Claus Leggewie | Rezension |

Technocracy revisited?

Rezension zu „Anpassung. Leitmotiv der nächsten Gesellschaft“ von Philipp Staab

Philipp Staab:
Anpassung. Leitmotiv der nächsten Gesellschaft
Deutschland
Berlin 2022: Suhrkamp
240 S., 18 EUR
ISBN 978-3-518-12779-7

In einem Radio-Interview bekannte ein Mitglied der Band Fehlfarben jüngst bei der Vorstellung ihres neuen Albums „?0??“, er sei nicht mehr so optimistisch – es sei nicht länger fünf vor zwölf, sondern längst zehn nach. Ein bemerkenswertes Statement für eine Punk-Band, die schon das Zeitgefühl der No Future-Ära geprägt hatte. Auch ein hochrangiger Klimaforscher offenbarte mir kürzlich, er glaube nicht mehr so recht an die Haltbarkeit der zäh hochgehaltenen „Zwei-Grad-Schwelle“, jenseits derer bekanntlich Elemente des Erdsystems zu kippen beginnen – drei bis vier Grad seien realistischer. Damit fiele eine der Säulen der Klimapolitikberatung, die „Mitigation“ (oder Prävention) stets über Anpassungsmaßnahmen setzte.[1] Die Erde sturm- und wasserfest zu machen, erscheint in der Tat jetzt, in einer Zeit dreier Fragezeichen, vordringlicher. Die drei Fragezeichen stehen für Klimawandel, Covid-19 und Krieg, die jede prospektive Planung und progressive Hoffnung durchkreuzen. Die Weltgesellschaft wandelt sich rapide, aber die Menschheit sitzt schon lange nicht mehr am Steuer; sie kann sich höchstens den rasant auftretenden Gefahren anpassen, die sich ohne Übertreibung zum Totalschaden anhäufen könnten.

Anpassung sei das Leitmotiv der nächsten Gesellschaft, schreibt der Berliner Soziologe Philipp Staab in diesem Buch zur Stunde. Demnach gehen wir von der erträumten Selbstenthaltung zur beinharten Selbsterhaltung über, begreifen die Selbsttäuschungen der Moderne und landen in einer „protektiven Technokratie“, bestenfalls ohne Freiheit substanziell zu verlieren. Das ist noch die günstigste Botschaft, die Ältere Kindern und Enkeln mitgeben können, die sich nicht als last generation abspeisen lassen wollen. Sie praktizieren eine rebellische Variante adaptiver Praxis, andere ziehen sich zurück in Mikrogemeinschaften „richtigen Lebens“. Der Soziologie, konzediert Staab, zuletzt Autor einer viel beachteten Studie zum „digitalen Kapitalismus“[2], fehlen für solche Beobachtungen noch die Wörter. Er schließt an die bahnbrechenden Arbeiten von Ulrich Beck und anderen zur Risikogesellschaft an, die auf die Antinomien des Ideals der Selbstentfaltung und ihre objektiven ökologischen Grenzen hingewiesen hatten, aber noch eine „reflexive Modernisierung“ in petto hatten. Deren klassische Motive: Fortschritt, Emanzipation, individuelle Freiheit, allesamt dem Ideal dauernder Perfektionierung zugeordnet, erscheinen durch die Transformationen der Weltgesellschaft und flagranten „Umweltkrisen“ unterdessen obsolet, erforderlich wäre eine reparative Infrastrukturpolitik: „Sie gibt dem Allgemeinen Vorrang vor dem Besonderen, priorisiert kollektive Verpflichtung und eigenverantwortliche Selbstführung zulasten kompetitiver Selbstentfaltung.“ (S. 23)

In sechs schlanken, sehr flüssig geschriebenen Kapiteln arbeitet Staab diese Hypothese durch. Er ist soziologiegeschichtlich und (für das Fach endlich auch) in naturwissenschaftlichen Diagnosen auf der Höhe und nahe an der Empirie eines sozialen und kulturellen Wandels, für den wie gesagt noch „die Wörter fehlen“. Ein Rekurs auf die Theoriegeschichte zeigt, dass adaptation keineswegs neu ist, vielmehr zur anthropologischen Grundausstattung gehört und das „Hobbesian problem of order“ (Talcott Parsons) via staatliches Gewaltmonopol überhaupt erst lösbar macht, um anomische Zustände zu vermeiden. Anpassung als eine systemisch bedeutsame Funktion zu erkennen, sollte für die Sozial- und Kulturwissenschaften also kein Problem sein, aber viele Soziolog:innen und das Alltagsbewusstsein moderner Gesellschaften erklärten sie zum Gegenstück oder Hinderungsgrund für Emanzipation und Selbstentfaltung des Individuums. Während sie Adaption gewöhnlich mit Konformismus und Fügsamkeit assoziieren, erklärt Staab Anpassung zur Voraussetzung von Freiheit; der tendenziell grenzenlose Anspruch auf individuelle Selbstverwirklichung taste die Grundlagen moderner Gesellschaften an.

Ein erster Kipppunkt für die Sozialwissenschaft wie für das allgemeine Bewusstsein war der Versuch, anhand der aufgezogenen Risikogesellschaft die implizite Fortschrittsorientierung zu relativieren; darin kam das Zeitverständnis neuzeitlicher Wissenskulturen zum Ausdruck, das stets auf eine (noch) bessere Zukunft ausgerichtet war. Die Ent-Täuschung wurde radikal mit dem zweiten Kipppunkt, der rasanten Zerstörung der natürlichen Umwelt, die die Zukunft buchstäblich aufgefressen und den Zeithorizont sozialen und politischen Handelns massiv eingeschränkt hat. Die Konsequenzen dieser Selbstaufklärung diskutiert Staab anhand sozialwissenschaftlicher Beiträge zum Thema Resilienz, die von einigen Autor:innen wiederum als Regression, nämlich ein gouvernemental-biopolitisches Oktroi gedeutet, von anderen als überfällige Einstellung auf kontingentere Lebensbedingungen interpretiert wird. Während in beiden Sichtweisen Selbstentfaltungsansprüche der Maßstab bleiben, postuliert Staab: „War für das moderne Zeitverhältnis die Umstellung von Ewigkeit auf Zukunft kennzeichnend, so ist es für die adaptive Gesellschaft jene von der Zukunft auf die Gegenwart“ (S. 81), oder deutlicher: „Statt darum, die Zukunft zu erobern, geht es im Zeichen des Motivs der Selbsterhaltung seither immer stärker darum, die Gegenwart überhaupt zukunftsfähig zu machen.“ (S. 77)

Diese Umstellung folgt aus der Diagnose „planetarer Grenzen“ des Erdsystems[3], die von der Physik der Atmosphäre autoritativ gesetzt werden; die „Zwei-Grad-Schwelle“ war einer der zwingenden Imperative, die von den Sozial- und Kulturwissenschaften lange ignoriert wurden. „Erst eine Soziologie, die das akzeptiert und sich für die Vulnerabilitäten und Stabilisierungsleistungen der Gesellschaft interessiert, kann wahrhaft empathisch sein.“ Die Figur der Anpassung wird zugespitzt auf „deep adaptation“ (Jem Bendell)[4], die im Blick auf den drohenden, womöglich unausweichlichen Kollaps vier R als Leitlinien adaptiver Praxis gebietet: resilience, relinquishment (Verzicht), restauration, reconciliation. Unter dieser Prämisse verblasst auch der oben angedeutete, in der Klimaforschung lange vorherrschende Gegensatz zwischen Mitigation und Adaptation: „Während Politiken der Mitigation zugestanden wurde, sich mit den Ursachen des Klimawandels zu befassen – etwa durch den Ausbau neuer Mobilitäts- und Energiesysteme den CO2-Ausstoß zu verringern oder durch Aufforstung mehr Kohlenstoff zu binden –, wurde Adaption als ein Programm des reinen Copings mit dessen Effekten behandelt, das sich mit einer noch veränderbaren Tragödie bereits arrangiert habe und daher nicht geeignet sei, dem erwarteten Temperaturanstieg etwas entgegenzusetzen.“ (S. 87) Das Realitätsprinzip besagt nun, dass auch beim Erfolg der Energie- und Verkehrswende respektive zum Gelingen einer „Großen Transformation“ massive Anpassungen vorgenommen und das wiederholte Aufkommen wie Andauern von Krisendynamiken einkalkuliert werden müssen. So wie die „progressiven“ Sozialwissenschaften ihren Zukunftsoptimismus korrigieren müssen, muss dann auch die „konservative“ Ökologie einsehen, dass sich die Uhr nicht zurückdrehen lässt. Das Holozän, das der Menschheit über Jahrhunderte hinweg stabile Umweltbedingungen konzedierte, ist endgültig passé. „Mitigation kann somit als ein Brückenkonzept im Sinne der graduellen Radikalisierung von Anpassungssemantiken gelten.“ (S. 90)

In den restlichen drei Kapiteln wagt sich Staab in die Empirie (auch der Menschheitsgeschichte) vor und kommt zu dem auf den ersten Blick überraschenden Schluss, dass auch eine adaptive Gesellschaft, die sich auf Unsicherheit, Verzicht und Zwangsläufigkeit einstellen muss, Freiheitsspielräume nicht allein für kollektive Überlebenschancen, sondern auch für die individuelle Lebensführung in sich birgt. In Marshall Sahlins‘ „original affluent society“, den voragrarischen Jäger- und Sammler-Gesellschaften, die auf Genügsamkeit und Besitzlosigkeit setzten, identifiziert Staab eine aktuelle Imagination guten Lebens, die „Freiheit aus einer adaptiven Lebensweise schöpft, der das moderne Fortschrittsdenken vollkommen fremd ist“ (S. 115), mit Robert K. Merton greift er auf eine „variable, ja kreative Praxis“ sozialer Anpassung zurück. Zur Aktualisierung dieses Theorierepertoires gehört für Staab eine weitere, in der Soziologie nach Karl Mannheim und Joachim Matthes[5] eher unterbliebene Umstellung auf die Kategorie der Generation, die den Vorzug hat, Natur- und Gesellschaftszeit zu verbinden. Dass junge Menschen mit dem Bekannten brechen wollen, um Unbekanntes zu erkunden und zu ermöglichen, kennzeichnete soziopolitische Bewegungen der jüngeren Geschichte, die ein utopisches Fortschritts- und Selbstverwirklichungspathos an den Tag legten, während die aktuelle, gut gebildete Protestgeneration sich nun als Sprecherin einer Dystopie geriert: „Für die Klimabewegung stellt sich weniger die Frage nach dem Wie als jene nach dem Ob der Zukunft“ – und in ebendieser demonstrativen Ablehnung verantwortungsloser Lebensstile und Konsumpraktiken der Älteren entsteht eine „rebellische Praxis der Anpassung“. Würde sich diese Sichtweise gesellschaftsweit ausbreiten, profitierten auch die Älteren (und andere) von einer adaptiven Praxis, die ihnen erlaubt, die Überforderungen spätmoderner Selbstverwirklichung abzuwerfen und aus dem Verzichtspostulat („Weniger ist mehr“) den Gewinn eines besseren Leben zu ziehen.

Staab ist sich des spekulativen Charakters einer solchen Perspektive bewusst und fragt deshalb, „wo heute Erfahrungen dieser Art gemacht werden“ (S. 138). Er nimmt die (noch anhaltende) Pandemielage als „Generalprobe für künftige Adaptionskrisen“ im ökologischen Notstand; das empirische Material boten 79 narrative Interviews, nicht (erwartungsgemäß) mit Protagonist:innen ökologischer Kritik von Fridays/Scientists for Future, sondern mit systemrelevant Beschäftigten aus den kritischen Bereichen Gesundheit, Bildung/Erziehung, Sicherheit sowie materielle Infrastrukturen, die das Epizentrum heute erforderlicher Anpassungsleistungen bilden. Trotz des tentativen Charakters der (nicht-repräsentativen) Zeugenaussagen lassen sich interessante Schlüsse auf das Spektrum einer Kultur-, Gesellschafts- und Staatskritik ziehen, die die überwiegend weiblichen, schlecht bezahlten, chronisch überforderten und sich oft machtlos fühlenden Bediensteten zu Protokoll gegeben haben: gegen „eine Narzissmus prämierende Kultur, eine ausschließlich profitorientierte Wirtschaftsweise und eine handlungsunfähige, schwache Staatlichkeit“ (S. 144).

Für liberale Demokratien ergibt sich daraus keine günstige Prognose. Ein befragter Polizist hat zu Protokoll gegeben: „Die Politik ist dafür da, um Sachen zu verändern, und sie werden dafür gewählt, sie werden dafür bezahlt. Das ist deren verdammte Aufgabe, damit das der einfache Bürger nicht machen muss, weil er andere Sachen zu tun hat…“ (S. 169 f.) Die Pointe ist, dass solche, auch weit differenzierter geäußerte Haltungen in Staabs Sicht an eine „protektive Technokratie“ appellieren; eine sozialstrukturell kompaktere Gesellschaft erwarte funktionale Hierarchien und vertikale Autorität und, nicht zuletzt, eine forderungs- und erschöpfungsfreie Zeit der Bürger:innen für „andere Sachen“. Die Pflegerin möchte in der Regel weder in den Bundestag einziehen noch demonstrieren oder in Bürgerräten deliberieren, sondern eine entfremdete, der Korruption verdächtige Politikelite durch sachliche Expertise zur Vernunft gebracht und angeleitet wissen.[6] Verbunden ist diese Delegation bei einigen mit dem Wunsch nach sinnvoller Kooperation in der Lebenswelt, wo Staab zufolge sogar ein „ludischer Experimentalismus“ gedeihen kann; parallel können algorithmische Entscheidungsverfahren eine politische Kybernetik[7] aktualisieren, die, aufgerüstet durch verbesserte Rechenqualitäten und ergänzt um interaktive Potenziale, auch eine „partizipative Technokratie“ möglich erscheinen lässt.

Das ist, noch hochgradig spekulativ, eine unter vielen Entwicklungsmöglichkeiten der Demokratie, die sich im Übrigen mit der großen Wertschätzung wissenschaftlicher Expertise in der Klimabewegung („Follow the Science“) trifft. Was diese mit den (öffentlich weniger vernehmlichen) Stimmen der „kritischen Infrastruktur“ verbindet, ist die Umstellung von Werten und Zielen individueller Selbstentfaltung auf solche kollektiver Selbstverantwortung. Ob darunter der Aktionismus radikaler Gruppen wie „Last Generation“ fällt, die vom totalen Klimakollaps überzeugt sind und zivilen Ungehorsam inszenieren, ist die Frage[8]; und mehr noch, ob auch militante Proteste vom Typus der französischen Gelbwesten und der ostdeutschen Montagdemonstranten als demokratieverträgliche Appelle an staatliche Verantwortungsübernahme gedeutet werden können. Das Entscheidungskriterium ist wohl der jeweils zugrundeliegende Begriff von Freiheit.

Mein Fazit der äußerst inspirierenden Lektüre des auf 240 Seiten verdichteten Traktats: Philipp Staab hat unter dem Leitmotiv Anpassung einen bedeutsamen Strukturwandel der Gesellschaft und einen nicht minder relevanten Paradigmenwechsel demokratischer Politik analysiert. Ihm gelang eine soziologische Zeitdiagnose, welche die Soziologie an die von ihr lange umgangene interdisziplinäre Erdsystemforschung anschließt (und umgekehrt). Souverän hat der Autor die soziologische Theorie durchforstet und einen Weg zur weiteren qualitativen Sozialforschung gewiesen, womit Konturen der „nächsten Gesellschaft“ sichtbar werden. Mit diesem Buch kann man ausgezeichnet arbeiten: Die Technokratie-Hypothese verdient ausformuliert zu werden, für die Schärfung des Freiheitsbegriffs ist die genauere Heranziehung politischer Theorie zu empfehlen. Das 1980 noch verspielte No Future-Motto der Punk-Ära ist bitterer Ernst geworden, aber in der Verzweiflung wächst neuerdings die Bereitschaft zum Engagement der Lost Generation mit. Auch daran wird die Soziologie gemessen.

  1. European Environment Agency, What is the difference between adaptation and mitigation?
  2. Philipp Staab, Digitaler Kapitalismus. Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit, Berlin 2019.
  3. Dazu Frederic Hanusch / Claus Leggewie / Erik Meyer, Planetar denken. Ein Einstieg, Bielefeld 2021.
  4. Jem Bendell / Rupert Read (Hg.), Deep Adaptation, Cambridge/Medford 2021.
  5. Joachim Matthes, Karl Mannheims „Das Problem der Generationen“, neu gelesen. Generationen-„Gruppen” oder „gesellschaftliche Regelung von Zeitlichkeit“? in: Zeitschrift für Soziologie 14 (1985), 5, S. 363–372.
  6. Vgl. auch Benjamin Bratton, Revenge of the Real. Post-Pandemic Politics, London/Oxford 2021.
  7. Dazu der von Staab nicht erwähnte Klassiker von Karl W. Deutsch, The Nerves of Government. Models of political communication and control, New York 1963.
  8. Andreas Malm, Wie man eine Pipeline in die Luft jagt. Kämpfen lernen in einer Welt in Flammen, Berlin 2020.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer, Stephanie Kappacher.

Kategorien: Anthropologie / Ethnologie Demokratie Gesellschaft Globalisierung / Weltgesellschaft Ökologie / Nachhaltigkeit Politik Wissenschaft Zeit / Zukunft Zivilgesellschaft / Soziale Bewegungen

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Claus Leggewie

Claus Leggewie ist Ludwig Börne-Professor an der Justus-Liebig-Universität Gießen und leitet das dortige „Panel on Planetary Thinking“. Von 2007 bis 2017 war er Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen.

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