Nicolina Kirby | Veranstaltungsbericht |

Transformation ja, aber wie?

Bericht von der digitalen Jahrestagung "Unsustainable Past – Sustainable Futures?" der DFG-Kolleg-Forschungsgruppe "Zukünfte der Nachhaltigkeit" am 11. und 12. Februar 2021

Die Konferenz Unsustainable Past – Sustainable Futures? wurde von der DFG-Kolleg-Forschungsgruppe „Zukünfte der Nachhaltigkeit“ organisiert und von FRANK ADLOFF und SIGHARD NECKEL moderiert. Ursprünglich im Juni letzten Jahres angesetzt und aufgrund der Corona-Pandemie verschoben, versuchte die Tagung nun als Online-Format, einige der drängendsten gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit anzugehen: Wie können wir eine nachhaltige Welt schaffen, die nicht mit demokratischen Prinzipien kollidiert, während wir gleichzeitig versuchen, die immer größer werdende Kluft der sozialen Ungleichheit zu verringern und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern?

In seiner Eröffnungsrede zitierte Sighard Neckel den Münchner Soziologen Ulrich Beck, der bereits in den 1980er-Jahren auf die Vulnerabilität moderner Gesellschaften durch Naturkatastrophen hinwies. Neckel fügte dem hinzu, dass nicht alle Mitglieder einer Gesellschaft gleichermaßen solchen Risiken ausgesetzt seien, sondern dass die ökologische Gefährdung stratifiziert sei, was wiederum mit unserem kapitalistischen Verteilungssystem zusammenhänge. Diejenigen, die am unteren Ende der Einkommensskala stehen, so Neckel, sind einem größeren Risiko ausgesetzt. Darüber hinaus stellte er drei mögliche Wege in eine nachhaltigere Zukunft vor: den grünen Kapitalismus, den ökologischen Ausnahmezustand und Strategien zur (ganzheitlichen) Transformation. Diese Alternativen wurden von den anderen Referent*innen der Konferenz immer wieder aufgegriffen, wobei sich schlussendlich niemand für die Idee des grünen Kapitalismus aussprach.

DIPESH CHAKRABARTY, Historiker und Professor an der University of Chicago, hielt die Keynote der Konferenz. Darin entwickelte er einige bemerkenswerte Punkte, die die später folgenden Diskussionen leiten sollten. Seine drei Hauptthemen waren das planetare Zeitalter in der Menschheitsgeschichte, Nachhaltigkeit und Habitabilität (habitability) als zwei unterschiedliche Kategorien und das Phänomen der Technosphäre. Erstens differenzierte Chakrabarty zwischen den Begriffen „globe“ und „planet“, wobei Ersterer die Welt als globalisierte zusammenhängende Sphäre darstellt, während Letzterer das Erdsystem in einem naturwissenschaftlichen Sinne – losgelöst vom Menschen – beschreibt. Zweitens unterschied er Nachhaltigkeit von Habitabilität. Im Mittelpunkt des Konzepts der „Nachhaltigkeit“ stehe das menschliche Überleben, demgegenüber konzentriere sich „Habitabilität“ auf den Planeten Erde als Ganzen und darauf, ihn für Leben im Allgemeinen, nicht nur für menschliches Leben, bewohnbar zu machen. Drittens sprach Chakrabarty über unsere gegenwärtige technologische Zivilisation, die zwangsläufig eine urbane Zivilisation hervorbringe – was ihm zufolge enorme ökologische Konsequenzen hat. Er verwendete den Begriff „interscaling“, um das „Feilschen des Menschen mit der Natur“ zu beschreiben, also die Art und Weise, wie Menschen (vor allem) in urbanen Räumen auf gegenwärtige klimatische Ausschläge reagieren. Dieser Umgang würde in der Zukunft noch größere negative Folgen haben. Ein anschauliches Beispiel dafür sei der vermehrte Einsatz von Klimaanlagen in der Stadt Neu-Delhi, die jedes Jahr heißer wird – nicht zuletzt durch die zunehmende Verwendung von Klimaanlagen.

Die Quintessenz aller drei Themen scheint auf den ersten Blick ganz einfach: Wir Menschen müssen uns zurücknehmen und (mindestens) die Hälfte des Planeten anderen Lebewesen überlassen, um ihn wieder zu einem bewohnbaren Raum zu machen. Wären da nicht die widersprüchlichen Bedürfnisse, mit denen wir als globale Gesellschaft heute konfrontiert sind: individuelle versus kollektive Bedürfnisse, menschliche versus ökologische beziehungsweise planetarische Bedürfnisse, menschliche Zeit versus planetarische Zeit. Die Diskussion über diese scheinbar gegensätzlichen Verhältnisse war eines der Hauptthemen der Konferenz: Müssen wir uns für das eine oder das andere entscheiden oder können wir unsere Weltverhältnisse so transformieren, dass individuelle und kollektive Bedürfnisse konform gehen und menschliche mit planetarischen Bedürfnissen übereinkommen?

Am zweiten Tag debattierten DAVID SPRATT, Forschungsdirektor des Breakthrough – National Centre for Climate Restoration in Australien, und ULRIKE KORNEK, Professorin für Umwelt- und Ressourcenökonomik an der Universität Kiel, darüber, wie mit dem Klimawandel umzugehen ist – ob wir ihn im unmittelbaren Krisenmodus angehen müssen oder ob ein schrittweiser Ansatz sinnvoller sein könnte. Spratt begriff den Planeten im Ausnahmezustand, der kurz vor dem Kollaps stünde. „[K]onventionelle Analysemittel“ seien, so Spratt mehrfach „im drohenden Notfall des Klimakollapses nutzlos.“ Darüber hinaus glaube er nicht daran, dass wir in der Lage sind, die Klimakrise mit den Mitteln, die wir heute haben, zu bewältigen. Der einzige Weg nach vorne sei eine schnelle Dekarbonisierung und die Beseitigung des Kohlenstoffs, der sich derzeit in der Atmosphäre befindet. Dafür jedoch müsse das Klima oberste Priorität in Politik und Wirtschaft erhalten, um so die notwendige Transformation voranzutreiben. Für ihn war also die einzig mögliche Antwort eine sofortige Krisenreaktion, denn der Klimawandel sei die Bedrohung für das Leben und müsse als solche erkannt werden. Das von Spratt vorgeschlagene Szenario wäre in gewisser Weise das eines kompletten Lockdowns.

Was seiner Meinung nach hingegen keine Lösung für die Dekarbonisierung sein kann, ist „die Kosten zu drücken“ – womit er sich unter anderem auf den Vorschlag von Ulrike Kornek bezog. Sie bewertete die Möglichkeiten für die Bewältigung der Klimakrise etwas anders als Spratt. Zwar war sie ebenfalls der Ansicht, dass wir uns in einer Klimakrise befinden, schlug allerdings einen eher inkrementellen wirtschaftlich getriebenen (Aus-)Weg vor. Sie versuche, so Kornek, herauszufinden, wie wir ein globales Governance-System gestalten können, anstatt wie Spratt ein Worst-Case-Szenario zu skizzieren. Das damit angesprochene Regierungshandeln impliziere ein gerechtes und effektives System der Kohlenstoffbepreisung, das Hoffnung transportieren und die Klimakrise „beherrschbar“ erscheinen lassen könne. Während Korneks Ansatz in vielerlei Hinsicht verlockend schien, blieb letztlich die drängende Frage offen, ob er effektiv genug ist, um eine solch existenzielle Bedrohung zu bekämpfen. Die Bepreisung von Kohlenstoff kann zumindest eine mögliche kurzfristige Antwort sein, langfristig wird sie jedoch nur wirksam bleiben, sofern sie von einem starken politischen Handlungswillen begleitet wird. Die Politik braucht Ansätze, mit denen sie in der Lage ist, jenseits von marktbasierten Mechanismen auf die Klimakrise zu reagieren, und sie muss Maßnahmen anstoßen, die eine Verhaltensänderung bei den Menschen und der Gesellschaft als Ganze bewirken.

Notwendige Verhaltensänderungen spielten auch in der folgenden Debatte zwischen KOHEI SAITO von der Universität Osaka in Japan und GIACOMO D'ALISA vom Ecology and Society Lab am Centre for Social Studies der Universität Coimbra, Portugal, eine Rolle. Ihre Argumentationen unterschieden sich hauptsächlich in der Frage, ob die Kultur oder das System die Triebkraft des Wandels ist; das Ergebnis, das sie jeweils anstrebten, schien hingegen recht ähnlich. Saito forderte ein Umdenken, um den Klimawandel durch einen systemischen Bruch zu bekämpfen. Dabei propagierte er ein neues Verständnis von Marx, indem er sich für die Wiedergewinnung der postkapitalistischen „imaginary“ und für eine Neudefinition der Begriffe „Knappheit“ und „Überfluss“ einsetzte. Demnach müssten wir uns hin zu einer postknappen, nichtproduktiven Gesellschaft wandeln, einer gesellschaftlichen Utopie mit weniger Arbeit, mehr Gemeingut und kreativer Aktivität. Seine Vision des „Ökosozialismus“ wäre also ein System, das die Fülle des Reichtums durch Kommodifizierung rehabilitiert, das Gemeingut vergrößert, die Arbeitszeit reduziert sowie mehr nichtkonsumtive Tätigkeiten ermöglicht – und als Ergebnis all dessen die Umweltschäden reduziert.

In den wesentlichen Punkten ähnelte D'Alisas Argument für De-Growth den von Saito vorgetragenen Sichtweisen. Allerdings müsse, so D’Alisa, der Wandel nicht nur durch eine Veränderung des Systems, sondern durch eine Neukonfiguration des „gesellschaftlichen Stoffwechsels“ angestoßen und vorangetrieben werden. Es gehe nicht nur um „scaling back“ (wie Chakrabarty gesagt hatte), sondern darum, die Art und Weise, wie wir leben, grundsätzlich zu verändern. Wir könnten nicht einfach weniger vom Gleichen haben, sondern müssten unser Verhalten und unsere Lebensweise vollständig transformieren.

Dadurch, dass sie sich an den entscheidenden Stellen einig waren, schärften Saito und D'Alisa den Blick der Zuhörer*innen für die Dringlichkeit einer gesellschaftlichen und systemischen Transformation. In gewisser Weise konnten sie die Argumente von Kornek und Spratt in Einklang bringen, indem sie der Notwendigkeit eines radikalen Wandels eine positive Wendung gaben: Immerhin ging es beiden Diskutanten um die Transformation hin zu einer nichtproduktiven Utopie der Commons. Kann eine solche Vision wichtig, vielleicht sogar entscheidend sein, um sich als Gesellschaft in einer Weise zu verändern, die alle mitdenkt und mitnimmt?

Die Konferenz endete mit einem virtuellen Podiumsgespräch zwischen Frank Adloff, Sighard Neckel, CHRISTINE HENTSCHEL und STEFAN C. AYKUT von der Universität Hamburg und NINA TREU vom Konzeptwerk Neue Ökonomie in Leipzig; TANJA BUSSE, Journalistin aus Hamburg, übernahm die Moderation. Auf den Hinweis von Adloff und Neckel, dass Modernisierung und technologische Innovationen erste kurzfristige Maßnahmen sein müssten, folgte die Frage nach der Rolle der Demokratie. Nach einhelliger Meinung des Podiums seien unsere demokratischen Systeme und Entscheidungsprozesse bisher zu langsam, um den Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit voranzutreiben. Dennoch sei auch nur die Demokratie in der Lage, die dringend anstehende Transformation umzusetzen. Dabei bedeute Demokratie eben nicht nur die Herrschaft einmal gewählter RepräsentantInnen; stattdessen beziehe ein demokratisches Entscheidungssystem die Bürger*innen durch Partizipationsmöglichkeiten ein und bringe verschiedene gesellschaftliche Akteure und ihre jeweiligen Interessen miteinander ins Gespräch – von der Zivilgesellschaft über die Wissenschaft bis hin zu Aktivist*innen. Um unsere anthropozentrischen Vorstellungen zu überwinden, in einem gesellschaftlichen Netzwerk zu arbeiten und die Lücke zwischen Theorie und Praxis zu schließen, müssten wir gesellschaftliche Allianzen zwischen breiten Bevölkerungsgruppen aufbauen und große Koalitionen für konkrete Strategien schaffen. Der Staat sollte, so der Tenor der Debatte, die kapitalistische Wirtschaft auf nachhaltige Weise steuern und lenken. Wissenschaftler*innen hätten die Aufgabe, sich zunächst ihre (meist) privilegierte Rolle in unserem globalisierten System bewusst zu machen, um daraufhin die soziale Frage mit Aspekten der Nachhaltigkeit zu verbinden. Darüber hinaus wäre es von entscheidender Bedeutung, auch nichtmenschliche Entitäten miteinzubeziehen, da wir Teil eines weitvernetzten Ökosystems seien.

Die wichtigsten Erkenntnisse aus dieser aufschlussreichen Konferenz waren, dass (1) wir unsere Handlungs- und Verhaltensweisen drastisch ändern müssen, dass (2) wir ein staatliches wie gesellschaftliches Umdenken vorantreiben sollten und dass (3) die Veränderungen nicht zwangsläufig ein „weniger haben“ bedeuten und dementsprechend auch nicht als solches gerahmt werden sollten. Wenn wir eine wirklich nachhaltige Zukunft wollen, brauchen wir neue Erzählungen darüber, was ein gutes Leben ausmacht. Und an diesen Geschichten sollten alle mitschreiben dürfen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Globalisierung / Weltgesellschaft Kapitalismus / Postkapitalismus Ökologie / Nachhaltigkeit Sozialer Wandel

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Nicolina Kirby

Nicolina Kirby ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institute für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam. Sie forscht zu demokratischen Transformationsprozessen sowie partizipativer und deliberativer Demokratie im Allgemeinen mit besonderem Fokus auf der Gestaltung von Nachhaltigkeit durch Beteiligungsprozesse.

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