Stefan Kühl, Thomas Hoebel | Essay |

Sechszeiler schreiben und Exposés entwickeln

Das Exposé ist ein zentraler Schritt auf dem Weg zu einem publikationsfähigen wissenschaftlichen Text oder zu einem Forschungsprojekt, das bald starten soll. Gleichzeitig ist es eine eigene wissenschaftliche Textgattung. Es ist vergleichbar mit Forschungsanträgen, die man bei Fördereinrichtungen wie der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) oder der Volkswagen-Stiftung einreicht. Die Suche nach Orientierungshilfen ist schwierig, da Forschungsanträge in der Regel nicht veröffentlicht werden. Unter Umständen haben Ihre Lehrenden eine mögliche Vorlage, die Sie sich einmal ansehen können.

Wozu dient ein Exposé?

Ein Exposé soll möglichst klar darüber informieren, welche wissenschaftliche Fragestellung Sie im Rahmen Ihres Essays, Ihrer Hausarbeit oder Ihrer Abschlussarbeit stellen und beantworten wollen, auf welchen soziologischen Annahmen oder empirischen Ergebnissen Sie aufbauen und wie Sie gleichsam methodisch und forschungspraktisch vorgehen möchten. Dazu zählt unter anderem, ob und wie Sie eigene Daten erheben und auswerten wollen. Ein Exposé muss nicht bis ins letzte Detail durchdacht sein, jedoch so weit, dass eine Besprechung dessen möglich ist.

Ein Forschungsexposé – oder Forschungsantrag – ist für gewöhnlich eine zentrale Voraussetzung, um eine Bachelorarbeit, eine Masterarbeit oder eine Promotion überhaupt anmelden zu können. In der Regel gehört es auch in sogenannten Lehrforschungsprojekten zu den von den Studierenden eingeforderten Leistungen.[1] Auch wenn es bei Hausarbeiten nicht unbedingt verlangt wird, ist es sinnvoll, vor dem Abfassen wenigstens in Kurzform ein Forschungsexposé zu schreiben.

Im Kern kann ein Forschungsexposé drei Funktionen haben. Erstens handelt es sich um einen ‚strategischen‘ Text, den Sie ‚offiziell‘ herausgeben können, solange Sie Ihre eigentliche Arbeit noch nicht fertig geschrieben haben. Damit dient es zweitens als Grundlage, um sich mit Lehrenden und Kommiliton:innen über das geplante Vorhaben zu verständigen. Und drittens können Sie mit seiner Hilfe Forschungsmittel oder Stipendien beantragen. Gerade die dritte Funktion wird immer wichtiger, sobald Sie in Betracht ziehen, auch über Ihr Studium hinaus als Forscher:in tätig zu sein.

Das Exposé als Gesprächsgrundlage mit Lehrenden

Das Exposé für eine Abschlussarbeit dient aufseiten der Lehrenden zunächst einmal dazu, entscheiden zu können, ob sie Ihre Arbeit inhaltlich betreuen können oder ob Sie nicht andernorts besser aufgehoben sind. In aller Regel wird die betreffende Lehrperson Sie nach einem Erstgespräch darum bitten, Ihr Exposé zu überarbeiten. Es dient ab dann als Arbeitsplan für die nächsten Schritte zu Ihrem Text und ist Grundlage einer ersten oder fortgesetzten gemeinsamen Besprechung im Rahmen von Sprechstunden. Es soll den Lehrenden ermöglichen, auf Schwierigkeiten hinzuweisen und diese bestenfalls auszuräumen, nächste Arbeitsschritte zu erschließen oder notwendige Literatur zu identifizieren. Versuchen Sie deshalb in Ihrem eigenen Interesse so präzise wie möglich zu formulieren. Verstecken Sie Ihr Vorhaben (und die sich dabei stellenden Schwierigkeiten) nicht hinter zu großen und abstrakten Begriffen.

Der erste Schritt zu einem Exposé: Einen Sechszeiler verfassen

Ein Textformat, das Ihnen dabei helfen kann, ein Exposé (oder – ohne das Exposé als Zwischenschritt – direkt eine Haus- oder Abschlussarbeit) zu verfassen, ist der sogenannte Sechszeiler. Es handelt sich um eine schriftliche Methode, um sich darüber klar zu werden, worüber man forschen und schreiben möchte. Sie zwingen sich, in sechs ‚Zeilen‘ die Ausgangsüberlegungen für eine Studienarbeit bis hin zu einem Forschungsprojekt möglichst präzise schriftlich darzustellen. Dabei nehmen Sie jeweils mit mindestens einem Satz Stellung zu sechs Punkten, die für jede wissenschaftliche Arbeit bedeutsam sind: Thema, wissenschaftliche Fragestellung, theoretisches Konzept, methodische Herangehensweise, mögliche These und mögliche Literatur.

Wichtig ist, dass Sie nicht nur Stichworte schreiben, sondern ganze Sätze oder Fragen: Die wissenschaftliche Fragestellung ist zum Beispiel nicht einfach die Wiederholung des Themas in Stichworten, sondern sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie mit einem Fragezeichen abgeschlossen wird. Das theoretische Konzept ist nicht nur ein Schlagwort, versehen mit einem Motto, das Kompetenz heuchelt, wie „ich analysiere das systemtheoretisch". Sie erklären stattdessen in einem oder mit zwei Sätzen, wie Sie das theoretische Konzept anwenden wollen. Zum Beispiel: „Es werden die drei Typen von Entscheidungsprämissen – Personal, Programme und Kommunikationswege – für die Analyse genutzt, und es wird gezeigt, welche Entscheidungsprämisse besondere Bedeutung erlangt.“[2] Nutzen Sie bei der Beschreibung des theoretischen Konzepts also möglichst keine theoretischen Großkonzepte (wie Symbolischer Interaktionismus,[3] Strukturationstheorie[4] oder Rational Choice[5]), sondern eher kleinere Theoriebausteine. Beispiele für Letzteres sind Ensemblebildung,[6] Machtspiele[7] oder das Gefangenendilemma.[8] Sie müssen es natürlich nicht bei nur einem Satz pro Aspekt belassen. Schreiben Sie doch einfach einen oder mehrere Absätze pro Punkt, versuchen Sie aber, dabei so präzise wie möglich dazu sein, wohin der Gang der geplanten Untersuchung Sie führen soll.

Gleichzeitig ist es selbstverständlich nicht zwingend nötig, sofort alle sechs Kategorien zu beantworten. Manchmal hat man nur eine interessante Forschungsfrage, die These – man könnte auch sagen: das zentrale Ergebnis ihrer Studie – entsteht erst ganz am Ende, wenn Sie Ihre Arbeit fertigstellen. Manchmal hat man eine interessante These, die sowohl überraschend als auch spontan plausibel ist. Die theoretische Herangehensweise (und manchmal auch die Forschungsfrage) werden dann später auf die These aufgesetzt. Wenn Sie aber weder eine Fragestellung noch eine These formulieren können, wissen Sie, dass Sie noch ganz am Anfang Ihrer Arbeit stehen. Mithilfe des Sechszeilers erkennen Sie somit in der Regel recht schnell, wo die eigenen Ideen bereits ausgereift sind und wo noch Lücken klaffen. Haben Sie diese Lücken erst einmal identifiziert, können Sie sie systematisch schließen: durch eigene Lektüren, durch Ihre Fragen in Seminaren, durch die Unterstützung von Mitstudierenden oder indem Sie gezielt Lehrerende ansprechen, bei denen Sie einigermaßen Kompetenz vermuten.

Ins Schreiben kommen

Doch auf Knopfdruck einen Sechszeiler zu schreiben, ist leichter gesagt als getan. Wir empfehlen Ihnen, sich mit mindestens einer dieser acht Fragen, nach Möglichkeit der ersten, zu befassen:

  1. Was möchte ich herausfinden?
  2. Welche empirische Beobachtung und/oder welches theoretische Problem und/oder welches methodische Problem bildet/bilden den Ausgangspunkt meiner Studie?
  3. Wer hat dazu bereits etwas herausgefunden?
  4. Wie schließt meine Studie an das an, was andere herausgefunden haben?
  5. Welche Vorannahmen habe ich über das, was ich herausfinden möchte?
  6. Wie gehe ich vor, um das herauszufinden, was ich herausfinden möchte?
  7. Welche Materialien habe oder benötige ich?
  8. Welche sensibilisierenden Konzepte nutze ich?

Der Soziologe Herbert Blumer bezeichnete die aufgeführten Fragen als „sensibilisierende Konzepte“. Er warb dafür, eher mit offenen und unbestimmten anstatt mit definitiven Konzepten beziehungsweise „Definitionen“ zu arbeiten, um im Laufe des Forschungsprozesses zu möglichst exakten, jedoch unhintergehbar historischen Aussagen über einen interessierenden Wirklichkeitsausschnitt zu gelangen.[9] Sensibilisierende Konzepte sind bewusst vage und kommen mit wenigen theoretischen Vorüberlegungen über ein Phänomen aus. Dadurch zwingen sie Forschende förmlich dazu, ihr Vorverständnis in mehr oder weniger engem empirischem Kontakt mit dem untersuchten Phänomen zu überprüfen. Das Ziel ist, die Konzepte in der Auseinandersetzung mit dem Gegenstandsbereich so weit zu konkretisieren, dass wir das studierte Phänomen schließlich besser verstehen als zuvor.[10]

Beispiele für Sechszeiler I – Thema: Das Schnupperpraktikum Wehrpflicht

Wissenschaftliche Fragestellung
Die Wehrpflicht wurde vorrangig eingeführt, um im Kriegsfall möglichst viele Personen schnell für eine unattraktive Tätigkeit zu mobilisieren. Vor dem Hintergrund, dass die Frage der Landesverteidigung nach dem Ende der Blockkonfrontation von NATO und Warschauer Pakt zu Beginn der 1990er-Jahre an Gewicht verlor, war dieser Zweck der Wehrpflicht nur noch schwer zu begründen. Welche alternativen, vielleicht schwer zu kommunizierenden Zwecke der Wehrpflicht gewannen danach an Bedeutung?

Theoretisches Konzept
Das organisationssoziologische Konzept des Zweckwechsels soll dazu dienen, die manifesten und latenten Funktionen der Wehrpflicht zu analysieren.

Methodische Herangehensweise
Analyse von Selbstdarstellungen der Bundeswehr; Auswertung von Statistiken, wann sich Personen verpflichten; Anfrage an die Pressestelle der Bundeswehr.

Mögliche These
Die Wehrpflicht wurde lange Zeit nur noch beibehalten, weil über ein ‚Schnupperpraktikum Wehrpflicht‘ Berufssoldaten gewonnen wurden. Diese Funktion ist aber nur schwer zu kommunizieren, weil dadurch eine Diskrepanz zum Grundgesetz deutlich würde.

Mögliche Literatur

Ute Frevert, Die kasernierte Nation. Militärdienst und Zivilgesellschaft in Deutschland, München 2001.

Robert K. Merton, Manifest and Latent Functions, in: ders., Social Theory and Social Structure, New York 1957, S. 19–84.

Beispiele für Sechszeiler II – Thema: Die Popularität von Gewerkschaften in Unternehmen

Wissenschaftliche Fragestellung
Gewerkschaften sehen sich immer wieder mit der Schwierigkeit konfrontiert, Mitglieder zu gewinnen und zu mobilisieren. Trotzdem gelingt es in einigen Unternehmen wie beispielsweise Volkswagen, fast bis 100 Prozent der Belegschaft gewerkschaftlich zu organisieren. Wie gelingt das?

Theoretisches Konzept
Es soll herausgearbeitet werden, wie Betriebsräte (nicht Gewerkschaften!) in ihrer Arbeit informell Mitarbeiter:innen zur Mitgliedschaft in der Gewerkschaft motivieren. Dabei wird im Hintergrund die Frage mitgeführt, inwiefern Betriebsräte ein Teil des Unternehmens sind.

Mögliche Herangehensweise
Fünf Interviews mit gewerkschaftlich organisierten Betriebsräten in Unternehmen mit einer hohen Anzahl von Gewerkschaftsmitgliedern.

Mögliche These
Die Betriebsräte nutzen ihre Position bei der Beratung von Mitarbeiter:innen dazu, um Mitglieder zu werben. Dafür nutzen sie auch Strategien, die nicht gerade im Sinn des Betriebsverfassungsgesetzes sind (Konditionierung von Beratung an Gewerkschaftsmitgliedschaft etc.).

Mögliche Literatur

Noch offen.

Beispiele für Sechszeiler III – Thema: Die Janusköpfigkeit von Ortsvereinen politischer Parteien als Problem im Straßenwahlkampf

Wissenschaftliche Fragestellung
Politische Parteien haben gewöhnlich das Problem, dass ihnen ein einheitlicher „Wille“ ihrer Mitglieder fehlt. Wenn auf Bundesebene beschlossen wird, man wolle Windkraft fördern, bedeutet das noch lange nicht, dass die Ortsvereine dieses Ansinnen teilen – vor allem wenn lokal damit gerechnet werden muss, dass in der Nachbarschaft ein großflächiger Windpark entsteht. Wie ist das nun im Straßenwahlkampf? Welche Probleme in der Interaktion mit Passanten, die vom Programm der Partei überzeugt werden sollen, sind hier zu finden? Wie werden diese Probleme gelöst?

Theoretisches Konzept
Ausgehend von Lehmbruchs These, Ortsparteien seien janusköpfig, werden politische Parteien als pluralistische Sozialsysteme interpretiert. Mithilfe des dramaturgischen Ansatzes von Erving Goffman soll herausgearbeitet werden, welche Überzeugungstechniken Straßenwahlkämpfer einsetzen.

Methodische Herangehensweise
Suche nach Ortsverein, der aus lokalen Gründen von einer allgemeinen Parteilinie abweicht. Teilnehmende Beobachtung beziehungsweise beobachtende Teilnahme (Mitarbeit) in Ortsvereinssitzungen einer politischen Partei sowie an Wahlkampfständen.

Mögliche Thesen
(a) Die Straßenwahlkämpfer entwickeln besondere „Techniken der Eindrucksmanipulation“ (Erving Goffman).
(b) Der Widerspruch des Ortsvereins zur allgemeinen Parteilinie in einer politischen Frage ist gar kein Problem, sondern vielmehr eine Chance, sich vor Ort besonders zu profilieren.

Mögliche Literatur

Gerhard Lehmbruch, Der Januskopf der Ortsparteien. Kommunalpolitik und das lokale Parteiensystem, in: Der Bürger im Staat (1975), 1, S. 3–8.

Erving Goffman, Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag [1956], übers. von Peter Weber-Schäfer, München 2007.

Der zweite Schritt zu einem Exposé: Über den Sechszeiler sprechen

Selbstverständlich schreiben Sie den Sechszeiler zunächst einmal für sich, um herauszubekommen, was Sie in Ihrer schriftlichen Arbeit untersuchen möchten. Gleichzeitig ist dieser kleine Text eine gute Gesprächsgrundlage, um sich mit Kommiliton:innen und Lehrenden über Ihr Vorhabens auszutauschen – nicht selten fordern Lehrende ein solches Gespräch ein, um Sie bei Ihrem Schreibprozess beraten und begleiten zu können. Vor der Diskussion Ihres Sechszeilers gibt es für gewöhnlich eine Reihe von Fragen, auf die Sie sich vorbereiten können:

  • Wie könnte die Fragestellung eventuell noch enger gefasst werden? (In seltenen Fällen kann es auch darum gehen, wie eine Fragestellung eventuell breiter gefasst werden könnte.)
  • Was ist das spezifisch Soziologische an Ihrem Zugang? Wie unterscheidet sich Ihr Zugang/Ihre Erklärung als Soziolog:in von den Erklärungen, die Nichtsoziolog:innen auf diese Fragestellung wählen würden?
  • Wie wollen Sie das theoretische Konzept genau auf Ihre Fragestellung anwenden? Welche alternativen theoretischen Konzepte könnten Sie nutzen?
  • Warum gehen Sie davon aus, mit ihrer Herangehensweise die nötigen Ideen zur Beantwortung Ihrer Forschungsfrage zu erhalten?
  • Welche anderen Thesen könnten Sie sich vorstellen? Wie könnte Ihre These weiter aufgegliedert werden?
  • Wie passt die von Ihnen angeführte Literatur zu Ihrer Fragestellung?

Der dritte Schritt zu einem Exposé – Variante A: Die argumentierende Gliederung von ein oder zwei Seiten

Stichwortartige Gliederungen[11] sind wenig informativ und dienen häufig nur dazu, den Eindruck zu erwecken, dass man schon weiß, was man schreiben will. Dagegen kann man sich bei der Ausarbeitung einer argumentierenden Gliederungen wesentlich detaillierter mit einem Schreibvorhaben auseinandersetzen. Argumentierend bedeutet, dass Sie nicht nur mögliche Kapitel und Unterkapitel nennen, sondern dass Sie für jedes Kapitel – oder besser noch: Unterkapitel – in ganzen Sätzen ausführen, was Sie jeweils zeigen wollen.

Als Beispiel für eine argumentierende Gliederung setzen wir das bereits als Sechszeiler erörterte Thema Wehrpflicht fort:

Titel
Schnupper-Praktikum Wehrpflicht – Weswegen man über die wichtigste Funktion der Wehrpflicht nicht reden kann

1. Einleitung: Die immer weiter voranschreitende Verkürzung der Wehrpflicht
Der Einstieg erfolgt über die Geschwindigkeit, mit der die Wehrpflicht immer weiter reduziert wird. Es wird gezeigt, dass die jeweiligen Regierungen die Wehrpflicht in den letzten zwanzig Jahren immer weiter und in immer schnelleren Zyklen verkürzten.

Formulierung der Fragestellung: Warum schaffte man den Wehrdienst lange Zeit trotzdem nicht komplett ab?
Es wird dabei darauf hingewiesen, dass die Abschaffung naheliegend war, weil es beim Wehrdienst um einen einschneidenden Eingriff in die individuelle Freiheit junger Männer geht (mit Verweis auf entsprechende Entscheidungen des Verfassungsgerichts zur Rechtmäßigkeit der Wehrpflicht).

2. Die Erosion klassischer Begründungsmuster für die Wehrpflicht
In diesem Kapitel soll gezeigt werden, dass die klassischen Begründungen für Wehrpflicht schon in den 1990er- und 2000er-Jahren nicht mehr griffen.

2.1 Militärische Notwendigkeit von Wehrpflicht durch schnelle Mobilisierung vieler Soldaten
Militärisch notwendig war – so soll in diesem Abschnitt gezeigt werden – die Wehrpflicht auch nach Einschätzung der Führungsspitze der Bundeswehr nicht mehr. Ein Zwangsdienst ergab noch Sinn, als man davon ausging, im Kriegsfall sehr schnell eine große Anzahl von ‚Mitarbeitenden’ für eine unattraktive und gefährliche Aufgabe gewinnen zu müssen. Aber schon bald war nicht mehr damit zu rechnen, dass innerhalb kurzer Zeit eine große Reserve an Soldaten für einen Kriegseinsatz mobilisiert werden muss.

2.2 Vorbeugung von Militärputschen durch Wehrpflicht
Die Wehrpflicht ist auch als Vorbeugungsmaßnahme gegenüber Militärputschen nicht begründbar. Es soll am Beispiel verschiedener Länder gezeigt werden, dass die Abschaffung von Wehrpflicht die Putschgefahr nicht erhöht hat.

2.3 Armee als „Schule der Nation“
Es wird gezeigt, dass sich die bildungspolitische Vorstellung, durch die Wehrpflicht eine „Schule der Nation“ zu schaffen, nicht durchgesetzt hat. Mit Verweis auf entsprechende Statistiken lässt sich argumentieren, dass, spätestens seitdem die Kriegsdienstverweigerung zum Regelfall für Gymnasiasten geworden ist, die Bundeswehr keinen Querschnitt der männlichen Bevölkerung mehr darstellt.

Überleitungsfrage
Warum hielt man, trotz der Erosion der klassischen Begründungsmuster, lange Zeit an der Wehrpflicht fest?

3. Die latente Funktion: Wehrpflicht als Zwangspraktikum und die Schwierigkeiten der Darstellbarkeit
Hier wird die These aufgestellt, dass die Wehrpflicht eine latente Funktion hat: Ohne Wehrpflicht wären Armeen nicht in der Lage gewesen, ausreichend geeignete Berufssoldaten zu bekommen.

3.1 Wehrpflicht als Rekrutierungsstrategie für Wehrpflichtige
Als einzige zentrale Funktion der Wehrpflicht, so die These, war nach dem Ende der Blockkonfrontation geblieben, der Bundeswehr mithilfe eines Zwangsdienstes ständig neue Berufssoldaten zuführen zu können. Als Beleg wird gezeigt, wie viele Soldaten sich erst während ihres Wehrdienstes als Zeitsoldaten verpflichteten.

3.2 Die Schwierigkeit der Darstellung einer latenten Funktion
Das Problem war, dass eine solche – aus der Perspektive der Bundeswehr sehr wohl nachvollziehbare – Funktion der Wehrpflicht nicht offen kommunizierbar war. Für die Wehrpflicht mit ihren zwar zeitlich befristeten, aber weitgehenden Eingriffen in die Freiheitsrechte brauchte man ‚gute Begründungen‘. Hier wird mit Verweis auf das Konzept der „latenten Funktionen“ von Robert K. Merton gezeigt, in welchen Situationen Funktionen latent bleiben müssen.

3.3 Der Umgang mit den Darstellungsproblemen – eine Analyse von Rechtfertigungsversuchen von Verteidigungspolitiker:innen
Die latente Funktion des Schnupperpraktikums erklärt die Schwierigkeiten der Verteidigungspolitiker:innen, die Wehrpflicht zu rechtfertigen. Dies soll anhand von Aussagen von Politiker:innen kurz vor der Abschaffung der Wehrpflicht nachgewiesen werden.

4. Diskussion: Weswegen die Wehrpflicht trotzdem abgeschafft werden konnte
Die Wehrpflicht in der Bundesrepublik Deutschland wurde – wie in vielen anderen Ländern – faktisch abgeschafft. Wie ist das zu erklären?

Antwort: Man fand funktionale Äquivalente (Alternativen) für das Rekrutierungsproblem .

5. Fazit
Hier werden die Ergebnisse der Untersuchung knapp geschildert. Weiter: Welche Forschungsperspektiven ergeben sich aus der Analyse, darunter insbesondere ein internationaler Vergleich.

Der dritte Schritt zu einem Exposé – Variante B: Der Forschungsantrag

Anstatt eine argumentierende Gliederung zu entwerfen, kann man sich in seinem Exposé auch an der Gliederung von Forschungsanträgen für Förderinstitutionen und Stiftungen orientieren. Dies bietet sich insbesondere in Fällen an, in denen es schwerfällt, eine Argumentation bereits vollständig zu entwerfen. Denn Forschungsanträge basieren eher auf einigen wenigen Grundgedanken.[12]

Typischerweise haben Forschungsanträge in etwa diese Gliederungsaspekte:

1. Allgemeines

1.1 Angaben zum Forscher, zur Forscherin bzw. zum Forschungsteam
Vorname, Name; Adresse; Telefonnummer; E-Mail-Adresse

1.2 Zeitraum
Geben Sie hier an, in welchem Zeitraum Sie die Forschungsarbeit durchführen wollen.

1.3 Titel
Formulieren Sie eine möglichst präzise Kurzbeschreibung des Vorhabens. Als Richtwert: Titel und Untertitel sollten nicht länger als 140 Zeichen sein.

1.4 Zusammenfassung
Fassen Sie die wesentlichen Ziele Ihres Vorhabens allgemeinverständlich zusammen. Eine Zusammenfassung sollte nicht mehr als 15 Zeilen (max. 1.600 Zeichen) haben. Die Zusammenfassung dient vor allem zwei wichtigen Zwecken: Zum einen bietet sie den Gutachter:innen schnelle Orientierung. Zum anderen teilen Sie kurz und prägnant mit, worüber Sie eigentlich arbeiten.

2. Stand der Forschung
Legen Sie den Stand der Forschung knapp und präzise in seiner unmittelbaren Beziehung zum konkreten Vorhaben dar. Der Teil sollte nicht mehr als zwei bis drei Seiten umfassen. Machen Sie in dieser Darstellung deutlich, wo Sie Ihre eigene Arbeit eingeordnet sehen und zu welchen anstehenden Fragen Sie einen eigenen Beitrag leisten.

3. Ziele und Arbeitsprogramm
In diesem Abschnitt sollen detaillierte Angaben über das geplante Vorhaben gegeben werden.

3.1 Ziele
Schreiben Sie hier eine gestraffte Darstellung der wissenschaftlichen Zielsetzung Ihres Vorhabens (max. 40 Zeilen). Der erste Satz beginnt idealerweise mit der Formulierung „Ziel des Vorhabens ist ...“.

3.2 Theoretischer Rahmen
Stellen Sie dar und begründen Sie, welche Theorieperspektiven für die Fragestellung interessant und relevant erscheinen. Den theoretischen Rahmen sollten Sie nicht nur stichwortartig andeuten, sondern Sie sollten ausführen, wie die theoretischen Überlegungen mit der wissenschaftlichen Fragestellung verknüpft sind, die Sie verfolgen. In der Entwurfsphase der Arbeit können Sie auch in ausgearbeiteter Form konkurrierende theoretische Rahmungen vorstellen. Erst später ist es vonnöten, dass Sie sich auf einen der Zugänge festlegen.

3.3 Methodik
Stellen Sie den methodischen Ansatz (Literaturarbeit, Sekundäranalyse, qualitative oder quantitative Analyse von selbst zu erhebenden Daten) dar und begründen Sie ihn. Bei eigenständigen empirischen Arbeiten sollte Sie möglichst konkret das Untersuchungsfeld benennen: Namen von zu untersuchenden, eventuell schon vorher kontaktierten Organisationen; Nennung von Archiven, in denen Sie forschen wollen. Es muss dabei deutlich werden, dass das Vorhaben in der eingeplanten Zeit abgewickelt werden kann. Gerade Studierende, die eigene empirische Arbeiten im Rahmen ihrer Abschlussarbeit durchführen, stehen hier vor besonderen Herausforderungen, weil der Zugang zu Forschungsfeldern aufwendig und zeitintensiv sein kann. Es ist daher empfehlenswert, mit ersten Arbeitsschritten der empirischen Untersuchung (Klärung des Feldzugangs, Entwicklung der Erhebungsinstrumente) bereits in der Exposéphase und vor dem offiziellen Beginn des Bearbeitungszeitraums der Abschlussarbeit zu beginnen, der prüfungsrechtlich festgelegt ist. In der Entwurfsphase der Arbeit können gern auch konkurrierende Methodiken vorgestellt werden. Erst später legt man sich dann auf einen der Zugänge fest.

4. Gliederung
Skizzieren Sie knapp, aber als Fließtext den Aufbau Ihrer Arbeit und entwickeln Sie – soweit möglich – präzise Arbeitshypothesen zu den einzelnen Gliederungsabschnitten.[13] Es ist hilfreich, wenn die Thesen möglichst in Satzform formuliert sind und dabei deutlich wird, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse zu erwarten sind.

5. Arbeitsplan
Beschreiben Sie die einzelnen Arbeitsschritte, die Sie für die Durchführung des Projekts planen, und geben Sie an, welchen Zeitrahmen Sie für die einzelnen Schritte veranschlagen.

6. Literatur
Abschließend fügen Sie eine Liste mit derjenigen Literatur an, die Sie bereits sichten konnten und die Ihrer Ansicht nach für die Themenstellung auf jeden Fall relevant ist. Dabei ist es wichtig, die einschlägige Literatur nicht nur identifiziert, sondern auch teilweise schon gelesen zu haben.

Formale und inhaltliche Erwartungen an ein Exposé[14]

Es mag banal klingen, aber bitte geben Sie zu Beginn unbedingt Ihren Namen und Ihre E-Mail-Adresse an. Lehrende bekommen nicht nur Ihr Exposé, sondern eine ganze Menge ähnlicher Texte. Formulieren Sie daraufhin einen vorläufigen Arbeitstitel an und bauen Sie in Ihren Fließtext einige Schlüsselsätze ein, um die Aufmerksamkeit der Lesenden auf die Kernüberlegungen Ihres Vorhabens zu lenken. Es bietet sich an, zunächst folgenden Satz zu vervollständigen: In meinem Essay / meiner Haus- oder Abschlussarbeit stelle ich die Frage, …

Beispiele:

  • In meiner Hausarbeit stelle ich die Frage, welche Rollenkonflikte sich Sozialarbeiter:innen in ihrer Arbeit mit Klient:innen stellen und welche Lösungsmuster sie diesbezüglich entwickeln.
  • In meinem Essay stelle ich die Frage, welche Funktionen Schüler:innenrollen für die Schule als formal organisiertes System haben und welche Folgen mit ihnen einhergehen können.

Aufgrund Ihrer Frage wissen Sie (und die Personen, die Sie beim Schreiben begleiten und betreuen), welche Literatur Sie suchen und lesen müssen, aber, ebenso wichtig, welche Literatur Sie gar nicht erst suchen und lesen müssen. Ihre Frage legt zudem gewisse methodische Vorgehensweisen bei einer eventuellen eigenen Datenerhebung und -auswertung nahe und schließt andere wiederum aus. Die Fragestellung orientiert Ihren Text sowohl im Prozess seiner Herstellung als auch als fertiges Produkt (man denke nur an die Gliederung der Arbeit).[15]

Klären Sie anschließend in einem Absatz über Ihre theoretischen Annahmen auf: Ohne welche theoretischen Annahmen würde sich Ihre Frage überhaupt nicht stellen (lassen)? Vervollständigen Sie dazu idealerweise den Satzanfang: Dabei gehe ich von der theoretischen Annahme aus, …

Beispiele:

  • Dabei gehe ich von der theoretischen Annahme aus, dass sich Sozialarbeiter:innen in ihrer Arbeit mit Klient:innen als Mitglieder einer Organisation typischerweise an den „Grenzstellen“ einer Organisation befinden.[16] „Grenzstellen“ sind Niklas Luhmann zufolge …
  • Dabei gehe ich von der theoretischen Annahme aus, dass Unterricht als Sozialsystem „durch die Organisation Schule nur bedingt Stabilität gewinnen“ kann.[17] Insbesondere fehlt es der Mitgliedschaft in schulischen Organisationen an motivierender Kraft.

Erst diese soziologischen Annahmen machen Ihre Fragestellung zu einem soziologischen Erkenntnisinteresse. Sie formulieren eine soziologische Frage in Reaktion auf oder in Anbetracht von bekannten soziologischen Annahmen. Anlass für die Frage ist ein Desiderat an soziologischen Auffälligkeiten oder Beschreibungen, dessen ‚Entdeckung‘ oftmals bereits eine erste Leistung von Ihnen ist.

Wie bei einer Abschlussarbeit wird auch in einem Forschungsexposé beziehungsweise in einem Forschungsantrag zitiert. Für die Zitierweise empfehlen wir (wie bei allen Arbeiten), sich an den Richtlinien von Fachzeitschriften wie Soziale Welt oder Zeitschrift für Soziologie zu orientieren, die sowohl in jedem Einzelheft als auch auf den Internetseiten der beiden Zeitschriften zu finden sind. Entscheidend ist dabei, dass Sie sich für eine Zitierweise entscheiden und diese durchgängig verwenden.

  1. Siehe dazu Stefan Kühl, Forschendes Lernen und Wissenschaftsbetrieb. Zur Erfahrung mit einem soziologischen Lehrforschungsprojekt, in: Ludwig Huber / Julia Hellmer / Friederike Schneider (Hg.), Forschendes Lernen im Studium. Aktuelle Konzepte und Erfahrungen, Bielefeld 2009, S. 99–113.
  2. Zum Konzept „Entscheidungsprämissen“ siehe insbesondere Niklas Luhmann, Organisation und Entscheidung, Opladen 2000. Einen guten Einstieg bietet ders., Lob der Routine, in: ders. (Hg.), Politische Planung. Aufsätze zur Soziologie von Politik und Verwaltung, Opladen 1971, S. 113–142.
  3. Herbert Blumer, Der methodologische Standort des Symbolischen Interaktionismus, in: Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen (Hg.), Alltagswissen, Interaktion und Gesellschaftliche Wirklichkeit, Wiesbaden 1980, S. 80–146.
  4. Anthony Giddens, Die Konstitution der Gesellschaft. Grundzüge einer Theorie der Strukturierung, übers. von Wolf-Hagen Krauth und Wilfried Spohn, Frankfurt am Main / New York 1997.
  5. James S. Coleman, Grundlagen der Sozialtheorie, Bd. 1: Handlungen und Handlungssysteme, übers. von Michael Sukale, München 1991.
  6. Erving Goffman, Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag, übers. von Peter Weber-Schäfer, München/Zürich 2003.
  7. Michel Crozier / Erhard Friedberg, Die Zwänge kollektiven Handelns. Über Macht und Organisation, übers. von Erhard Friedberg und Steffen Stelzer, Frankfurt am Main 1993.
  8. Jon Elster, Logik und Gesellschaft. Widersprüche und mögliche Welten, übers. von Walter Rosenthal, Frankfurt am Main 1981; Arthur L. Stinchcombe, Is the Prisoners’ Dilemma All of Sociology?, in: Inquiry. An Interdisciplinary Journal of Philosophy 23 (1980), 2, S. 187–192.
  9. Herbert Blumer, What Is Wrong with Social Theory?, in: American Sociological Review 19 (1954), 1, S. 3–10.
  10. Sehr lesenswert dazu sind Udo Kelle / Susann Kluge, Vom Einzelfall zum Typus. Fallvergleich und Fallkontrastierung in der qualitativen Sozialforschung, Wiesbaden 2010, insbes. S. 29 f.
  11. Im Stil von 1. Kapitel: Einleitung – Wehrpflicht heute, 2. Kapitel: Zwecke – theoretische Zugänge, 3. Kapitel: Die veränderte Rolle von Wehrpflicht; 4. Kapitel: Mögliche alternative Funktionen von Wehrpflicht; 5. Kapitel: Schluss.
  12. John Levi Martin, Thinking through Methods. A Social Science Primer, Chicago, IL / London 2017, S. 13 f.
  13. Hier handelt es sich im Grunde um eine Kurzform der Exposé-Variante A, die wir zuvor beschrieben haben.
  14. Für diesen Abschnitt danken wir den Kolleg:innen des Arbeitsbereichs Arbeits- und Organisationssoziologie am Institut für Soziologie der Leibniz Universität Hannover, an deren Hinweise für Exposés wir uns hier anlehnen.
  15. Thomas Hoebel, Die Themen liegen auf der Straße. Über das alles andere als triviale Problem des Aufsammelns, in: Swantje Lahm / Thomas Hoebel (Hg.), Kleine Soziologie des Studierens. Eine Navigationshilfe für sozialwissenschaftliche Fächer, Stuttgart 2021, S. 104–109; Martin, Thinking Through Methods, S. 16–34. Siehe dazu auch den Beitrag Fragestellung formulieren.
  16. Niklas Luhmann, Funktionen und Folgen formaler Organisation, Berlin 1964, S. 220–239; Howard Aldrich / Diane Herker, Boundary Spanning Roles and Organization Structure, in: The Academy of Management Review 2 (1977), 2, S. 217–230.
  17. Walter Herzog, Schule und Schulklasse als soziale Systeme, in: Rolf Becker (Hg.), Lehrbuch der Bildungssoziologie, 2., überarb. und erw. Ausg., Wiesbaden 2011, S. 163–202, hier S. 178.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Universität Wissenschaft

Stefan Kühl

Professor Dr. Stefan Kühl ist Soziologe und Historiker. Er ist Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld und arbeitet als Organisationsberater der Firma Metaplan für Unternehmen, Verwaltungen, Ministerien und Nichtregierungsorganisationen.

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Thomas Hoebel

Thomas Hoebel, Soziologe, arbeitet am Hamburger Institut für Sozialforschung. Er forscht zu organisierter Gewalt, schreibt an einer Methodologie prozessualen Erklärens und befasst sich mit dem Rätsel, wie gute wissenschaftliche Texte entstehen.

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Zur PDF-Datei dieses Artikels im Social Science Open Access Repository (SSOAR) der GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften gelangen Sie hier.

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