Ulf Tranow | Rezension |

„To explain why by explaining how“

Rezension zu „Kausale Mechanismen und Process Tracing. Perspektiven der qualitativen Politikforschung“ von Frank Nullmeier

Frank Nullmeier:
Kausale Mechanismen und Process Tracing. Perspektiven der qualitativen Politikforschung
Deutschland
Frankfurt am Main 2021: Campus
347 S., 24,95 EUR
ISBN 9783593512075

Seit gut dreißig Jahren wird in den Sozialwissenschaften, und hier insbesondere in der Soziologie, eine intensive Debatte über soziale Mechanismen geführt. Bei dieser geht es im Kern um die theoretischen und epistemischen Anforderungen befriedigender Kausalerklärungen.[1] Kurz gesagt sind aus der Perspektive des Mechanismen-Ansatzes soziale Sachverhalte dann hinreichend erklärt, wenn der sie hervorbringende Prozess aufgedeckt ist. Dieses Kernprinzip mechanismenbasierten Erklärens wird von William Bechtel und Adele Abrahamsen mit „to explain why by explaining how[2] auf den Punkt gebracht. Frank Nullmeier schließt mit seinem Buch Kausale Mechanismen und Process Tracing an diese Debatte an und will sie für die qualitative politikwissenschaftliche Forschung fruchtbar machen. Der Hintergrund ist, dass sich in der Politikwissenschaft mit dem Process Tracing ein qualitatives Forschungsprogramm etabliert hat, das zwar starken Bezug auf soziale Mechanismen nimmt, das Konzept jedoch nicht sozialtheoretisch fundiert. Das führe, so Nullmeier, nicht nur zu Problemen bei der konsistenten Begründung des Forschungsprogramms, sondern vor allem bei seiner praktischen Anwendung (S. 194 ff.). Nullmeiers Anliegen ist es, diese Leerstellen zu schließen und Perspektiven einer mechanismenbasierten Prozessanalyse aufzuzeigen. Dem Buch liegen drei übergreifende Argumentationsschritte zugrunde: eine Einführung in Grundpositionen der Mechanismen-Debatte (Kapitel 2), ein Theoriebeitrag zur Fundierung eines mechanismenbasierten Erklärungsprogramms (Kapitel 3 bis 4) und forschungspraktische Reflexionen zur Anlage mechanismenbasierter Einzelfallstudien (Kapitel 5 bis 9).

Die Einführung in die Grundlagen des Mechanismen-Ansatzes orientiert sich an der Entwicklung des Konzepts in der jüngeren Geschichte der Sozialwissenschaften. Im Mittelpunkt stehen die Positionen wichtiger Schulen, wie dem Kritischen Realismus, der Analytischen Soziologie oder dem Akteurszentrierten Institutionalismus, und zentraler Theoretiker*innen, wie Jon Elster, Charles Tilly oder Renate Mayntz. Die Einführung erfolgt allerdings nicht deskriptiv, sondern als kritische Diskussion, in der Nullmeier bereits die wesentlichen Konturen seines eigenen Konzeptvorschlags für eine mechanismenbasierte Prozessforschung skizziert. In seiner Auseinandersetzung mit Elster stellt Nullmeier beispielsweise heraus, dass er in dessen frühem Ansatz einer mikrofundierten Sozialwissenschaft die Grundlegung jedes überzeugenden Erklärungsprogramms sieht, wohingegen er sich vom ‚späten‘ Elster mit dessen stärker an universellen Gesetzen orientierter Methodologie abgrenzt. In seiner Diskussion der Analytischen Soziologie betont Nullmeier, dass deren Vorstellung von Mechanismen als zeit-räumlich ungebundenen und semi-generellen Kausalmodellen für ihn konzeptionell wegweisend sei; die handlungstheoretische Fundierung der Analytischen Soziologie kritisiert er hingegen dafür, dass sie sich zu eng an die Rational Choice-Theorie anlehne. Anhand der Arbeiten von Mayntz und Scharpf demonstriert Nullmeier die Grundidee eines prozessualen Erklärungsverständnisses, die darin bestehe, dass ein einmaliger Prozessverlauf durch das Zusammenwirken einer Mehrzahl an verallgemeinerbaren Mechanismen kausal rekonstruiert werde. In der Rezeption der Arbeiten von Mayntz und Scharpf fände dieser Aspekt zwar nur wenig Beachtung, für sein mechanismenbasiertes Erklärungsprogramm sei er aber wegweisend.

Aufbauend auf diese intensive Diskussion widmet sich Nullmeier in Kapitel drei und vier den theoretischen Grundlagen eines „systematischen Ansatzes mechanismenbasierten Erklärens“ (S. 91), der sich zur Anleitung prozessorientierter Einzelfallanalysen eignen soll. Im ersten Schritt werden mit den Prinzipien der Akteurszentrierung und der Modularität die theoretischen Eckpfeiler für dieses Programm gesetzt. Dass ein mechanismenbasiertes Erklärungsprogramm akteurszentriert angelegt werden müsse, begründet Nullmeier mit den Grundprämissen einer Sozialontologie, der zufolge ausschließlich Individuen als „aktiv-dynamische Kräfte der Produktion des Sozialen“[3] in Frage kämen. Vor diesem Hintergrund argumentiert er, dass es keine situationalen, institutionellen oder systemischen Mechanismen geben könne, die eine akteursunabhängige Kausalwirkung behaupten. Dem ist zuzustimmen, doch die Argumentation greift an dieser Stelle etwas zu kurz. Aus einem ontologischen Individualismus leitet sich nicht zwingend die methodologische Anforderung ab, Kausalerklärungen sozialer Sachverhalte auf Mechanismen auf Individualebene zu reduzieren, sondern lediglich, dass eine solche Reduktion prinzipiell möglich sein muss. Das postuliert auch Nullmeier, wenn er argumentiert, dass kollektive Akteure wegen ihrer prinzipiellen Zerlegbarkeit in Einzelakteure als Träger von Mechanismen in Frage kommen, auch wenn dieser Dekompositionsschritt aus forschungspragmatischen Gründen nicht immer notwendig sei (S. 114). Vor diesem Hintergrund stellt sich dann aber die Frage, ob nicht auch der Verweis auf situationale, institutionelle oder systemische Mechanismen gerechtfertigt sein kann, sofern erstens die behaupteten überindividuellen kausalen Eigenschaften individualistisch dekomponiert werden können und zweitens ein hinreichendes empirisches Wissen über ihre Mikrokonstituenten existiert.[4] Diese Frage ist nicht nur aus theoretischer, sondern vor allem auch aus anwendungsbezogener Perspektive relevant, da sich der Anspruch einer Mikrofundierung in der Forschungspraxis häufig nur schwer einlösen lässt. Daher wäre eine systematischere Diskussion der Möglichkeiten und Grenzen dieses Vorgehens wünschenswert gewesen.

Neben der Akteurszentrierung ist eine modulare Erklärungsstrategie der zweite theoretische Eckpfeiler von Nullmeiers Mechanismenprogramm. Bei dieser werden Einzelfälle anhand von Mechanismen als reichweitebeschränkte Kausalmodelle schrittweise rekonstruiert. Diese Grundidee wirft die Frage nach dem „Skalierungsniveau“ (S. 93) von Mechanismen auf. Nullmeier schlägt vor, zwischen „elementaren“ und „komplexen“ Mechanismen zu unterscheiden (S. 92 ff.). Bei ersteren handelt es sich um Perzeptions-, Handlungs- und Interaktionsmechanismen, die sich sozialwissenschaftlich nicht sinnvoll dekomponieren lassen. Komplexe Mechanismen bestehen dagegen aus einer spezifischen Kombination aus elementaren Mechanismen und umfassen damit mehrere Kausalschritte. In Anlehnung an die in der Mechanismen-Literatur weit verbreitete Idee, dass es für die praktische Forschung einer Toolbox mit einem Set an Mechanismen bedarf, erstellt Nullmeier im vierten Kapitel eine umfassende, erweiterbare Liste elementarer Mechanismen. Aus unterschiedlichen Theorietraditionen und Forschungsrichtungen trägt er Perzeptionsmechanismen (beispielsweise Chancen-/Risikowahrnehmung, Kausalattributionen, wishful thinking), Handlungsmechanismen (beispielsweise präferenzadaptives, rational kalkuliertes, normorientiertes, performatives Handeln) und Interaktionsmechanismen (beispielsweise Polarisierung, Gruppenkonformität, kollektive Identitätsbildung) zusammen. Es gibt in der Mechanismen-Literatur mehrere solcher Listen, doch diese fallen weit weniger systematisch und umfangreich aus als die von Nullmeier entworfene. Doch trotz ihres Informationsgehalts ist die Zusammenstellung für die praktische Forschungsarbeit nur eingeschränkt von Nutzen. Wie Nullmeier selber betont, zielt ein sozialwissenschaftliches Erklären einzelner Ereignisse darauf ab, diese „durch das Wirken komplexer kausaler Mechanismen verständlich machen zu können“ (S. 158 f.). Deswegen dürfte der Mechanismen-Ansatz wohl auch erst dann breite Anwendung in der Forschung finden, wenn es auch umfängliche Zusammenstellungen komplexer Mechanismen gibt. Nullmeier ist allerdings skeptisch, ob auf der Grundlage des bisherigen Forschungsstands eine solche Zusammenstellung möglich ist, weswegen im Buch kaum komplexe Mechanismen vorgestellt und diskutiert werden. Diese Einschätzung irritiert ein wenig. Denn nicht nur die empirische Forschung, sondern vor allem auch die Sozialtheorie bietet sich an, um mit ihrer Hilfe komplexe Mechanismen für eine forschungspraktische Toolbox zusammenzutragen. Da das an dieser Stelle nicht systematisch demonstriert werden kann, belasse ich es bei einem exemplarischen Hinweis. Neil Fligstein und Doug McAdam[5] definieren in ihrer akteurszentrierten Feldtheorie einen komplexen Mechanismus der Konfliktmobilisierung, der sich als sequenzielle Verknüpfung von drei elementaren Mechanismen im Sinne Nullmeiers rekonstruieren lässt: einem Perzeptionsmechanismus (Wahrnehmung von Opportunitäten), einem Interaktionsmechanismus (Aktivierung kollektiver Identität) und einem Handlungsmechanismus (Normüberschreitung als performatives Handeln). Die Aufarbeitung von Sozialtheorien durch die Überführung der ihnen zugrundeliegenden Kausalmodelle in die Systematik und Terminologie des Mechanismen-Ansatzes könnte ein großer Schritt dahin sein, dieses Erklärungsprogramm für die empirische Forschung attraktiv zu machen.

Zusätzlich zu dieser Theoriearbeit braucht es für eine größere Anschlussfähigkeit an die Forschungspraxis auch eine verstärkte Reflexion methodischer und anwendungspraktischer Fragen. Es gehört zweifellos zu den großen Stärken von Nullmeiers Buch, dass er dieser mehrere Kapitel (5 bis 9) widmet. Ausgangspunkt ist eine Auseinandersetzung mit dem Programm des Process Tracing, das in Nullmeiers Verständnis mit seiner Konzentration auf die Entdeckung kausaler Pfade zwar eine Blaupause für jede Form der Prozessanalyse bietet, doch insgesamt zu sehr einer Variablenlogik verhaftet bleibt. Für eine Einzelfallerklärung müsse eine Prozessanalyse dagegen stärker ereigniszentriert angelegt sein. Die sich daraus ableitenden forschungspraktischen Anforderungen werden von Nullmeier ausführlich dargelegt und debattiert. Das reicht vom Vorschlag einer „zeitbezogenen Grundbegrifflichkeit“ (S. 214) zur besseren kausalen Interpretierbarkeit von Prozessen, über die Einführung und Diskussion von verschiedenen Verfahren zur Festlegung von Anfangszeitpunkten und -zuständen, bis hin zur Unterscheidung geeigneter Datenquellen und der Diskussion von Erhebungs- und Auswertungsmethoden. Besondern instruktiv ist Nullmeiers Differenzierung von Arbeitsschritten, einmal zur Erklärung von Einzelfällen und einmal zur Identifikation einzelfallübergreifender Sequenzen. Die Einzelfallerklärung beginnt mit der Erstellung einer Ereignischronologie, die im Anschluss in eine die Einzelereignisse verknüpfende Narration gebracht wird. Dann folgt die Zurechnung elementarer Mechanismen zu allen Einzelschritten des Prozesses. Bei Zurechnungsschwierigkeiten können neue Versuche der Rekonstruktion der Ereignisse vorgenommen werden. Eine Einzelfallerklärung ist erreicht, wenn die Zurechnung elementarer Mechanismen eine möglichst lückenlose kausal interpretierbare Erzählung ergibt. Ausgehend von Einzelfallerklärungen können dann fallübergreifende Sequenzen identifiziert werden. Dies verlangt zunächst eine Typisierung der Elemente des Prozessgeschehens, etwa von Akteurskonstellationen, Handlungen, Perzeptionen und Interaktionen. Davon ausgehend lassen sich nach Nullmeier komplexe Mechanismen identifizieren, die mehrere Prozessschritte berücksichtigen und Typen von Ereignissen umfassen. Unter Rückgriff auf mehrere Einzelfallstudien können im Anschluss Aktivierungen komplexer Mechanismen erforscht werden, etwa in Form von triggernden Ereignissen oder auslösenden Zuständen. Mit der Differenzierung dieser Arbeitsschritte illustriert Nullmeier, wie sich eine mechanismenbasierte Einzelfallforschung konkret anlegen lässt. Das ist äußerst nützlich, da Anwendungsfragen in der Mechanismen-Literatur häufig nur randständig behandelt werden.

Nullmeiers Argumentation ist grundsätzlich von dem Gedanken getragen, dass ein mechanismenbasiertes Erklärungsprogramm im engen Dialog sowohl mit der Sozialtheorie als auch der empirischen Forschung (weiter-)entwickelt werden muss. Zwar unterschätzt Nullmeier die Potenziale der Sozialtheorie für die Zusammenstellung komplexer Mechanismen, doch davon unbenommen ist es gerade die Integration von Theorie und Empirie, die die Attraktivität des Buches ausmacht. Die Lektüre lohnt sich sowohl für diejenigen, die sich mit den theoretischen Grundlagen des Mechanismen-Konzepts vertraut machen wollen, als auch für diejenigen, die nach einem eher anwendungsorientierten Zugang zur mechanismenbasierten Einzelfallforschung suchen.

  1. P. Demeulenaere, Introduction, in: Demeulenaere, P. (Hg.), Analytic Sociology and Social Mechanisms, Cambridge 2011, S. 1–30.
  2. W. Bechtel / A. Abrahamsen, Explanation: A Mechanist Alternative, in: Studies in History and Philosophy of Biological and Biomedical Sciences 36, 2005, S. 421–441.
  3. R. Greshoff, Was sind die aktiv-dynamischen Kräfte der Produktion des Sozialen?, in: N. Lüdtke / H. Matsuzaki (Hg.): Akteur – Individuum – Subjekt: Fragen zur Personalität und Sozialität, Wiesbaden 2011, S. 83–106.
  4. Argumente für dieses Vorgehen finden sich bei: D. Little (2016), New Directions in the Philosophy of Social Science, London / New York.
  5. N. Fligstein / D. McAdam, A Theory of Fields, Oxford 2012.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.

Kategorien: Epistemologien Gesellschaftstheorie Zeit / Zukunft

Ulf Tranow

Dr. Ulf Tranow ist Soziologe und Akademischer Oberrat am Institut für Sozialwissenschaften an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Solidarität, Konflikt und Integration, soziale Normen sowie Akteurs- und Handlungstheorien. Er ist Mitherausgeber der Zeitschrift Analyse & Kritik - Journal of Philosophy and Social Theory.

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