Martin Bauer | Literaturessay |

Sex nach Fichte

Literaturessay zu "Natur und Gender. Kritik eines Machbarkeitswahns" von Christoph Türcke

Abbildung Buchcover Natur und Gender von Christoph Türcke

Christoph Türcke:
Natur und Gender. Kritik eines Machbarkeitswahns
Deutschland
München 2021: C.H. Beck
S. 233, EUR 22,00
ISBN 978-3-406-75729-7

I.

Auf Wirklichkeit lässt sich in der Absicht, Verständigung über sie herbeizuführen, nur unter Beschreibungen Bezug nehmen. Zu dieser Kernthese ließe sich der Konstruktivismus verdichten. Aus ihr folgt, dass Begriffe, die nicht mögliche Elemente solcher Beschreibungen sind, für uns keine Bedeutung haben. Ohne einen deskriptiven Kontext fehlt ihnen der Gegenstandsbezug, die Referenz auf Wirkliches. Deshalb können Sätze, die mit solchen Begriffen operieren, weder wahr noch falsch sein. Sie sind, anders gesagt, nicht wahrheitsfähig, bezeichnen ihre Aussagen doch keine möglichen Sachverhalte.

Aus leicht ersichtlichen Gründen gehört zu den epistemologischen Quellen des Konstruktivismus auch die Einsicht, dass alle Erkenntnis zeichenvermittelt ist. Ihre zeitgenössische Version würde – um Niklas Luhmann sinngemäß zu zitieren – lauten, dass wir alles, was wir wissen, aus Medien wissen. Kein Wissen zirkuliert, das nicht medienvermittelt wäre. Damit ist eine medientheoretisch akzentuierte Fassung des Konstruktivismus auf den Punkt gebracht. Also wären nicht nur die Eigenschaften von Beschreibungen, sondern generell diejenigen von Medien zu analysieren, soll verstanden werden, wie es sich mit dem zeichen- respektive medienvermittelten Bezug auf Wirklichkeit verhält. Von Belang sind derartige Analysen, weil sie intelligenten Lebewesen, die kooperieren und dazu der Kommunikation bedürfen, Aufschluss darüber geben, wie sie ihre Selbst-, Sozial- und Weltverhältnisse einrichten – und bei Bedarf reflektieren – können. Seinem Anspruch nach trägt der Konstruktivismus zur Klärung solcher Verhältnisse bei. Deshalb tritt er als Grundlagentheorie mit universalem Anspruch auf.

Medienkonstruktivistische Theorien lösen gelegentlich Nervosität aus. Die kann in Seminaren, wo konstruktivistische Entwürfe behandelt werden, etwa zu der Frage führen, wie diejenige Wirklichkeit beschaffen sei, die nicht, noch nicht oder nicht mehr beschrieben wird. Wer so fragt, sucht zu ermitteln, wie eine beschreibungsexterne Realität aussieht, obwohl die Ausgangsthese behauptet, Wirklichkeit sei uns nur beschreibungsintern zugänglich.

Damit wird ein Problem aufgeworfen, dessen ideenhistorischer Geburtsort die Transzendentalphilosophie Immanuel Kants war. Mit der Unterscheidung zwischen „Ding an sich“ und „Erscheinung“ hatte der Königsberger Philosoph sowohl den Konstruktivismus der Moderne ins Leben gerufen als auch eine neue Variante von Skepsis, die seither wie ein unheimlicher Schatten alle Versionen von Konstruktivismus begleitet. Spekulationsfreudige Gymnastik kann also stets aufs Neue gedankliche Energie in die Übung investieren, eine harte Nuss zu knacken: Wie verhält es sich mit einem Ding an sich, das einerseits in jedem Phänomen erscheint, also Material für Erfahrung liefert, andererseits aber in jeder seiner Erscheinungen als solches unerkennbar bleibt, das heißt kein denkbarer Gegenstand von Erfahrung ist? Hegels vielzitierter Satz, die Angst vor dem Irrtum sei bereits der Irrtum, war in der Phänomenologie des Geistes exakt auf die unbequeme Situation gemünzt, die Kants Erkenntnistheorie mit ihrer Leitunterscheidung hinterlassen hatte – jedenfalls für eine Vielzahl derjenigen Interpreten, die bis auf den heutigen Tag dem Rätsel nachgehen, was die Wirklichkeit denn an sich und als solche sei, obwohl sie für uns doch allein vermittels der Konstruktionen erfassbar ist, die Beschreibungen in der Absicht anfertigen, Realität zu erkennen.

II.

Auch Christoph Türcke zeigt sich in seinem jüngsten Buch, Natur und Gender betitelt, durch den Konstruktivismus beunruhigt. Als emeritiertem Philosophieprofessor, der sein Fach an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst lange Jahre vertreten hat, sind ihm die erkenntnistheoretischen und ontologischen Paradoxien, in die sich konstruktivistische Positionen radikalisieren lassen, selbstverständlich geläufig. Also verwendet er im ersten Teil seiner Darstellung, die sich der Natur als Objekt wissenschaftlicher Erkenntnis widmet, einige Mühe darauf, die postkantianischen Konstruktivismen kritisch zu durchmustern. In der Regel haben sie Kants Initialzündung aufgegriffen, um sie zu verschärfen.

Türckes gut lesbarer, stets pointierter Überblick schlägt einen weiten Bogen, verzichtet jedoch auf letzte hermeneutische Subtilitäten. Bei Fichtes Wissenschaftslehre beginnend, führen Stationen über den Neukantianismus Marburger Provenienz, den radikalen Konstruktivismus eines Heinz von Förster, die Evolutionsbiologie von Humberto Maturana und Francisco Varela, der die Kybernetik und Systemtheorie den Begriff der „Autopoiesis“ verdanken, bis zu programmatischen Texten von Foucault, Derrida und Butler. Bekanntlich thematisieren sie in „Schrift“ oder „Diskurs“ deskriptive Praktiken der Welt- und Selbsterzeugung.

Im argumentativen Ertrag präsentiert Türckes Auseinandersetzung ein bündiges, allerdings durch Unschärfen erwirtschaftetes Resultat. Er schlägt sowohl antikantianische, das heißt naturalistische, Erkenntnistheorien als auch poststrukturalistische, der Dekonstruktion verschriebene Positionen über einen Leisten, obwohl sie allesamt mit dem Kant historisch orientierenden Modell einer rationalen Psychologie nichts zu schaffen haben. Sie verstehen sich keineswegs als Beiträge zur Erhellung derjenigen apriorischen Bedingungen und kognitiven Vermögen, die Gegenstandserkenntnis ermöglichen. Weil Türcke diese Differenzen für nicht weiter bedeutsam erachtet, adressiert er das zusammengestellte Aggregat heterogener Theorien gewissermaßen als ein einziges konstruktivistisches Syndrom. Faktisch handelt es sich um ein Theoriegemisch. Deshalb versteht sich nicht von selbst, wogegen seine Abhandlung im Einzelnen Position bezieht.

Für die nötige Klarheit sorgt der Untertitel des Buches, der die Kritik eines Machbarkeitswahns ankündigt. Im Klartext ist damit gesagt, dass wir es mit einer Streitschrift zu tun haben, die den Konstruktivismus nicht als geschlossene Theorie oder als ein Ensemble fragwürdiger Überzeugungen attackiert, sondern als ein Wahngebilde. Was Türcke beschäftigt, ist eine Pathologie des Geistes oder eine „Ideologie“, wie man wahrscheinlich vor einem halben Jahrhundert gesagt hätte. Damals führte den bereits studierten protestantischen Theologen ein Philosophiestudium nach Frankfurt am Main, wo die Kritische Theorie vornehmlich als Ideologiekritik gelehrt wurde.

„Ideologie“ ist für die Kritische Theorie nicht einfach falsches Bewusstsein. Es ist notwendig falsches Bewusstsein. Daher stellt sich neomarxistischer Ideologiekritik eine doppelte Aufgabe: Falsches Bewusstsein muss nicht nur korrigieren werden, außerdem ist seine Notwendigkeit in einer Erklärung darzulegen, die seine Entstehung nachzeichnet. Der Irrtum soll im Medium seiner historischen Rekonstruktion beseitigt werden, weshalb die Darstellung der Genese des falschen Bewusstseins idealerweise zugleich dessen Kritik liefert.

Methodisch ist Türckes Darstellung einem solchen Verfahren verpflichtet. Sie will zeigen, dass der Konstruktivismus in Ideologie umschlägt, sobald er seine legitime Kritik an der Vorstellung, die Natur sei ein Kosmos zeitloser Wesenheiten, überzieht. Zwar verabschieden konstruktivistische Positionen eine Welt vermeintlich überzeitlicher Essenzen völlig zu Recht. Und damit auch die metaphysische Idee, die Natur sei als ein Subjekt zu verstehen, das in seiner schöpferischen Macht all die Gattungen und Arten erzeugt, die es vernünftiger Erkenntnis gestatten, die Ordnung der Natur zu erfassen. Doch führt dieser Antiessenzialismus dann in die Irre, wenn er – wie erstmals in Fichtes Radikalisierung von Kants Erkenntnistheorie – zu einer hypertrophen Selbstermächtigung führt. Indem sich erkennende Subjektivität in einer „Tathandlung“ als „Ich“ setzt, unterscheidet sie sich – so Fichtes Vorstoß – vom „Nicht-Ich“, was bedeutet, dass sie in diesem Akt grundlegender Ausdifferenzierung von Ich und Welt zugleich die Sphäre der Objektivität erzeugt. Auf diese Weise stellt Fichtes Sündenfall, der die wirklichkeitswissenschaftliche Erdung des transzendentalen Idealismus kappt, dem Machbarkeitswahn des Konstruktivismus die Weichen. Was vormals übermächtiger Natur zugeschrieben wurde, reklamiert nun eine Subjektivität für sich, die in angemaßter Souveränität vermeint, Quellpunkt aller Gegenständlichkeit zu sein. Weil es Realität nur für ein Ich geben kann, das als Autor ihrer Beschreibungen firmiert, geht die Wirklichkeit, fichtisch gedacht, aus den Beschreibungen dieses Autors hervor.

Türcke zufolge verwischt Fichtes Tathandlung einen Sachverhalt, den der Autor nicht müde wird, allen Versionen von Konstruktivismus ins Stammbuch zu schreiben. Von Konstruktion könne sinnvollerweise nur die Rede sein, wenn und insofern eine Konstruktion „von etwas“ vorliege. Dieses Etwas sei jeder Praxis des Konstruierens vorgängig. Es liefere das Material, das eine Konstruktion überformen, jedoch nicht abschütteln könne, ohne sich als Konstruktion zu dementieren. Weil Fichtes Idealismus die konstruktiven Kapazitäten des Subjekts in einer ursprünglichen Unterscheidung fundiert, die als Leistung dieses Subjekts gedacht werden muss, gewinnt die Tätigkeit des Konstruierens bei ihm den irreführenden Anschein von Autonomie. Sie scheint sich gegenüber dem Stoff zu emanzipieren, der allem Konstruieren zugrunde liegt.

Von daher ignoriert diese Emanzipation – für Türckes Einschätzung geradezu modellgebend – eben die Gegebenheiten, die Kant mit seiner Begriffsprägung vom „Ding an sich“ namhaft gemacht hatte. Während das Ding an sich in Königsberg als „denknotwendig“ und „unerkennbar“ galt, büßt es mit und nach Fichte seine Funktion ein, dem Vernunftgebrauch die notwendigen Grenzen zu ziehen. Über diese Limitierung, die konstitutiv für alle endliche, also menschliche Erkenntnis ist, setzt sich der nachkantische Konstruktivismus nach Türckes Urteil hinweg.

Nicht ungestraft, wie er meint, suchen diesen Konstruktivismus fortan doch theologische Mucken heim. Wer das Ding an sich durchstreicht, läuft Gefahr, einer gefährlichen Suggestion – beziehungsweise dem Wahn – aufzusitzen, die Praxis des Konstruierens sei kreativ im emphatischen Sinne. Unterstellt wird, es handle sich um Kreativität in der Bedeutung jüdisch-christlicher Schöpfungstheologie. Diese Mythologie porträtiert den Schöpfer bezeichnenderweise nicht – wie die griechische Antike – als einen Demiurgen, das heißt als einen Handwerker, der vorgefundene Materialien bearbeitet, sondern als eine schlechterdings ungebundene Macht. Sie vermag, was kein Sterblicher kann: die Dinge via Namensgebung erschaffen, sodass die Welt aus einer creatio ex nihilo hervorgeht. Da Diskursen eine genuin welterzeugende Produktivität zugeschrieben werde, wirft Türcke auf der Linie seiner kritischen Genealogie des Machbarkeitswahns insbesondere systemtheoretischen und diskursanalytischen Varianten des Konstruktivismus vor, sie redeten einem „Kreationismus“ das Wort. Zumal bei einer sozialkonstruktivistischen Autorin wie Judith Butler werde „nicht einmal klar, ob ‚der Diskurs‘ nach griechischem oder jüdisch-christlichem Muster zu denken sei: als Konstrukteur oder als Schöpfer der materiellen Realität“ (S. 127).

III.

In eine mehr als beunruhigende Grille philosophischer Köpfe verwandelt sich der kreationistisch aufgeladene Konstruktivismus für Türcke allerdings erst, wenn er, wie gegenwärtig mitzuverfolgen, den Elfenbeinturm elaborierter Grundlagentheorien verlässt. Zu handgreiflichen Wirkungen kommt es in dem Maße, wie sich der inkriminierte Machbarkeitswahn im Feld der Geschlechterpolitik niederschlägt, das heißt in den Welt- und Selbstverhältnissen irritierter Subjekte. Folglich schaltet sich der Autor im zweiten Teil des Essays mit couragiertem Eifer in Kontroversen um den Status „geschlechtlicher Identität“ ein. Der „konstruktivistischen Naturverleugnung“, die seiner Meinung nach „ebenso im Sexualitätsdiskurs wie in der Behinderten- und Schulpädagogik umgeht“ (S. 165), soll widersprochen werden. Will Türcke die inkriminierte Verleugnung korrigieren, steht jedoch ein Wechsel im Register seines Argumentierens an. Denen, die sexuelle Identitäten für ein Erzeugnis diskursiver Konstruktionen halten, ist die Stimme einer Natur zu Gehör zu bringen, deren Nichtexistenz ihre Diskurse voraussetzen. Also geht es nicht mehr um Bedingungen der Möglichkeit von Naturerkenntnis, sondern um positives Wissen. Doch von welcher Natur kann in solchen Aussagen ernsthaft die Rede sein? Und wie bringt sie ein Philosoph zum Sprechen, der kein Naturwissenschaftler ist?

Das anstehende Beweisprogramm ist absehbar: Türcke müsste, in seiner eigenen Theoriesprache gesprochen, das Etwas vorweisen, das allen Konstruktionen vorgängig ist, da sie definitionsgemäß stets „Konstruktionen von etwas“ sind. Doch bringt ihn dieses Pensum in Schwierigkeiten, zumindest wenn weiterhin stimmen soll, besagtes Etwas, im ersten Teil des Buches als „Ding an sich“ kategorisiert, sei für Menschen „unerkennbar“.

Diese nicht unerhebliche Komplikation sucht Türcke durch einen Kompromiss zu beseitigen. Da er nicht als Advokat einer Natur auftreten kann, deren Verfassung sich nach seiner eigenen Auffassung humaner Erkenntnis entzieht, zwingt ihn die epistemologische Notlage dazu, für eine Logik indirekter Repräsentation von Natur zu votieren. Also schaut er sich nach Phänomenen um, in denen sich Natur menschlicher Erfahrung als eigenständige Kraft aufnötigt. Was Türcke im Sinn hat, sind die zahllosen empirischen Vorkommnisse im Zeitalter der verschärften ökologischen Krise, also Ereignisse wie Sturmfluten, Wirbelstürme, Hitzewellen etc. pp., die etwas bezeugen, das er als den „Eigensinn“ von Natur verstanden wissen will. So betritt Natur nun doch wieder die Bühne. Erfahrbar wird sie nach Türckes favorisierter Beschreibung in der Rolle einer unbezwingbaren Widersacherin. Ihren Status als wirkmächtiges Subjekt gewinnt sie als eine eigensinnige Macht zurück, die sich gegen die Ein- und Übergriffe technischer Naturbeherrschung zur Wehr setzt.

Genau besehen interpretiert Türcke diese Natur protomythisch als Nemesis. Für normale Wissenschaft, die kausal-explanatorisch verfährt, mag sie ungreifbar sein. Doch drängt sie sich der nichtszientifischen Erfahrung in der Lebenswelt als eine Gewalt auf, die sich an denen rächt, die notorisch ihre Kapazitätsgrenzen überschreiten. Wer für machbar hält, was sich eigener Verfügung entzieht, bekommt es mit ihrer Widerständigkeit zu tun. Auch wenn sie kein Gesicht besitzt, ist sie an der Renitenz ihrer gewöhnlich katastrophischen Einsprüche (wieder-)erkennbar.

Türckes Behauptung ist weder evident noch originell. Kurzerhand hat er der Natur als Nemesis das Vermögen attestiert, Botschaften zu versenden, die uns Lektionen erteilen. Allerdings dürfte der geradezu archaische Topos, den Türckes ganz und gar unkantianische Naturphilosophie zum Einsatz bringt, für ältere Semester den Vorzug besitzen, einen Typ generalisierender Zivilisations- und Kulturkritik zu aktualisieren, der ihnen noch aus Adornos und Horkheimers Dialektik der Aufklärung geläufig ist. Im Lichte dieser Reminiszenz ist zulässig, das falsche Bewusstsein, an dessen Kritik sich Türcke abarbeitet, für eine Gestalt instrumenteller Vernunft zu halten. Gerade dieser Vernunft hatten Horkheimer und Adorno attestiert, kein anderes als das durch Naturbeherrschung geprägte Verhältnis zur Wirklichkeit zuzulassen. Instrumentelle Vernunft sperrt sich, mit Türcke gesprochen, gegen den „Eigensinn“ von Gegebenheiten, die nur noch unter der Optik ihrer Verfügbarmachung zur Kenntnis genommen werden. Freilich stellt sich die Frage, ob die Wiederverzauberung eines Natursubjekts, das in Türckes Deutung die Freundlichkeit hat, vor den Folgen ungezügelter Naturbeherrschung zu warnen, tatsächlich für Abhilfe sorgt. Was würde es für eine technisch-naturwissenschaftliche Zivilisation denn praktisch bedeuten, einen vernünftigen, wiewohl nichtinstrumentellen Umgang mit Unverfügbarkeit einzuüben? Konservative Stimmen würden ja meinen, Religion überlebe in der säkularisierten Moderne gerade deshalb, weil sie den Gläubigen gestatte, die Erfahrung irreduzibler Unverfügbarkeit in rationale Lebensführungen einzubinden.

IV.

Dass sich Natur eigensinnig zur Geltung bringt, ist für Türckes Verständnis eine Beobachtung, die noch eine weitere Generalisierung rechtfertigt. So stellt er die These auf, die Begegnung mit Widerständigkeit sei überhaupt der Modus menschlicher Wirklichkeitserfahrung. Damit schließt er an Überlegungen der älteren philosophischen Anthropologie und der Phänomenologie an, greift aber auch ein Motiv auf, das für die Psychoanalyse, insbesondere in Freuds Metapsychologie, von Bedeutung war. Türcke bedient sich mit anderen Worten bei Schulen philosophischer Spekulation, die sich gegenwärtig neuer Aufmerksamkeit erfreuen, weil sie gestatten, konstruktivistische Positionen innerhalb der Sozial-, Geschichts- und Kulturwissenschaften infrage zu stellen. Es ist bemerkenswert, wie unumwunden solche vormals als induktive Metaphysiken entweder geadelte oder verschriene Theorieentwürfe momentan rehabilitiert werden. Man will zurück „zu den Sachen selbst“, wie es bei Husserl hieß, und des Realen endlich wieder habhaft werden. Auch wenn Türcke solche aktuellen Tendenzen – sei es in der Fassung eines ausdrücklich antihistorischen, spekulativen Realismus oder eines sich selbst als „neu“ apostrophierenden Materialismus – in seinem Essay nicht ausdrücklich erwähnt, ist sein Anliegen deren prinzipiellem Impetus verwandt. Dass „Gender“ kein Produkt einer Konstruktion sein kann, die autonom oder kreativ verfährt, soll ja mit Hinweis auf eine Realität eingeschärft werden, welche die Subjekte auch und gerade in ihren Selbstverhältnissen als Widerstand erfahren.

Von dieser widerständigen Realität sucht Türcke in einer historischen Anthropologie Zeugnis abzulegen, deren großes Thema die Menschwerdung der Gattung ist. Auf der Folie einer revidierten Triebtheorie Freud’scher Herkunft entwickelt er seine Vorstellungen davon, wie die Evolution der menschlichen Spezies vonstattengegangen sei. Ihr Zentrum bildet eine Ritualtheorie, aus der heraus Türcke eine Naturgeschichte der menschlichen Sexualität entfaltet. Ihren Ausgang nimmt sie von der Annahme, lebensbedrohliche Widerstandserfahrungen hätten die Selbsterhaltung der Hominiden derart nachhaltig gefährdet, dass ein „traumatischer Wiederholungszwang“ ausgelöst worden sei: „Das Traumatisierende auf eigene Faust so lange wiederholen, bis das Erschütternde erträglich, das Unfaßliche faßlich, das Ungeheure vertraut wird: das ist der Impuls des traumatischen Wiederholungszwangs, der zunächst kaum mehr als ein Reflex gewesen sein dürfte, ehe er sich – über Jahrtausende hinweg – zu Opferritualen kultivierte.“ (S. 137)

Im nächsten Schritt vertritt Türckes anthropologische Erzählung dann die Überzeugung, dieser „Ritualvollzug“ habe „das gesamte Hominidenverhalten in seinen Bann“ gezogen, will heißen: „auch auf die Sexualität“ übergegriffen. Dass Opferrituale eine Sexualität überformen, die als „Kopulation“ bis dahin „nie mehr gewesen“ war „als gemeinsamer Spannungsabbau zwischen zwei Lebewesen gleicher Art“, bezeichnet für Türcke eine äußerst folgenreiche Entwicklung. Sie sei als Kultivierung der Sexualität zu verstehen. Diese Kultivierung drängte sich freilich „erst jenen Hominidenkollektiven auf, die dazu übergegangen waren, die furchtbaren Heimsuchungen der Natur, an denen sie laborierten, durch Wiederholung in Eigenregie nachzubearbeiten, indem sie in Schüben über ausgewählte Hordengenossen herfielen, ähnlich wie die Naturgewalt über sie hergefallen war“ (S. 138).

Die Vermenschlichung von Sexualität beginnt nach Türckes Dafürhalten also damit, dass sich Opferhandlungen, die seiner Hypothese zufolge kollektive Tötungsrituale waren, sexuelle Energien zunutze machen. Dadurch verändern sich Funktion wie Charakter der Sexualität grundlegend. Nun geht es nicht mehr um Spannungsabbau, sondern umgekehrt darum, sexuelle Energie zu intensivieren und umzusteuern, damit Unheil abgewehrt werden kann. Den vermuteten Tatbestand, dass Sexualität die rituelle Tötung von Menschen animiert, bezeichnet Türcke als „Sexualexzeß“. Weil Sexualität im kollektiven Taumel des gemeinsam exekutierten Opfers „ekstatisch“ wird, kann sie sich, so Türcke, „spezifisch menschlich“ ausformen (S. 139). Humanisierung der Sexualität besagt dementsprechend, dass sie sich in Libido verwandelt. Es ist diese Metamorphose, die kraft der Opferrituale in Gang kommt und sich in deren kollektiver Wiederholung verstetigt: „Die das Opfer vollziehen, begehen eine Bluttat, um verschont zu werden. Im Sexualexzeß hingegen, so roh er anfangs auch verlaufen sein mag, verschonen sie einander tatsächlich. Der verschonende, schonungsvolle Umgang miteinander aber ist nichts Geringeres als die Urform von Liebe: das Bedachtsein auf die Unversehrtheit des anderen.“ (S. 139 f.) In der Quintessenz seiner Anthropologie kommt Türcke zu dem Schluss, die Liebe sei „nicht freiwillig“ entstanden: „Sie ist aus der Natur buchstäblich hervorgetrieben worden.“ (S. 140)

Einerseits konstatiert er damit, die Liebe sei unnatürlich, nämlich das kulturelle Produkt einer gattungsgeschichtlichen Evolution. Die Phylogenese wird durch Ritualhandlungen angetrieben, deren Funktion darin besteht, die Natur auf Abstand zu bringen Diese Praktiken humanisieren die Sexualität, indem Abweichungen vom ursprünglichen Triebziel „der Kopulation mit gegengeschlechtlichen Artgenossen“ (S. 143) eingeübt werden. „Andererseits sind besagte Abweichungen“, wie Türcke im Gegenzug unterstreicht, „lediglich geringfügige Umleitungen, Sublimierungen, Verkehrungen einer archaischen Naturkraft, die auch durch menschliche Formung nicht einfach ihre heterosexuelle Drift verliert. Diese Drift gehört zum Eigensinn der Natur.“ (S. 149).

V.

Halten wir fest, worauf Türckes gattungsgeschichtliche Spekulationen hinauslaufen. Zwar räumt er – gut konstruktivistisch, könnte man meinen – ein, die Sexualität habe kulturell zugerichtet werden müssen, um überhaupt menschliche Sexualität, das heißt für ihn „Liebe“, werden zu können. Gleichwohl besteht er im selben Atemzug darauf, dass das, was da im Handlungsraum prähistorischer Ritualpraktiken, also keineswegs durch die Kraft irgendwelcher Diskurse, überformt werde, „eine Millionen Jahre alte Naturkraft, nicht eine konturlose Knetmasse“ sei (ebd.). Und konturlos ist diese Naturkraft nicht, weil ihr Eigensinn – jedenfalls denen, die ihn dank Türckes induktiver Metaphysik der Geschlechtsliebe zu entziffern wissen – zu verstehen gibt, eine für menschliche Sexualität schlechterdings konstitutive „heterosexuelle Drift“ sei am Werk. Deshalb reicht Türcke jetzt nur noch ein letzter Schuss Biologie, um dem Konstruktivismus in Sachen Geschlechtsidentität das Wasser abzugraben: „In jene Spannung zueinander, die man Sexualdrang nennt, sind gleichartige Organismen nicht durch einen patriarchalen Diskurs versetzt worden, sondern durch gegensätzliche Keimzellen und Hormone, die man bis heute schlecht anders denn als weiblich und männlich bezeichnen kann.“ (ebd.)

Dass angesichts dieser Thesen einschränkende Vorkehrungen nötig sind, weiß ein Philosoph, der sich weder den Vorwurf einhandeln möchte, einen kruden Naturalismus zu vertreten, noch der Homophobie überführt werden will. Also beeilt sich der Autor einzugestehen, dass sich die Entstehung der „heterosexuellen Naturdrift“ (S. 162) „menschlicher Einsicht“ entziehe, „so offenkundig sie als Bedingung der Fortpflanzung auch ist“ (S. 149). Ist das aber der Fall, stellt sich die Frage, was wir eigentlich wissen, wenn wir aufgrund von Türckes kühnen Mutmaßungen davon auszugehen haben, menschliche Sexualität sei insofern hybrid, als sie eine kulturelle Konstruktion ist, deren Substrat eine Naturkraft darstellt, die – wissenschaftlich unerklärlich – heterosexuelle Objektbeziehungen favorisiere.

Außerdem verbittet sich Türcke, dem die Fragwürdigkeit des sogenannten naturalistischen Fehlschlusses vor Augen steht, aus dem von ihm behaupteten Sein der Natur womöglich ein normatives Sollen zu deduzieren. Er fände sich zweifelsohne missverstanden, wollte man die von ihm identifizierte „heterosexuelle Drift“ mit moralischer Autorität ausstatten. Vielmehr betont er, sie sei „keine Norm“, hält im Nachsatz jedoch fest, „aber nach wir vor, normal‘, wenn dieses Wort im Sinne von Häufigkeit genommen wird. Bei der großen Mehrheit der Weltbevölkerung dominieren heterosexuelle Strebungen.“ (S. 149) So gefasst ist tatsächlich nicht Natur normgebend, sondern Statistik. Dann aber fragt sich, ob deren epistemische Autorität weniger harmlos ist, wenn Heteronormativität nach empirischen Gründen für ihre Standards sucht. Weshalb Türcke mit dem Appell nachsetzt, „eine Spezies, die selbst eine verschwindende Minderheit war, als ihr die Abweichung vom Naturtrieb gelang“, habe „umso mehr Anlaß, unter ihren Artgenossen wiederum jene Artgenossen zu respektieren, die von der sexuellen Ausrichtung der Mehrheit abweichen“ (ebd.) Am Ende sind es nun doch präsumptive Fakten aus der Gattungsgeschichte, die in Türckes Argumentation die motivationale Letztbegründung dafür liefern, sexueller Devianz mit Respekt zu begegnen.

VI.

Türckes Essay beabsichtigt, wie wir gesehen haben, eine „Naturverleugnung“ zu korrigieren, die er dem Konstruktivismus anlastet, der die Kreativität und Macht von Diskursen überschätzt. Nun lässt sich, nach einer Einsicht, die wir der Psychoanalyse verdanken, nur verleugnen, was zuvor, in wie vager Gestalt auch immer, bewusst gewesen ist. Nachdem Türcke die Geschlechterspannung in der biologischen Differenz von Mann und Frau fundiert und ihr ein Natursubstrat zugesprochen hat, das heterosexuelle Drift besitzt, sollte für seine Begriffe einsichtig geworden sein, was der Machbarkeitswahn verleugnet, das heißt nur im paradoxen Modus einer Nichtanerkennung zur Kenntnis nimmt. Aufgrund dieser kognitiven Verzerrung verdient er, als falsches Bewusstsein, ja als Wahn, kritisiert zu werden.

Die Kritik richtet sich bei Türcke gegen eine konstruktivistische De-Naturalisierung von Selbst- und Sozialverhältnissen, sodass ihm schlichte Logik diktiert, für eine Re-Naturalisierung dieser Verhältnisse plädieren zu müssen. Das Plädoyer führt ihn auf zwei unterschiedliche Schauplätze, den der Politik und den der Therapie.

Politisch führt Türcke als Ideologiekritiker ins Feld, es seien die „Konditionen des mikroelektronischen Kapitalismus“, zu denen der „queere Diversitätsbegriff tickt“ (S. 169). Seit zwei Jahrhunderten präge die Entwicklung des Kapitalismus, weil ihm „gleichgültig ist, welchen Geschlechts die Arbeitskraft ist“, eine „doppelte Vergleichgültigungstendenz – hin zur Gleichstellung wie zur Indifferenz der Geschlechter“ (S. 172). Solange die Arbeitskraft „die gewünschte Leistung erbringt, ist es gewöhnlich egal, ob ihr Träger Mann, Frau oder etwas Drittes ist“ (ebd.). Dass „die kapitalistische Produktionsweise seit ihren Anfängen eine antibinäre Drift hat“, hält Türcke dementsprechend für eine kapitalistische Gesellschaften eingeschriebene historische Dynamik. Doch hat der „queere Gestus des radikalen Widerstands gegen die binäre Verfaßtheit der kapitalistischen Gesellschaft“ (S. 171) nach seinem Urteil verabsäumt, dieser Bewegungsrichtung jüngerer Gesellschaftsgeschichte Rechnung zu tragen. Also fußt er, wie Türckes Einschätzung nahelegt, auf einem Selbstmissverständnis. Die queere Opposition wähnt sich im Aufstand gegen einen Geist, dessen Geschäft sie in Wahrheit mitbetreibt. Im Umkehrschluss, der an Türckes Zeitdiagnostik mitschreibt, ohne ausformuliert zu werden, müsste sich der wohlverstandene Antikapitalismus also für die Re-Naturalisierung der Geschlechterverhältnisse stark machen. Er müsste sich einen Anti-Antibinarismus auf die Fahnen schreiben, will heißen: dem Geist des Konstruktivismus völlig abschwören.

Dieselbe Gegenbewegung verlangen für Türckes Wahrnehmung genderpolitische Bestrebungen im Feld aktueller Gesetzgebung. Auch dort besteht Anlass zu der Sorge, der „je eigene Naturfundus von Mann und Frau“ werde in Zukunft „nicht mehr in Betracht“ kommen (S. 169). Auch wenn das deutsche Transsexuellengesetz weiterhin einen Eintrag zum Geschlecht im Personenstandsregister verlangt, forderten die „Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen und andere Initiativen [...] bereits die Abschaffung des Begutachtungsverfahrens“, was in der Konsequenz bedeute, dass zukünftig „für die Geschlechtsidentität nur noch ein Kriterium“ zählt: „das Zugehörigkeitsempfinden. Wie ich mich definiere, wie ich mich spüre, so bin ich.“ (S. 171) Geschlechtsbestimmung erfolge damit, so Türcke, „nach Fichtes Modell der Selbstsetzung des Ichs“ (ebd.), womit sich „der radikale (De-)Konstruktivismus“ einmal mehr „als Kreationismus“ erweise, der jetzt „Gesetzeskraft bekommt und zur Staatsdoktrin tendiert“ (ebd.).

Die Behauptung, dass irgendein Konstruktivismus durch eine etwaige Revision gesetzlicher Regelungen des Personenstands zur geschlechterpolitischen Staatsdoktrin avanciere, ist fraglos eine Übertreibung. Doch selbst wenn man konzediert, engagierte Zeitkritik könne schlecht auf Übertreibungen verzichten, bewegt sich Türckes Polemik auf dünnem Eis. Wie könnte einem Rechtszustand sachhaltig widersprochen werden, der die Wahl des Geschlechts in das Ermessen von Rechtssubjekten stellt, die mit dieser Entscheidung ihr subjektives Grundrecht auf Selbstbestimmung in Anspruch nehmen? Wenn Türcke meint, Gesetzgebung müsse eine Situation verhindern, in der geschlechtliche Identität „durch keine Naturbasis mehr definiert“ wird (S. 170), hätte er überzeugend darzulegen, wie eine Legislative sicherstellt, dass „der je eigene Naturfundus von Mann und Frau“ (S. 169) in Betracht kommt, ohne das Recht auf Selbstbestimmung empfindlich einzuschränken, das heißt zu verletzten.

Um Missverständnissen einen Riegel vorzuschieben und den Verdacht zu entkräften, er trete womöglich als reaktionärer Advokat einer patriarchalen Geschlechterordnung auf, gibt Türcke zu Protokoll, es sei „vorbehaltlos“ anzuerkennen, „daß es Menschen gibt, die sich unter männlich und weiblich nicht subsumieren lassen; niemand ist zu nötigen, sich sexuell zu vereindeutigen, sei es durch Operationen, Medikament, Zuweisung oder persönliche Erklärung“ (S. 166). Gut liberal unterzeichnet er damit die freiheitlich-demokratische Geschlechtergrundordnung, wobei er betont, „daß nicht jeder Vereindeutungswunsch, den Betroffene äußern, aus verinnerlichtem hetero-normativem Erwartungszwang kommt“ (ebd.). Ihm liegt daran, sichergestellt zu wissen, dass „zwischen sozialem und physischem Druck“ differenziert wird, sei doch nicht jeder Fall von Geschlechtsumwandlung „automatisch unter Vollstreckung sozialer Zwänge zu verbuchen“ (S.167).

Schließlich antizipiert der kritische Theoretiker sogar die Utopie einer „von allen körperlichen und seelischen Gebrechen befreiten, mit ihren Lebensbedingungen versöhnten Menschheit“, die „weder eine Verwaltungsapparatur noch Einträge von Geschlechtszugehörigkeiten in ein Personenstandsregister nötig hätte; vielmehr würde sie die natürlichen und kulturellen Abweichungen von ihrer heterosexuellen Regelmäßigkeit als einen Spielraum einvernehmlicher erotischer Selbstentfaltung unbürokratisch nutzen“ (S. 169). Doch, heißt es anschließend, „so weit sind wir noch nicht“ (ebd.). Solange dies Reich sexueller Freiheit auf sich warten lässt, die Menschheit also weiterhin unversöhnt mit sich ist, da all die Gebrechen fortexistieren, die zu behandeln sind, bedarf es, wenn wir Türckes Beurteilung des Status quo recht verstehen, weiterhin sowohl einer Bürokratie, die sich der aufkommenden Vereindeutigungswünsche annimmt, als auch und nicht zuletzt therapeutischer Intervention. Weil realistischerweise anzuerkennen ist, dass sich die Pathologien nicht von selber beseitigen, stehen „Psychotherapeuten“, wie Türcke es sieht, „vor einer schweren Unterscheidungsaufgabe“ (S. 211). Sie müssen entscheiden, wann „Gender-Dysphorie“, also das subjektive Unbehagen daran, in einem falschen Körper zu stecken, ein „hysteroider Notanker“ ist, „den man dem Patienten erst einmal erhalten muß, ehe man ihn dazu bringt, seine seelische Gemengelage so durchzuarbeiten, daß er des Ankers nicht mehr bedarf“; oder entscheiden, wann „ein derart intensives Leiden“ vorliegt, „daß ihr anders als durch physische Geschlechtsumwandlung kaum Linderung widerfahren kann“ (ebd.). Dass sich diese ernstzunehmende und schwer zu bewältigende Aufgabe stellt, ist freilich nur dann unbestreitbar, wenn man Türckes Diagnose akzeptiert, Irritationen bezüglich der eigenen Geschlechtsidentität seien generell als (psycho-)pathologische Phänomene zu klassifizieren. Sie erhebt die Psychotherapie zur Herrin der Verfahren, womit alle Politik in Sachen Geschlecht abdankt, um therapeutischer Expertise das Feld zu überlassen. Letztlich ist der Machbarkeitswahn als notwendig falsches Bewusstsein gar nicht zu kritisieren, vielmehr ist er – der Name, auf den Türcke diese irregeleitete Gestalt des Bewusstseins tauft, hatte es bereits verraten – wie eine Krankheit zu behandeln. Nur eine Kur vermag seine unberatenen Opfer noch zu retten.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.

Kategorien: Gender Kapitalismus / Postkapitalismus Körper Kritische Theorie Philosophie

Martin Bauer

Martin Bauer, M.A., ist Philosoph, Literatur- und Religionswissenschaftler. Er arbeitet als Redakteur der Zeitschrift Mittelweg 36 sowie des Portals Soziopolis am Hamburger Institut für Sozialforschung und ist Redaktionsmitglied der Zeitschrift für Ideengeschichte.

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