Thomas Hoebel | Essay |

Texte fertig machen: Korrektur, Einleitung, Abstract

Wer Texte schreibt – ob nun im Wissenschaftsbetrieb oder anderswo –, sollte beziehungsweise muss sie in der Regel auch abgeben. Möglichst fristgerecht. Nachdem Sie die zahlreichen einzelnen Schritte, den verwickelten Prozess des wissenschaftlichen Schreibens (Notizen, Recherche, Memos, Exzerpte, Exposé, Gliederung, erste inhaltliche Version(en)) durchlaufen haben, geht es darum, zu einem Ende zu kommen. Bei der finalen Überarbeitung ist es durchaus sinnvoll, regelgeleitet vorzugehen. Insbesondere zwei Faustregeln können dabei helfen:

  1. Erst das Grobe, dann das Feine.
  2. Nicht alles auf einmal überarbeiten, sondern drei Mal durch den Text gehen. Erst das Inhaltliche aufräumen, dann das Sprachliche staubsaugen, schließlich das Formale dekorieren, schlägt Andrea Klein in einem lesenswerten Essay vor.[1]

Wie auch immer Sie tatsächlich vorgehen: Setzen Sie sich in jedem Fall damit auseinander, welche grundsätzlichen und welche fachspezifischen Erwartungen an Ihre Texte existieren. Sie können sich auch dafür grob am Raster von Inhalt, Sprache und äußerer Form orientieren. Sobald Sie hinter die folgenden neun Punkte ‚erledigt‘ haben, geben Sie Ihren Text ab.

Inhalt

  • Der Ausgangspunkt Ihrer Argumentation ist eine soziologische Frage und/oder These, die Sie in der Einleitung vorstellen.
  • Sie formulieren im Lauf des Texts eigenständig eine eigene, fachlich begründete Position zu der von Ihnen aufgeworfenen Frage/These.
  • Sie gliedern Ihre Arbeit, indem Sie sich konsequent an der von Ihnen aufgeworfenen Frage beziehungsweise der von Ihnen formulierten These orientieren.
  • Sie ziehen nur Schlussfolgerungen, die durch ihre vorangegangenen Erörterungen gedeckt sind.
  • Sie erläutern Ihr methodisches Vorgehen und reflektieren, welche Konsequenzen sich daraus für die Güte Ihrer Ergebnisse ergeben.

Sprache

  • Sie schreiben verständlich und präzise.
  • Sie führen Ihre Leser:innen durch den Text, so als ob Sie eine Geschichte erzählen, bei der Sie Sorge haben müssen, dass sie Ihnen nicht geglaubt wird.

Äußere Form

  • Sie gestalten ein Deckblatt mit dem Titel der Arbeit und Ihren studiumsbezogenen Daten, rahmen Ihren Text durch die notwendigen Verzeichnisse ein und versehen die fertige Fassung mit Seitenzahlen.
  • Sie haben Ihren Text gründlich auf richtige Orthografie, Interpunktion und Grammatik durchgearbeitet.

Ihre Lehrenden geben Ihnen Ihrer Meinung nach keine ausreichenden Hilfestellungen und Hinweise, damit Sie die genannten Punkte abhaken können (z.B. zur methodischen Reflektion)? Scheuen Sie sich nicht, sie einfach darauf anzusprechen. Denn sie sind es ja schließlich auch, die Ihre Arbeit bewerten werden.

Aussagekräftige Einleitungen schreiben

Kommen wir noch einmal auf die Einleitung Ihres Texts zu sprechen, die im ersten Punkt der Check-Liste genannt ist. Einleitungen wissenschaftlicher Texte sollen Erwartungen schüren und zugleich klären. Es geht darum, die Leser:innen darauf vorzubereiten, was sie auf den folgenden Seiten erfahren werden. Dazu zählen in der Regel die Fragestellung, die der/die Autor:in bearbeitet, eine Erläuterung, warum er/sie sich die Frage stellt (ihre wissenschaftliche Relevanz) und eine kurze Beschreibung des methodischen Vorgehens.

Die Teilnehmenden eines Seminars an der Universität Bielefeld haben einander in kurzen Texten erörtert, welche Einleitungen sie anderen empfehlen würden – und warum. Dabei zeigte sich, dass es diverse Varianten gelungener Texteinstiege gibt, wie allein drei recht disparate Beispiele veranschaulichen:

Sophia Cramer über: Bettina Heintz, Numerische Differenz. Überlegungen zu einer Soziologie des (quantitativen) Vergleichs, in: Zeitschrift für Soziologie 39 (2010), 3, S. 162–181.
„Warum die genannte Einleitung als gelungenes Beispiel gelten kann? In nur wenigen Sätzen fasziniert uns die Autorin für ein selbstverständlich erscheinendes Phänomen, den Vergleich, und stellt ihn uns als interessantes aber gleichwohl bisher unbeachtetes wissenschaftliches Problem vor. Ausgehend von der Feststellung, dass Vergleiche soziale Ordnung konstituieren, entwickelt Heintz eine Fülle von Anschlussfragen bezüglich der konstitutiven Bedeutung von Vergleichen für die Erzeugung von Schichtunterschieden, Märkten oder Globalisierungsprozessen. Auf die Frage, ob die mediale Form (sprachlich, numerisch, visuell) kommunizierter Vergleiche Auswirkungen auf ihre Anschlussfähigkeit haben, skizziert Heintz ihre für den weiteren Artikel zentrale These: Vergleiche in numerischer Form erhöhen die Annahmewahrscheinlichkeit von Kommunikation und sind deshalb globalisierungsfähiger als sprachliche Vergleichskommunikation. Die Einleitung besticht also durch einen knappen, aber dennoch sehr dicht und gehaltvoll formulierten Überblick über Problemstellung, bisherige wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Problem, gut (und überraschend) formulierte Fragestellung sowie anschließende These. Zudem wird ein guter Überblick über den anschließenden Inhalt des Aufsatzes gegeben, auf den man nun voller Spannung hin lesend zueilt.“

Chris Schattka über: Axel T. Paul / Benjamin Schwalb, Kriminelle Organisationen, in: Maja Apelt / Veronika Tacke (Hg.), Handbuch Organisationstypen, Wiesbaden 2012, S. 327–344.
„Diese Einleitung kann ein Vorbild für einen pragmatischen Einstieg sein, denn sie ist überhaupt nicht ‚catchy‘. Ohne einen breit angelegten ersten Absatz konzentrieren sich Paul und Schwalb sofort auf ihr Vorhaben: die Begriffe kriminelle Organisation und organisierte Kriminalität voneinander zu trennen und herauszuarbeiten, was eine kriminelle Organisation ausmacht. Ohne Floskeln, wie ‚Kriminalität betrifft uns alle‘, leiten sie ein und geben mehrere ‚Schuldscheine‘ heraus, die alle zu einem späteren Zeitpunkt eingelöst werden.“

Lukas Daubner über: Karl E. Weick, Educational Organizations as Loosely Coupled Systems, in: Administrative Science Quarterly 21 (1976), S. 1–19.
„Die Einleitung dieses Texts hat eine entscheidende Stärke: Zu Beginn des Lesens wird man irritiert und verspürt den Drang, die Irritation (durch Weiterlesen) aufzulösen. Die Irritation wird durch die Beschreibung eines skurril anmutenden Fußballspiels erzeugt, welches als Sinnbild für die Kopplungsverhältnisse von Organisationen steht, das Weick in dem Aufsatz untersucht. Indem er im zweiten Absatz das Fußball-Beispiel auflöst, und zeigt, dass es auf Bildungs-Organisationen – die das Thema des Aufsatzes sind – übersetzt werden kann, wird die Irritation gelöst und man hat Lust, mehr über das Thema zu erfahren. Im verbleibenden Teil der Einleitung wird dann souverän das Vorhaben beschrieben.“

Abstracts schreiben

Neben pointierten Einleitungen haben auch Abstracts die Funktion, den Lesenden das zu erwartende Argument in Kürze vorzustellen. Wenn Sie häufig Texte aus Fachzeitschriften lesen, kennen Sie das: In der Regel beginnen die Artikel nicht direkt mit der Einleitung, sondern mit einer vorangestellten Zusammenfassung. Die Lesenden haben dadurch die Möglichkeit, schnell zu erfassen, welche Fragestellung die betreffenden Autor:innen behandeln und zu welchem Ergebnis sie kommen. Interessierte können somit schnell prüfen, ob der Text für sie relevant ist. Der zentrale Unterschied zur Einleitung ist, dass Abstracts wesentlich kürzer gehalten sind als Einleitungen. So erwartet die Redaktion der Zeitschrift für Soziologie zum Beispiel eine Zusammenfassung von maximal 120 Wörtern.

Es ist nicht die Regel, dass Lehrende von Ihnen einen Abstract erwarten, das Sie ihrem eigentlichen Text voranstellen, wenn Sie eine Haus-, Bachelor- oder Masterarbeit abgeben. Es ist dennoch sinnvoll, eine solche Zusammenfassung im Umfang von 100 bis 150 Wörtern zu schreiben. Sie dient vor allem zu Ihrer Selbstkontrolle. Sie können dadurch prüfen, ob Sie in der Lage sind, kurz und prägnant zu sagen, was Sie in Ihrer Arbeit herausgefunden haben. Gelingt Ihnen das (noch) nicht, dann ergibt es Sinn, Ihren Text noch einmal zu überarbeiten.

Ein handwerklicher Tipp: Markieren Sie zunächst in Ihrem fertigen Text diejenigen fünf bis sechs Schlüsselsätze oder Schlüsselpassagen, in denen Sie Kernaussagen Ihrer Arbeit formuliert haben. Kopieren Sie diese Sätze oder Passagen in der Reihenfolge ihres Erscheinens in einen ersten Abstract-Entwurf, am besten direkt hintereinander weg. Überarbeiten Sie nun diesen ersten Entwurf zu einem aussagekräftigen Kurztext, der Ihre Arbeit inhaltlich und methodisch charakterisiert.[2]

  1. Andrea Klein, Überarbeiten - Vom Aufräumen zum Dekorieren [20.5.2022], in: Statistik + Beratung, 1.7.2016.
  2. Marcus Fiebig von der Schreibwerkstatt der Uni Lüneburg gibt weitere Tipps [20.5.2022], wie Sie schrittweise ein aussagekräftiges Abstract formulieren.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Universität Wissenschaft

Thomas Hoebel

Thomas Hoebel, Soziologe, arbeitet am Hamburger Institut für Sozialforschung. Er forscht zu organisierter Gewalt, schreibt an einer Methodologie prozessualen Erklärens und befasst sich mit dem Rätsel, wie gute wissenschaftliche Texte entstehen.

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