburg 2020, S. 40–41.
  13. Howard S. Becker, Art Worlds, Berkeley 1982, S. 2; siehe dazu auch Thomas Hoebel, Verkettungen und Verstrickungen. Was wir von Howard S. Becker über die prinzipielle Prozesshaftigkeit des Sozialen lernen können, in: Nicole Burzan (Hg.), Komplexe Dynamiken globaler und lokaler Entwicklungen. Verhandlungen des 39. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Göttingen 2018, Essen 2019, S. 6. Online: http://publikationen.soziologie.de/index.php/kongressband_2018/article/view/1140, [2.3.2022].
  14. François Jullien, Über die Wirksamkeit, Berlin 1999.
  15. Ebd., S. 27–28.
  16. Ebd., S. 32–33.
  17. Ebd., S. 7.
  18. Sunzi, Die Kunst des Krieges. Aus dem Chinesischen übertragen und mit einem Nachwort versehen von Volker Klöpsch, Berlin 2011.
  19. Ebd., S. 49.
  20. Reemtsma, Vertrauen und Gewalt, S. 116–133; Wolfgang Sofsky, Gewaltzeit, in: Trutz von Trotha (Hg.), Soziologie der Gewalt. Sonderheft 37 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Opladen 1997, S. 102–121.
  21. Abbott, Die Historizität von Individuen.
  22. Erklärungsthereotisch ließe sich hier von einer „conjunctural causation” mit einem spezifischen „Timing” sprechen, siehe: Claire Laurier Decoteau, Conjunctures and Assemblages: Approaches to Multicausal Explanation in the Human Sciences, in: Timothy Rutzou / George Steinmetz (Hg.), Critical Realism, History, and Philosophy in the Social Sciences, Bd. 34, Bingley 2018, S. 89–118; Enno Aljets / Thomas Hoebel, Prozessuales Erklären. Grundzüge einer primär temporalen Methodologie empirischer Sozialforschung, in: Zeitschrift für Soziologie 46 (2017), 1, S. 4–21.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer, Stephanie Kappacher.

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Thomas Hoebel

Thomas Hoebel, Soziologe, arbeitet am Hamburger Institut für Sozialforschung. Er forscht zu organisierter Gewalt, schreibt an einer Methodologie prozessualen Erklärens und befasst sich mit dem Rätsel, wie gute wissenschaftliche Texte entstehen.

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