Alfons Söllner | Rezension |

Theoriegeschichtliches Irrlichtern

Rezension zu „Versuche über den Nationalsozialismus“ von Heinrich Blücher

Heinrich Blücher:
Versuche über den Nationalsozialismus
Herausgegeben von Ringo Rösener. Mit einem Nachwort von Ringo Rösener und Eyck-Marcus Wendt.
Deutschland
Göttingen 2020: Wallstein
172 S., EUR 24,00
ISBN 978-3-8353-3766-4

Wer es heute unternimmt, über die Frauen berühmter Männer zu schreiben, wird klugerweise versuchen, möglichst stark und eigenständig erscheinen zu lassen, was früher – häufig mit gutmütiger Ironie – das „schwache Geschlecht“ genannt wurde. Er – oder sie – würde sich sonst scharfer feministischer Kritik aussetzen, die zu Recht geltend gemacht hat, dass in solchen Formulierungen nichts weniger als Diskriminierung steckt. Was aber, wenn man im intellektuellen Kampf der Geschlechter vor dem umgekehrten Problem steht?

Das hier zu besprechende Buch scheint auf den ersten Blick vor allem aus zwei Gründen bemerkenswert: Es gibt Zeugnis vom wenig bekannten Mann einer berühmten Frau; und es ist das jüngste Produkt eines ideengeschichtlichen Gewerbes, das sich mittlerweile zur ,Hannah-Arendt-Industrie‘ auszuweiten droht. Keine der großen Figuren aus der illustren Galerie der Hitler-Flüchtlinge hat in den vergangenen Jahrzehnten mehr intellektuelle Neugierde, publizistische Sorgfalt und neuerdings auch Forschungsgelder auf sich gezogen als eben diese politische Denkerin. Und immer noch ist offensichtlich nicht ausgeschöpft, was sie hinterlassen hat. Nun also ihr Ehemann, der ehemalige Kommunist Heinrich Blücher, über den Zwischenergebnisse aus einem Forschungsprojekt der Volkswagen-Stiftung mitgeteilt werden.

Blücher und Hannah Arendt lernen sich im Frühjahr 1936 im Pariser Exil kennen. Obwohl beide noch anderweitig verheiratet sind, werden sie rasch ein Paar. Nachdem ihre Ehen 1937 beziehungsweise 1938 aufgelöst worden sind, kommt es im Januar 1940 zur Heirat. Der Bund fürs Leben ist gleichermaßen die Besiegelung ihrer stürmischen Liebesgeschichte und ein Pakt gegen Verfolgung und Tod, denn mit dem Einmarsch von Hitlers Truppen in Frankreich kündigen sich neue und schlimmere Bedrohungen für die deutschen Flüchtlinge an: Blücher kann (vermutlich in Paris) untertauchen, aber Hannah Arendt wird im Mai 1940 im Lager Gurs interniert. Als es ihr nach rund einem Monat gelingt, von dort zu entkommen, trifft sie auf der abenteuerlichen Flucht durch Südfrankreich ihren Mann wieder; sie schlagen sich über Marseille nach Lissabon durch, ergattern dort eines der letzten Schiffe in die USA und kommen im Mai 1941 in New York an.

Wer war dieser Mann, mit dem Hannah Arendt bis zu seinem Tod im Jahr 1970 zusammenleben wird und der in den 1950er-Jahren – also in den Zeiten des ,Kommunistenfressers‘ McCarthy – zum Philosophieprofessor am kleinen, damals noch unbekannten Bard College nördlich von New York aufsteigt? Wir wissen aus den posthum veröffentlichen Briefwechseln, besonders natürlich aus dem mit Heinrich Blücher selbst,[1] dass er im Leben Hannah Arendts keineswegs nur im Hintergrund präsent war. Vielmehr war er ein liebevoller und geistreicher Ehepartner, ein ebenso anregendes wie hochgeschätztes Mitglied im tribe, wie der New Yorker Freundeskreis genannt wurde, während Hannah Arendt in den 1950er-Jahren eine beispiellose Karriere als politische Theoretikerin beginnt: Ihre Bücher stoßen wissenschaftliche Debatten an, werden rasch übersetzt und finden internationale Aufmerksamkeit. In den 1960er- und 1970er-Jahren erhebt sie ihre Stimme lautstark gegen die Missstände der US-amerikanischen Politik. Die einprägsame Rolle, die dem von Axel Milberg verkörperten Blücher in Margarethe von Trottas Hannah-Arendt-Film zugedacht wird, kommt der historischen Realität vermutlich ziemlich nahe.

Aber wer war der Heinrich Blücher der 1940er-Jahre, der in dem hier zu besprechenden Buch Gestalt annimmt? Zunächst ist zu sagen, dass es sich eher um ein Büchlein handelt, das zudem aus zwei höchst ungleichen Teilen besteht: Im ersten Teil werden zwei theoretische Texte von Heinrich Blücher abgedruckt, die nur deshalb etwas mehr als die Hälfte des Bändchens füllen, weil sie in doppelter Ausführung – im deutschen Original ebenso wie in englischer Übersetzung – abgedruckt werden, wobei unklar bleibt, wer für letztere verantwortlich zeichnet. Der zweite Teil besteht aus einem ausführlichen Nachwort, dessen Verfasser mit historiografischer Akribie und ebenso großem Interpretationsaufwand den Versuch unternehmen, den Autor dieser Texte biografisch zu fassen und seinen Einfluss auf das Werk seiner Frau auszuloten, um damit, wie es gleich zu Beginn heißt, „einen Einblick in die häusliche Werkstatt der Ehepartner“ (S. 109) zu gewinnen.

Das ist kein geringer Anspruch, und es ist dem Herausgeber Ringo Rösener und seinem Co-Autor Eyck-Marcus Wendt zugute zu halten, dass sie bei ihrem Unterfangen von vornherein mit Hindernissen rechnen. Als primärer Anhaltspunkt, oder besser: als Fixpunkt ihrer Recherchen dient ihnen dabei die Tatsache, dass Hannah Arendt ihr erstes Buch The Origins of Totalitarianism Heinrich Blücher nicht nur gewidmet hat, sondern in der Erstausgabe von 1951 auch noch die (später allerdings wieder weggelassenen) Worte hinzugefügt hat: „This book could hardly have been written without the unpublished political philosophy of the person to whom it is dedicated.“ Der Anspruch von Rösener und Wendt ist also in der Tat kein geringerer als ein theoriegeschichtlicher: Sie wollen ausloten, welchen Einfluss Blüchers in den 1940er-Jahren entstandene Versuche über den Nationalsozialismus auf Hannah Arendts Denken genommen haben, insbesondere natürlich auf ihr Totalitarismus-Buch, das wie kein späteres ihren Ruf begründet hat.

Sie verhehlen nicht, dass die Schwierigkeiten bereits auf der dokumentarischen Ebene beginnen und sowohl Blüchers Herkunft als auch seine politische Geschichte betreffen. Schon Elisabeth Young-Bruehl, Hannah Arendts erste Biografin, spricht mit Blick auf Blücher von einer für ihn typischen „Mischung aus Vorsicht und Übertreibung“, die sich exemplarisch in den beiden von ihm erhaltenen Lebensläufen niederschlägt. Wenn darin der Aufstieg „vom einfachen Arbeiterkind zum US-amerikanischen College Professor“ (S. 113) beschworen wird, so war diese Selbststilisierung zwar im Hinblick auf den angestrebten Zweck der Integration eines Exkommunisten in die US-amerikanische Gesellschaft nur zu verständlich, aber Rösener und Wendt müssen weitere Abstriche machen: Blüchers vermeintliche Herkunft aus dem Kreuzberger Arbeitermilieu ist ebenso beschönigt wie seine angebliche Telegraphisten-Ausbildung nebst Notabitur. Auch seine tatsächliche Rolle als kommunistischer Parteigenosse und antifaschistischer Kämpfer bleibt nebulös. Unbestritten ist aber, wie Reinhard Müller schon vor einiger Zeit in sowjetrussischen Archiven dingfest machen konnte, dass Blücher in den 1920er-Jahren zur „Versöhnler-Gruppe“ um Heinrich Brandler gehört hat, dass er aber auch eine Zeit lang für den Generalstab der Roten Armee als Informant tätig gewesen ist, also der orthodoxen Kominternlinie zugearbeitet hat.

1933 muss er dann, möglicherweise um nicht von den eigenen ,Genossen‘ an die Gestapo ausgeliefert zu werden, nach Prag ausweichen, bevor es ihn 1934 nach Paris verschlägt, wo er als „Heinrich Larsen“ auf einer Liste von Gegnern der offiziellen Parteilinie geführt wird. Die von Rösener und Wendt über die folgenden Jahre zusammengetragenen Informationen sind ebenso interessant wie sie im Detail undeutlich bleiben: Blücher verkehrt auch in Paris im kommunistischen Milieu, steht einerseits in Widerspruch zur moskaugesteuerten Politik der KPD, hat aber andererseits auch keinen Zugang zu den Zentren der innerkommunistischen Opposition. 1936 wird er schließlich aus der KPD ausgeschlossen. Wie es scheint, rechnet er sich auch nicht mehr zu den „Versöhnlern“ und deren „Berliner Opposition“, sondern versammelt stattdessen um sich einen kleinen Kreis, den er auf die „richtige Linie“ bringen will. Eine Perspektive sieht er nur mehr in verstärkter „Theoriearbeit“: „Ich werde nun wohl Zeit haben, an die schriftliche Ausarbeitung der Theorie zu gehen, denn mit der mündlichen Arbeit werde ich wohl über meine paar Freunde nicht hinauskommen“, schreibt er im Sommer 1937 an Hannah Arendt.

Heinrich Blücher als angehender „politischer Theoretiker“? Ein Blick in die Anfänge ihres Briefwechsels zeigt, dass weniger er selber als vielmehr Hannah Arendt auf der Suche nach einer politischen Orientierung ist, während Blücher den ,Mann mit Vergangenheit‘ gibt: Er stellt sich dar als selbstbewusster und unterhaltsamer, als ebenso zärtlicher wie zupackender Liebhaber. In seinen Briefen an Arendt übt er sich in den widersprüchlichsten Rollen: Einmal inszeniert er sich als proletarischer Klassenkämpfer, der den Intellektuellen politisch die Leviten liest, dann wieder ist er ganz „Luftmensch“, der mit bildungsbürgerlichen Zitaten um sich wirft; und schließlich geriert er sich als marxistischer Vordenker, der sich in die jüdische Politik einmischt und sagt, wo der Kampf langgeht: nicht nur gegen den Hitler-Faschismus, nicht nur um die Befreiung von „den heiligen Büroaffen der Partei“, sondern um die Selbstbefreiung der Juden, die sich militärisch zu organisieren und als „jüdische Nation“ zu konstituieren haben. Besonders der letztgenannte Auftritt beeindruckt Hannah Arendt ganz offensichtlich: Blüchers Rolle als nonchalanter kommunistischer „Wunderrabbi“, der das „Mädchen aus der Fremde“ (Martin Heidegger) von den Fesseln der deutschen Philosophie befreit. Ihre Antwort ist teils ironische Selbstbescheidung, teils echte Bewunderung: „Stups der Kluge, Stups der Weise – quant à moi, je n’en comprends rien du tout, de la politique actuelle.“[2]

Wagt man von dieser historisch brüchigen Ausgangslage her den Sprung zu den beiden Dokumenten, die Blüchers Denkentwicklung in den 1940er-Jahren nachvollziehbar machen sollen, sieht man sich wieder mit Lücken konfrontiert. Mit wohltuender Vorsicht warnen Rösener und Wendt zunächst vor einer Überschätzung der inneren Kohärenz der Texte, die sie dann aber doch für aussagekräftig genug halten, um sowohl Blüchers theoretische Weltsicht als auch die weitere Entwicklung seines politischen Denkens in den USA zu analysieren. Doch ist das wirklich möglich? Schon die Einstufung der Texte wirft Fragen auf: Kann man sie überhaupt als theoretische Texte beschreiben? Was an ihnen am meisten auffällt, aber von den ansonsten sehr aufmerksamen Verfassern des Nachworts fast gar nicht thematisiert wird, ist der außerordentlich hohe Abstraktionsgrad, in dem hier über den politischen Gegner mehr spekuliert als informiert wird.

Einige Beobachtungen zum ersten Text, der auf das Jahr 1943 datiert wird und vom Verfasser offensichtlich vergeblich zur Publikation angeboten wurde. Der Untertitel „Staat und Armee des Faschismus“ klingt einigermaßen konkret und weckt entsprechende Erwartungen. Immerhin ist die Thematik für die seinerzeit herrschende Kriegslage durchaus zentral, aber der Einstieg, den Blücher nimmt, könnte abstrakter nicht sein: Er zählt die politischen „Ismen“ des 19. und 20. Jahrhunderts auf und stellt den Faschismus – dieser Terminus wird von ihm ausdrücklich gegenüber den Bezeichnungen Totalitarismus und Nationalsozialismus bevorzugt – als das finale Sammelbecken aller Weltanschauungen dar, das deren Kardinalfehler geerbt und gesteigert hat: den Glauben an eine historische Zwangsläufigkeit, die schließlich im Nihilismus kulminiert: „Das Positive des Nichts ist die Vernichtung. Die Vernichtung ist der Inhalt der faschistischen Aktivierung“ (S. 11). Im zweiten und dritten Abschnitt erläutert Blücher diese These dann an den Gegenkräften, die in Nation und Nationalismus zeitweilig am Werke waren, aber nur um zu zeigen, dass der Faschismus „die jähe und gewaltsame komplette Pulverisierung der bisherigen politischen Strukturen“ (S. 22) und die „Bildung einer formlosen gesellschaftlichen Masse“ S. 23) mit sich gebracht hat. Die Mittel, die dazu eingesetzt, das heißt „den deutschen Massen durch Propaganda und Terror aufgezwungen wurden“, sind Rassismus und Antisemitismus, „urältester Blutaberglaube“ in seiner „spezifisch modernistischen Form“, aus welcher Kombination sich der „leere und hysterische Dynamismus und Aktivismus des Nazismus“ und schließlich die „Unterwerfung des Menschen unter das Prinzip der Maschine“ (alle Zitate S. 26) ergibt.

Von hier aus kommt der Text wieder zurück auf sein eigentliches Thema: „Militär und Polizei“ (S. 28 ff.), aber nur, um die Abstraktionslage abermals zu steigern; denn hervorgehoben an beiden Gewaltorganisationen wird vor allem ihr „rein instrumenteller Charakter“ (S. 31). Und auch wenn sie ihre jeweilige politische Funktion nur im Zusammenspiel mit Parteiherrschaft, Führerbefehl und ideologischem Antisemitismus erfüllen können, entsteht daraus für Blücher doch „die vollkommenste Organisation eines bloßen Machtinstruments, das nicht geformt wurde zu bestimmten politischen Zwecken, sondern rein um seiner selbst willen“ (S. 34). Das Ergebnis ist nach Blücher ein „perpetuum mobile“, ein eigendynamisches Prinzip, das auf universelle Vernichtung ausgerichtet ist, sämtliche Traditionen der abendländischen Geschichte annulliert und nur noch „den teuflischen Kampf aller wider alle um der Grausamkeit und Zerstörung willen“ (S. 39) übrig lässt.

Der zweite, etwas kürzere Text stammt vom Ende der 1940er-Jahre und ist der einzige, den Blücher jemals veröffentlicht hat. Er setzt darin zunächst einen etwas anderen, eher methodologischen Akzent, indem er zwei verschiedene Zugänge zur Gegenwartslage neben- oder besser gegeneinander stellt, die Kulturkritik und die politische Kritik. Ausgehend von dieser Unterscheidung versucht er anhand des Problems von Nation und Nationalismus zu zeigen, dass und warum der politischen Kritik der Vorzug zu geben ist. Während der Kulturkritiker – hat Blücher hier möglicherweise die Autoren der Dialektik der Aufklärung vor Augen? – den Fehler begeht, sein Geschichtsbild an Gesetzmäßigkeiten zu knüpfen und auf die Darstellung des Gesamtprozesses abzuheben, sucht der politische Kritiker nach der Einsatzstelle für politisches Handeln: „Der historische Kritiker fragt nach Triebrichtungen geschichtlicher Kräfte, der politische Kritiker nach Willens- und Aktionsrichtungen menschlicher Gruppierungen.“ (S. 75 f.) Die Hauptaufgabe für die Gegenwart sieht Blücher darin, „dem Menschen die Möglichkeit selbstverantwortlicher Entscheidung zu verschaffen“ (S. 77).

Wenn es jedoch im zweiten Teil des Textes darum geht, aus dieser Forderung konkrete Konsequenzen zu ziehen, verfällt Blücher wiederum in denkbar vage Abstraktionen. Seine Ausführungen haben große Ähnlichkeit mit dem, was er noch kurz zuvor als „Darstellung des Gesamtprozesses“ abgelehnt hat, nur dass er sie jetzt plötzlich mit dem Leitbegriff des Totalitarismus verknüpft. Während die Deutschen nach dem Nationalsozialismus reflexhaft „auf den Nationalismus zurückgreifen“ (S. 79) und damit immer noch im „Wirkungsfeld der totalitären Machtmechanik“ (S. 80) gefangen bleiben , stehen die USA für die Möglichkeit des Gegenteils: „Den Amerikanern ist der Stein der Weisen in die Hand gedrückt worden [...] und es ist im Lande ein Reichtum politischer Formen entstanden oder gefunden worden, von dem sich die Europäer nichts träumen lassen.“ (S. 82) Doch statt die aufgezeigte Utopie im Rest des Textes weiter auszubuchstabieren, kehrt sein Autor zurück zur Maschinenmetaphorik des „perpetuum mobile“, die jetzt gleichlautend auf den Bolschewismus und den Nazismus angewandt wird.

Der Text mündet also ohne jede weitere Herleitung in die bekannte Totalitarismusgleichung und unterstreicht diese Identifikation noch durch die Einführung des Fetischbegriffs: Mag die ideologische Ausrichtung der beiden Regime auch verschieden sein – „Klassenmythus“ hier versus „Rassenmythus“ dort –, so ist ihre Substanz für Blücher doch dieselbe. In beiden Fällen nämlich handelt es sich für ihn um eine „mystisch verkleidete Machtmaschine, die als mythische Wesenheit auftretende Organisation. (...) Wir stehen zwei Fetischen gegenüber, dem Rassenfetisch und dem Klassenfetisch. Alle Strukturbestimmungen des Fetischs bestätigen sich an ihnen, jede ein tödliches Paradoxon: Das Abstrakte scheint konkret vor uns zu stehen; das absolut Leere erscheint als das Allumfassende; das Bedeutungslose gibt sich als das Allesbedeutende.“ (S. 87) Mit solchen Formeln scheint die Durchführung dieser „politischen Kritik“ geradewegs auf ihr Gegenstück hinauszulaufen. Das wird besonders deutlich, wenn Blücher resümiert: „Philosophisch-kulturkritisch gesprochen, ist der Mensch in einen Prozess der Selbstvergottung eingetreten.“ (S. 89) Wie aus dieser zirkulären Situationsanalyse noch ein politischer Ausbruch oder wenigstens ein Ausblick auf befreiendes Handeln vorstellbar sein soll, bleibt das Geheimnis des Autors.

So verkürzt das Referat der beiden Texte Heinrich Blüchers auch sein mag – der Rezensent hält es tatsächlich für schwierig, in ihnen überhaupt eine kohärente diskursive Linie zu finden, von einer für sich stehenden „politischen Theorie“ ganz zu schweigen. Wenn die Verfasser des Nachworts nun im letzten Abschnitt des Bändchens (S.146–169) zeigen wollen , dass und wie Blüchers einigermaßen disparate Überlegungen in das Werk Hannah Arendts eingegangen sind, dann stehen sie vor keiner einfachen Aufgabe: Sie geben sich zwar redliche Mühe, Blücher als politischen Denker zu retten, doch gelingt ihnen das nur um den Preis der Unterstellung, dass Motiv- und Ideenfragmente aus den Texten ihres Ehemannes in Hannah Arendts Totalitarismus-Buch gewissermaßen eingewandert sind. Dazu wiederholen sie zunächst, was bereits die zeitgenössische Kritik hervorgehoben hatte, dass nämlich „eine Lücke zwischen den ersten beiden Teilen ‚Antisemitism’, ‚Imperialism’ und dem letzten, dritten Teil ‚Totalitarianism’ besteht.“ (S. 147). Unter Rekurs auf einen weiteren bekannten Topos aus der Arendt-Literatur fixieren sie sodann einen hypothetischen Entwicklungsschritt, nämlich „den Punkt, an dem aus der Philosophin und zionistischen Journalistin die politische Denkerin Hannah Arendt wurde.“ (S. 151) Und schließlich suchen sie nach ähnlichen Motiven und ähnlich klingenden Interpretamenten, die sowohl bei Blücher als auch bei Hannah Arendt auftauchen, wobei es wenig erstaunlich ist, dass sie dabei auch fündig werden.

So weisen sie richtig darauf hin, dass der „Mythos des Blutes“ ebenso ein gemeinsamer Ausgangspunkt ist wie die Feststellung von dessen scheinhafter „Verwissenschaftlichung“ im modernen Antisemitismus. Von zentraler Bedeutung ist für beide auch die Vorstellung von der „Atomisierung“ des Menschen in der modernen Massengesellschaft, ebenso wie sie die Rolle der „Geheimpolizei“ hervorheben, die in ihren Augen nicht nur ein technisches Herrschaftsinstrument ist, sondern zum Modell einer Vergesellschaftung durch „Ideologie und Terror“ wird. Interessant sind nicht zuletzt auch die Hinweise darauf, wie im Laufe der 1940er-Jahre der Faschismusbegriff durch den Totalitarismusbegriff verdrängt wird, wobei man natürlich gerne erfahren hätte, wodurch genau diese Substitution im Einzelnen begründet wurde. Aber was bedeutet das alles über die bekannte Tatsache hinaus, dass nicht wenige der Motive und Interpretationen, die im Totalitarismus-Buch die Darstellung der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager so atemberaubend gemacht haben – denn sie, nicht die stalinistischen Parallelorganisationen stellten das primäre Anschauungsmaterial dar –, in den Essays der 1940er-Jahre gewissermaßen schon einmal erprobt worden sind?

Wie dieser Arbeitsprozess im Einzelnen verlaufen ist, wie sich dabei das singuläre und vielgestaltige Endprodukt herauskristallisiert hat und wie es um die innere Schlüssigkeit der Origins of Totalitarianism bestellt ist, das alles sind nach wie vor interessante Fragen, die hier jedoch nicht zur Debatte stehen. Gewiss ist, dass Hannah Arendt mit ihrem Buch Wissenschaftsgeschichte geschrieben hat. Der Rezensent wagt jedoch zu bezweifeln, dass durch die Erforschung der politischen Theorie ihres Ehemannes neue Einsichten zu erwarten sind. Vielleicht ist die Vorstellung von der „häuslichen Werkstatt Arendt-Blücher“ nicht mehr als eine gut gemeinte, eine romantische Fiktion. Produktiver und in wissenschaftsgeschichtlicher Perspektive erfolgversprechender dürfte es sein, den Wirkungsradius des Totalitarismus-Buches mit anderen magna opera aus der Generation der von Hitler vertriebenen Politikwissenschaftler zu vergleichen, etwa mit Ernst Fraenkels Dual State, Franz Neumanns Behemoth oder mit Permanent Revolution von Sigmund Neumann.[3]

Heinrich Blücher ist nach seinem zweiten „Versuch über den Nationalsozialismus“ nicht mehr als Politiktheoretiker hervorgetreten und hat auch sonst nichts mehr publiziert. Umso erstaunlicher ist es, dass er dennoch seit den frühen 1950er Jahren an der New School for Social Research Vorlesungen gehalten hat und bis in die späten 1960er-Jahre am Bard College als Professor angestellt war. Eine Probe seiner Lehrtätigkeit im dortigen „Common Course“ findet sich abgedruckt im Briefwechsel mit seiner Frau. Was man als Beweis für die Offenheit des US-amerikanischen Bildungssystems nehmen kann, hing offensichtlich auch mit dem Medienwechsel vom Schriftlichen ins Mündliche zusammen: Blücher verfügte über rhetorisches Talent und erfreute sich großer Beliebtheit bei den Studierenden, vielleicht gerade weil er sich von der Politik fernhielt und die einfachen Fragen stellte. Ob er allerdings wirklich so etwas war wie ein „moderner Sokrates“, oder ob er sich nur geschickt als einen solchen inszenierte, das werden wir erst wissen, wenn das eingangs genannte Forschungsprojekt seine Endergebnisse vorgelegt hat.

  1. Vgl. Hannah Arendt / Heinrich Blücher, Briefe 1936–1968, hrsg. und mit einer Einführung von Lotte Köhler, München/Zürich 1999.
  2. Arendt-Blücher, Briefe 1936–1968, S. 79
  3. Vgl. Alfons Söllner, Hannah Arendts Totalitarismus-Buch im Kontext der zeitgenössischen Debatte, in: ders., Fluchtpunkte. Studien zur politischen Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts, Baden-Baden 2006, S. 98–118. Auf Englisch erschien der Text als Hannah Arendt’s The Origins of Totalitarianism in its Original Context, in: European Journal of Political Theory 3 (2004), 2, S. 219–238. Der Text der englischen Fassung ist auf Researchgate verfügbar.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.

Kategorien: Geschichte der Sozialwissenschaften Politische Theorie und Ideengeschichte Rassismus / Diskriminierung

Alfons Söllner

Professor Dr. Alfons Söllner ist emeritierter Professor für politische Theorie und Ideengeschichte, er lehrte von 1994 bis 2012 an der Technischen Universität Chemnitz. Geb. 1947 in Bayern, Studium in Regensburg, München und Harvard, 1977 Promotion an der LMU München, 1986 Habilitation an der FU Berlin, 1990–1991 Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin, 1994–1997 Prorektor der TU Chemnitz. Forschungsschwerpunkte: Wirkungsgeschichte der Hitler-Flüchtlinge; Geschichte der Politikwissenschaft; Politische Theorien im 20. Jahrhundert; Politische Ästhetik; Flüchtlingspolitik. Ausgewählte Veröffentlichungen: Peter Weiss und die Deutschen, 1988; Deutsche Politikwissenschaftler in der Emigration, 1996; Fluchtpunkte. Studien zur politischen Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts, 2006; Deutsche Frankreich-Bücher aus der Zwischenkriegszeit, 2012.

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