Rainer Schützeichel | Literaturessay |

Social Ontology, naturalized

Literaturessay zu „Social Change in a Material World” von Theodore R. Schatzki

Theodore R. Schatzki:
Social Change in a Material World
Großbritannien / USA
London / New York 2019: Routledge
xiv, 214 S., £ 34,99 (Paperback)
ISBN 978-0-367-14453-1

Die Monografie beginnt mit einer einfachen programmatischen Festlegung: Sein Buch, so der an den Universitäten von Kentucky und Lancaster lehrende Soziologe und Geograf Theodore Schatzki, sei ein Buch über social change. Diese Feststellung kommt so lapidar daher, dass man ihren herausfordernden Charakter schnell überliest. Es geht in diesem Buch nicht um diesen oder jenen sozialen Wandel, nicht um diese oder jene Transformationen und Veränderungen, auch nicht, wie man angesichts des Titels vermuten könnte, um sozialen Wandel angesichts der spezifischen Materialitäten und materialen Bedingtheiten der sozialen Welt, sondern es geht um sozialen Wandel schlechthin. Nur selten wurde in jüngeren Jahren ein derart grundsätzliches und umfassendes Unterfangen in Angriff genommen. Dass hier eine Abhandlung mit prinzipiellen Prätentionen vorliegt, wird zudem durch die Folgebemerkung unterstrichen, es handele sich um eine Übung in philosophical social theory, die mit den Aufgaben einer Explikation und Klärung ontologischer Grundlagen befasst sei.

Theoretische und methodische Vorbemerkungen

Was aber hat es mit diesen Grundlagen auf sich? Schatzkis Ausführungen kann man keine explizite Bestimmung der Aufgaben und Funktionen sozialontologischer Analysen entnehmen. Die sich während der letzten Jahrzehnte vornehmlich im Rahmen der Wissenschaftstheorie und der Sozialphilosophie, aber auch in der Soziologie, den Politikwissenschaften und der Ökonomie etablierende social ontology ist ein Forschungsprogramm,[1] das in seinen Konturen und Funktionen und insbesondere in seinem Verhältnis zu den empirischen Wissenschaften bisher kaum reflektiert wurde. Von daher kann hier nur die persönliche Einschätzung des Rezensenten dargelegt werden: Die social ontology befasst sich mit einer ontologischen Analyse der sozialen Welt. Sie fragt, mit welchen ontologischen Kategorien die Konstitution der sozialen Welt und ihre Eigenschaften beschrieben werden können. Ebenso ungeklärt ist das Verhältnis von Ontologie, Sozialtheorie und empirisch-materialen Analysen. Auch hierüber gibt Schatzki keine explizite Auskunft. Es könnte sein, dass er die von ihm betriebene philosophical social theory als eine bloße Spielart von Sozialtheorie betrachtet, also als eine Sozialtheorie, die zwar fakultativ mit ontologischen Tiefen- und empirischen Probebohrungen arbeitet, aber dennoch den Charakter einer flat theory zu wahren bemüht ist. Der Aufbau des Buches, welches in den ersten Kapiteln ontologische Analysen, dann methodologische Überlegungen und schließlich methodische Explikationen und Exemplifikationen beinhaltet, lässt jedoch auch die Vermutung zu, dass Schatzki von spezifischen Begründungsverhältnissen zwischen diesen Theorieebenen ausgeht.

Da den Beurteilungen des Rezensenten sein eigenes Verständnis von den Aufgaben sozialontologischer Analysen zugrunde liegt, sei dieses zunächst kurz erläutert. Sozialontologie ist mitnichten eine weitere Version von Sozialtheorie, also eines hoch generalisierten Ansatzes mit universalistischen Ansprüchen; ebenso wenig handelt es sich um eine Version von soziologischer Theorie als einer spezifischen Theorie sozialer Phänomene. Sozialontologische Analysen haben es mit den ontological commitments von Sozialtheorie oder von soziologischen Theorien zu tun.[2] Es geht ihnen, mit anderen Worten, um eine Analyse derjenigen ontologischen Kategorien, die – in einer supponierten oder impliziten Weise – in sozialtheoretischen Analysen oder soziologischen Theorien und Befunden als existent vorausgesetzt werden. Sozialontologische Analysen sind keine lässlichen Untersuchungen. Wie jede wissenschaftliche, so ist auch jede soziologische Aussage mit ontologischen Präsuppositionen verbunden. In jüngerer Zeit hat das im Rahmen der allgemeinen Wissenschaftstheorie zu einem konzentrierten Aufbau einer Metaphysics of Science geführt, und auch in Bezug auf die Sozialwissenschaften haben sich entsprechende Forschungsprogramme herausgebildet. Im Gegensatz zu älteren Projekten – man denke beispielsweise an die in vielerlei Hinsicht unerreichten phänomenologischen Anstrengungen zum Aufbau „regionaler Ontologien“ – kann jedoch mit heutigen sozialontologischen Analysen keine axiomatische Fundierungsfunktion verbunden werden. Wissenschaftliche Aussagen können nur empirisch fundiert werden. Ontologische Analysen haben demgegenüber eine Begründungs- und Rechtfertigungsfunktion innerhalb der jeweiligen Wissenschaft. Sie explizieren und reflektieren die ontological commitments und die mit diesen verbundenen methodological commitments. Damit legen sie in ontologischer Hinsicht die analytischen Opportunitäten und Restriktionen wissenschaftlicher Theoriebildung fest. Und sie haben, dieses Mal aus der Sicht materialer Analysen betrachtet, eine damit korrespondierende Funktion, nämlich die Adäquanz, Kohärenz und Konsistenz, also die Diskriminationsfähigkeit eines Begriffsrahmens für die Analyse materialer, empirischer Tatbestände zu prüfen oder gar zu verbessern. Dieser Anspruch wird auch von Schatzki anerkannt, wenn er schreibt, dass „(t)he ultimate criterion for the adequacy of theory and theoretical concepts is their usefulness in empirical analysis“ (S. 18). Hieraus erwächst nun ein Set an Beurteilungskriterien für die von Schatzki vorgelegte sozialontologische Analyse: Ist sie in der Lage, die eigenen sozialtheoretischen und materialen Analysen, hier also diejenigen zum sozialen Wandel, begründen zu können? Kann sie in ihrer Sprache das reformulieren, was in der Theorie sozialer Praktiken (als Sozialtheorie) formuliert wird? Und erlaubt sie eine reichhaltige materiale Analyse?

Schatzkis Monografie kombiniert (sozial-)ontologische, methodologische und methodisch angeleitete materiale Analysen, wobei letztere jedoch eher den Charakter exemplarischer Demonstrationen haben. Auf der sozialontologischen Ebene geht es um die Analyse der Kategorien sozialer Entitäten, die Wandel ermöglichen oder in denen sich sozialer Wandel vollzieht; auf der methodologischen Ebene wird die Frage verhandelt, ob und wie sozialer Wandel erklärt werden kann; und in methodischer Hinsicht geht es um die Präsentation des Instruments der overviews als eines Mittels, einfache Prozessverläufe und komplexen Wandel auf eine mit einer flat ontology kompatible Art und Weise zu demonstrieren.

Dass eine Theorie sozialen Wandels solch einer komplexen sozialtheoretischen Einbettung bedarf, erklärt sich aus dem originären Forschungsprogramm, welches Schatzki seit vielen Jahren verfolgt. Er ordnet es bekanntermaßen jener Theorienfamilie zu, die von den einen als Theorie sozialer Praktiken, von anderen kurz und mitunter missverständlich als Praxistheorie bezeichnet wird.[3] Diese Theorienfamilie verfolgt eine Programmatik, die über ihren engeren philosophischen und sozialtheoretischen Kern hinaus in weite interdisziplinäre Gefilde ausstrahlt und in den letzten Dekaden erheblich an Popularität und Resonanz gewonnen hat, die aber trotzdem (oder gerade deshalb) immer wieder um Konsolidierungen und Selbstbeschreibungen bemüht ist. Auch Schatzki ist um Selbstvergewisserung bemüht und versucht, seine Programmatik in vier Thesen zu fixieren (S. 3 f.): (1) Die soziale Welt setze sich aus Praktiken (mit und in ihren materialen Kontexten und Arrangements) zusammen; (2) diese seien miteinander in bundles, nexuses und weiteren Konstellationen verbunden; (3) soziale Phänomene, die doings and sayings, seien Aspekte von Praktiken oder in solchen verwurzelt; und schließlich gründeten (4) Aktivitäten und/oder Handlungen in einem impliziten, nicht- oder vorreflexiven background eines Sets von Regeln, eines praktischen Könnens oder eines praktischen Bewusstseins.

Es wird deutlich, dass diese vier Thesen zwar in der Lage sind, gewisse konzeptionelle Rahmungen vorzunehmen, dass sie aber auch das Spielfeld für erhebliche begriffliche und theoretische Varianzen bilden. Dies gilt insbesondere für das Konzept der „Praktik“ selbst. Während Schatzki innerhalb der Theorienfamilie etliche Divergenzen konstatiert, will es dem geneigten Rezensenten erscheinen, dass selbst der Anspruch auf „Familienähnlichkeit“ häufig (über-)strapaziert wird, weshalb sich ihm die Frage aufdrängt, ob dem Terminus überhaupt bestimmte Kriterien und Begriffe zugrunde liegen. Doch zurück zum Buch.

Schatzki, der stets um analytische Klarheit und begriffliche Distinktheit bemüht war und ist,[4] darf als einer der einflussreichsten Exponenten der Theorie sozialer Praktiken gelten, dessen Theorieunternehmen innerhalb des Feldes jedoch eine singuläre Position für sich reklamieren kann. Im Unterschied zu einer Vielzahl anderer praxissoziologischer Ansätze, deren Ausgangspunkt und analytischer Fokus eher in einer Kritik handlungs- wie strukturtheoretischer Engführungen liegt – die sich also vor allem mit der vierten der oben skizzierten Thesen auseinandersetzen –, ist Schatzkis Unternehmen seinem Selbstverständnis nach ein ontologisches. Zwar behandelt auch er in seinen Arbeiten durchaus traditionelle Probleme der soziologischen Theorie, doch ist er stets bemüht, diesen nicht nur eine neue, sondern vor allem eine explizit ausgewiesene ontologische Grundlegung zu geben. Viele seiner ontologisch ansetzenden Arbeiten machen Schatzki zu einem innovativen Gesprächspartner der gegenwärtigen Sozialtheorie und soziologischen Theorie.[5]

Im Zentrum seines Forschungsprogramms steht der Versuch, die fundamentalen Kategorien der Gegebenheiten sozialer Welten zu bestimmen. Die Prämissen dieses Versuchs sind in einer sozialen Ontologie zu sehen, die Schatzki als eine site-ontology bestimmt, in welcher nach dem Muster von Teil-Ganzes-Ontologien die Kontexte von Akten als Verwirklichungsinstanzen dieser Akte betrachtet werden. Das Ziel dieses Unternehmens wird mit dem Terminus einer flat ontology bezeichnet, also einer Ontologie, die – im Gegensatz zu den laut Schatzki in Soziologie und Sozialtheorie vorherrschenden Ontologien – auf vertikale Hierarchien beziehungsweise stratified ontologies verzichten will. Hierin kann nach Auffassung des Rezensenten das wichtigste Leitmotiv von Schatzkis Sozialontologie gesehen werden: Man könnte von einem ‚salvare apparentias’ in sozialontologischer Absicht sprechen, einer (ontologischen) Rettung der sozialen Phänomene, die jeglichem ontologischen und (daraus resultierendem) methodologischen Epiphänomenalismus und Reduktionismus nach unten oder oben widerstehen sollen. Deshalb die Absage an die Engführung ontologischer Kategorien und ihre internen Reduktionen und sein Plädoyer für eine multi-category ontology (S. 12 f.); deshalb die Rehabilitierung von Aristoteles (S.118) und die methodologisch bedeutsame Absage an Erklärungsprogramme, die mit Gesetzen, Generalisierungen, Mechanismen und überhaupt einem engen (neuzeitlichen) Kausalitätsverständnis arbeiten; und deshalb auch die methodisch auffällige Sympathie für overviews, die es erlauben, die Spannbreite dessen, was sich an Erklärungen profiliert, zur Geltung kommen zu lassen. Der lateralen, anti-reduktionistischen flat ontology korrespondiert also methodologisch die Favorisierung einer anti-reduktionistischen Erklärungslogik.[6]

Die vor allem in der Praxissoziologie diskutierte Frage, wieviel Intentionalität denn erlaubt sei, wird von Schatzki eindeutig beantwortet: So viel Intentionalität (im reduzierten, handlungstheoretischen, nicht im phänomenologischen Sinne) wie möglich, jedoch in den Akten und Formen von Aktivitäten, wie sie in Praktiken realisiert werden können.[7] In diesem Sinne heißt es denn auch eingangs kategorisch: „The present book takes even more seriously the idea that practices, or rather, bundles of practices and material arrangements, are effects of activity: such bundles, it argues, largely come about through chains of activity.” (S. ix). Das bedeutet aber auch: Aktivitäten, Performanzen und Handlungen sind etwas, was Akteuren widerfährt (S. 80).[8]

Von anderen praxistheoretischen Positionen unterscheidet sich Schatzkis Ansatz durch die Art und Weise, in der er die Differenz zu traditionellen soziologischen Positionen markiert. Diese verortet er weder im Modus des Agierens oder Handelns (wie man mit den Habitus-Traditionen der Praxissoziologie formulieren könnte), noch in der Frage nach den Regeln oder Lebensformen (wie man mit den Wittgenstein- oder ethnomethodologischen Traditionen formulieren könnte), und auch nicht im Hinblick auf die Vorgegebenheit oder Zuhandenheit der Dinge (wie man in den Heidegger-Traditionen formulieren würde), sondern im Hinblick darauf, wie und in welchen und durch welche Relationen Phänomene eine soziale Realität konstituieren – also ontologisch. Das ist der Grund für die schrittweisen Erweiterungen von actions auf practices, bundles of practices und plenum of bundles, sodann auf deren räumliche und zeitliche Assoziationen und Dissoziationen und eben in jüngerer Zeit auf die material world.

Diese Extension bildet das entscheidende Motiv für Schatzkis Auseinandersetzung mit der Problematik des sozialen Wandels, die ihm zufolge im Forschungsprogramm der sozialen Praktiken nach wie vor ein Desiderat bildet. Von daher kann die Beschäftigung mit der Problematik des sozialen Wandels durchaus als ein weiterer Arrondierungsversuch betrachtet werden. Liest man das Buch auf diese Weise, dann adressiert Schatzki mit Social Change in a Material World nicht in erster Linie die sozialtheoretische beziehungsweise soziologische Fachgemeinschaft, sondern die eigene Theorie. Aus dem Bemühen um Selbstverständigung erklärt sich auch Schatzkis Präferenz für analytische Definitionen als bevorzugtes Stilmittel des Buches: Konzepte erläutern sich wechselseitig und werden in neue semantische Netzwerke eingegliedert, ein häufig redundantes Verfahren, welches nur deshalb nicht ermüdend ist, weil sich mit der Größe dieses Netzwerkes Filiationen, Nuancierungen und Überraschungen einschleichen, die mitunter hohe Anforderungen an Prinzipien einer wohlwollenden Interpretation stellen.

Eine derart grundsätzlich prätendierte Abhandlung verlangt nach einer grundsätzlichen Auseinandersetzung und Kritik. Der Rezensent übergeht daher eine Reihe kleinerer, ihm nicht nachvollziehbarer Punkte, die durchaus auch begrenzten Lesekapazitäten geschuldet sein können, um stattdessen zwei grundsätzliche Bedenken vorzubringen: Eines in Bezug auf die sozialontologische Positionierung und eines in Bezug auf die Theorie sozialen Wandels. Zuvor aber sollen in groben Zügen die grundlegenden Positionen des vorliegenden Buches skizziert werden.

Ein anspruchsvolles Programm – mit Lücken

In den ersten Kapiteln stellt Schatzki die zentralen Elemente seiner sozialen Ontologie vor – activities, actions, chains of activities and actions, practices, bundles of practices, the practice plenum. Dabei ist positiv hervorzuheben, dass Schatzki sich auch mit temporalontologischen Sachverhalten auseinandersetzt, mit Ereignissen und Prozessen, Okkurrenten und Kontinuanten. Eine klärende Erörterung dieser ontologischen Optionen ist nicht nur für Prozesssoziologien im engeren Sinne, sondern für jede soziologische Theorie sozialer Prozesse von eminenter Bedeutung. Schatzki zufolge treten Prozesse in der sozialen Welt in zwei Formen auf, zum einen als Rescher-Prozesse, also als Nexus kontinuierender Ereignisse, und zum anderen als Bergson-Prozesse, also als Entwicklung oder Entfaltung von Potenzialen. Abbott-Prozesse, also Sequenzen von punktualistischen Ereignissen, betrachtet er hingegen skeptisch. Zudem findet sich in den ontologischen Bestimmungen auch eine Zweiteilung, die als eine notwendige angenommen werden muss, wenn man von sozialem Wandel sprechen will. Auf der einen Seite finden sich activities und actions sowie deren Verkettungen (bei denen es sich wohl um Rescher-Prozesse handelt), auf der anderen Seite Praktiken und deren Bündel. Um eine Zweiteilung handelt es sich insofern, als Schatzki nur den Entitäten der ersten Gruppe das Merkmal der Ereignishaftigkeit zuspricht, denjenigen der zweiten Gruppe hingegen nicht. Man muss das deshalb so vorsichtig formulieren, weil die ontologische Unterbestimmtheit von Praktiken und bundles of practices ein notorisches Grundproblem von Schatzkis Theorie darstellt. Einerseits findet sich auch bei ihm die bekannte Aussage, dass Praktiken organized actions seien und bundles of practices (Verbindungen zu der mereologischen bundle-theory von Objekten scheinen hier nicht gegeben zu sein) werden neben Konstellationen oder Komplexe von Praktiken gestellt und mitunter sogar als timespaces betrachtet; andererseits behauptet Schatzki, dass Praktiken sich nicht wiederholen könnten, sondern sich ausdehnten (S. 172). Schon die Formel von Praktiken als organized actions setzt ein ontologisches commitment auf Regeln voraus, die sich schlichtweg nicht als Ereignis begreifen lassen. Wie aber sind Regeln ontologisch einzuordnen – als Universalien, als Abstrakta, als Tropen, als states of affairs, als Relationen? Es ist diese Unterbestimmtheit, die den Leserinnen und Lesern eine erhebliche hermeneutische Last aufbürdet und einiges an Interpretationsarbeit abverlangt.

Weshalb muss Schatzki notwendigerweise eine andere ontologische Kategorie als diejenige des Ereignisses bemühen? Nun, Ereignisse können sich nicht wandeln. Das ist der Grund, weshalb nahezu alle soziologischen wie geschichtswissenschaftlichen Theorien eben eine zweite Kategorie annehmen, die häufig mit dem Verlegenheitsterminus der „Struktur“ bezeichnet wird, was auch immer nun darunter zu verstehen ist. Die Dualität von Ereignis und Struktur ist diejenige, die zum Kernbestand des analytical frame of reference entsprechender Analysen gehört.[9] Das ist bei Schatzki nicht anders. Von daher erhalten Praktiken unter der Hand durchaus bestimmte strukturelle Eigenschaften, die aber eben ontologisch unterbestimmt sind, was für die Mehrzahl der Ansätze kein Problem darstellt, wohl aber für solche, die – wie Schatzkis – einen hohen Wert auf eine Bestimmung ihrer ontological commitments legen.

Was aber ist nun Wandel? Um von Wandel sprechen zu können, muss man Differenzen und Identitäten unterstellen – etwas geht aufgrund eines Ereignisses in einen anderen Zustand über oder etwas entfaltet sich zu etwas anderem. Diese Prozesse des Übergangs beziehungsweise der Entfaltung können, je nachdem, als zwei- oder dreizügige Phasensequenz beschrieben werden, in der man eben etwas temporal als ein Ereignis in einer supponierten Kontinuität von etwas anderem bestimmen kann. Genau an dieser Stelle (S. 6) führt Schatzki beiläufig eine ontologische Kategorie ein, die es erlaubt, diese Dualität zum Ausdruck zu bringen. Er spricht von states of affairs, was nun aber Abstimmungsprobleme mit seinen Beschreibungen von Handlungen nach sich zieht. Auch eine an dieser Stelle häufig gewählte Option,[10] beide in ein asymmetrisches Verhältnis der Supervenienz zu setzen, ist ihm aufgrund der flat ontology verwehrt. Doch wie dem auch sei – das Verhältnis von Praktiken, activities und actions ist ein neuralgisches Problem, da Schatzki eben diese Dualität voraussetzt. Entsprechend vollzieht sich seinen Ausführungen zufolge der Wandel in der Form von Differenzen beziehungsweise Veränderungen in der Komposition (der Bündel oder der Nexus) von Praktiken: „Social change consists in significant configurations of differences in bundles.” (S. 79). Damit ist die Strukturebene angesprochen. Auf der Ereignisebene finden sich activities oder chains of actions einerseits, material practices oder material arrangements andererseits. „Boiled down to its basics, the central kind of event bound up with social change is human activity“ (S. 80), wobei die mit den menschlichen Aktivitäten verbundenen Materialitäten (die physikalischen und biologischen Prozesse, die Körper und Leiber, die Artefakte und Ökologien) stets involviert sind. Man erfährt in diesem Buch nicht viel über materiale Arrangements, eigentlich nur, dass Materialitäten soziale Prozesse und sozialen Wandel tragen, prägen, gestalten und modizifieren können. Sie scheinen keine konstituierende, sondern eher eine gewisse Schleusenfunktion zu haben. Schatzki geht es in seinem Buch vornehmlich um den Nachweis, dass „material things, events, and processes are crucial components of the action chains through which social life evolves” (S. 109). Ontologisch präzisiert wird diese Aussage durch die Feststellung, dass die materiale Welt kein Substratum der sozialen Welt darstellt.[11]

Sozialer Wandel lässt sich also näherungsweise bestimmen als jede Form von Veränderung in der Existenzweise oder Komposition von Praktiken. Schatzki konzeptualisiert sozialen Wandel mithin entlang der Schiene Strukturverifikation – Strukturabweichung. Er resultiert aus Ereignissen (Aktivitäten, Handlungen), die sich auf der Ebene der Praktiken dergestalt realisieren, dass bestimmte states of affairs (pratices, bundles of practices, arrangements) fortgeführt werden oder eben nicht (S. 101). Was diese grundsätzliche Theorieentscheidung angeht, weicht Schatzki also nicht von dem Mainstream soziologischer Theorien sozialen Wandels ab. Auch ist sich Schatzki natürlich des Umstands gewiss, dass jede Aktualisierung von Ereignissen (zumindest in minimaler Form) Varianzen und Differenzen hervorbringt, die aber nur in den seltensten Fällen tiefgreifenden Wandel (im Sinne von Strukturtransformationen) bewirken, sondern meist toleriert oder übersehen werden.

Man muss sich jedoch fragen, ob dieser Differenzmechanismus nicht einer Ausweitung und Präzisierung bedarf. Reicht es, Prozessverläufe allein kausal zu beschreiben oder müssen sie nicht auch funktional beschrieben werden können? Die Erzeugung von Differenzen in Aktivitäts- oder Handlungsketten und deren strukturelle Selektion in Praktiken und Arrangements bleibt nicht ohne Folgen für die bundles of practices, an denen sich entscheidet, ob übernommene Differenzen nun ein weiteres Mal übernommen werden oder nicht. Anders, nämlich systemtheoretisch gesagt: Die Selektion von etwas als einer Variation ist stets mit der Problematik der Selektion dieser Selektion sowie mit der Herausforderung einer Stabilisierung der übernommenen Selektionen verbunden. Natürlich liegen all diesen turning points die Differenzen von Strukturannahme oder Strukturablehnung, von Prozesskontinuität und Prozessdiskontinuität zugrunde, aber es stehen, so kann man Schatzki gegenüber argumentieren, in der sozialen Welt doch stets mehr als nur zwei Kategorien der Varianzproduktion und -reproduktion in einem funktionalen Zusammenhang. Schatzki geht in seinen Erläuterungen auch durchaus auf solche Sachverhalte ein – beispielsweise in seinen interessanten Ausführungen über die uneven forms of change (S. 102 ff.) –, aber seine Kategorienbildung hält damit nicht Schritt. Auch wenn Schatzki ein entsprechendes Modell von Variation, Selektion und Retention ablehnt (S. 166), weisen seine deskriptiven Erläuterungen und Exemplifikationen doch auf ebensolche Funktionsverkettungen hin.

Nun ist auf soziologischem Terrain jede Deskription sozialen Wandels mit einem explanativen Anspruch verbunden. Das ist auch bei Schatzki der Fall. Entsprechend ist ein mit den ontological commitments kohärenter methodologischer Rahmen zu entwerfen. Die Frage nach den ontologischen Prämissen lässt nicht allzu viele Antworten zu. Der Rekurs auf Ereignisse legt Kausalität nahe, die sich bekanntermaßen allein auf der Basis von Ereignissen realisieren kann. Die flat ontology verbietet aber jegliche Regularitätstheorie von Kausalität. Auch erhebt Schatzki Einwände gegen die in jüngerer Zeit prominent diskutierten interventionistischen Theorien à la Woodward. Was bleibt, ist ein Kausalitätsverständnis, welches für die Erklärung von Veränderungen beziehungsweise die Realisierung von Zuständen im Sinne der Unterstellung von Responsibilität tauglich ist. Schatzki nennt sie leading-to or inducing sort of causality (S. 83) und bringt sie insbesondere in Zusammenhang mit der causa finalis aristotelischer Provenienz. So metaphorisch auch immer diese Art von Kausalität bestimmt wird – es wird doch deutlich, welche Anforderungen an sie zu stellen sind: Es handelt sich um eine Form, die (1) die Formulierung singulärer Kausalaussagen erlauben und die (2) antireduktionistisch der Komplexität des sozialen Geschehens gerecht werden muss. (Gewisse Affinitäten zu systemtheoretischen Überlegungen hinsichtlich einer Kontingenzkausalität sind durchaus zu bemerken.) In methodischer Hinsicht bedeutet das: Erklärungen sozialen Wandels sind nach Schatzki historische Deskriptionen (S. 122) oder Analysen, die im Rahmen der Präsentation angemessener overviews die für das Eintreten bestimmter Entwicklungen verantwortlichen Ereignisse und Zustände benennen können. Overviews werden von Schatzki als eine Art übersichtliche Kartierungen verschränkter Prozessverläufe präsentiert, die zwar durchaus in einzelnen Partien auf generalisierende Aussagen zurückgreifen können, aber in ihrer Gesamtheit eben die komplexen und kontingenten Verschränkungen von Sequenzen abstrahierend rekonstruieren müssen, die zu bestimmten outcomes führen. Historische Erklärungen sind nach Schatzki nicht deckungsgleich mit narrativen Erklärungen, da nicht alle Prozessverläufe eine narrativ replizierbare Form aufweisen.[12] Die explanative Triftigkeit solcher overviews demonstriert Schatzki mit Hilfe zweier seiner bevorzugten Beispiele, der Bourbon-Industrie in Wisconsin und der Entwicklung der Game-Industrie.

Kritische Anmerkungen

Kommen wir nun abschließend zu den beiden oben erwähnten grundsätzlichen Kritikpunkten: Die erste Stellungnahme betrifft das sozialontologische Fundament. Im Gegensatz zu den meisten gegenwärtig diskutierten Positionen, die – und das kommt in der soziologischen Problemformel „Sinn“ zum Ausdruck – die Konstitutionsproblematik sozialer Phänomene in den Mittelpunkt stellen und deshalb im Fundament ihrer Sozialontologie solche Funktionen wie Funktionszuschreibung, Beobachtung, Beschreibung, Performanz, Interpretation oder eben Sinn und Bedeutung verankern, ist die von Schatzki entworfene soziale Ontologie gleichsam naturalistisch angelegt: Die sozialen Phänomene und Objekte sind gegeben und es bedarf eben nur der richtigen Beschreibung in einer geeigneten, zentralen Perspektive, um diese zuzuordnen. Schatzkis Sozialontologie beobachtet nicht konstitutive oder konstituierte Phänomene, sondern sich vollziehende Abläufe. Dieser quasi-naturalistischen Haltung korrespondiert eine gewisse Ignoranz gegenüber der Sozialität der sozialen Welt. Die soziale Welt ist zwar laut Schatzki voll von Aktivitäten und Performanzen, also von doings und sayings, aber in der von ihm konzeptualisierten Form ereignen sich diese nur und stellen nichts her, stiften keinen „sinnhaften Aufbau der sozialen Welt“ (Alfred Schütz) und erst recht keine bedeutungsvolle Lebensform. Schatzki verweist darauf – und diese Argumentation gehört zu den starken Partien seiner Arbeit –, dass die Faktizität der Prozessualität der sozialen Welt in der Mitproduktion von Differenzen begründet ist, die sich in und durch jedes Ereignis herstellt und – mit William Sewell oder auch mit Charles Tilly formuliert – unter besonderen Umständen aus kleinen Ereignissen in der Gestalt von Strukturtransformationen große Ereignisse werden lässt oder – mit Luhmann gesprochen – zu einer Selektion von Selektivität führt. Wie aber konstituieren sich Differenzen?

Es fehlt in dieser Sozialontologie schlichtweg ein Mechanismus, der es ermöglicht, die Partitur dieser Welt zum Klingen zu bringen, der es erlaubt, aus Differenzen Differenzen zu machen und die Welt des Gegebenen in eine Welt des Als-etwas-Gegebenem zu überführen. Es fehlt mithin ein Mechanismus, der es ermöglicht, aus Aktivitäten doings und sayings, also Handlungen werden zu lassen, aus Körpern Ego, Alteri und Tertii, Gegenstände und Sachverhalte zu verobjektivieren und all diese Phänomene mit Modalitäten auszustatten und somit eben mit Regeln. Obwohl sich Schatzki jüngst ausführlicher mit dem Verhältnis von Phänomenologie und Praxistheorie befasst und dieses sogar als einen Pas de deux charakterisiert hat,[13] fehlen seiner sozialen Welt die Phänomene. Aus Sicht der Theorie sozialer Praktiken mag man dem entgegenhalten, dass dieses ontological commitment schon durch das oben in der vierten These eingeführte Kriterium des backgrounds verbürgt sei, welcher eben nicht nur Sinn generiere, sondern auch Intersubjektivität impliziere. Beides muss jedoch in Zweifel gezogen werden, und zwar, wenn man so will, wegen eines Mangels an Praxis. Man kann durchaus mit John Rawls, dessen Argumentation maßgeblich die regelfundierte Version von Praxistheorie vorbereitet hat, der Meinung sein, dass Praktiken (konstitutions-)logisch Handlungen vorausgehen, weil movements, wie Rawls sie nennt,[14] erst im Kontext von Praktiken als diese oder jene Handlung qualifizierbar sind und Praktiken deshalb eine konstitutive Voraussetzung für den Vollzug von Handlungen sind. Aber diese Voraussetzungen müssen in der Sozialontologie repräsentiert werden, man kann sich nicht schlichtweg auf Gegebenes berufen. Als konstitutive Regeln und damit als soziales Phänomen sind Praktiken erst dann identifizierbar, wenn Abweichungen erlaubt, also Differenzen beobachtbar sind. Praktiken haben als Praktiken einen normativen Charakter. Und in welchen Praktiken eine Handlung engagiert ist, ist keine Sache der Praktik, sondern eine Sache der Praxis, in diesem Fall der Interpretation. Es besteht diesbezüglich, wie bei allen sozialen Phänomenen, keine Autorität der ersten Person. Dass activities als Instantiierungen von Praktiken oder als konstitutive Elemente von Praktiken betrachtet werden, macht ihre Sache in der Praxis selbst ja nicht einfacher. Ihre Bestimmbarkeit als Handlungen hat keine finiten, sondern infinite Zuschreibungen zur Folge. Handlungen sind so wenig auf distinkte Praktiken rückführbar wie sie auf soziale Konstellationen oder soziale Systeme reduzierbar sind. Eine Theorie sozialer Praktiken macht deshalb auch traditionelle Handlungstheorien nicht obsolet, im Gegenteil. Auch die anderen Fraktionen der Praxissoziologie, die eine anti-repräsentationalistische Fundierung von Tätigkeiten in Leibintentionalitäten oder Skills findet, übersieht, dass Handlungen, zumindest soziale Handlungen, zwar in solchen generiert, aber nicht in ihrem Sinn durch solche individuiert werden. Eine Ontologie der sozialen Welt muss also Sorge tragen, Konstellationen der wechselseitigen Bestimmbarkeit zu integrieren, die weit anspruchsvoller sind als das, was Schatzki ereignisontologisch und kausaltheoretisch voraussetzt. Koordinations- und Bestimmbarkeitsprobleme lassen sich nicht kausal lösen, vielmehr ist es gerade ihre Kausalität (im Sinne Schatzkis), die ihre Bestimmbarkeit zu einem beherrschenden Problem der sozialen Welt macht. In der Schatzki-Welt, so die Kritik des Rezensenten, liegt gleichsam das Inventar schon vor und man muss es in einer richtigen, zentralen Perspektive nur noch richtig zuordnen. Wie aber konstituiert sich die soziale Welt als eine soziale Welt?

Diese Frage führt zu einem zweiten Punkt. Dass die Schatzki-Welt in gewisser Weise eine sinn-lose oder sogar sinn-averse Welt ist, macht auf eine korrespondierende Leerstelle aufmerksam: ihre fehlende interne Differenzierung im Hinblick auf ihre Sozialdimension. Praktiken werden zwar als sozial geteilte und koordinierte eingeführt, dass sie aber nicht nur Voraussetzung, sondern auch Resultat perspektivenrelativer Bestimmungen sind, wird in dieser Ontologie nicht verankert. Kurz und gut, es fehlt in dieser sozialen Ontologie ein Mechanismus, der die soziale Welt nicht in ihrer scheinbaren ontischen Gegenständlichkeit aufgehen lässt, sondern sie in ihren Sinndimensionen konstituiert, ein Mechanismus, wie zum Beispiel derjenige der Triangulation, der nach Donald Davidson die soziale Welt erst in ihren intersubjektiven Perspektiven und objektiven Gehalten bestimmt.[15]

Dass eine soziale Ontologie einen solchen sinn- und interpretationsgenerierenden Mechanismus aufweisen muss, sei an einem Problem verdeutlicht. Schatzki arbeitet mit der Trias von activities, actions und practices, wobei aber dem Rezensenten unklar bleibt, ob eine Differenz von activities und actions beabsichtigt ist und, wenn ja, wie diese Abgrenzung denn vorgenommen wird. Man hat den Eindruck, dass sie Stufen einer immanenten Steigerungsform bilden, die in einer Zunahme an sozialen wie materialen Strukturierungen wie durch Kopplungen herbeigeführten Realisationspotenzialen für Aktivitäten bestehen und welche schließlich in Praktiken als organized actions resultieren.[16] Würde man in dieser Ontologie über einen Mechanismus nach Art von Davidsons Triangulationen verfügen, so wäre man ausgerüstet, in Praktiken fundierte Handlungen als Realabstraktionen, als eine mögliche Form der Beobachtung von Praktiken zu begreifen. Wenn man so will, dann repräsentieren Theorien sozialer Praktiken und ‚klassische‘ Handlungstheorien (bis hin zu Rational Choice) unterschiedliche Perspektiven, die in der Praxis in jedem sozialen Akt immer mitgeführt werden, nämlich als eine in Praktiken fundierte Handlung, die die Praktiken anderer als eine Handlung beobachten und individuieren muss, wenn sie sich an diesen orientieren will, und damit als eine Praktik in Rechnung stellen muss, dass sie als eine Handlung beobachtet wird.

Wenn hier zudem von einem Mechanismus die Rede ist, so durchaus in dem von Schatzki kritisierten Sinne,[17] dass es sich um Konstellationen von funktionalen Bedingungskonstellationen handelt. Dass Schatzki die Annahme teilt, soziale Prozesse erhielten ihre Form allein durch die von ihm diagnostizierte, ereignisbasierte inducing form of causality und nicht im Kontext von funktional aufeinander bezogenen Bedingungskonstellationen, die den Kausalitäten erst ihre Richtung weisen, gehört ebenfalls zu den nicht unproblematischen Prämissen seiner Theorie.

Dieser Aspekt leitet über zu einer weiteren Anfrage an Schatzkis Sozialtheorie beziehungsweise seine Konzeption sozialen Wandels: Sozialer Wandel vollzieht sich Schatzki zufolge in der Modifikation der Bündelung von Praktiken. Dies ist das, was sich im ontologischen Rahmen seiner Theorie konzeptualisieren lässt. Dabei fallen aber zwei Dimensionen unter den Tisch, ohne die sich sozialer Wandel von einer soziologischen Warte aus kaum thematisieren lässt. So führt die ontologische Grammatik auf der sozialtheoretischen Ebene zu Verkürzungen, die ihrerseits wiederum eine hinreichende Konzeptualisierung sozialen Wandels verhindern. Beide Desiderata resultieren daraus, dass Schatzkis Ontologie den vorstehend genannten Mechanismus nicht aufweist. Dass sich sozialer Wandel nicht allein im Rahmen von Faktizitäten ereignet, sondern auch im Rahmen von Beschreibungen-von-etwas-als-etwas (und damit von Objektivitäten und den diesen inhärenten Modalitäten), spielt erstaunlicherweise in dieser Konzeption gar keine Rolle. Ähnlich unterbestimmt bleibt das Personal, welches die chains of actions vollzieht. Die Berücksichtigung sozialer Ungleichheit in ihren verschiedenen Dimensionen, welche doch wohl von Seiten der Soziologie als ein entscheidendes Movens sozialen Wandels zu betrachten ist, scheint nicht vorgesehen. Um nicht missverstanden zu werden: Es wird hier nicht behauptet, dass soziale Phänomene wie etwa discourses, understandings und rules sowie interaction, dialogue, exchange, governance, and haphardeness“ (S. 92) von Schatzki ausgeklammert würden. Der Einwand lautet vielmehr, dass das von ihm entworfene ontologische Gerüst zu wenig elaboriert ist, um diese Phänomene theoretisch angemessen reformulieren zu können.

Wie ist Social Change in a Material World nun also abschließend zu beurteilen? Es lassen sich erhebliche Dissonanzen zwischen den Ebenen der ontologischen Theorie, der sozialtheoretischen Konzeptionen und der materialen Analyse feststellen. Das liegt weniger daran, dass die ontologischen Kategorien in den späteren Partien nicht oder nur implizit verhandelt werden, sondern eher daran, dass nicht wenige der späteren Analysen ontologisch nur unzureichend bestimmt sind. Die ontologischen Bestimmungen sind zu schmal und zu vage, um die sozialtheoretischen Konzepte und die materialen Befunde tragen zu können. Daran schließt sich ein zweiter Kritikpunkt an, der darin besteht, dass die ontologischen Explikationen nur wenig dazu beitragen, den analytischen Blick auf die Gegenstände zu schärfen. Eingedenk von Schatzkis Selbstbeschreibung, es handele sich um eine Übung in philosophical social theory, sollte man jedoch die Ansprüche an das Buch auch nicht überstrapazieren. Sein großes Verdienst ist nicht in seinen Antworten, sondern in seinen programmatischen Anregungen zu sehen.

  1. Brian Epstein, Art. „Social Ontology”, in: The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Summer 2018 Edition), edited by Edward N. Zalta.
  2. Grundlegend dazu Willard Van Orman Quine, On What There Is, in: The Review of Metaphysics 2 (1948), 5, S. 21–38, hier S. 31 ff.
  3. Einen sehr guten Überblick bietet nach wie vor Joseph Rouse, Practice Theory, in: Stephen P. Turner / Mark W. Risjord (Hg.), Handbook of the Philosophy of Science. Philosophy of Anthropology and Sociology, Amsterdam 2007, S. 639–681.
  4. Das belegt unter anderem seine jüngste Auseinandersetzung mit Stephen Turner, einem der schärfsten Kritiker der Theorie sozialer Praktiken. Vgl. Theodore Schatzki, What is an Account of Practices? in: Christopher Adair-Totell (Hg.), Stephen Turner and the Philosophy of the Social, Leiden 2021, S. 71–89.
  5. Ich verweise an dieser Stelle nur auf die folgenden Arbeiten aus Schatzkis umfangreichem Œuvre: Theodore R. Schatzki, Social Causality, in: Inquiry 31 (1988), 2, S. 151–170; ders., The Nature of Social Reality, in: Philosophy and Phenomenological Research 49 (1988), 2, S. 239–260; ders., Do Social Structures Govern Action?, in: Peter A. French et al. (Hg.), Midwest Studies in Philosophy, Vol. XV: Philosophy of the Human Sciences, Notre Dame, IN 1990, S. 280–295; ders., Practices and Actions, in: Philosophy of the Social Sciences 27 (1997), 3, S. 283–308; ders., Practice Mind-ed Orders, in: ders. / Karin Knorr-Cetina / Eike von Savigny (Hg.), The Practice Turn in Contemporary Theory, London 2001, S. 42–55; ders., A New Societist Social Ontology, in: Philosophy of the Social Sciences 33 (2003), 2, S. 174–202; ders., Materiality and Social Life, in: Nature and Culture 5 (2010), 2, S. 123–149; ders., Where the Action Is? (On Large Social Phenomena such as Sociotechnical Regimes). Sustainable Practices Research Group, Working Paper 1, 2011; ders., Pas de deux: Practice Theory and Phenomenology, in: Phänomenologie und Praxistheorie, hrsg. von Thomas Bedorf / Selin Gerlek, Hamburg 2017 (=Phänomenologische Forschungen 2/2017), S. 25–40; ders., Sayings, Texts, and Discursive Formations, in: Allison Hui / Theodore Schatzki / Elizabeth Shove (Hg.), The Nexus of Practices. Connections, Constellations, Practitioners, New York 2017, S. 126–140; ders., On Plural Actions, in: Anders Buch / Theodore R. Schatzki (Hg.), Questions of Practice in Philosophy and Social Theory, London 2019, S. 49–64; ders., Social Change in a Material World. A Précis, in: Susann Schäfer / Jonathan Everts (Hg.), Handbuch Praktiken und Raum. Humangeographie nach dem Practice Turn, Bielefeld 2019, S. 77–92.
  6. Es kann und muss aber auch vermerkt werden, dass diese Form einer site und flat ontology durchaus kollaterale Probleme aufweist. Was kann der von Schatzki häufig bemühte Ausdruck der „Konstitution“ in diesem Kontext noch bedeuten, was die Aussage, dass bestimmte Dinge aspects oder slices von anderen Dingen sind? Was hält die Phänomene oder Entitäten zusammen? Schatzki zufolge ist es causality, doch setzt er dabei ein Kausalitätsverständnis voraus, welches gleichsam keinen Wunsch offenlässt.
  7. Siehe hierzu auch Schatzki, Practice Mind-ed Orders.
  8. Ausführlich dazu Schatzki, Materiality and Social Life.
  9. Vgl. Rainer Greshoff / Georg Kneer (Hg.), Struktur und Ereignis in theorievergleichender Perspektive, Wiesbaden 1999.
  10. Vgl. Julie Zahle, Holism and Supervenience, in Turner/Risjord (Hg.): Handbook of the Philosophy of Science. Philosophy of Anthropology and Sociology, Amsterdam 2007, S. 311–341.
  11. Ausführlichere Erörterungen finden sich u. a. in Schatzki, Materiality and Social Life; ders., Social Change in a Material World.
  12. Vgl. Theodore Schatzki, The Temporality of Teleology. Against the Narrativity of Action, in: Burt Hopkins / Steven Crowell (Hg.), New Yearbook for Phenomenology and Phenomenological Philosophy V, Seattle, WA, S. 123–142.
  13. Vgl. Theodore Schatzki, Pas de deux: Practice Theory and Phenomenology.
  14. Siehe John Rawls, Two Concepts of Rules, in: Philosophical Review 64 (1955), 1, S. 3–32.
  15. Vgl. hierzu die Beiträge in Donald Davidson, Subjektiv, intersubjektiv, objektiv, übers. von Joachim Schulte, Berlin 2013.
  16. Sally Haslanger bezeichnet Praktiken treffender als socially organized agency, was ja durchaus etwas anderes ist. Vgl. Sally Haslanger, What Is a Social Practice?, in: Metaphysics, hrsg. von Anthony O’Hear (=The Royal Institute of Philosophy Supplement 82), 2018, S. 231–247.
  17. Peter Machamer / Lindley Darden / Carl F. Craver, Thinking about Mechanisms, in: Philosophy of Science 67 (2000), 1, S. 1–25.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.

Kategorien: Epistemologien Handlungstheorie Methoden / Forschung Sozialer Wandel

Rainer Schützeichel

Rainer Schützeichel ist Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld. Seine Arbeitsgebiete sind soziologische Theorie, historische Soziologie und Wirtschaftssoziologie. Er ist geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift für Soziologie und Ko-Herausgeber der Zeitschrift für Theoretische Soziologie.

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