Georg Simmerl | Literaturessay |

Selbstgewisse Kritik

Literaturessay zu „Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus“ von Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey

Carolin Amlinger / Oliver Nachtwey:
Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus
Deutschland
Berlin 2022: Suhrkamp
480 S., 28 EUR
ISBN 978-3-518-43071-2

Als die „Querdenker:in“ in der öffentlichen Auseinandersetzung um die Corona-Schutzmaßnahmen der Jahre 2020 und 2021 als notorische Sozialfigur entstand, war es die von ihr vehement vorgetragene und nicht selten verschwörungstheoretisch aufgeladene Kritik an den Maßnahmen, die im intellektuellen Segment dieser Auseinandersetzung auch zur Infragestellung des Status kritischer Gesellschaftstheorie führte.[1] Und das nicht zuletzt, weil einer der profiliertesten Vertreter kritischer Gesellschaftstheorie, Giorgio Agamben, mit seinem Gerede von der „Erfindung einer Epidemie“, die eine ungekannte Ausweitung des Ausnahmezustands möglich gemacht habe, zu einem wegbereitenden Stichwortgeber für den Aufstieg des Querdenkens geworden war.[2]

Dass kritische Gesellschaftstheorie und Verschwörungsdenken einander im Akt der Kritik unerträglich nahekommen können, war zu diesem Zeitpunkt allerdings keine neue Erkenntnis, sondern ein gerade von der französischen Soziologie schon lang gehegter Verdacht. So hatte etwa der jüngst verstorbene Bruno Latour in seinem Aufsatz Why Has Critique Run Out of Steam? von 2004 all jenen kritischen Gesellschaftstheorien, die an US-amerikanischen Eliteuniversitäten gelehrt würden, vorgeworfen, ebenso wie die in der breiten Bevölkerung kursierenden Verschwörungstheorien eine Geste der Entlarvung zu vollführen, die allumfassende Gesellschaftsmächte (in ihrer Sprache: „Diskurse“, „Dispositive“ oder „der Kapitalismus“) umreiße, aber zugleich einen enthobenen Standpunkt reklamiere, von dem aus diese Mächte dennoch durchschaut und die Unwissenden aufgeklärt werden könnten.[3] In Adornos Begriff vom „Verblendungszusammenhang“ etwa fallen die beiden widersprüchlichen Bewegungen dieser Entlarvungsgeste in eins. Latours Fachkollege Luc Boltanski wiederum hatte für dieses Problem bereits Anfang der 1990er-Jahre eine pragmatische Antwort gefunden, als er programmatisch verkündete, dass eine kritische Soziologie nur noch ausgehend von einer empirischen Untersuchung der Weisen möglich sei, wie soziale Akteure gesellschaftliche Zustände kritisieren. In seiner Frankfurter Adorno-Vorlesung von 2008 hatte Boltanski auf Einladung des Instituts für Sozialforschung (IfS), also an der Heimstatt der Kritischen Theorie, diese für sie nicht leicht zu verarbeitende Programmatik einer „Soziologie der Kritik“ dann noch weiterentwickelt.[4]

Vom Beginn der deutschsprachigen Intellektuellendebatte um das Querdenken an, gehörten die Literatursoziologin Carolin Amlinger und der Soziologe Oliver Nachtwey, die beide an der Universität Basel lehren, zu ihren produktivsten Beiträgern. In den Reaktionen mancher Intellektueller auf die Corona-Krise hatten sie eine Wiederkehr von Schelers „Ressentimentmenschen“ erkannt und im Querdenken generell eine jener Formen kritischer Enthüllungssucht, die Boltanski „Generalverdacht“ genannt hatte – eine „zynische […] und entfremdete […] Form der Kritik, die der Realität die unbezweifelbare Evidenz einer Verschwörung gegenüberstellt“.[5] Nachtwey hatte zu diesem Zeitpunkt mit Kolleg:innen von den Baseler Gesellschaftswissenschaften auch bereits eine Studie zum Querdenken durchgeführt, die unter anderem Interviews mit Abonnent:innen einschlägiger Telegram-Kanäle ganz im Sinne von Boltanskis Programmatik auf die Frage hin auswertete, welche Gesellschaftskritik darin zum Ausdruck kommt.[6] Carolin Amlinger wiederum hatte gemeinsam mit der Literaturwissenschaftlerin Nicola Gess registriert, dass „die Corona-Krise kritische und weniger kritische Theorien auf den Prüfstand“ stelle, um dann aber das professionelle Geschäft kritischer Theoriebildung überraschenderweise anhand von Kriterien wie Ergebnisoffenheit und Bereitschaft zur Falsifikation vom kritischen Tun gemeiner Verschwörungstheoretiker zu unterscheiden. [7] (Es sei daran erinnert, dass der Chefpropagandist der Falsifikation, Sir Karl Popper, den von ihm geprägten Begriff der „Verschwörungstheorie“ gerade gegen verschiedene Marxismen in Stellung gebracht hatte).

Mit ihrem im Herbst erschienenen Buch Gekränkte Freiheit führen Amlinger und Nachtwey die Debatte um die Querdenker:innen weiter. Das spezifische Freiheitsverständnis, das diesen in jener Debatte attestiert wurde, begreifen sie als Symptom spätmoderner Vergesellschaftung. Zuvor hatte etwa die Kulturwissenschaftlerin Eva Horn den Querdenker:innen einen „hyperindividualistischen Freiheitsbegriff“ zugeschrieben, der die Grenzen der Freiheit (und damit etwaige Schutzbedürfnisse von Mitmenschen) ignoriere, und Jürgen Habermas erkannte in den „scheinliberal begründeten Proteste[n] der Corona-Leugner“ sogar „Anzeichen für das wachsende Potential eines ganz neuen, in libertären Formen auftretenden Extremismus der Mitte“.[8]

Genau in diesem Sinne ist die Querdenker:in nun auch für Amlinger und Nachtwey der „Prototyp“ (S. 24) eines neuartigen Sozialphänomens, das sie „libertärer Autoritarismus“ taufen und das sie, insofern es sich dabei um eine Metamorphose jenes autoritären Charakters handeln soll, den schon Ernst Fromm, Adorno und andere untersucht hatten, als Aufforderung zu einer Aktualisierung der Kritischen Theorie verstehen. Libertär ist dieser neue Charakter für Amlinger und Nachtwey, weil er sich mit einer radikalisierten Idee negativer, „verdinglichte[r]“ (S. 19), das heißt als Besitzstand anstatt als soziales Verhältnis verstandener Freiheit und nicht mit einer Führerfigur identifiziere. Und autoritär ist er, weil er dennoch wie sein weiterhin präsenter Vorgänger feindselig gegenüber Andersdenkenden auftrete und seinen Zorn auch auf Minderheiten projiziere.

Die Verbindung von theoretischen und empirischen Ambitionen, von geisteswissenschaftlich geschulten Textlektüren und sozialwissenschaftlicher Beweisführung, machen diese Ko-Produktion zweifellos zu einem Ereignis auf dem deutschen Sachbuchmarkt. Doch der Umstand, dass sich die leitenden Thesen Amlingers und Nachtweys in der Debatte um das Querdenken formten, sie nun aber mit dem Anspruch auftreten, diese Thesen über eine Aktualisierung der Kritischen Theorie zur gesamtgesellschaftlichen Zeitdiagnose zu verallgemeinern, bedingt nicht nur Aufbau und Argumentationsverlauf ihres Buches, sondern auch seine hier zu besprechenden Schwächen.

In den ersten vier Kapiteln entwerfen sie eine einsichtsreiche „Kritische Theorie der Freiheit in der Gegenwart“ (S. 45), die aber im Nachgang zu den „Studien zum autoritären Charakter“ allzu einseitig auf die Frage nach dessen psychosozialen Entstehungsbedingungen und letztlich auch auf dessen jüngste Ausprägung in der Sozialfigur der Querdenker:in zugeschnitten ist (I.). Nachdem Amlinger und Nachtwey vor diesem Hintergrund im fünften Kapitel den „libertären Autoritarismus“ schon mit gewissen Unschärfen konturiert haben, zeigt sich in den folgenden drei empirischen Studien zu seinen drei Erscheinungsformen, dass sich eigentlich nur die Querdenker:in leidlich in dieses Schema fügt – und dass der libertäre Autoritarismus empirisch überzeugend von ihnen auch weniger über Psychogramme der in Rede stehenden Personen als vielmehr über eine Beschreibung der von diesen verwendeten Kritikformen gefasst wird (II.). Das Buch wurde viel gelobt und gekauft. Dass es von der FAZ auf der Frankfurter Buchmesse wie im linken Jacobin beworben wurde, indiziert die Breite des ihm offenstehenden Zustimmungspotenzials. Wie dagegen die wenigen ablehnenden Reaktionen zeigen, kann es aber selbst nur als Akt der Kritik begriffen werden, der gemäß der Etymologie des Begriffs urteilend und unterscheidend in den öffentlichen Meinungsstreit eingreift und dabei die Frage nach den Bedingungen seines strategischen Gelingens in den „Freiheitskonflikten“ (S. 13) der Gegenwart aufwirft (III.). In der Studie sind allerdings auch Ansätze einer distanzierten Analytik enthalten, die diesem grundsätzlichen Problem der Kritik gerecht werden kann, weil sie zwar in der Tradition der Kritischen Theorie steht, aber in ihr auch Boltanskis „Soziologie der Kritik“ am Werk ist. Und gerade diese analytischen Ansätze könnten tatsächlich zu einem Hebel für eine „vitale Herrschaftskritik“ werden, der es gelingt, „die Verhältnisse zu verändern“ (S. 355), wie es das ausgesprochene Ziel von Amlinger und Nachtwey ist.

I. Eine Kritische Theorie der Freiheit in der Gegenwart

Man kann der von Adorno und Horkheimer begründeten Tradition der Kritischen Theorie nicht nachsagen, einer tätigen Veränderung der Gesellschaftsverhältnisse leichtfertig das Wort geredet zu haben. Dem Denken stets gegenüber dem Einschreiten den Vorrang zuweisend, war der kulturpessimistische Defätismus ihrer beiden Begründer bisweilen kaum von einer schulterzuckenden Bejahung des Status quo zu unterscheiden– und deren rasante Entfremdung von der 68er-Bewegung war insofern auch nur konsequent. Aus dieser Denktradition versuchen Amlinger und Nachtwey im ersten Kapitel ihrer Studie ein Bewusstsein für die „aporetische Struktur der bürgerlichen Freiheit“ (S. 30) herauszupräparieren, deren Implikationen sie dann für die spätmoderne Gegenwart in den Folgekapiteln als gesellschaftliche Entstehungsbedingungen bestimmter Psychopathologien, namentlich libertär-autoritärer Dispositionen, neu ausbuchstabieren.

Zu Beginn ihres Unterfangens bekennen Amlinger und Nachtwey unumwunden, dass sie eine „Kritik der Freiheit“ (S. 29) üben, die „ihrer Aporien und Selbstgefährdungen gewahr zu werden“ versucht (S. 30). Setzt der „Pathologiebefund der Kritischen Theorie“ bei der Einsicht ein, dass das „Freiheitspathos“, auf dem die moderne Gesellschaft gründete, in ihr „realiter nicht erfüllt wurde“ (S. 34), so deklinieren Amlinger und Nachtwey diesen Befund dann gewandt in verschiedenen Varianten durch: vom notwenigen Einhergehen der Freiheit mit Unterwerfung und (unpersönlichem) Zwang in der bürgerlichen Gesellschaft bis hin zu Axel Honneths Konzept einer sozialen Freiheit, „in der sich die Individuen in ihrer Abhängigkeit wechselseitig anerkennen“ (S. 92). Dieses Konzept, das Amlinger und Nachtwey halb ausgesprochen zum Bewertungsmaßstab ihrer Gegenwartsbetrachtung machen, kommt einer pazifizierenden Schlussfolgerung aus der Einsicht in den vorgängigen Zusammenhang von Freiheit und Zwang gleich. Wie sie treffend festhalten, muss auch das Konzept der sozialen Freiheit aber erst gegen andere, etwa negative Freiheitsbegriffe in der öffentlichen Auseinandersetzung durchgesetzt werden.

Um den Gesellschaftswandel zu skizzieren, der das Auftreten einer neuen Erscheinungsform des autoritären Charakters erklären soll, lehnen sich Amlinger und Nachtwey im zweiten und dritten Kapitel an die Werke von Ulrich Beck und Andreas Reckwitz an, denen bislang noch nicht der Ruf vorausgeeilt ist, Manifeste kritischer Gesellschaftstheorie zu sein. Als deskriptiv auftretende Zeitdiagnosen wohnen ihnen sicherlich kritische Formen inne, ohne aber expliziert zu werden.[9] Damit verschieben sich allerdings die Blickachsen dieser „Kritischen Theorie der Freiheit in der Gegenwart“ selbst. An Becks „reflexive Moderne“ hatte Nachtwey schon in Die Abstiegsgesellschaft seine Theoriebildung zur „regressiven Modernisierung“ angeschlossen, die auch in diesem Buch referiert wird und wahlweise einen Rückschritt hinter einmal erreichte Standards der Modernität oder eine „Gleichzeitigkeit von Modernisierung und Gegenmodernisierung“ (S. 19) meinen soll. In jedem Fall sehen sich Amlinger und Nachtwey trotz oder gerade wegen dieser widersprüchlichen Zeittendenz dazu in der Lage, die normativ notwendige, aber auch, wie gerade die ältere Kritische Theorie lehrt, keinesfalls leichte Entscheidung zu treffen, welche sozialen Phänomene progressiv und insofern zu bejahen und welche rückschrittlich sind.

Ungleich schwerer für die Ausrichtung dieser Kritischen Theoriebildung scheint aber ohnehin die Inanspruchnahme von Reckwitz‘ zeitdiagnostischem Begriff der „Spätmoderne“ zu wiegen, der unsere Gegenwart von der „bürgerlichen“ und der „organisierten Moderne“ abgrenzt und dadurch ihre Neuartigkeit impliziert. Die Folgelasten derartiger Epochenabgrenzungen, die Nachtwey noch in Die Abstiegsgesellschaft an Becks Ausrufung der „reflexiven Moderne“ kritisiert hatte, lassen sich beispielhaft an jenen „Wissenskonflikten“ aufzeigen, die dem Autor:innenduo als Signum einer auf Selbstverwirklichung, Eigenverantwortung und Leistungsprinzipen geeichten Spätmoderne gelten. Diese Konflikte seien Folge des Umstands, dass die Autonomie der Individuen durch die allgegenwärtige Notwendigkeit der Risikoabwägungen und die damit einhergehende Abhängigkeit von Expert:innen unterminiert werde. Die konkurrierenden Positionen in den spätmodernen Wissenskonflikten versuchen Amlinger und Nachtwey über die Frage nach deren Verhältnis zur „Realität“ zu umreißen, die sie, wie schon ihre frühesten Beiträge zur Debatte um das Querdenken zeigten, bei Boltanski entlehnen. Eingelassen in ein zeitdiagnostisches Schema der Epochenabgrenzung, führt diese Frage aber zu eigentümlichen Setzungen: In den Auseinandersetzungen, die Marx und Engels mit den bürgerlichen Ökonomen führten, habe kaum „Dissens in Bezug auf die Realität der Realität“ (S. 121) bestanden und in der organisierten Moderne sei „die Wirklichkeit weitgehend unumstritten“ gewesen (S. 107). Wenn dem so gewesen wäre, bliebe unverständlich, warum Engels im Anti-Dühring die „Enthüllung des Geheimnisses der kapitalistischen Produktion mittels des Mehrwerts“ für Marx reklamieren musste. Bereits in der „bürgerlichen Moderne“ stellte also gerade die ökonomische Wirklichkeit ein veritables Enthüllungs- und Entschlüsselungsproblem dar.[10]

Dass Amlinger und Nachtwey die Realität erst in den Wissenskonflikten der Spätmoderne als essenziell umstritten ansehen, steht insofern nicht nur ihrem eigenen Bestreben entgegen, sich im Sinne der Kritischen Theorie mit den grundsätzlichen Widersprüchen der bürgerlichen, kapitalistischen und mithin auch auf die eine oder andere Weise liberalen Gesellschaft zu befassen. Gerade die gegenwärtigen Wissenskonflikte lassen sich auch nicht mit der Behauptung analytisch fassen, manche würden nun aus der „geteilten Realität“ ausscheren. Das Problem besteht doch vielmehr darin, dass auch heute alle Seiten den Anspruch erheben, einen realistischen Blick auf die Gesamtlage zu haben und die genauso opake wie dynamische Wirklichkeit zu durchschauen.

Wie unübersichtlich die Gesamtlage und wie gerichtet gleichzeitig ihre Darstellung in diesem Buch ist, zeigt auch der Umstand, dass sich Amlinger und Nachtwey wiederkehrend genötigt sehen, verschiedene Denker, die im weitesten Sinne die den Wissenskonflikten zugrundeliegende Probleme als Machtfragen adressierten, vor dem Vorwurf in Schutz nehmen zu müssen, frühe Querdenker gewesen zu sein – postmoderne Theoretiker:innen, Pierre Bourdieu und sogar Adorno selbst.

Der Fokus des Buches verengt sich also tendenziell: von einer Bestandsaufnahme des geteilten Problemrahmens, in dem sich die öffentlichen Konflikte der Gegenwart abspielen, hin zur Charakterisierung einer Sozialfigur. Diese Verengung dürfte auch mit den Vorarbeiten der älteren Kritischen Theorie zum autoritären Charakter zu tun haben. Auch Amlinger und Nachtwey begreifen ihn letztlich als Ausdruck individueller Psychopathologien, deren Ausprägungen unter spätmodernen Bedingungen sie im vierten Kapitel nachzuspüren beginnen: Gesellschaftliche Konflikte würden sich zusehends ins Individuum verlagern, wachsende Freiheitsgrade mit wachsenden Ohnmachtserfahrungen einhergehen und so die Entstehung „aversiver Gefühle“ provozieren. Obwohl Amlinger und Nachtwey deren sozialen Charakter betonen, werden sie unweigerlich auf die Frage zurückgeworfen, warum manche Menschen solche aversiven Gefühle entwickeln und schließlich „in imaginäre Scheinwelten abdriften oder zu einem aggressiven Aufbegehren gegenüber übergeordneten Instanzen neigen – und andere nicht“ (S. 192).

Es überrascht daher kaum, dass Amlinger und Nachtwey eine „Kritische Theorie der Gegenwart“ nicht mehr dazu aufgefordert sehen, „das Individuum […] über die Gefahren einer repressiven Gesellschaft auf[zu]klären“, sondern „das gegen die Gesellschaft rebellierende Individuum vor sich selbst zu warnen“ und den „Raum der Öffentlichkeit als Sphäre der Freiheit zu rehabilitieren“ (S. 46). Damit wendet sich diese Kritische Theorie programmatisch einer Beschäftigung mit potenziell gefährlichen Sozialcharakteren zu – aber damit, wie schon ihre Vorgängerin, auch von der Aufgabe ab, andere Individuen, die vielleicht sogar mit guten Gründen in der bürgerlichen Gesellschaft rebellieren, bei der Durchsetzung ihrer Anliegen in der Öffentlichkeit unmittelbar zuzuarbeiten. Also jenen, die eine re-vitalisierte Herrschaftskritik, wie sie Amlinger und Nachtwey avisieren, auch gesamtgesellschaftlich wirksam machen könnten.

II. Empirie: Libertäre Autoritäre?

Wenngleich sogar Amlinger und Nachtwey „nur einen Bruchteil der Bevölkerung“ (S. 171) den „libertären Autoritären“ zurechnen, ist ihre „Kritische Theorie der Freiheit in der Gegenwart“ doch weitgehend darauf zugeschnitten, deren Auftreten in der Spätmoderne zu erklären. Im fünften Kapitel verorten sie diese vor allem in jenen Sozialmilieus, in denen das Streben nach Autonomie und Selbstverwirklichung einen herausgehobenen Stellenwert besitzt. Im Namen dieser spätmodernen Normen würden sie gegen die spätmoderne Gesellschaft rebellieren, indem sie „ein verdinglichtes Freiheitsverständnis“ kultivieren, das „die sozialen Bindungen abwehrt“, „Gesellschaftsabhängigkeit leugnet – und dadurch autoritär werden kann“ (S. 183, 200). Angesichts des äußerst anregenden, weil aus einander scheinbar widersprechenden Komponenten bestehenden Begriffs „libertärer Autoritarismus“ rächt sich leider bei seiner empirischen Anwendung, dass das Autor:innenduo zuvor nicht ausführlich an diesem Begriff gearbeitet hat. Sie referieren allein die anfängliche Begriffsgeschichte des „autoritären Liberalismus“ in den 1930er-Jahren, der als Beschreibungskategorie auch heute gesamtgesellschaftliche Reichweite beanspruchen könnte. Ihre verstreuten Verweise auf autoritäre Tendenzen des ökonomischen Regierens in der Gegenwart wie die Hartz-4-Gesetzgebung deuten eigentlich genau in diese Richtung. Ihr eigener Begriff eines „libertären Autoritarismus“ ist aber dagegen auf Individuen ausgerichtet und lediglich in seiner libertären Komponente, als Verabsolutierung liberaler Freiheitsvorstellungen, präzise bestimmt, was schließlich zu der tautologischen Volte führt, diese libertäre Verabsolutierung sei zugleich Ausweis einer „autoritären Neigung“ (S. 338).

Was diesen Libertären tatsächlich autoritäre Neigungen nachzuweisen verspricht, wäre eine umfassende Untersuchung im Stile des Forschungsprojekts zur autoritären Persönlichkeit, das Adorno im Exil in den USA mitverantwortete. Amlinger und Nachtwey versuchen, unmittelbar daran anzuschließen, sehen zwei Ausprägungen des autoritären Charakters, die in der Vorgängerstudie noch marginal waren, den verschwörungstheoretisierenden „Spinner“ und den destruktiven „Rebellen“, in der Spätmoderne in den Mittelpunkt rücken. Deren definierende Persönlichkeitseigenschaften wie Projektivität, Aberglaube, Machtdenken und Destruktivität wollen sie auch an den von ihnen untersuchten „libertären Autoritären“ nachweisen. Bei aller Anerkennung, die man gerade Nachtweys Team an der Baseler Professur für Sozialstrukturanalyse zollen muss, das weite Teile der der Studie zugrundeliegenden Empirie, ein Online-Survey sowie 61 Interviews, zusammengetragen hat (zu nennen sind hier Nadine Frei, Maurits Heumann, Johannes Truffer, Daria Wild, Matthias Zaugg, Clara Balzer-Nelson, Max Kaufmann, Verena Hartleitner und Robert Schäfer), kommt man nicht umhin, am Nachweis einer autoritären Neigung, die Amlinger und Nachtwey in ihren drei Fallstudien zu erbringen beanspruchen, gewisse Zweifel anzumelden, zumindest soweit damit eine Persönlichkeitseigenschaft gemeint ist. Und das liegt vor allem daran, dass sie in ihren Fallstudien keine robusten Nachweise individueller Psychopathologien erbringen, sondern vor allem zirkulierende Formen der Kritik beschreiben.

Überdeutlich tritt dies schon bei jenen „gefallenen Intellektuellen“ zutage, die in ihren Augen eine regressive Begleiterscheinung progressiven Normenwandels sind und „weniger die Freiheit, sondern die eigene Freiheit, auch weiterhin den Raum des Sagbaren festzulegen“ (S. 219), verteidigen würden. Wohl weil sie dafür zumindest persönlich Gespräche hätten führen müssen, beanspruchen Amlinger und Nachtwey auch gar nicht, „Psychogramme“ (S. 225) von den Repräsentanten dieser seltenen Spezies zu zeichnen, der sie etwa Hans-Ulrich Gumbrecht, Peter Sloterdijk, Giorgio Agamben und Ulrike Guérot zurechnen. Stattdessen beschreiben sie deren rhetorische Taktiken in den Freiheitskämpfen der Gegenwart, wobei die Auseinandersetzungen um Wissenschaftsfreiheit und „Cancel Culture“ im Mittelpunkt stehen, die Debatte um die Corona-Maßnahmen aber den Rahmen spannt. Die rhetorischen Taktiken der gefallenen Intellektuellen sehen sie in „Grauzonen der Kritik“ operieren, in denen ideologische Austauschprozesse und Querfrontbildung im Angesicht eines gemeinsamen progressiven Gegners möglich werden. Während Amlinger und Nachtwey in diesem luziden Teil ihrer Analyse selbst die rhetorische Taktik gebrauchen, der von den gefallenen Intellektuellen geübten Kritik punktuell ein Umschlagen in generalisiertes Misstrauen und Verschwörungsdenken zu attestieren, was das analytische Problem nicht löst, dass es sich dennoch zuerst um Kritik handelt, gestehen sie ihnen aber zu, dass ihr libertäres Reklamieren negativer Freiheiten lediglich ins Autoritäre tendiere, „ohne es selbst schon zu sein“ (S. 233). Folglich handelt es sich also nur um Libertäre. Und der analytische Hauptertrag ist dann auch eine Auflistung jener Register der Kritik (etwa entlang der Dichotomien Universalismus/Partikularismus oder Öffnung/Schließung), innerhalb derer die Freiheitskämpfe der Gegenwart ausgetragen werden – sowie die Einsicht, dass der libertäre Autoritarismus selbst eine „neue […] Spielart […] der Kritik“ (S. 242) sei, welcher allerdings keine programmatische Bedeutung zukommt, da ihn Amlinger und Nachtwey bisweilen auch als „Beziehung der der demonstrativen Beziehungslosigkeit“ oder als „Bewegung“ adressieren (S. 183, 171).

Die Fallstudie zu den „Querdenker:innen“ hat mit einer Online-Umfrage unter 1150 Teilnehmenden einschlägiger Telegram-Gruppen und 45 vertiefenden Interviews, die hauptsächlich per Zoom geführt wurden, die umfangreichste Datengrundlage. Allerdings geht das Autor:innenduo bei beiden Erhebungsmethoden von einem „progressiven Bias“ (S. 259) aus, da sich die Teilnehmenden selbst selektierten und wohl vor allem jene teilnahmen, die den Eindruck zerstreuen wollten, die Corona-Proteste seien politisch rechts zu verorten. Die Umfragedaten zeigen dann auch im Abgleich mit den Erkenntnissen der Leipziger Autoritarismus-Studien, dass die Befragten zwar zu Verschwörungsdenken (allerdings nicht in Bezug auf den Klimawandel) und Antisemitismus tendieren, aber ansonsten mehrheitlich nicht fremdenfeindlicher, sozialdarwinistischer oder chauvinistischer eingestellt sind als der Bevölkerungsdurchschnitt; klassisch autoritären Positionen wie dem Wunsch nach einem starken Führer widersprechen sie sogar dezidiert (S. 258–259).[11] Auch lässt sich die Einschätzung, dass bei den Querdenker:innen darüber hinaus „autoritäre Aggression, Kraftmeierei, Destruktivität, Zynismus […] häufig in markanter Form […] anzutreffen“ (S. 291) seien, zumindest anhand der zitierten Interviewpassagen kaum unmittelbar nachvollziehen – in jedem Fall nicht die Merkmale „autoritäre Aggression“ und „Destruktivität“. Die Querdenker:innen fügen sich zwar noch am besten in das Schema eines „libertären Autoritarismus“, aber es fehlen systematische Belege, dass von diesen prinzipiell ein negatives Freiheitsverständnis, auch über die Corona-Thematik hinaus, in Anschlag gebracht wird, um soziale Bindungen und Abhängigkeiten zu leugnen, und dass sie Andersdenkenden feindselig begegnen. Im Gegenteil: Viele der Interviewten beklagten sich darüber, dass sie selbst von anderen für ihre Meinung beschimpft werden, und brachten ihre Sorge um Familien, Kinder und Alte zum Ausdruck, die unter der Pandemiepolitik leiden würden. Amlinger und Nachtwey erkennen darin, vielleicht mit Recht, einen „moralische[n] Hebel, um eigene Interessen durchzusetzen“ (S. 266), und weisen auf die ausgeprägte Ignoranz für den Schutz gesundheitlich vulnerabler Gruppen unter Querdenker:innen hin, aber letztlich geraten sie mit derartigen Einschätzungen doch selbst immer tiefer in die Grauzonen der Debatte um die Corona-Maßnahmen hinein, von denen sie sagen, dass es an ihnen viel zu kritisieren gab. Aus diesem Grund ist der überzeugendste Ertrag ihrer Untersuchung auch hier wiederum eine präzise Bestimmung jener „wiederkehrenden Muster“ (S. 263), wie Querdenker:innen kritisieren. Ihre Kritik adressiere „durchaus real existierende Probleme“, ziele aber „nicht auf demokratische Korrekturen ab“, sondern werde „selbstzweckhaft“ geübt und bringe oft einen ressentimentalen „Generalverdacht“ zum Ausdruck (S. 295, 273, 277). Und auch wenn sie der Rolle von sozialen Netzwerken und Medienunternehmer:innen keine gesteigerte Aufmerksamkeit widmen, so beschreiben Amlinger und Nachtwey doch „interne Prozesse der kognitiven Angleichung“ und der „Abgrenzung von anderen Kritikformen“, die unter Querdenker:innen von der Maßnahmenkritik zur Formierung ganzer „Gegengemeinschaften“ (S. 288) führten.

In der dritten Fallstudie, die aus 16 im Jahr 2017 unter Nachtweys Leitung geführten Interviews mit AfD-wählenden Abonnenten des Newsletters der Kampagnenplattform Campact schöpft, treten mit den „regressiven Rebellen“ schließlich Personen auf, die eindeutig autoritäre Persönlichkeitseigenschaften aufweisen. Oftmals von einschneidenden Brüchen in ihrer Erwerbsbiografie und sozialer Isolation gezeichnet, bringen sie in den unter dem Eindruck der Flüchtlingskrise geführten Interviews „Lust am Destruktiven“, Zorn auf Minderheiten und eine „unverhohlene Gewaltbereitschaft“ in „symbolisch verbalisierter Form“ zum Ausdruck (S. 326 f., 335). Umso unklarer wird aber auch, was sie zu libertären Autoritären machen soll. In dem Forschungsbericht, auf dem das Kapitel basiert, wurde diese Einordnung noch nicht vorgenommen und allenfalls darauf hingewiesen, dass die „regressiven Rebellen“ in vielerlei Hinsicht ihre eigenen Freiheitsrechte autoritär eingeschränkt sähen.[12] Einzig die Analyse der von den „regressiven Rebellen“ geäußerten Kritik bringt im Buch wieder etwas Klarheit, soweit sie nicht auf die Korrektur, sondern libertär auf die Abschaffung von Regeln ziele. Noch zweifelhafter ist allerdings die Einordnung des zweiten Subtyps aus dieser Fallstudie, der „autoritären Innovatoren“, als libertäre Autoritäre. Dabei handelt es sich um zumeist beruflich erfolgreiche und sozial gut integrierte AfD-Wähler, die aufgrund einer Überidentifikation mit wirtschaftlichem Leistungsdenken zu Stereotypenbildung gegenüber bestimmten Minderheitengruppen neigen, welche sie als „integrationsunwillige Sozialschmarotzer“ wahrnehmen. Gleichzeitig sind sie allerdings darum bemüht, die „Konventionen des Sagbaren nicht zu verletzen“, sie konsumieren etablierte Medien, „erkennen andere Positionen an“ und engagieren sich sogar oft aktiv für das, was sie für zivilgesellschaftlichen Zusammenhalt erachten (S. 318). Dies erinnert eigentlich nur daran, dass in der Wählerschaft der AfD Radikale und Gemäßigte gerade über die Beanspruchung liberaler Normen und einer damit zusammenhängenden Identifikation mit Deutschland als Wirtschaftsnation im geteilten Ressentiment zusammenfinden. Das macht die AfD nicht weniger harmlos, sondern lässt die bürgerliche Mitte der deutschen Gesellschaft, aus der sie hervorging und aus der sie noch immer ihre Stärke bezieht, nur umso gefährlicher erscheinen. Aber ob sich dort wirklich „libertäre Autoritäre“ tummeln, ist alles andere als ausgemacht.

III. Strategische Kritik

In der unmittelbaren Rezeption von Gekränkte Freiheit kamen die wenigen kritischen Reaktionen aus erwartbaren Kreisen: Anna Schneider, „Chefreporterin Freiheit“ bei der Welt, die in dem Buch selbst einen Auftritt als Repräsentantin eines liberal-intellektuellen Milieus hat, das seine illiberalen Impulse auf die Gegenseite projiziere, warf Amlinger und Nachtwey den Versuch vor, den Liberalismus umzudefinieren und dadurch auch den Begriff des Libertarismus durch seine Gleichsetzung mit autoritären Neigungen zu pervertieren.[13] Und für die NZZ las Christian Marty Gekränkte Freiheit als Ausdruck eines positiven, sozialen Begriffs von Freiheit, der negative Freiheitsbegriffe übermäßig verdächtige und hoffentlich zu einer Debatte über ungerechtfertigte Einschränkungen von Freiheiten führe.[14]

Tatsächlich wird ihre konzeptuelle Definition des „libertären Autoritarismus“ nur vor dem Hintergrund jenes sozialen Freiheitsbegriffs möglich, den sich Amlinger und Nachtwey im ersten Teil der Studie zu eigen machten – Novina Göhlsdorf forderte in ihrer Rezension für die FAS, diesen in einem künftigen Buch noch auszuarbeiten.[15] Und so lässt sich vielleicht auch dieses Buch genauso wie die erwartbaren Auseinandersetzungen, die darum entbrannten, nur als Ringen zwischen Links- und Rechtsliberalen in den Freiheitskämpfen der Gegenwart begreifen.

Offen bleibt allerdings die Frage, ob die Entwicklung einer um den Begriff des „Libertären Autoritarismus“ gebauten Kritischen Theorie selbst ein gelingender Akt der Kritik ist, der in dieser Auseinandersetzung seine Ziele erreicht? Amlinger und Nachtwey haben sich das Ziel gesetzt, einer systematischen Herrschaftskritik, deren Position, wie sie zuvor richtig bemerkt hatten, in der Debatte um die Corona-Maßnahmen unbesetzt blieb, neuen Auftrieb zu geben. Jene Position, die sich in dieser Debatte demgegenüber den Ruf einer Fundamentalopposition zu den Maßnahmen erworben hatte, dabei zur zeitdiagnostischen Kategorie eines „libertären Autoritarismus“ zu verallgemeinern, mag zwar geeignet sein, aversive Gefühle gegenüber Querdenker:innen in kühles Interesse für ein Sachbuch zu überführen. Die potenziell antagonistische Fixierung auf einen als gefährlich erachteten Sozialcharakter aber bleibt erhalten. Und diese zur Regierungstreue zwingende Fixierung hat schon damals eine systematische Herrschaftskritik nicht gerade leichter gemacht. Die solcherart Angegriffenen verstehen es dabei auch weiterhin, mit gleicher Münze heimzuzahlen. In ihrem Buch Möge die gesamte Republik mit dem Finger auf sie zeigen erklären Marcus Glöckner und Jens Wernicke die öffentliche Kritik an Ungeimpften und den auf sie 2021 ausgeübten Druck als Ausdruck einer „Abwertung von Menschengruppen“, zu der es durch „[e]ine Mischung aus Autoritätsgehabe, Überlegenheitsgefühl, Sadismus, Regelfetischismus, Kompensation der eigenen Unzulänglichkeiten“ gekommen sei.[16] Glöckner und Wernicke sind beide mit Rubikon verbunden, der Webseite, die Agambens Einlassungen unter deutschen Querdenkern verbreitet hat.

Es geht hier nicht darum, ein politisches Pamphlet und eine sozialwissenschaftliche Studie hinsichtlich der Belastbarkeit ihrer Diagnosen auf die gleiche Stufe zu stellen. Aber rhetorisch bewegen sie sich doch auffälligerweise innerhalb eines geteilten Rahmens aus Autoritarismusvorwürfen und implizit damit verbundenen Liberalitätsbeanspruchungen, über den man durch selbstgewisse Pauschschalpsychologisierungen der Gegenseite gewiss nicht wird hinauskommen können. Sowohl analytisch als auch demokratietheoretisch ist es schlichtweg geboten, das Querdenken – und wenn man so will, den „autoritären Liberalismus“ – zuerst als Form der Kritik zu begreifen. Damit in Verbindung stehend, aber analytisch und politisch dennoch davon zu unterscheiden, sind die abseits der Öffentlichkeit agierenden Netzwerke bürgerlicher Rechtsextremer, die bisweilen gewalttätig vorgehen und sich in der Vorstellung ergehen, sie könnten einen Staatsstreich durchführen. In einer Instant-Analyse der Reichsbürger-Verschwörung haben Amlinger und Nachtwey dafür nicht mehr den Begriff des „libertären Autoritarismus“, sondern den konsistenteren „libertären Extremismus“ verwandt.[17]

Umso mehr wäre daher auch zu hoffen, dass in der Rezeption dieses Buches dem Begriff der „Freiheitskonflikte“ künftig die größte Aufmerksamkeit zuteilwird. Es greift nämlich nicht nur als Kritik urteilend und unterscheidend in diese ein, sondern es enthält zugleich inspirierende Ansätze für eine distanzierte Analytik derselben. Tatsächlich wird man erst durch eine eingehende Analyse jener rhetorischen und argumentativen Taktiken, mit denen die konkurrierenden Positionen in diesen Freiheitskonflikten die gleichen Ideale beanspruchen, neue und vor allem strategisch erfolgreiche Wege finden können, um progressive Anliegen zu Durchsetzung zu bringen. Und wie nicht zuletzt die Auseinandersetzung um die Aktionen der „Letzten Generation“ zeigt, ist dies eine mehr als dringliche Aufgabe.

  1. Siehe zusätzlich zu den im Folgenden zitierten Beiträgen insbesondere: Julia Encke, Was Theorie noch kann, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.4.2020, S. 33; Philipp Felsch, Durchschauerlich, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.1.2021, S. 11; Christoph Türcke, Notstand und Verschwörung, in: Merkur (2021), April, S. 81–89.
  2. Giorgio Agamben, Die Erfindung einer Epidemie, in: Rubikon, 21.3.2020.
  3. Bruno Latour, Why Has Critique Run out of Steam? From Matters of Fact to Matters of Concern, in: Critical Inquiry 30 (2004), Winter, S. 225–248.
  4. Luc Boltanski, Sociologie critique et sociologie de la critique, in: Politix 3 (1990), 10, S. 124–134; Luc Boltanski, Soziologie und Sozialkritik. Frankfurter Adorno-Vorlesungen, Berlin 2010. Vgl. für einen Verarbeitungsversuch des heutigen Direktors des IfS: Stephan Lessenich, Soziologie – Krise – Kritik, in: Soziologie 43 (2014), 1, S. 7–24.
  5. Carolin Amlinger / Oliver Nachtwey, Sie haben noch etwas zu sagen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.5.2020, S. N3; Carolin Amlinger / Oliver Nachtwey: Die Risikogesellschaft und die Gegenwelt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. Februar 2021, S. N3; siehe Boltanski, Soziologie und Sozialkritik, S. 168–170.
  6. Oliver Nachtwey et al., Politische Soziologie der Corona-Proteste, Grundauswertung 17.12.2020, Universität Basel: Institut für Soziologie, S. 59–61.
  7. Carolin Amlinger / Nicola Gess, reality check, Wie die Corona-Krise kritische und weniger kritische Theorien auf den Prüfstand stellt, in: Geschichte der Gegenwart, 1.7.2020.
  8. Eva Horn, Die Besserwisser, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.5.2021, S. 37; Jürgen Habermas, Corona und der Schutz des Lebens, in: Blätter für deutsche und internationale Politik (September 2021), S. 65–78, hier: S. 68.
  9. Vgl. Eva Stubenrauch, Die Krise der Zeitdiagnostik. Reckwitz, Rosa und die Gesellschaftstheorie der Gegenwart, in: ZfL Blog, 20.9.2022.
  10. Siehe Till Breyer, Chiffren des Sozialen, Politische Ökonomie und die Literatur des Realismus, Göttingen 2019.
  11. Vgl. Nachtwey et al., Politische Soziologie der Corona-Proteste, S. 27–33.
  12. Siehe Maurits Heumann / Oliver Nachtwey, Autoritarismus und Zivilgesellschaft, IfS Working Paper 16, Frankfurt am Main 2021.
  13. Anja Schneider, Von Herzen gerne Staatsfeindin, in: Die Welt, 20.10.2022, S. 7.
  14. Christian Marty, ‚Querdenker‘ hin oder her: Nicht die Freiheit, sondern ihre Beschränkung bedarf der Rechtfertigung, in: Neue Zürcher Zeitung, 16.11.2022.
  15. Novina Göhlsdorf, In der Kränkungszone, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.10.2022, S. 36.
  16. Zit. nach Matthias Unger, Ja, es gab Corona-Unrecht: Aber kann man das weniger schwurbelig sagen?, in: Berliner Zeitung, 22.11.2022).
  17. Carolin Amlinger / Oliver Nachtwey, Wer sind die Reichsbürger?, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.12.2022, S. 41.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jens Bisky.

Kategorien: Affekte / Emotionen Demokratie Gesellschaft Gesellschaftstheorie Gruppen / Organisationen / Netzwerke Moderne / Postmoderne Politische Theorie und Ideengeschichte

Georg Simmerl

Dr. Georg Simmerl ist derzeit Carlo-Barck-Preis-Stipendiat am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin (ZfL). Den Carlo-Barck-Preis erhielt er für seine Dissertation, die die Geschicke des Liberalismus in den Anfängen des deutschen Nationalstaats im Rahmen einer neuen Geschichtsschreibung der Gründerkrise (1873–1879) reinterpretiert. 2021 wurde er mit dieser Arbeit im Fach Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert.

Alle Artikel

PDF

Zur PDF-Datei dieses Artikels im Social Science Open Access Repository (SSOAR) der GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften gelangen Sie hier.

Empfehlungen

Katharina Kaufmann

Das Wissen der Marginalisierten

Der Sinn für Ungerechtigkeit und die soziale Standpunkttheorie

Artikel lesen

Christian Jansen, Hedwig Richter

Gefühlte Geschichte

Rezension zu „Demokratie. Eine deutsche Affäre: Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart“ von Hedwig Richter

Artikel lesen

Dirk Baecker

Radikale Volksherrschaft

Rezension zu „Risiko-Demokratie. Chemnitz zwischen rechtsradikalem Brennpunkt und europäischer Kulturhauptstadt“ von Jenni Brichzin, Henning Laux und Ulf Bohmann

Artikel lesen

Newsletter