Tobias Schädel | Rezension |

Sozialwissenschaftliche Expertendämmerung

Rezension zu „Umstrittene Expertise. Zur Wissensproblematik der Politik“ von Sebastian Büttner und Thomas Laux (Hg.)

Sebastian Büttner / Thomas Laux (Hg.):
Umstrittene Expertise. Zur Wissensproblematik der Politik
Deutschland
Baden-Baden 2021: Nomos
494 S., 99,00 EUR
ISBN 978-3-8487-8284-0

Die routiniert vorgetragene und in eine Unmenge von sprachlichen Formeln gegossene ‚Verwobenheit‘ der Sozialwissenschaften mit den Gegenständen, die sie beschreiben, tritt bei kaum einer anderen Gelegenheit so deutlich in Erscheinung, wie wenn die Disziplin ihren Blick auf die normativen Aporien der Geltung wissenschaftlichen Wissens für politische Entscheidungen in demokratisch verfassten Gesellschaften richtet. Die Untersuchung und Kommentierung letztlich wohl unauflösbarer Spannungen zwischen den konkurrierenden Autoritäten eines epistemisch-elitären und demokratisch-kollektiven Wahrheitsanspruchs ist, wie die Herausgeber des fast 500 Seiten starken Sammelbandes Zur Wissensproblematik der Politik hervorheben, nicht nur ein „Evergreen“ der modernen Sozialwissenschaften, sondern auch Ausdruck einer Kontroverse, die sich bis in die europäische Antike und die ihrerseits mit ihr ‚verwobene‘ Philosophie zurückverfolgen lässt (S. 17). Mit dem Fokus auf den gesellschaftlichen Status von Expert:innen, die Spezifika der ihnen eigenen, in unterschiedlichen Kontexten ausgeübten epistemischen Autorität sowie die Produktions- und Zirkulationsbedingungen des durch sie transportierten Wissens (Expertise) greift der vorliegende Band, der aus der 2020 veranstalteten Jahrestagung der DGS-Sektion Politische Soziologie hervorgegangen ist, eine gegenwärtig hochbrisante und vielfach diskutierte Variation dieser Thematik auf. Insgesamt 21 Einzelbeiträge, die sieben Themenblöcken sowie einem über die ursprüngliche Veranstaltung hinausgehenden „Corona-Forum“ zugeordnet sind, erkunden die zahlreichen gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen, Konfliktpotenziale und Paradoxien, die sich um die so streitbare Legitimität epistemisch privilegierter Sprecherpositionen entfalten.[1] Der nüchterne wie sachliche Ton, der einer wissenschaftlichen Fachpublikation eignet, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier letztlich ein Bündel von Zugängen zur politischen Soziologie der Wissensgesellschaft vorliegt, die wissenschaftliches Wissen einerseits als einen zentralen Orientierungspunkt vernunftgeleiteter Politik affirmieren, es andererseits aber auch als ideologische Stütze fragwürdiger Herrschaftspraktiken zu dekonstruieren vermögen.

Die eingangs erwähnte Verwobenheit bringen die beiden Herausgeber Sebastian M. Büttner und Thomas Laux in ihrer kompetent ausgearbeiteten, einleitenden Darstellung des sozialwissenschaftlichen Forschungs- und Debattenstandes zum Themenkomplex Umstrittene Expertise auf den Punkt, wenn sie die traditionell kritische Grundhaltung der (vor allem deutschen) Sozialwissenschaften gegenüber Macht und Einfluss von Expert:innen auf das politisch-administrative System als „durchaus fundamental und weitreichend“ (S. 18) bezeichnen. Diese skeptisch-kritische Grundausrichtung scheint jedoch gegenwärtig vor dem Hintergrund eines „dediziert anti-wissenschaftlichen und anti-intellektuellen“ Populismus einer normativen Reorientierung zu weichen, in der „nicht mehr ein Zuviel an Expertenwissen oder eine demokratietheoretisch problematische Hegemonie“ von Expert:innen, sondern „die Durchsetzung einer neuen Logik der öffentlichen Erregung und einer ‚Politik der Gefühle‘“ fokussiert wird (S. 19), die einen Verfall der epistemischen Autorität von Expert:innen zur Folge hat. Die schwankende Konjunktur der Akzeptanz von und des Vertrauens in Expertise scheint neben ihrer klassischerweise in der Tradition der Differenzierungstheorie scharfgestellten Verortung zwischen wissenschaftlichen und politischen System- und Selektionslogiken sowie den daraus resultierenden Auseinandersetzungen über die Frage, welche Wissensbestände wie und von wem für politische Entscheidungen aufgearbeitet werden, nun auch vermehrt von auf politischer Ebene ausgetragenen, kulturellen „Identitätskonflikten“ überlagert zu werden (S. 32). Der Sammelband bietet dank der Vielfältigkeit der in ihm versammelten Perspektiven eine herausragende Gelegenheit, die normativ aufgeladene, gesellschaftliche Verwobenheit der Sozialwissenschaften zwischen ihrer Kritik am ‚postdemokratischen‘ und ihrem Grauen vor dem ‚postfaktischen‘ Zeitalter exemplarisch zu beobachten.

Den Anfang macht Roland Czada mit seiner aufschlussreichen Aufarbeitung des bundesrepublikanischen Technokratiediskurses, den er historisch bis in die Zeit der Weimarer Republik und des Kulturpessimismus um Oswald Spengler zurückverfolgt, um von dort ausgehend eine Linie hin zu den gegenwärtigen Debatten um Klimapolitik, Digitalisierung, Bio- und KI-Technologie zu ziehen. In der stark feuilletonistisch geprägten Diskurslandschaft trete im Vergleich zu anderen westlichen Gesellschaften in Deutschland eine „merkwürdig ambivalente Haltung zum wissenschaftlich-technischen Fortschritt“ (S. 44) zu Tage, die zwischen den Polen eines postmodernen Zweifels hinsichtlich epistemologischer Gewissheit einerseits und einer modernistischen Euphorie in Bezug auf die technisch-wissenschaftliche Beherrschung von Natur und Gesellschaft andererseits oszilliere. Im Zuge des aufkommenden Trends zur Gegenexpertise habe es beispielsweise in den 1980er-Jahren einen „radikalen Umschwung“ vom Machbarkeitsoptimismus der 1970er-Jahre und seinem „Glauben an politisch neutrale Fachexpertise […] in eine von Furcht vor Technikversagen und Katastrophenangst geprägte Gegenwelt“ (S. 56) gegeben, die auch an der Wahrnehmung und Bewertung der Expert:innenrolle nicht spurlos vorübergegangen sei. Angesichts der angestrebten Energiewende und der dafür notwendigen Neuausrichtung der Klimapolitik könnte es Czada zufolge durchaus sein, dass der dominierende Tenor wieder in Richtung eines technologieaffinen Planungsoptimismus umschlägt – und zwar gerade in jenen Milieus, die, von der Lektüre der Beck’schen Risikogesellschaft geprägt, bis vor Kurzem noch die Trägerschicht des Technikpessimismus waren, nun aber in freudiger Erwartung einer „Ökomoderne“ (ebd.) entgegenfiebern. Die Stärke des Beitrages, der aufgrund seiner thematischen Breite stellenweise etwas mäandernd daherkommt, liegt nach Meinung des Rezensenten im Aufzeigen medial induzierter Moralisierungswellen, die die dominierenden Perzeptionen von Technik, Wissenschaft und legitimer Expertise prägen. Auf diese Weise bringen sie die bis heute wirksamen „Diskurskapriolen“ eines ideologisch verherrlichten Sachzwangs und einer (kultur-)pessimistischen Fundamentalkritik hervor, die ihrerseits – vermittelt durch eine affizierte Öffentlichkeit – Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen können.

Die Thematisierung der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre und der mit ihnen assoziierte, massive Aufschwung von ‚Gegenexpertise‘ in Deutschland und anderen Ländern zieht sich wie ein roter Faden durch die Beiträge des Bandes, die beinahe alle auf die ein oder andere Weise auf dieses durchaus politische Ereignis rekurrieren. Als äußerst lesenswert erweist sich in diesem Zusammenhang der Einzelbeitrag von Thomas Laux, der aufzeigt, wie „soziale Bewegungen, vor allem zu umwelt- und energiepolitischen Fragen, vermehrt selbst zu Produzierenden von (Gegen-) Expertisen“ (S. 269) und damit zugleich zu historisch bedeutsamen Akteuren der seither zu beobachtenden Popularisierung, Pluralisierung und vor allem Politisierung von Expertenwissen wurden. Der Aufbau wissenschaftlich fundierter und problemlösungsorientierter Expertise erlaube es sozialen Bewegungen neben einer aus dem Protest generierten kommunikativen Macht zum Agenda Setting (vgl. S. 272 f.) auch, durch die Anrufung ‚der Wissenschaft‘ symbolische Machtressourcen zu generieren, mittels derer sie Zugang zu zentralen Schaltstellen der Politik erhalten (S. 275). Zu den von Laux identifizierten Handlungskontexten („Gelegenheitsstrukturen“), die zum Aufbau einer außerhalb des politischen Zentrums angesiedelten, autonomen Expertisenproduktion geführt haben, zählen die vielfältigen „Öffnungen des politischen Zentrums“ für die Zivilgesellschaft (S. 277), die generelle „Verwissenschaftlichung der Politik“ (S. 278) sowie eine zunehmende Relevanz der Umwelt- und Klimakrise in der Gesellschaft (S. 279) – allesamt Phänomene, die maßgeblich durch die Umwelt- und Anti-Atomkraftbewegungen mithervorgebracht wurden. Auf diese Weise hätten soziale Bewegungen zur „Entstehung eines zunehmend eigenständigen Feldes der Expertise“ (S. 282) beigetragen, welches etwa in Form von Think Tanks, Forschungsinstituten und Stiftungen „an der Schnittstelle zwischen Politik, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft“ angesiedelt ist (S. 238). Durch die von ihnen hervorgebrachte Expertisenkonkurrenz zum politischen Zentrum forciert diese zweite Diskursmacht allerdings auch die Politisierung von Expertise als solcher, die ihre „orientierungsstiftende Funktion“ schwächt und den Fokus auf „Deutungskonflikte und Machtprozesse ihrer Bewertung“ (S. 286) verschiebe.

Der zunehmende Aufbau von Expertise aus Bewegungen des politischen Aktivismus heraus sowie die begleitenden, medial gerahmten Diskurszirkel haben zu einer in der Großzahl der Beiträge thematisierten Politisierung von Expertise und von epistemischer Wahrheit überhaupt geführt, deren Kehrseite neuerdings als die konfliktäre Dynamik einer ‚Epistemisierung des Politischen‘[2] verhandelt wird. Äußerst innovativ nähert sich Nils C. Kumkar dieser Entwicklung, wenn er das diskursive Phänomen ‚alternativer Fakten‘ aus kommunikations- und systemtheoretischer Perspektive als spezifische Form von Gegenexpertise präzisiert und mit Verweis auf die Hegel’sche Wissenschaftslogik als Ausdruck einer „unbestimmten Negation“ begreift. Gegenexpertise bearbeite laut Kumkar normalerweise die Problematik einer möglicherweise unzulässigen, weil seitens der Regierenden nach Maßgabe eines politischen Kalküls vorgenommenen Selektion wissenschaftlicher Wissensressourcen, indem sie alternative, aber wissenschaftlich ebenso valide Gegendarstellungen anbietet (vgl. S. 95), damit im normalen Funktionsmodus von Expertise verbleibt und die wissenschaftliche Validität politisch verwertbarer Expertise nicht als solche in Abrede stellt. Zur „unbestimmten Negation“ wird Gegenexpertise dann, wenn sie sich bloß darauf zurückzieht, festzustellen, „dass etwas bestimmtes […] nicht oder nicht sicher der Fall ist“ (S. 97) und damit nur einem allgemeinen Wissenschaftsskeptizismus das Wort redet. Die rhetorische Bezugnahme auf ‚alternative Fakten‘ sei dann Ergebnis einer Akkumulation solcher Gegenexpertisen, die eine „Grundlage […] für Nicht-Entscheidungen“ bildet (S. 101) und somit bestimmten politischen Interessen sowie weltanschaulich definierten Identitäten in die Hände spielt. Soziologisch hochinteressant ist Kumkars systemtheoretische Schlussfolgerung: Gerade weil die „strukturelle Kopplung von Politik und Wissenschaft grosso modo funktioniert“, ermögliche sie die „unbestimmte Negation“ – die das epistemische Spiel ja vordergründig mitspielt – und damit dem politischen System, mit Informationen umzugehen, „die es zur Kenntnis nehmen muss“, aber „nicht zur Kenntnis nehmen kann“, ohne das Gesamtsystem in Frage zu stellen (S. 104). Ironischerweise erfüllt diese Form akkumulierter Gegenexpertise dann sogar eine Funktion für all jene, die im Namen der Wissenschaft für eine Änderung des Gesamtsystems plädieren. Denen bleibt „die bittere Erkenntnis erspart, dass auch die von ihnen vorgeschlagenen Maßnahmen dem Problem nicht gerecht werden“ (S. 107), wodurch der moralische Fingerzeig auf ‚Leugner:innen‘, die ihre kontrafaktischen Realitäten so lautstark verteidigen, emotional entlastend wirkt.

Das von Kumkar beschriebene „hinschauend[e] Wegschauen“ (S. 104) lässt sich mit Hilfe des im Beitrag von Alejandro Esguerra entfalteten Konzepts politischer Epistemologie auch als eine (Nicht-) Handlungsstrategie vor dem Hintergrund der mannigfaltigen Drohkulisse des Anthropozäns verstehen. ‚Anthropozän‘ fungiert hier als Sammelbegriff für eine Vielzahl von „existenziellen Probleme[n]“ wie etwa der Umwelt- und Klimakrise oder dem Artensterben, die durch menschliche Eingriffe in das Erdsystem entstanden sind und in ihrer Gesamtheit „zur konzentrierten Mobilisierung aller Problembearbeitungskapazitäten drängen“ (S. 367). Der aus der Forschungstradition der STS stammende Ansatz der politischen Epistemologie geht grundsätzlich davon aus, dass die von klassischen Epistemologien vorausgesetzten Grenzziehungen „wie die zwischen Wissen und Werten oder Wissenschaft und Politik nicht als gesetzt“ (S. 364) gelten können, sondern in oft konfliktären Prozessen immer wieder ausgehandelt werden müssen. Dabei richtet sich das Hauptinteresse auf die Frage, „welches Wissen, für wen und in wessen Namen produziert und in Governance-Strukturen übersetzt wird“ (ebd.). Mit diesem Handwerkszeug ausgestattet analysiert Esguerra, wie in verschiedenen, globalen Expertenorganisationen epistemische Autorität institutionell ausgehandelt wird. Nachdem etwa das IPCC den anthropogenen Klimawandel als wissenschaftlichen Konsens etabliert hatte, suchte es – insbesondere vor dem Hintergrund des Pariser Abkommens von 2015 – nach Möglichkeiten, seine epistemische Autorität mit neuen Wissensangeboten hinsichtlich der Implementierung von Maßnahmen gegen den Klimawandel zu erweitern (vgl. S. 375). Seitdem setzt das IPCC stark auf modellierte Szenarien („antizipatives Wissen“, S. 374), die vor allem auf das im Pariser Abkommen formulierte und fixierte Ziel, unterhalb der als kritisch erachteten Erderwärmung von 2 Grad zu bleiben, rekurrieren. Dadurch geriet das IPCC einerseits in Gefahr, von der bisherigen „Rolle des Begutachters bestehenden Wissens“ abzukommen und „selbst zum Produzenten von Wissen“ (S. 375) zu werden; andererseits konnte dem IPCC so unterstellt werden, Anpassungspfade zu suggerieren, die politischen Akteuren auf fragwürdige Weise entgegenkommen, in dem sie etwa auf kaum beforschte und unterentwickelte Technologien statt auf einen radikalen Wandel der gesellschaftlichen Lebensweisen setzen (vgl. S. 376). Beide Entwicklungen bieten Kritiker:innen Anlass, die Legitimität der vom IPCC ausgeübten epistemischen Autorität zu hinterfragen.

Im Unterschied zu differenzierungstheoretischen Betrachtungen von Expertise macht es der Ansatz der politischen Epistemologie eher möglich, nicht nur den gesamtgesellschaftlichen – im Falle des Anthropozäns sogar den globalen – Kontext in die Beobachtung diskursiver und institutioneller Aushandlungen der Legitimitätsgrundlagen epistemischer Autorität miteinzubeziehen, sondern die diffizilen Grenzziehungsarbeiten zwischen den Funktionsbereichen ‚Wissenschaft‘ und ‚Politik‘ ganz grundsätzlich als politische Ereignisse zu dechiffrieren, die die Logik gesonderter Funktionsbereiche unterlaufen. Das damit offenbarte Wanken der Grenzen zwischen Funktionsbereichen verunsichert das modernistische Selbstverständnis einer funktional differenzierten Gesellschaft und macht dessen rhetorische Aufrechterhaltung als politisch-normatives Projekt sichtbar, das Legitimationsstrategien produziert. Wie Esguerra indessen festhält, birgt der Ansatz der politischen Epistemologie aber auch Implikationen für den kriseninduzierten, gegenwärtig laut vernehmbaren Ruf, Politik möge doch endlich auf ‚die Wissenschaft‘ hören, denn gerade Modellierungswissen gehe mit erheblichen Unsicherheiten einher: „Es wird interpretiert, ausgeblendet, geschätzt und übersetzt.“ (S. 378) Auch Caspar Hirschi hebt in seinem Beitrag die insbesondere in den Medien verbreitete „Präsentation von Modellen als Fakten“ (S. 166) hervor, die sowohl expertokratischen wie auch populistischen Fehldeutungen von Expertise Vorschub leiste. Hirschi fokussiert „komplexe Krisen“ (S. 361) die durch ihre weitgehende Trennung vom Alltag vieler Menschen sehr oft nur als Medienereignisse registriert werden und deswegen zahlreiche unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten eröffnen, die „Stoff für endlose Kontroversen“ etwa hinsichtlich der Definition von „Normalität“ liefern (S. 161).

Hirschi betrachtet dabei die Abfolge von Finanz-, Klima- und schließlich Corona-Krise als eine „Kaskade an komplexen Krisen“, die als Katalysatoren „einer epistemischen Entgrenzung und normativen Totalisierung“ von Expert:innen gewirkt haben (S. 163). Mit normativ scharfer Verve markiert Hirschi diese Entwicklung als „historisch präzedenzlos, politisch riskant und demokratisch problematisch“, eben weil sie den unter der Flagge von Wissenskonflikten ausgetragenen Ideologisierungen eine passende Sprecherposition zur Verfügung stellt, „deren Vertreter zugleich als Intellektuelle, Berater und Aktivisten“ auftreten können (ebd.). Die diskursiven Anfänge der totalisierten Expert:innenfigur macht der Autor in der systematischen Herstellung und Darstellung wissenschaftlichen Konsenses in den Klimawissenschaften –wieder insbesondere durch das IPCC – aus, die dazu geführt habe, dass durchaus vorhandener, wissenschaftlicher Dissens so stark aus der öffentlichen Darstellung der Klimakrise herausgehalten wurde, dass sich letztlich nur noch eine verschwörungstheoretisch gerahmte Totalablehnung klimawissenschaftlicher Forschung als ‚Gegenexpertise‘ zu einem ebenso totalisierten Konsens durchsetzen konnte (vgl. S. 166 f.). In Folge dieses doing consensuality trafen Gruppen, die „im Klimawandel einen organisierten Schwindel“ (S. 166) witterten, nun auf aktivistische Bewegungen wie Fridays For Future oder Extiction Rebellion, die „von einem quasi-religiösen Wissenschaftsverständnis beseelt“ sind und nicht nur gegen radikale Leugner:innen des Klimawandels protestieren, sondern tendenziell auch gegen den „demokratischen Nationalstaat, dessen Entscheidungsstrukturen als Hindernis für die Krisenbewältigung“ dargestellt werden (S. 168). Da die totalisierte Expert:innenfigur seither eine große mediale Wirkmächtigkeit erreicht hat, kann sie in anderen Zusammenhängen wie der Corona-Pandemie auch als eine Art Feigenblatt für die politische Exekutive genutzt werden – solange diese es schafft, sich als „Vollzugsinstanz eines wissenschaftlichen Willens“ (S. 178) zu inszenieren. Im Ergebnis bleibt ein polarisiertes Schwarz/Weiß aus populistisch-relativistischer Totalabwertung und krisengespeistem Absolutheitsszientismus, die nach Hirschi beide eine Gefahr für die Legitimität der Demokratie darstellen.[3]

Obwohl die Herausgeber in ihrem Vorwort betonen, der Sammelband solle „ganz bewusst kein weiteres Buch zu ‚Corona‘“ sein (S. 9), kulminieren die bisher vom Rezensenten geworfenen Schlaglichter – wie könnte es angesichts der mittlerweile nun schon zwei Jahre andauernden Pandemie auch anders sein – dennoch in der Reflexion auf ebendieses gesellschaftliche Extremereignis. In ähnlicher Stoßrichtung wie Caspar Hirschi aber in nochmals markanterem analytischem Duktus spitzt Richard Münch die politisch forcierte Verabsolutierung wissenschaftlicher Expertise schließlich zeitdiagnostisch als Ausdruck einer neuen Herrschaftsform zu, welche er auf den Namen „benevolenter Paternalismus“ tauft. Die „Kurzschließung von Regierung und Experten“ (S. 412) bilde die vordergründige Kontur dieser neuen Herrschaftsform, die im Zuge der Corona-Pandemie nun endgültig sichtbar geworden sei. In einer eigenwillig komponierten theoretischen Doppelstrategie bestehend aus luhmannianischer Systemtheorie und foucaultianischer Gouvernementalitätskritik, deutet Münch hier eine neue „panoptische Kontrollgesellschaft“ an, die sich aus einer „Überlagerung der nicht-politischen Teilsysteme durch das politische System“ sowie einer diese Überlagerung stützenden „Symbiose aus Politik und Wissenschaft“ (S. 425) speist und damit auf eine ideologische Reintegration von Macht und Wahrheit zuläuft. Ursächlich dafür ist Münch zufolge eine insbesondere in der Zivilgesellschaft generierte und in der Selektionslogik medialer Berichterstattung virulent gewordene Angst- und Notstandskommunikation, die zu einer systeminternen Recodierung der politischen Prozessionslogik von Regierung/Opposition hin zu einem Schmitt’schen „Freund/Feind-Schema“ führe: Kritiker:innen würden „in der Situation der äußeren Bedrohung zu einer inneren Gefahr“ (S. 417), wodurch Oppositionspolitik letztlich marginalisiert werde. Zugleich werde Wissenschaft, gehüllt in einen den Nationalstaat und die demokratische Willensbildung überschreitenden, globalen Expertisenuniversalismus (vgl. S. 423), für eine Regierungspolitik nutzbar, die aufgrund des Notstandes moralisch über die übliche, lokale Willensbildung erhaben sei und mit Verweis auf Alternativlosigkeit auf exekutiver Ebene durchgreife (vgl. S. 420). Dass alles geschehe unter dem Beifall einer Zivilgesellschaft, die sich ihrer oppositionellen Potenziale entledigt habe und dort, wo sie noch kritisch auftritt, als verantwortungslos verunglimpft und vom vernünftigen Diskurs ausgeschlossen werde (vgl. S. 418). Ideologischer Kern dieser umfassenden Kontrollgesellschaft sei die „Sorge der Regierung für das Wohl der Bevölkerung“, die „mit dem Ausleben ihrer Freiheitsrechte nur sich selbst und anderen schadet“ (S. 420).

Damit gelangt der hier gebahnte Weg durch die komplexe Verschachtelung der im vorliegenden Band enthaltenen Perspektivenvielfalt an seinen erzählerischen Höhepunkt. Sicher muss man Münchs fulminanter Zeitdiagnose nicht in Gänze folgen und kann sie insbesondere in Hinblick auf die Rolle der Zivilgesellschaft oder die politisch-administrative Überformung funktional differenzierter Teilsysteme für deutlich überzogen halten. Dennoch drängte sich dem Rezensenten während der Lektüre mit etwas Unbehagen sogleich die Frage auf: Darf man das noch sagen? Nach gut zwei Jahren medialer und akademisch-essayistischer Dauernarration über die lauernde Gefahr der von aluhuttragenden Anhänger:innen verbreiteten Verschwörungstheorien und moralisch auftrumpfender, positivistisch gefärbter Entlarvungsfaktenchecks könnte man durchaus geneigt sein, eine solche Form sozialwissenschaftlicher Herrschaftskritik – wäre sie nicht im Modus einer wissenschaftlichen Publikation geäußert worden – selbst als verschwörungstheorieaffin zu bezeichnen. Bei aller Vorsicht, die beim Genuss derartiger essayistisch zugespitzter Einlassungen dringend geboten ist, taugen sie doch dazu, die Frage nach der normativen Selbstverortung der Sozialwissenschaften ins Bewusstsein der Leser:innen zu rücken. Um es mit Worten zu sagen, die dem ebenfalls lesenswerten Beitrag von Klaus Ferdinand Gärditz zu entnehmen sind, machen sich Diskursteilnehmende, „die es für konsistent [halten] im Abendseminar mit Latour, Derrida und Foucault gegen universale Rationalitätsansprüche der Aufklärung zu Felde zu ziehen, um am nächsten Morgen dann ‚Follow the Science!‘ zu skandieren, wenn die Ziele ideologisch zufällig passen“, ganz klar eines „politischen Opportunismus“ schuldig (S. 461). Damit legt Gärditz den Finger in die Wunde einer sozialwissenschaftlichen Gegenwart, die zwischen Affirmation und Kritik merkwürdig gespalten ist.

Leben wir – und damit auch die Sozialwissenschaften – also im ambivalenten Halbdunkel einer sich ankündigenden oder gar schon vollzogenen Expertendämmerung? Klar ist, dass die medial verbreitete gesellschaftliche Atmosphäre in vielen Bereichen in Richtung eines autoritären Regierungsstils zu tendieren scheint, der zivilgesellschaftliche Beteiligung nur dort wünscht, wo sie sich dem Ruf nach einer stärker wissenschaftsgeleiteten und ‚rationalisierten‘ Politik anschließt. Andererseits ließe sich durchaus fragen, ob sich hier nicht ein langersehnter Sieg der Vernunft über die Irrationalität der gesellschaftlichen Welt und eine mit Spannung erwartete, systematische Selbst-Reorganisation durchsetzt. Der vorliegende Sammelband zur umstrittenen Expertise, der all jenen ans Herz gelegt sei, die sich mit den angesprochenen Problematiken intensiv auseinandersetzen wollen, leistet bei aller gesellschaftlichen Polarisierung, die auch hier ihre Spuren hinterlässt, in jedem Falle gute Dienste gegen die intellektuelle Vereinseitigung und Vereindeutigung der Welt – sei es von Seiten einer populistisch verzerrten Fundamentalkritik oder einer szientistischen Selbsterhöhungsarroganz. Eine solche perspektivische Ambivalenz bleibt letztlich wünschenswert, weiß man doch nie mit Gewissheit, ob auf die Dämmerung das Licht des Tages oder das Dunkel der Nacht folgt.

  1. Im Rahmen dieser Rezension ist es nicht möglich, auf alle 21 Beiträge einzugehen. Die Auswahl besprochener Beiträge ist den Interessen des Rezensenten geschuldet und sollte nicht als Urteil über Qualität oder Relevanz der nicht erwähnten Beiträge missverstanden werden.
  2. Alexander Bogner, Die Epistemisierung des Politischen. Wie die Macht des Wissens die Demokratie gefährdet, Ditzingen 2021.
  3. Vor dem Hintergrund der bislang herausgehobenen Thematiken seien zur erweiterten Lektüre noch die Beiträge von Kern und Opitz, Beck und Nardmann sowie Tratschin empfohlen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.

Kategorien: Demokratie Epistemologien Gesellschaft Gruppen / Organisationen / Netzwerke Macht Medien Politik Wissenschaft

Tobias Schädel

Tobias Schädel hat Soziologie an den Universitäten Marburg und Gießen studiert und ist Mitglied des International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC). In seiner Dissertationsarbeit beschäftigt er sich in kultursoziologischer Perspektive mit der Transformation des gesellschaftlichen Imaginären der Moderne.

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