Thomas Hoebel | Rezension |

Think outside the Box

Rezension zu „Erzählen über Gesellschaft“ von Howard. S. Becker

Howard S. Becker:
Erzählen über Gesellschaft
Deutschland
Wiesbaden 2019: VS Verlag für Sozialwissenschaften
S. 324, XXVI, EUR 64,99
ISBN 978-3-658-15869-9

Für gewöhnlich tanzen Sozialwissenschaftler’innen ihre Forschungsergebnisse einander nicht vor. Ebenso wenig rezitieren sie ihre Argumente in Versform. Und üblicherweise präsentieren sie ihre Überlegungen auch nicht als Skulptur. Sie schreiben bevorzugt wissenschaftliche Aufsätze oder Monografien – und selbst wenn Sozialwissenschaftler’innen einen Vortrag halten, haben sie oftmals ein ausformuliertes Manuskript oder setzen darauf, dass ihnen ihr vorbereiterer Foliensatz genügend Anhaltspunkte für das Referat liefert. Kurzum, sie bieten Fließtexte dar – mitunter garniert durch Listen, Tabellen, Formeln, Grafiken und Fotografien, womöglich sogar durch einen passenden Videoschnipsel, den Leser’innen eines Texts per QR-Code streamen können oder den Zuschauer’innen im Laufe eines Referats vorgespielt bekommen. Ohne Zweifel handelt es sich dabei ebenfalls um Performances.[1] Diese Darstellungen folgen jedoch anderen Konventionen als – sagen wir – in den bildenden Künsten.

In seiner Studie Erzählen über Gesellschaft spricht Howard S. Becker treffend von „Standardformaten“, derer sich Menschen bedienen, um einander zu schildern, wie sie gesellschaftliche Realität auffassen (S. 18). Er argumentiert mit einiger Verve, dass dazu nicht nur soziologische Texte und Reden zählen – „als hätten sie [meine eigenen akademischen Kollegen – Soziologen und andere Sozialwissenschaftler] ein Monopol“ für solche Schilderungen (S. 17) –, sondern auch diverse weitere „Repräsentationen von Gesellschaft“, wie er es nennt (S. 15). Romane, Dramen, Dokumentar- und Spielfilme, Fotografien, Landkarten, statistische Tabellen, mathematische Modelle und Ethnografien können gleichermaßen als Formate gelten, in denen menschliche Vergesellschaftung einen Ausdruck findet (S. 18 ff.).[2] Er begreift sie allesamt als vermeintlich „erstarrte Überreste gemeinsamer Aktionen“ (S. 25), die immer wieder zu „Anwendungen“ würden und ihren temporären Objektstatus verlören – nämlich wenn jemand sie nutzt oder umgestaltet (S. 37). Becker nimmt damit einen Kerngedanken aus seinen kunstsoziologischen Studien der 1970er- und 1980er-Jahre wieder auf, in denen er Kunstwerke als kollektive und arbeitsteilige Aktivität erörtert: „Es ist kaum vorstellbar, wie viele verschiedene Tätigkeiten ausgeführt werden müssen, um ein beliebiges Kunstwerk zu dem zu machen, als das es letztendlich erscheint. Für ein Symphonieorchester, das ein Konzert gibt, müssen zum Beispiel Instrumente erfunden, hergestellt und gewartet worden sein; eine Notenschrift muß erfunden und Musik muß komponiert worden sein; die Menschen, die diese Notenschrift benutzen, müssen gelernt haben, die Noten auf den Instrumenten zu spielen; ein Zeitpunkt mußte verabredet und ein Raum für die Proben bereitgestellt worden sein; für das Konzert mußte geworben, die Medien mussten eingeladen und Karten verkauft worden sein; und schließlich mußte ein Publikum gewonnen werden, daß [sic!] in der Lage ist, die Musik zu hören, sie zu verstehen und auf sie zu reagieren. Eine ähnliche Liste kann man für jede beliebige darstellende Kunst aufstellen.“[3]

In Erzählen über Gesellschaft verallgemeinert Becker diese Sichtweise auf Repräsentationen menschlicher Vergesellschaftung aller Art. Die Repräsentationen variierten in erster Linie deswegen in Form und Inhalt, weil sie von verschiedenen Kollektiven – die immer aus „Machern“ und „Nutzern“ bestünden – in einem je spezifischen Zusammenspiel hervorgebracht würden. Becker spricht wahlweise von gesellschaftlichen Organisationen, interpretativen Gemeinschaften oder sozialen Welten. „Diese Welten bestehen aus all den Menschen und Artefakten, deren Herstellungs- und Nutzungsaktivitäten sich auf eine bestimmte Art der Repräsentation konzentrieren: zum Beispiel all die Kartografen, Wissenschaftler, Datensammler, Drucker, Designer, Unternehmen, Geografieabteilungen, Piloten, Schiffskapitäne, Fahrer und Fußgänger, deren Zusammenarbeit eine Welt der Landkarten erzeugt.“ (S. 26)

Die Welt der Landkarten ist Becker zufolge eher Macher-dominiert, da sich eine Lesart der Karte nahezu aufdrängen soll. Schließlich geht es im Kosmos der Landkarten darum, den Personen, die sich mithilfe der Karte orientieren wollen, durch Eindeutigkeit bestmöglich zu helfen, sich zurechtzufinden. Andere Welten sind dagegen eher Nutzer-geprägt, wie Becker anhand der Dokumentarfotografie von Walker Evans erörtert. Evans übernahm zwar die Auswahl und Anordnung seiner zuvor produzierten Bilder, überließ Vergleich und Interpretation aber weitgehend dem Publikum, sodass sich eine Ausstellung seiner Arbeiten dadurch auszeichnete, diverse Vergleiche und vielfältige Deutungen zu erlauben.

Repräsentationen, die dem einen Produktions- und Rezeptionskollektiv als Standardformat gelten, behandelt ein anderes als Innovation. Wenn jemand Formate aus einer anderen sozialen Welt adaptiert, mit ihnen experimentiert oder sich – was selten genug ist – etwas ganz Neues ausdenkt, sorgt dies mitunter für Konflikte oder wird schlicht ignoriert, wie Becker mit Blick auf den Statistikpionier John Tukey feststellt. Dessen grafische Erfindung – die Box-Plots – fänden unter Sozialwissenschaftler’innen nur selten Anwendung, obwohl sie gut geeignet wären, um große Datenmengen in leicht zugänglicher Weise zu präsentieren (S. 86–89).

Der ‚Fall Tukey‘ macht auf eine Ambivalenz wissenschaftlichen Arbeitens aufmerksam, die auch Erzählen über Gesellschaft durchzieht. Einerseits kommen wir vor allem dann auf Ideen, wenn wir die Komfortzonen unseres gewohnten Denkens verlassen. So möchte Becker vor allem seine Kolleg’innen aus den empirisch arbeitenden Sozialwissenschaften genau dazu ermuntern: mit den Repräsentationen anderer sozialer Welten zu experimentieren, um „Sozialanalyse“ (S. 19) zu betreiben. Hierfür dienen insbesondere die in Teil 2 kapitelweise präsentierten Beispiele. Warum nicht wie David Antin eine Parabel erzählen, die zwar unrealistisch ist, aber einen Sachverhalt recht gut umreißt (Kap. 9)? Man könnte auch, wie Allison Davis, Burleigh B. Gardner und Mary R. Gardner, mit Zeichnungen arbeiten, um soziale Beziehungen darzustellen (Kap. 10),[4] oder man könnte Pressefotos als visuelle Soziologie begreifen (Kap. 11). Die Dramentheorie eignet sich hervorragend, um der Vielstimmigkeit des Sozialen gerecht zu werden, anstatt sie kohärenter abzubilden als sie tatsächlich ist (Kap. 12). Warum nehmen wir uns kein Beispiel an Erving Goffman, der in Asyle bewusst sperrige, im Alltag wie in der Soziologie ungebräuchliche Konzepte nutzte, um detaillierte Beschreibungen von Phänomenen zu gewinnen, aber moralische Bewertungen des Publikums zunächst auf Distanz zu halten (Kap. 13)? Die Romane so unterschiedlicher Macher’innen wie Jane Austen (Kap. 14), Georges Perec (Kap. 15) oder Italo Calvino (Kap. 16), in denen Vieles zu entdecken ist, was dem konventionellen soziologischen Blick womöglich entgeht, lassen sich aus genau diesem Grund trefflich als Gesellschaftsanalysen lesen.

Andererseits ist das thinking outside the box, wie es so schön heißt, durchaus ein besonderes Wagnis: Während Becker seine Kolleg’innen zum Blick über den eigenen methodischen und darstellerischen Tellerrand aufruft, führt er vor allem in Teil 1 („Ideen“) immer wieder vor – mal explizit, mal en passant –, dass es recht riskant ist, die jeweiligen Pfade des Erzählens über Gesellschaft zu verlassen, die in den sozialen Welten üblich sind, denen man angehört – zumindest wenn man ihnen weiter angehören möchte. Nicht jeder kann, wie der kürzlich verstorbene Soziologe und Künstler Urs Jaeggi, behaupten, dass es ihm „wurscht“ gewesen sei, „wenn die Leute gesagt haben: ‚Muss er denn das jetzt auch noch machen?‘“.[5] So gilt der Soziologe Horst Bosetzky als Mitbegründer des Soziokrimis, ein Genre der Kriminalliteratur, in dem die Autor’innen gesellschaftspolitische Themen in ihre Plots einweben.[6] Er veröffentlichte seine Krimis – der erste erschien 1971 – zunächst unter dem Kürzel -ky. Erst 1981 gab er sich im Rahmen einer Filmpremiere zu einem seiner Werke zu erkennen. Zuvor und gerade zu Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn sorgte er sich, ob ihm sein belletristisches Schreiben nicht anderweitig berufliche Türen verschließen würde.[7]

Es ist demnach kaum verwunderlich, dass sozialwissenschaftliche Fließtext-Performances nur in Maßen ihre Erzählform variieren.[8] Folgt man Becker, ist die Sorge um Streit, Ablehnung und Desinteresse allerdings nur die halbe Antwort auf die Frage, warum Sozialwissenschaftler’innen den Standardformaten derart treu sind. Auch um Verständlichkeit kann es nicht in erster Linie gehen, zumindest wenn man denjenigen Glauben schenkt, die – wie Becker selbst – übermäßigen Jargon, klinischen Stil und Anspruch suggerierende Unverständlichkeit insbesondere von soziologischen Erzeugnissen kritisieren.[9] Erzählen über Gesellschaft hält eine andere Erklärung parat: Becker begreift die Zirkel, die sich jeweils um bestimmte Standardformate der Sozialanalyse gruppieren, nicht nur als Produktions- und Interpretationsgemeinschaften, sondern vor allem auch als ‚Glaubwürdigkeitsgemeinschaften‘, um es zuspitzend zu formulieren. Aussagen gälten vor allem dann als wahr, wenn ihre Präsentationsform ihre Glaubwürdigkeit verbürgte – und die jeweilige Form wiederum basiere nicht auf einem letztgültigen Kriterium der Richtigkeit, sondern auf einer sozialen Übereinkunft des „satisficing“, um Herbert Simons entscheidungstheoretisch gemünztes Schachtelwort zu nutzen.[10] Oder direkt in Beckers Worten: „Generell könnte man sagen, dass Leute, die eine bestimmte Art von Repräsentation machen und nutzen (Film, Tabelle, Roman oder mathematisches Modell), in dem übereinstimmen, was ‚gut genug‘ für ihren Zweck ist. Gut genug für die Zwecke der Macher, was auch immer ihre Interessen sein mögen, und gut genug für die Nutzer und ihre jeweiligen Interessen. Nicht perfekt. Nicht so gut, wie es alle wünschen, aber den Umständen entsprechend gut genug, um als Richtlinie zu gelten.“ (S. 121)

Die herrschende Übereinkunft zwischen Macher’innen und Nutzer’innen bezüglich der jeweils geltenden Konventionen, wie über Gesellschaft zu erzählen ist, ist Beckers Ansicht nach im doppelten Sinne moralisch. Zum einen, weil sich in den Konventionen die Wertschätzung des Gewohnten und die Abschätzigkeit gegenüber dem Unüblichen abbilden – einer Mehrheit der jeweiligen sozialen Welt wohlgemerkt. Zum anderen drücken die Repräsentationen selbst, durch die Form, wie sie jeweils gemacht sind, eine Moral aus, wie Becker anhand der Verschleierung von Werturteilen durch eine (vermeintlich) neutrale Sprache in vielen sozialwissenschaftlichen Texten erörtert. Es funktioniere letztlich ganz einfach: indem sie vor allem für Nutzer’innen geschrieben würden, die die moralischen Voraussetzungen und Ansichten der Verfasser’innen teilten und die selbst nicht nennenswert daran interessiert wären, ihre Moral zu hinterfragen (Kap. 8: „Die Moralität der Repräsentationen“).[11]

Erzählen über Gesellschaft ist aus diesem Grund unzweifelhaft selbst ein moralisches Buch. Besser ausgedrückt: Es ist ein Buch, dessen Autor seine Werturteile nicht versteckt, sondern sie in fast schon Weberianischer Mustergültigkeit zum Ausgangs- und Bezugspunkt seiner Argumentation macht. „Ein winziger Teil der jeweils betrachteten individuellen Wirklichkeit wird von unserm durch jene Wertideen bedingten Interesse gefärbt, er allein hat Bedeutung für uns; er hat sie, weil er Beziehungen aufweist, die für uns infolge ihrer Verknüpfung mit Wertideen w i c h t i g sind.“[12]

Insofern befasst sich Becker mit einem „kulturbedeutsamen“ Phänomen, wie Max Weber es formulieren würde, nämlich dass Menschen in der modernen Gesellschaft viel mehr wissen müssen, als ihnen durch persönliche Erfahrung unmittelbar zugänglich ist. Deswegen greifen sie unter anderem auf die Produkte gemeinsamer erzählerischer Aktivitäten zurück, die Becker verallgemeinernd „Repräsentationen“ nennt (S 16).[13] Schon dieser Zusammenhang rechtfertigt ihre genauere Analyse. Becker geht noch einen Schritt weiter. Er verknüpft sein Erkenntnisinteresse von Beginn an mit der in erster Person Singular formulierten Ansicht, dass die Sozialwissenschaften nur eine von vielen sozialen Welten seien, in denen über Gesellschaft erzählt werde – weder die einzige noch die beste, auch wenn die Kolleg’innen sich oftmals anderes weismachten (S. 3, S. 17). Erzählen über Gesellschaft ist demgegenüber von der Idee geprägt, dass auch Jane Austen oder George Bernard Shaw Soziolog’innen genannt werden können, da sie mit ihren Werken Gesellschaftlichkeit analysierten. „Warum denn nicht?“, fragt Becker augenzwinkernd in einem Interview mit dem Herausgeber von Erzählen über Gesellschaft, Rainer Keller, das am Ende des Buches abgedruckt ist (S. 308).

Kaum überraschend hat seine Herangehensweise Widerstand unter den Kolleg’innen hervorgerufen. Einige Rezensent’innen der US-amerikanischen Originalausgabe Telling about Society[14] fanden Beckers Sicht nicht allzu überzeugend. Ihre werkimmanente Kritik ging in etwa so: Einerseits wende sich Becker gegen eine sozialwissenschaftliche Monopolstellung, andererseits deklariere er andere Repräsentationen menschlicher Vergesellschaftung quasiimperialistisch zu Soziologie. Ja, mehr noch: Er degradiere sie in letzter Konsequenz zu Datenlieferanten für ‚eigentliche‘ soziologische Forschung.[15] Nun, ich denke, dass diese Kritik ein Stück weit an Erzählen über Gesellschaft vorbeigreift. Lose angelehnt an Kants Unterscheidung zwischen einem Weltbegriff und einem Schulbegriff der Philosophie denkt Becker Soziologie eher weltbegrifflich, indem er alle Repräsentationen von Gesellschaft, die aufhellen, wie „Menschen gemeinsam Dinge tun“, als soziologisch begreift – „‘sociology’ as a way of thinking about and approaching the social world we live in“.[16] Seine Kritiker’innen verstehen die Soziologie dagegen schulbegrifflich, das heißt von einer bestimmten methodischen Ordnung her, mit deren Hilfe wissenschaftliche Erkenntnis zu gewinnen sei. Schüttet Becker aber nicht tatsächlich das Kind mit dem Bade aus, wenn er Soziologie weltbegrifflich entgrenzt versteht? Meines Erachtens hätte eine systematische Unterscheidung zwischen Entdeckungs- und Begründungskontexten soziologischen Denkens seinem Argument gutgetan. Ihm geht es darum, Suchbewegungen jenseits der kanonischen Soziologie zu motivieren, um unerwartete Entdeckungen zu provozieren. Er kritisiert seine Kolleg’innen aber im Kern dafür, wie sie ihre Begründungen präsentieren (müssen). In seinen eigenen Termini gesprochen, überlässt es Becker zu sehr den Nutzer’innen seines Textes, diese wichtige Differenz einzuziehen. Zudem hat Mariam Motamedi Fraser einen Punkt, wenn sie geltend macht, dass sich genuin soziologisches Denken vor allem durch einen spezifischen Problemzugriff auf Gesellschaftlichkeit auszeichnet, den Becker im Grunde selbst vorführt: multi-methodisch und reflexiv zu arbeiten, im Bewusstsein über die Vorläufigkeit und Kontingenz der eigenen Ergebnisse. Allerdings bleibt diese Spezifik der Schul-Soziologie in Erzählen über Gesellschaft zu sehr im Ungefähren.

Was fangen wir mit der deutschsprachigen Übersetzung einer Studie an, die bereits einige Jahre auf dem Buckel hat?[17] Das Original ist, wie auch Writing for Social Scientists und Tricks of the Trade, in der Reihe Chicago Guides to Writing, Editing, and Publishing erschienen. Es unterscheidet sich jedoch deutlich von diesen beiden pageturnern (so ging es zumindest mir bei der Lektüre), denn Talking about Society ist nicht so sehr darauf ausgerichtet, Anregungen zu geben, um ganz handfeste Probleme des Forschens und Schreibens zu lösen. Es ist dagegen eher eine Studie darüber, wie ein bestimmtes handfestes Problem beschaffen ist und in diversen sozialen Welten bearbeitet wird: die Glaubwürdigkeit von Erzählungen und Urteilen. Wie bringen Menschen einander dazu, ihre für gewöhnlich moralgetränkten Erzählungen zu glauben?

Damit hat die Studie einerseits etwas Zeitloses. So ist das Kapitel „Einzelheiten zusammenfassen“ ein fantastischer Kommentar zu einem eigentlich „unlösbaren Problem“ (nicht nur) sozialwissenschaftlicher Erzählungen (S. 100), das gleichwohl jede soziologische Arbeit, die es zur Veröffentlichung schafft, irgendwie für sich bearbeitet hat. Der Aufsatz gehört, wenn man mich fragt, in jeden soziologischen Einführungskurs, weil er eine Idee davon vermittelt, wie „erfahrungsbasierte Objektivität“ entsteht – beziehungsweise das, was wir dafür halten. Andererseits liest sich Erzählen über Gesellschaft wie ein Kommentar zu unserer Zeit, in der Rechtsintellektuelle gegenaufklärerisch von einem nationalistischen Mythos raunen, während sie zugleich von völkisch verstandenen Gesellschaften erzählen; einer Zeit, in der QAnon-Begeisterte einen deep state für ihre Lebenssituation verantwortlich machen. Deren Geschichten verfangen bei erschreckend vielen Nutzer’innen, die qua Social Media wiederum selbst als Macher’innen fungieren. Becker bietet eine exzellente Heuristik, um sich mit verschiedenen sozialen Welten analytisch zu befassen oder bestehende Forschungen dazu aufeinander zu beziehen. Dient es dem Erkenntnisgewinn, dürfen die Forschungsergebnisse auch gerne vorgetanzt werden. Ich persönlich wäre aber auch mit Fließtexten zufrieden.

  1. Lesenswert hierzu ist Thomas Etzemüller, „It’s the performance, stupid“. Performanz → Evidenz: Der Auftritt in der Wissenschaft, in: ders. (Hg.), Der Auftritt. Performanz in der Wissenschaft, Bielefeld 2019, S. 9–44.
  2. Mit der Liste beansprucht Becker keine Vollständigkeit, sie hat nur exemplarischen Charakter.
  3. Howard S. Becker, Kunst als kollektives Handeln, in: Jürgen Gerhards (Hg.), Soziologie der Kunst. Produzenten, Vermittler und Rezipienten, Opladen 1997, S. 23–40, hier S. 24; Howard S. Becker, Kunstwelten, übers. von Thomas Klein, Hamburg 2017.
  4. Die Studie von Allison Davis / Burleigh B. Gardner / Mary R. Gardner, Deep South. A Social Anthropological Study of Caste and Class, Chicago, IL 1941 gilt heute als Vorläufer der Netzwerkforschung.
  5. Ohne Autor, Urs Jaeggi ist tot. Soziologe, Romanautor und Künstler [23.2.2021], in: Spiegel Online, 15.2.2021.
  6. So nutzte Bosetzky die Form des Soziokrimis mehrfach, um Themen, die zum betreffenden Zeitpunkt nur marginalen Status im öffentlichen Diskurs hatten, überhaupt eine Gestalt zu geben: In Ein Toter führt Regie schrieb er 1974 über Mobbing am Arbeitsplatz, in Einer will’s gewesen sein 1978 über die Anziehungskraft von Sekten und in Feuer für den großen Drachen von 1982 über Alltagsrassismus und Neonazismus.
  7. Ohne Autor, Sieben Fragen an Horst Bosetzky (-ky) [23.2.2021], in: Kriminetz. Alles zu Krimi und Thriller, 28.4.2018. Da auch sein damaliger Lektor das -ky für marketingtauglich befand, sprach erst einmal nichts gegen eine Pseudonymisierung. 1973, zwei Jahre nach seinem Debütroman, gründete Bosetzky dann die Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege Berlin mit und wurde dort Professor für Organisationssoziologie. Vermied er es zunächst noch, sein Tätigkeit als Romanautor offenzulegen – aufgrund einer beim damaligen Bremer Bürgermeister angesiedelten Stabstelle für Verwaltungsreformen, in der er als wissenschaftlicher Mitarbeiter mitwirkte und die er als Option sah, „Karriere in der SPD“ zu machen –, beendete er schließlich nach einigen Jahren das Versteckspiel.
  8. Einige Autor’innen verlassen durchaus das gewohnte Terrain – und in absoluten Zahlen scheinen solche Ausbrüche aus den sozialwissenschaftlichen Standardformaten gar nicht mal selten: Siegfried Kracauers „Straßentexte“ für die Frankfurter Zeitung oder Simone Weil, Fabriktagebuch und andere Schriften zum Industriesystem, übers. von Heinz Abosch, Suhrkamp 2019 sollten wir dazu zählen, ebenso wie Bruno Latours kuratorisches Wirken für die beiden Ausstellungen Iconoclash [23.2.2021] (2002) und Making Things Public [23.2.2021] (2005) im Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe oder die Ethnographics [23.2.2021], auf ethnografischer Forschung basierende graphic novels, die seit einiger Zeit bei University of Toronto Press erscheinen. Ich könnte zahlreiche weitere Beispiele nennen – vielen Dank an die Kolleg’innen, bei denen ich eine kleine Umfrage zu diesem Thema gestartet hatte und die sich die Zeit genommen haben, mir ihre zahlreichen Ideen zu senden. Der relative Anteil dieser Ausbrüche an allen sozialwissenschaftlichen Performances dürfte dennoch verschwindend gering sein.
  9. Siehe nur Howard S. Becker, Schreiben und Denken in den Sozialwissenschaften. Ein Erlebnisbericht, in: Leviathan 21 (1993), 1, S. 69–88; Charles Tilly, Writing Wrongs in Sociology, in: Sociological Forum 1 (1986), 3, S. 543–552; Michael Billig, Learn to Write Badly. How to Succeed in the Social Sciences, Cambridge / New York 2013.
  10. „Whereas economic man supposedly maximizes—selects the best from among all those available to him-his cousin, the administrator, satisfices—looks for a course of action that is satisfactory or ‘good enough’.“ Herbert A. Simon, Administrative Behavior. A Study of Decision-Making Processes in Administrative Organizations, New York 1997, S. 119.
  11. Becker schreibt hier quasi nebenbei eine Theorie der Filterblasen und Echokammern in den Sozialen Medien, allerdings ohne sich explizit darauf zu beziehen. Es lohnt sich, das Kapitel in dieser Hinsicht zu lesen.
  12. Max Weber, Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 19 (1904), 1, S. 22–87, hier S. 50.
  13. Für die Luhmannianer im Publikum: Ja, es könnte sich lohnen, Erzählen über Gesellschaft kontrastierend zu Niklas Luhmann, Die Realität der Massenmedien, Opladen 1996 zu lesen.
  14. Howard S. Becker, Telling about Society, Chicago, IL 2007.
  15. Jack Katz, Book Review: Telling About Society – By Howard S. Becker, in: The British Journal of Sociology 59 (2008), 4, S. 807–808; Robert Cluley, Book Review: Telling about Society, in: The Sociological Review 57 (2009), 2, S. 360–362; Mariam Motamedi Fraser, Once upon a Problem, in: The Sociological Review 60 (2012), 1 (Supplement), S. 84–107, hier S. 85.
  16. So Becker im Gespräch mit Dagmar Danko, die, nebenbei bemerkt, mit Zur Aktualität von Howard S. Becker eine sehr informative und instruktive Einführung geschrieben hat, die einen sehr guten Einstieg für unerfahrene Nutzer’innen bietet. Dies., Zur Aktualität von Howard S. Becker. Einleitung in sein Werk, Wiesbaden 2015, S. 163.
  17. Zudem ist bereits das Original aus diversen, bereits über zwanzig Jahre hinweg erschienenen Aufsätzen kompiliert, die Becker zwar in der ihm eigenen Manier umgeschrieben und ergänzt hat, deren Grundüberlegungen aber dieselben geblieben sind.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Gesellschaft Kommunikation Kunst / Ästhetik Normen / Regeln / Konventionen

Thomas Hoebel

Thomas Hoebel, Soziologe, arbeitet am Hamburger Institut für Sozialforschung. Er forscht zu organisierter Gewalt, schreibt an einer Methodologie prozessualen Erklärens und befasst sich mit dem Rätsel, wie gute wissenschaftliche Texte entstehen.

Alle Artikel

Empfehlungen

Hans-Peter Krüger

Der Mensch erscheint am Ende der Vorschulzeit

Rezension zu „Mensch werden. Eine Theorie der Ontogenese“ von Michael Tomasello

Artikel lesen

Christopher Schlembach

Order from Noise

Kai Ginkel über die sozialen Bedingungen der Möglichkeit von Klang

Artikel lesen

Floris Biskamp

Die Lügen, die uns binden

Rezension zu „Identitäten. Die Fiktionen der Zugehörigkeit“ von Kwame Anthony Appiah

Artikel lesen