Nils C. Kumkar | Rezension |

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Rezension zu „Gesellschaftliche Grundbegriffe. Ein Glossar der öffentlichen Rede“ von Armin Nassehi

Armin Nassehi:
Gesellschaftliche Grundbegriffe. Ein Glossar der öffentlichen Rede
Deutschland
München 2023: C. H. Beck
399 S., 29,90 EUR
ISBN 978-3-406-80767-1

Steigt ein Soziologe ins Taxi, fragt der Taxifahrer „wohin?“; sagt der Soziologe: „egal, ich werde überall gebraucht.“[1] Dieser Witz, den man sich während meines Studiums in Göttingen erzählte, zehrt von zwei impliziten Wissensbeständen: Einmal von Sorge, die besorgte Verwandte oft äußerten, man habe sich für ein Studienfach entschieden, mit dem einfach nichts anzufangen wäre (außer, Sie ahnen es, Taxifahren); zum anderen aber auch von der gerade in Einführungsvorlesungen immer wieder unterstrichenen Möglichkeit in ganz diversen (und damit als Karriereerwartung irgendwie ziemlich diffusen) Feldern als Soziolog:innen tätig werden zu können. Dieser zweite Wissensbestand – dass Soziologie in der Gesellschaft der Gegenwart gewissermaßen „überall“ ist, man genau deswegen aber manchmal nicht so genau weiß, wo und wie sie sich eigentlich noch abgrenzen lässt, verweist auf das Problem, dem sich Armin Nassehi in seinem Buch zuwendet. Denn dass Soziolog:innen zumindest theoretisch fast überall tätig werden könnten (so sie jemanden finden, der willens ist, dafür zu bezahlen), weil es kaum wirtschaftliche, politische, rechtliche, etc. Prozesse gibt, die nicht von Reflektion auf ihren Charakter als gesellschaftliche Prozesse begleitet würden, findet eine Entsprechung darin, dass auch die Semantik der Gesellschaft – und insbesondere die politisch-öffentliche Rede – von Ausdrücken nur so wimmelt, die auch als wichtige Begriffe in der Soziologie fungieren. „Die öffentliche Sprache ist mit Begriffen soziologischer Herkunft geradezu imprägniert“ (S. 9), fasst Nassehi diesen Umstand zusammen.[2] Gerade, weil diese Begriffe überall sind, verlieren sie sich allzu häufig im Ungefähren und in der „argumentative[n] Haltlosigkeit“ (S. 11) – genauso wie die antizipierten Karrierechancen meines Soziologiestudiums.

In diesen Kontext soll dieses Buch intervenieren: Es ist die in der politischen Öffentlichkeit erfolgende gesellschaftliche Selbstverständigung, in der Soziolog:innen in den vergangenen Jahren wieder verstärkt zu Wort kamen, und die trotzdem systematisch hinter dem zurückbleibt, was man über die Gesellschaft und ihre Selbstverständigung aus Sicht der Soziologie schon wissen könnte. Anders als bei den vielbeachteten Zeitdiagnosen der letzten Jahre[3] geht es aber nicht so sehr darum, aus der soziologischen Forschung heraus gesellschaftliche Selbstbildangebote zu machen, die dann zum strukturierenden Einsatz in der Debatte werden können. Auch geht es nicht darum, die zirkulierenden Selbstbilder, zum Beispiel von der gespaltenen Gesellschaft, der Irritation soziologischer Empirie auszusetzen.[4] Vielmehr soll es darum gehen, den soziologisch-theoretischen Gehalt der Begriffe, die in der gesellschaftlichen Selbstverständigung gebraucht werden, explizit zu machen und dadurch auch – und vielleicht sogar vor allem – die Theoriebedürftigkeit des Redens über Gesellschaft in der öffentlichen Debatte zu betonen. Die Idee ist, in Nassehis eigenen Worten, in einer „Rückholaktion“ (S. 9) 19 exemplarische Begriffe vermeintlich soziologischer Herkunft auf ihre Funktion – und zwar im soziologischen Fachkontext, aber auch in der öffentlichen Debatte – zu überprüfen.[5] Was dabei herauskommt, sollen nun zwar „begriffshygienische Maßnahmen“ aber keine „Blaupausen“ (S. 22) sein. Es soll zur Reflektion anregen, helfen, „gesellschaftliche Auseinandersetzungen auf ein höheres Niveau zu heben“ (S. 12). Das Buch ist, wenn man so will, soziologische Aufklärung zweiter Ordnung: Es geht nicht in erster Linie darum, soziologisches Wissen in die gesellschaftliche Selbstverständigung zu tragen, sondern darum, zu beobachten, was dieses in Begriffen kondensierte Wissen in der gesellschaftlichen Debatte jenseits der Soziologie eigentlich anrichtet.

Dieses Unterfangen operiert gewissermaßen mit zwei losen Enden: Weder kann sich eine solche Begriffsklärung darauf verlassen, als autoritative Stimme der Wissenschaft in einer Öffentlichkeit angenommen zu werden, in der auch Wissenschaftler:innen nur noch eine Stimme unter vielen sind, noch kann sie wirklich von sich behaupten für die Soziologie zu sprechen. Der Bedarf an einer Intervention gegen die „Haltlosigkeit“ der öffentlichen Debatte entsteht aus einer Situation der „geradezu programmatische[n] Fluidität und Freihändigkeit“ (S. 15), mit der die Intervention zugleich auch für ihre Anschlüsse rechnen muss. Der Titel des Buches legt damit eine richtige falsche Fährte: Es kann kein Glossar der öffentlichen Rede sein, weil die öffentliche Rede viel zu wenig System hat, um sich auf Grundbegriffe festlegen zu lassen, und die Soziologie viel zu viele Perspektiven in sich schließt, um diese Grundbegriffe abschließend definieren zu können. Als Ordnungsruf funktioniert die Intervention aber nur, wenn sie zumindest den Anspruch anmeldet, ein Glossar zu sein, damit sie nicht einfach nur als eine ausführliche Erläuterung zum eigenen Verständnis von Begriffen aufgenommen wird.[6] Das ist eine unvermeidliche Konsequenz der paradoxen Konstellation, in die hinein es formuliert wird. Die Ironie, die das Buch über die weitesten Strecken durchzieht, macht deutlich, dass dem Autor genau diese Paradoxie deutlich vor Augen steht.

Wie erfolgreich kann es also dabei sein, seine eigene Perspektive, wenn nicht als unbestrittene Autorität der Wissenschaft, so doch zumindest als soliden Stein des Anstoßes in der öffentlichen Debatte geltend zu machen, inwiefern formuliert es also Erkenntnisse, die in der öffentlichen Debatte aufgenommen werden können? Das heißt, kann es seinen Glossarcharakter auf dem Publikumsmarkt behaupten? Und: Wie plausibel kann die Selektivität der gewählten Begriffe und Perspektiven wissenschaftlich gemacht werden? Kann das Buch also seinen Anspruch, „gesellschaftliche Grundbegriffe“ zu versammeln, gegenüber der Soziologie plausibel machen?

Es würde den Rahmen dieser Rezension sprengen, die Lemmata des Glossars einzeln zu erörtern – und es würde dem Charakter des Buches auch nicht wirklich gerecht, dessen Clou mehr in der ironisch gebrochenen Behauptung einer Systematik als in der Systematik selbst liegt. Auch wenn der Autor betont, dass die Assoziation, zu der der Titel animiert, zum Beispiel mit den Geschichtlichen Grundbegriffen, nicht zu einem Vergleich einladen sollte, weil dieser sich eben – unter anderem wegen der Unmöglichkeit einer „kanonisierten Bestandsaufnahme“ – von selbst verbäte (S. 12–15), hat er den Titel doch auch genau deswegen gewählt, weil er diese Assoziation weckt (S. 17) – und damit eben zu einem Vergleich einlädt. Dennoch sollen die Begriffe hier zumindest einmal alle aufgezählt werden, denn auch diese Selektivität (also was – und vor allem was gerade nicht – als gesellschaftlicher Grundbegriff ausgewählt wurde) illustriert einige Punkte, die für die Beantwortung der beiden aufgeworfenen Fragen wichtig sind:

Demokratie, Freiheit, Fremdheit/der Fremde, Gesellschaft, Gleichheit/Ungleichheit, Handeln, Identität, Kommunikation, Konflikt, Krise, Kritik, Kultur, Lebenswelt, Macht, Natur, Öffentlichkeit, Populismus, Technik, Wissen.

Bezogen auf den ersten Wirkungskontext, also die politische Öffentlichkeit, lässt sich mit Blick auf diese Liste zweierlei festhalten: Erstens ist sie, auch wenn sicher fast jede:r sich bei einzelnen Begriffen fragt, was sie in der Aufzählung zu suchen haben, während andere fehlen, eine ziemlich plausible Bestandsaufnahme von Kernbegriffen des Streits der vergangenen Dekade, sei es um Pegida, Corona oder Waffenlieferungen. Zweitens würden nicht nur die Angehörigen anderer Fachdisziplinen wie zum Beispiel der Philosophie vermutlich Zweifel anmelden, ob für diese Begriffe die Soziologie als „Herkunftskontext“ (S. 21) auch nur mehrheitlich geltend gemacht werden könnte. Selbst mir als Soziologe leuchtet das nur begrenzt ein. Auch dann, wenn man nicht vordergründig nach der philologischen Herkunft, der ersten Erwähnung, fragt, sondern danach, wo die Begriffe in der Form, in der sie in der öffentlichen Debatte kursieren, geprägt wurden, würde man wohl nicht nur für „Populismus“ (für den Nassehi das explizit einräumt (S. 312), sondern ebenso z.B. für „Technik“, „Demokratie“, „Wissen“, „Handeln“, „Natur“ und „Freiheit“ behaupten, dass die Begriffe weniger aus der Soziologie stammen, sondern vielmehr, nachdem sie als gesellschaftliche Semantik ohnehin etabliert waren, in der Soziologie daraufhin befragt wurden, wie man sie in die je eigenen Theoriesprachen integrieren oder übersetzen könnte. Dass diese Übersetzungsleistungen dann oft eher homöopathische Rückwirkungen auf die Semantik der öffentlichen Rede hatten, ist ja gerade die Ausgangsproblematik, die das Unterfangen des Buches plausibel macht. Dabei die Sozialwissenschaft als Herkunftskontext dieser Begriffe zu behaupten, ist also vor allem ein rhetorischer Kniff, aber einer, der funktioniert: Die soziologischen Begriffsbestimmungen entfalten eine Autorität, die ausreichen dürfte, um als Widerstand gegen die alltägliche Verwendung der Begrifflichkeiten zur Reflektion anzuregen.

Insofern kann man für die Rezeption in der politischen Öffentlichkeit festhalten: Das Buch leistet die soziologische Aufklärung, die es sich zum Ziel gesetzt hat. Wie ein roter Faden zieht sich durch die verschiedenen Lemmata die Warnung davor, den heroisierenden Selbstbeschreibungen und einfachen Lösungen auf den Leim zu gehen, die in der Soziodizee des Handelns – also in der Illusion, dass es „nur noch der angemessenen Entscheidung (…) bedarf, es nun doch zu tun“ (S. 140, H.i.O.)[7] – und der fest in der Alltagssemantik verankerten Illusion einer „Gesellschaft aus einem Guss“ wurzeln. Diesen Appell, den Nassehi auch schon in „Das große Nein“ und „Unbehagen“[8] konzise argumentiert hatte, richtet das Buch auf eine raffinierte, weil handbuchartige Form an die Öffentlichkeit. Zumindest wäre wünschenswert, dass so manche, bevor sich in ihre Artikel oder Kolumnen wieder die unvermeidliche Nonsensefrage einschleicht, wie „wir als Gesellschaft“ mit Herausforderung xy umgehen sollten, das Lemma „Gesellschaft“ nachschlagen und herausfinden, dass „die Gesellschaft als Ganze (…) am Ende gar nicht erreichbar“ ist (S. 105).

Aus der Perspektive eines soziologischen Fachpublikums stellen sich anders gelagerte Fragen. Auch hier lässt sich allerdings festhalten – und mit kaum zu überlesendem Groll weist der Autor an verschiedenen Stellen[9] darauf hin – dass auch das Theoretisieren der Soziologie durchaus nicht immer die theoretische requisite variety aufbringt, die der Komplexität des Gegenstands angemessen ist. Insofern sind die einzelnen Lemmata, auch wenn man bei jedem einzelnen vielleicht Widerspruch anmelden möchte, durchaus fruchtbare Anlässe, die systemtheoretische Provokation auf die eigene, vielleicht ja mangelnd reflektierte, Begriffsverwendung wirken zu lassen.

Wie dabei schon anklingt: diese „gesellschaftlichen Grundbegriffe“ sind, sowohl in ihrer soziologischen Erörterung als auch schon auf der Ebene ihrer Auswahl als Grundbegriffe, eindeutig systemtheoretischer Provenienz. So werden zum Beispiel Begriffe wie „Klasse“, „Kapitalismus“ und „Status“, die ja durchaus plausibel einem sozialwissenschaftlichen Herkunftskontext zugeordnet werden könnten und die in den Debatten der letzten Dekade durchaus eine Rolle gespielt haben, nicht eigenständig definiert und unter anderen Lemmata wie der systemtheoretisch interessierenden Unterscheidung „Gleichheit/Ungleichheit“ abgehandelt. Vor allem der Begriff des „Kapitalismus“ wird dabei überwiegend anhand seinen zu kritisierenden, verkürzenden oder inkonsistenten Verwendungsweisen im öffentlichen Diskurs – etwa als „Platzhalter für das Unbehagen an der Unübersichtlichkeit der Moderne“ (S. 220) – oder in der soziologischen Zeitdiagnostik thematisch. Nun kann man plausibel argumentieren, dass das die überwiegende Zahl der politisch-öffentlichen Verwendungen völlig ausreichend beschreibt oder dass man die Oldtimer der marxistischen Soziologie allein deswegen nicht in die „Rückholaktion“ (S. 9) einbezieht, weil es in der Montagehalle die Werkzeuge gar nicht mehr gibt, um ihre Funktionsweise zu überprüfen. Das wäre dann allerdings ein vernichtendes Urteil entweder über die Arbeitsfähigkeit des soziologischen Maschinenparks oder über die marxistische Terminologie, das man der Debatte so oder so nicht vorenthalten sollte.[10]

Nun hat ein Glossar mit gutem Grund in der Regel kein Fazit – und dennoch vermisst man am Ende eines. Hier zeigt sich wieder, dass das Buch sich zumindest auch als eine als Glossar getarnte Streitschrift gegen die Freihändigkeit der Begriffsverwendung in der gesellschaftlichen Selbstverständigung beschreiben lässt. Wie verfährt man denn nun weiter mit der Diskrepanz zwischen den Funktionen der Begriffe im öffentlichen Diskurs und im soziologischen Theoretisieren? Ein Glossar würde es sich zum Ziel setzen, diese Diskrepanz zu verringern oder zumindest zu deproblematisieren, indem die Gebrauchsweise eines Begriffs, auf die sich die Garantiezusagen des Herstellungsunternehmens noch erstrecken, ausbuchstabiert. Genau das will dieses Glossar jedoch nicht, es will vielmehr zur Reflektion dieser Diskrepanz anregen. Gerade weil ihm das gelingt, stellt sich mit Nachdruck die Frage: Und nun?

Eine Spur, wie an die Irritation des Glossars angeknüpft werden könnte, legt Nassehi selbst in seiner Beschreibung dessen, was das Buch nicht leisten will. Sein Schwerpunkt liege nämlich „nicht in der Rekonstruktion eingeführter Doxographien, auch nicht in einer textnahen Form der Begriffsrekonstruktion, sondern tatsächlich darin, die praktische, die performative Problemlösungskapazität von Begriffen herauszuarbeiten“ (S. 16). Vielleicht wäre aber eine textnahe – im strengeren Sinne rekonstruktive – Erforschung der Funktion der Begriffe in der öffentlichen Debatte[11] auch in Bezug auf die Frage instruktiv, warum deren Verwendung sich so beharrlich von der soziologischen unterscheidet, indem sie es erlauben würde, die praktische Problemlösungskapazität etwas praxisnäher kontrolliert zu rekonstruieren. Das Verdikt zum Beispiel, dass man die Freiheitsrhetorik eines pathetischen Individualismus „(i)ntellektuell (…) nicht ernst nehmen (müsse) – politisch und normativ schon“ (S. 55) mag man als Intervention in die öffentliche Debatte unterstreichen und dennoch – auch intellektuell – die Frage ernstnehmen, was es denn mit der Funktion (vielleicht auch gerade des Pathos) der Freiheit in dieser Form der Rede genauer auf sich hat und warum sie so anschlussfähig ist? Vielleicht ließe sich auch für die eine oder andere, aus soziologisch-theoretischer Warte zu Recht gescholtene, Verwendung z.B. des Kapitalismusbegriffs festhalten, dass er in der öffentlichen Rede ebenfalls eine Funktion hat, die sich nicht nur darin erschöpft, diffuses Unbehagen zu artikulieren und fehlende Adressen zu simulieren, also über die Gesellschaft als Ganzes, die man eben schlecht ansprechen und noch viel weniger abschaffen kann, zu sprechen, als könnte man das. Mitunter mag er ja auch erlauben, etwa das Problem zu artikulieren, dass es systemische Blockaden gegen Veränderungen gibt, die man zugleich für notwendig hält, so dass der Begriff viel eher auf die Komplexität einer Herausforderung verweist, als sie rhetorisch zum Verschwinden zu bringen. Andersherum mag man sich nämlich durchaus fragen, ob nicht zumindest in der politischen Öffentlichkeit auch das Beharren auf der Komplexität mitunter die Funktion hat, die Herausforderung zu verdecken.

Vielleicht lässt sich dieser zugegebenermaßen etwas verschraubte Gedankengang an den Grundaussagen des Lemmas zu „Gesellschaft“ (S. 84–108) plausibilisieren, die einen Dreh- und Angelpunkt des gesamten Glossars bilden: Es ist eine wichtige Funktion des Begriffs, „einen gemeinsamen Raum zu imaginieren, in dem sich Unterschiedliches wiederfindet“ (S. 86). Soziologisch untauglich bearbeitet wird dieses Bezugsproblem in der alltäglichen Rede (auch von Soziolog:innen [S. 94]), sobald aus der Frage der Benenn- eine Frage der kommunikativen Adressierbarkeit wird, die Sätze also nicht nur von Gesellschaft handeln, sondern sich an Gesellschaft richten. „Man könnte dann behaupten, dass der Gebrauch des Gesellschaftsbegriffs unter anderem die Funktion hat, die Gestalt dessen, was er bezeichnet, zu verdecken.“ (S. 97, H.i.O.) „Utopien kann man so bauen – dass alle an einem Strang ziehen, dass sie sich im richtigen Moment für das Richtige entscheiden (…) – realiter aber gibt es diese Form nur als Text- oder Sandkastenfiktion.“ (S. 107f.) Dann schließt das Lemma mit einem Absatz, an dem, gerade indem aufblitzt, wie die „Lemmata dieses Glossars auf eine stupende Art immanent gehalten“ (S. 12) sind, die Möglichkeit einer reflexiven Wendung dieser Erkenntnis im Raum steht. Denn „wer so diagnostiziert, wird dann von der ‚kritischen‘ Fraktion derer, die den Hinweis auf Gesellschaft per se für einen kritischen Gestus halten, wohl als Bremser und Abwiegler geziehen – weil all die großsprecherische Kritik nicht die Gesellschaft im Blick hat, sondern die ‚Gesellschaft‘ mit ihrer Adressenfunktion. So freilich verpufft die Kritik zur Affirmation ihrer eigenen Pose (…)“ (S. 108). Dass jedem bei diesen Sätzen vielleicht Beispiele vor Augen stehen, die man zurecht als Sandkastenfiktionalist:innen und Kritikposeur:innen getroffen sieht, steht außer Frage. Trotzdem lohnt es sich vielleicht bei der Feststellung zu verharren, dass der Ausgangspunkt dieses polemischen Absatzes der Umstand ist, dass die Perspektive des Beharrens auf dem soziologisch tauglichen Gebrauch des Gesellschaftsbegriffs selbst beschuldigt wird, eine Position in der politischen Auseinandersetzung zu beziehen – was völlig unvermeidbar ist, sobald sich die soziologische Beobachtung zum Einsatz in der politisch öffentlichen Auseinandersetzung macht. Das ist wohlgemerkt kein Relativismus in Bezug auf die Gegenstandsadäquatheit soziologischen Theoretisierens und ihrer Begrifflichkeiten. Dass soziologische Terminologie, sobald sie in die politische Debatte aufgenommen wird, immer auch einen politischen Bedeutungsüberschuss produziert, der sich nicht auf ihren soziologisch-theoretischen Gehalt reduzieren lässt, ist eben nicht gleichbedeutend mit der Feststellung, dass die Terminologie auf ihre politische Funktion reduzierbar wäre und sich nicht fragen ließe, welche Terminologie in welchem soziologisch-theoretischen Kontext geeigneter wäre, Wirklichkeit produktiv und interessant aufzuschließen. Es ist vielmehr eine Frage, die daran anschließt, dass man, wie das Buch dies auf prägnante Art und Weise leistet, zunächst eben konstatiert, dass es zwischen der politischen und der theoretischen Funktion eine notwendige Diskrepanz gibt: Nämlich zu fragen, wie die Gestaltung dieser Diskrepanz sich wiederum soziologisch erklären lässt.

Dem Buch, das sei hier abschließend festgehalten, sei aus mindestens drei Gründen eine breite Leser:innenschaft zu wünschen: Ein interessiertes Publikum findet hier griffig formulierte, soziologische Miniaturen zu zentralen Begriffen der gegenwärtigen politischen Debatte. Soziolog:innen dürften davon profitieren, ihre eigene Verwendung gerade der gar nicht wirklich als soziologische Begriffe wahrgenommenen Konzepte wie „Demokratie“ oder „Populismus“, an Nassehis Ausführungen zu schärfen. Für mich vielleicht am wichtigsten ist allerdings der letzte Punkt, nämlich dass das Buch, Lemma für Lemma, die Notwendigkeit herausstellt, theoretisch und empirisch weiter nachzufassen, wie soziologisches Sprechen in und über eine Gesellschaft unter verschärfter Selbstbeobachtung, die sich ständig zentrumslos und undiszipliniert über sich selbst verständigt, eigentlich funktioniert und wie dieses Denken dann wieder auf sich selbst angewendet werden kann. Dafür bietet dieses Buch zahlreiche wichtige Anregungen – und ist dabei aber eben auch empirisches Anschauungsmaterial.

  1. Dass auch der Autor des besprochenen Werkes die Gesellschaft gern mit dem Taxi erkundet (vgl. Armin Nassehi, Mit dem Taxi durch die Gesellschaft. Soziologische Stories, Hamburg 2010), konnten wir damals freilich noch nicht wissen, kommt dieser Rezension aber natürlich zupass.
  2. Wogegen die Rede sich mit diesen Begriffen imprägniert, ist eine Frage, die leider nicht weiterverfolgt wird.
  3. Für den deutschen Kontext wären hier – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – aus der jüngeren Vergangenheit als besonders einflussreich zu nennen: Hartmut Rosa, Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin 2016; Armin Nassehi, Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft, München 2019; Andreas Reckwitz, Das Ende Der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne, Berlin 2019; Carolin Amlinger / Oliver Nachtwey, Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus, Berlin 2022.
  4. Beispiele hierfür wären die jüngsten Veröffentlichungen zur Frage der „gespaltenen Gesellschaft“: Steffen Mau, „Kamel oder Dromedar?“, in: Merkur 874 (2022), S. 5–18; Jürgen Kaube / André Kieserling, Die gespaltene Gesellschaft, Berlin 2022.
  5. In ganz ähnlicher Weise, wenn auch in viel bescheidenerem Umfang, hat der Autor dieser Rezension das kürzlich für den Begriff der gesellschaftlichen Spaltung zu unternehmen gesucht: Nils Kumkar, Die Spaltung der Politik. Vom politischen Mehrwert einer haltlosen Behauptung, in: Freie Assoziation 25 (2022), 2, S. 10–28; online unter: doi.org/10.30820/1434-7849-2022-2.
  6. Dass das Buch auch das ist, ist trivial und lohnt sich hier dennoch festzuhalten. Schließlich ist der Autor eine öffentlich so breit rezipierte Stimme soziologischer Expertise zu Fragen der Zeit, dass es durchaus kein geringer Gebrauchswert ist, einen Glossar Nassehi‘scher Grundbegriffe zur Hand zu haben.
  7. Den Begriff der Soziodizee entlehnt Nassehi bei Bourdieu, versteht ihn aber anders. Ausführlichere Erörterungen zum Begriff und zur Abgrenzung seiner Verwendung bei Bourdieu finden sich in: Armin Nassehi, Unbehagen. Theorie der überforderten Gesellschaft, München 2021, insb. S. 30–60; ders., „Das Faszinierende an Gewalt ist ihre Eindeutigkeit“. Ein Gespräch mit Armin Nassehi, in: Mittelweg 36 31 (2022), 6, S. 91–112.
  8. Armin Nassehi, Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests, Hamburg 2020; ders., Unbehagen.
  9. Pars pro toto möge hier reichen, wie er Markus Schroers Geosoziologie pars pro toto für unterkomplexe Verwendungen des Gesellschaftsbegriffs in der Soziologie einordnet: „Das materialreiche Buch ist eine fleißige Sammlung von Textquellen über die Verschränkung von Natur und Kultur und die Notwendigkeit, diese Verschränkung ernster zu nehmen. ‚Gesellschaft‘ kommt hier aber nur als Adresse für Forderung und Einsicht, für Handlungsdruck und Überzeugung vor, nicht aber als Gegenstand, der selbst einer soziologischen Analyse unterzogen würde, wie diese denn die Forderungen erfüllen kann. Denn bloße Einsicht wird es schlicht nicht richten – wessen Einsicht überhaupt?“ (S. 366, EN 19).
  10. Nassehi tendiert vermutlich zur zweiten Lesart, wie unter anderem dadurch nahegelegt wird, dass er als Funktion der linken Parteien im Parteiensystem bestimmt, dass sie „den Phantomschmerz eines nicht mehr existenten Proletariats“ auslebten (S. 42).
  11. Vergleichbares habe ich – allerdings enggeführt auf eben nur einen Begriff der öffentlichen Debatte – für „alternative Fakten“ versucht zu unternehmen: Nils Kumkar, Alternative Fakten. Zur Praxis der kommunikativen Erkenntnisverweigerung, Berlin 2022.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jens Bisky.

Kategorien: Gesellschaft Gesellschaftstheorie Kommunikation Methoden / Forschung Öffentlichkeit Systemtheorie / Soziale Systeme Wissenschaft

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Nils C. Kumkar

Nils C. Kumkar ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am SOCIUM – Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen. Seine Forschungsgebiete sind qualitative Methoden und Gesellschaftstheorie, mit Fokus auf sozialer Ungleichheit, Protest und Kritik. (© Falk Weiss)

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