Berthold Vogel | Rezension |

Schnittmuster der Klassengesellschaft

Rezension zu „Working Class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können“ von Julia Friedrichs

Julia Friedrichs:
Working Class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können
Deutschland
München 2021: Piper-Verlag
320 S., EUR 22,00
ISBN 978-3-8270-1426-9

Soziale Stabilität und beruflicher Aufstieg waren gestern. Das Empfinden, dass der Fahrstuhl nach oben gewaltig ruckelt und es gesellschaftlich alsbald jäh in die Tiefe gehen könnte, ist nicht neu. Die Pandemie sorgt nun dafür, dass wir mehr und mehr den Eindruck haben, dass der ganze Motor einer auf Wachstum und Fortschritt getrimmten Gesellschaft ziemlich im Eimer ist. Julia Friedrichs neues Buch fügt diesen Empfindungen und Eindrücken ein weiteres Stück hinzu. So wählt sie für den Einstieg in ihre Sozialreportage Working Class ebenfalls ein mechanisches Bild: Bänderriss! Diese Diagnose ist in ihren Augen die Signatur unserer Zeit. Bänderriss, das steht physiologisch für den Knick in manch sportlicher Karriere. Gesellschaftlich signalisiert diese Metapher, dass Zusammenhalt und Integrationsfähigkeit, aber auch Beweglichkeit und Chancenreichtum des wohlfahrtstaatlich eingehegten Kapitalismus an ihr Ende gekommen sind.

Wir sind Zeugen einer sozialen und wirtschaftlichen Zäsur. Um dieses Bild zu verdeutlichen, wählt Friedrichs für ihre Reportage sehr einfache und daher eingängige Unterscheidungen und Schnittmuster: Es gibt die, die von ihrer Erwerbstätigkeit leben, und es gibt die, die arbeiten, aber eben auch noch vermögend sind – dank Hausbesitz, ein paar Aktien im Depot, einer Zweitwohnung an einem interessanten Ort. Wer hingegen ohne Vermögen ist, Miete zahlt, ein mickriges Sparbuch hat, wenig bis nichts auf die hohe Kante legen kann, und wer allein von Einkommen oder Lohn leben muss, der und die sind nach Auffassung von Friedrichs „working class“. Die „working class“ kommt bestenfalls über die Runden, mehr ist nicht drin.

Zudem ist „working class“ ein Generationenschicksal. Friedrichs stellt die „goldene“ Generation der sogenannten Babyboomer und älter, die wohlhabend und selbstsüchtig ist, einer geprellten Generation der jetzt Vierzigjährigen und jünger gegenüber, die auf dem absteigenden Ast sitzen und zusehen müssen, wie sie sich durch prekäre Arbeitswelten, eine kaputte Umwelt und allerlei andere Unannehmlichkeiten kämpfen können. Working class, dieser Titel mag Ältere (Generationenfrage!) noch an die gute alte Arbeiterklasse erinnern. Doch damit hat das Stück von Julia Friedrichs wenig bis gar nichts zu tun.

Das Kleinbürgertum ist auch nicht mehr das, was es einmal war

Das Personal der „working class“, das uns Friedrichs anschaulich und lebhaft in einer Vielzahl an biografischen Portraits vorstellt, hält sich eher in der (unteren) Mitte des Sozialraums auf. Kleinbürgertum hätte man früher gesagt, aber die petite bourgeoisie ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Das Kleinbürgertum trägt zu Beginn der 2020-er Jahre andere soziale Gewänder. Es ist weiblicher, migrantischer und ja, auch besser qualifiziert als noch 1963 oder 1986. Aber auch Bildung scheint im Unterschied zu den in Ost und West aufstiegsfrohen Jahrzehnten 1960 ff. nichts mehr zu helfen. So knapst sich die „working class“ durch die Wohlstandswelt und muss um ihre soziale wie berufliche Position kämpfen. Es geht um Klassenerhalt und nicht um Aufstiegshoffnung. In der unteren Hälfte der Gesellschaft wird spitz gerechnet und genau kalkuliert.

Die Autorin begleitet ihre Protagonistinnen und Protagonisten, schreibt sich verstehend, erklärend und anklagend durch deren Arbeits- und Lebenswirklichkeit. Sichtbar wird hierbei eine Wirklichkeit, die Ausbeutung kultiviert, die Verbindlichkeit geringschätzt und die öffentlichen Institutionen baulich wie finanziell vor sich hin bröckeln lässt. Nein, es ist nicht schön, dass man als Musiklehrerin kaum über die Runden kommt, dass das Abitur nichts mehr wert ist, dass die warme Kaufhauswelt in kalte Investorenhände gefallen ist und dass sich diejenigen, die den Dreck der Anderen wegmachen, selbst wie Dreck behandelt fühlen. Die Sozialstudien von Friedrichs machen eine Grundstimmung in weiten Teilen der Gesellschaft sichtbar, die sich im Laufe der Reportage, in der zum Ende hin die Corona-Pandemie erreicht wird, Stück für Stück verschlechtert. So fügen sich die Geschichten in einen politischen und wissenschaftlichen Strom der Besorgnis um die strukturelle Mitte, die normativen Maßstäbe und den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft.

Die glücklichen Babyboomer

Der Grund zu dieser Besorgnis soll nicht in Abrede gestellt werden. Zu Recht wird die Veränderungsbedürftigkeit der Gesellschaft drastisch beschrieben. Keiner der geschilderten Ausschnitte aus einer an vielen Orten prekären Arbeitswelt ist in Frage zu stellen. Die Arbeitssoziologie und die empirische Ungleichheitsforschung publizieren dazu seit Jahren und Jahrzehnten. Es steht außer Zweifel, dass es ein verdammt harter Job ist, freischaffende Musikerin zu sein, dass enttäusche Karrierehoffnungen schwer verdaulich sind, und dass es deprimierend ist, tägliche Missachtungserfahrungen zu machen, obgleich man gesellschaftlich unbedingt Notwendiges (zum Beispiel als U-Bahn-Reiniger) leistet. Auch die Daten, die die Autorin zur Einkommensverteilung, zur Vermögensentwicklung, zu Mietpreisen und vielem anderen mehr vorlegt, sprechen die klare und kalte Sprache wachsender sozialer Ungleichheit.

Aber ist damit schon alles über unsere Gesellschaft erzählt? Ist es nicht eine unzulässige Vereinfachung, ja eine Effekthascherei um des schnellen Einverständnisses willen, die plurale und vielschichtige Gesellschaft, in der wir leben, zweimal in zwei Hälften zu schneiden? Es gibt die, die Lohn und damit wenig haben, und es gibt diejenigen mit Vermögen gleich welcher Art, die auf der anderen Seite stehen und vermeintlich viel haben. Erster Cut. Zweiter Cut: Das Land teilt sich in eine glückliche und eine unglückliche Generation. Dabei wird nahegelegt, aber nicht ausgeführt, dass es die „Babyboomer“ jedenfalls nicht sind, die zur „working class“ gehören. Die „working class“ ist jung oder mittelalt, ohne Vermögen und blickt frustriert auf die Klasse der selbstgerechten Älteren, die Schutzzäune um das von ihnen Erworbene ziehen.

Wie einfach doch die Welt sein kann. Die Altersarmut ist verschwunden, jede Art von Vermögen privilegiert, es spielt keine Rolle, wie viele Kinder und pflegebedürftige Eltern zu versorgen sind, auch scheint es unerheblich zu sein, ob man an einem Ort lebt, der über gute öffentliche Infrastrukturen verfügt, oder ob man dort zu Hause ist, wo Immobilienbesitz eher Last als Gewinn ist. So verwundert es auch nicht, wenn der Autorin bisweilen die Metaphorik und das nähere Verständnis des Gegenstandes entgleitet. Wenn Friedrichs davon spricht, die Arbeit sei früher eine lebenslange Ehe gewesen und heute nur noch Affäre, dann zeugt das von einer unhaltbaren Sicht auf vergangene und gegenwärtige Arbeitswirklichkeiten. Bei aller Liebe zur Komplexitätsreduktion, ohne die auch Wissenschaft nicht auskommt, will sie nachvollziehbare Botschaften in die Gesellschaft senden – dieses Rad der Analyse dreht doch recht schnell leer. Es bleibt bei einem Stimmungsbild der dunklen Töne, der beklagten Verluste und der gescheiterten Hoffnungen.

Mehr Licht bitte! Denn die Fragen, die der Reportage Working Class zugrunde liegen, brauchen eine Antwort. Sie lauten: Was ist fair und gerecht? Wer erhält welchen Anteil am Wohlstand dieser Gesellschaft? Wer zahlt ein und wer zahlt drauf?

Die disruptive Wucht der Corona-Krise

Wenn wir unseren Blick nach vorne richten, dann spricht alles dafür, dass die Corona-Krise eine globale disruptive Wucht besitzt und weit mehr ist als nur ein Moratorium im ewigen Immer-weiter-so. Sie ist in ihrer Qualität und Quantität eine andere Krise als die bisher in den Wohlstandszonen der Welt seit Mitte des 20. Jahrhunderts gekannten. Das heißt erstens, dass sich die Gerechtigkeitsfrage in neuer Schärfe stellen wird – innerhalb der nationalen Gesellschaften, aber auch im globalen Maßstab. Denn die Verwundbarkeiten und krassen Ungleichgewichte der sozioökonomischen Weltordnung sind durch Corona allen deutlich sichtbar geworden, und wie das Spiel der Globalisierung ausgeht, ist ja noch lange nicht ausgemacht. Zentraler Ort der Gerechtigkeitskonflikte wird dabei die Arbeitswelt sein.

Disruptive Wucht heißt zweitens, dass neben Gerechtigkeitsfragen auch Investitionsfragen gesellschaftspolitisch neu verhandelt werden müssen: Wer trägt die Verantwortung für globale und lokale öffentliche Güter? Gelingt es, Infrastrukturen zu schaffen, die sowohl im Bereich öffentlicher Gesundheitsversorgung für Resilienz sorgen, als auch produktive Lerneffekte für Klimaschutz und für die Bewahrung der Artenvielfalt ermöglichen? In welcher gesellschaftlichen und natürlichen Umwelt wollen wir leben, gemeinsam mit unseren Mitgeschöpfen? Diese Kurve kriegen wir nur in generationalem Zusammenhalt und nicht im simplen Vorwurf, dass die Babyboomer auf Kosten aller anderen leben.

Die Formel „Ihr werdet es einmal schlechter haben!“, mit der der Verlag das Buch von Julia Friedrichs bewirbt, markiert präzise den Diskurs, der mit Sicherheit nicht weiterführen wird. Schließlich, da Friedrichs ja die „Klasse“ im Titel ihrer Reportage adressiert: Wir steuern auf eine Re-Aktualisierung der Klassenfrage zu – aber nicht im Sinne einfacher Polarisierung oder mit Blick auf die Wiederkehr des Immergleichen. Vieles spricht dafür, dass die pandemische Risikogesellschaft eine soziale Klassengesellschaft ist, aber mit neuen Schnittmustern. Trifft die Pandemie in ihren wirtschaftlichen Risiken nicht gerade die, die etwas besitzen und den Weg in die Selbständigkeit gesucht haben? Trifft die Pandemie in ihren gesundheitlichen Risiken tatsächlich nur diejenigen, die schon immer eher in den einfachen und prekären Jobs tätig waren? Was ist mit den Lehrkräften an den Schulen, dem medizinischen Personal in den Kliniken?

Viel interessanter ist die Debatte um die gesellschaftliche Relevanz von Arbeit beziehungsweise um den künftigen Wert der Arbeit. Die neu etikettierte Klasse der Systemrelevanten spürt täglich die Disparitäten, die unsere Gesellschaft prägen. Die Risiken und die negativen Folgen der Pandemie verteilen sich eben nicht nach den Schnittmustern der alten Klassengesellschaft. Hier ist Forschung und Expertise gefragt, denn nachdem wir in der Covid-19-Krise alle unsere virologischen Grundkurse besucht haben, ist jetzt soziologische Sensibilität gefragt, die dabei helfen kann, eine neue Wertschätzung gesellschaftlich notwendiger Arbeit zu formulieren, Solidarität und Gemeinwohl als Leitprinzipien der Gesellschaftsgestaltung zu stärken und die Frage anzugehen, welche öffentlichen Güter wir künftig benötigen, um den Anforderungen der gesellschaftlichen Zukunft gerecht werden zu können. Zweifelsohne braucht es hierfür eine generationengerechte Politik und eine starke „working class“, mithin Menschen, die gewiss sein können, dass sie sich auf der Grundlage ihrer Anstrengungen eine soziale und wirtschaftliche Zukunft aufbauen können. Denn Demokratie ohne optimistische Menschen funktioniert nicht. Der Wert der Sozialreportage von Julia Friedrichs liegt exakt in diesem Appell.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jens Bisky.

Kategorien: Arbeit / Industrie Gesellschaft Kapitalismus / Postkapitalismus Soziale Ungleichheit

Berthold Vogel

Prof. Dr. Berthold Vogel ist seit 2015 Geschäftsführender Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen (SOFI) an der Georg-August-Universität. Seine thematischen Schwerpunkte in Forschung und Lehre liegen in der Soziologie staatlicher Ordnung, in der Analyse öffentlicher Güter sowie der vielfältigen Welt der Erwerbsarbeit.

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