Frank Eckardt | Rezension |

Transformation statt Tradition

Rezension zu „Stadtsoziologie und Stadtentwicklung. Handbuch für Wissenschaft und Praxis“ von Ingrid Breckner, Albrecht Göschel und Ulf Matthiesen (Hg.)

Ingrid Breckner / Albrecht Göschel / Ulf Matthiesen (Hg.):
Stadtsoziologie und Stadtentwicklung. Handbuch für Wissenschaft und Praxis
Deutschland
Baden-Baden 2020: Nomos
S. 847, EUR 148,00
ISBN 978-3-8487-3340-8

Ab urbe condita – von der Gründung der Stadt an. Die Geschichte der Stadt von Beginn an aufzuschreiben, das war das Ansinnen des römischen Historikers Titus Livius. Nicht weniger als 142 Bücher mit 7000 Seiten hat er zu diesem Zweck verfasst. Sein Anliegen war klar: Er wollte die Geschichte Roms als ein Kontinuum darstellen – von ihrer Gründung bis zu Kaiser Augustus. Das von Ingrid Breckner, Albrecht Göschel und Ulf Matthiesen herausgegebene Werk Stadtsoziologie und Stadtentwicklung. Handbuch für Wissenschaft und Praxis mit seinen 847 Seiten und 59 Beiträgen erreicht zwar nicht das Ausmaß des römischen Klassikers, aber es bietet ebenfalls einen umfangreichen Einblick in heutiges Wissen über die Stadt und vertritt einen ähnlich anspruchsvollen Ansatz. Wie Titus Livius versuchen Breckner, Göschel und Matthiesen der Leserschaft ein zusammenhängendes Narrativ über die Stadt und nicht lediglich eine enzyklopädische Abfolge von Einträgen anzubieten. Entsprechend wollen die Herausgeber*innen die „rein additive Aneinanderreihung von Stichworten“ (S. 5) vermeiden und stattdessen eine „spezifisch sozialwissenschaftliche Stadtentwicklungsforschung und -planung“ (a.a.O.) mit Fokus auf die europäische beziehungsweise deutsche Stadt begründen. Akteure, Prozesse und Strukturen stünden demnach im Vordergrund der Betrachtung.

Sechs thematische Bündelungen (Kapitel) strukturieren das Handbuch unter den Titeln „Stadtentwicklung im Widerstreit staatlicher, wirtschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Interessen“ (A), „Urbanität im Spannungsfeld von Heterogenisierung und gesellschaftlicher Teilhabe“ (B), „Stadtkulturen, Identitätskonstrukte und kulturelle Praktiken“ (C), „Utopien, Visionen und Leitbilder der Stadt“ (D), „Stadt, Macht, Zukunft – Städte als Co-Akteure von Zukunft“ (E) und „Institutionen der Stadtforschung“ (F). In der Zusammenschau finden die Leser*innen in diesem Handbuch informative und lesenswerte Beiträge, die denjenigen unter ihnen, die sich bislang nicht (wissenschaftlich) mit der Stadt beschäftigt haben, einen guten Einstieg bieten. In der Hinsicht ist das Handbuch sehr empfehlenswert. Viele Beiträge sind darüber hinaus interessant, weil sie relativ aktuelle Forschungen präsentieren und somit dem Anspruch der Herausgeber*innen gerecht werden, auch neue Perspektiven zu integrieren. Zu nennen sind hierbei etwa die Beiträge über „Urban Commons und neue Allmende“ von Simon Günther, zu „Digitalen Stadtpolitiken“ von Nina Hälker und Gesa Ziemer, über „Kultur- und sozialwissenschaftliche Perspektiven auf urbane Infrastruktur“ von Julia Lossau und Anna-Lisa Müller, zu „Takte und Rhythmen der Stadt“ von Dietrich Henckel oder zum „Urban Terroir und das Ballett städtischer Kulinarik-Formen“ von Ursula Drenckhan und Ulf Matthiesen.

Während diese innovativen Aufsätze hervorzuheben sind, können andere Beiträge leider nicht überzeugen. Zudem lässt der Band eine Beschäftigung mit manchen Bereichen der Stadt vermissen, die einst zu den Kernthemen der Stadtsoziologie gehörten und die man als „soziale Probleme“ bezeichnen könnte. Sicherlich tauchen darauf bezogene Fragenstellungen an der einen oder anderen Stelle im Handbuch auf, aber der Themenkomplex ist den Herausgeber*innen offensichtlich nicht wichtig genug, um ihm ein eigenes Kapitel zu widmen. So greift das Handbuch insbesondere die Frage der Wohnungsnot nur ansatzweise auf und problematisiert die seit Jahren wachsende Wohnungs- und Obdachlosigkeit nicht. Leider erfahren wir auf den 847 Seiten auch nichts von den sechs Millionen Menschen, die in Deutschland in zu kleinen Wohnungen leben. Martin Kronauer deutet das Thema der wachsenden sozialen Segregation in seinem Beitrag zwar kurz – in 15 Zeilen – an (S. 200), allerdings ohne auszuführen, was es für Menschen bedeutet, in segregierten Nachbarschaften zu wohnen. Das Leben benachteiligter Menschen bekommt im vorliegenden Handbuch schlichtweg keinen Raum, zudem scheint das Wort Armut ein Tabu zu sein, der Anschluss an neuere Forschungen dazu, etwa auch zur Intersektionalität, fehlt.

Nicht weniger desaströs ist die Behandlung des Themas Zuwanderung. In den beiden Beiträgen von Walter Siebel („Integration“) und Felicitas Hillmann („Migration und Stadtentwicklung“) hätte man erwarten können, dass die Autor*innen zumindest mit einem Wort auf die Situation von Kommunen nach dem „langen Sommer der Migration“[1] im Jahr 2015 eingehen. Doch Fehlanzeige. Stattdessen analysiert Siebel den Begriff der „Integration“ anhand US-amerikanischer Literatur und Georg Simmels „Exkurs über den Fremden“, veröffentlicht am Beginn des 20. Jahrhunderts. Eine Auseinandersetzung mit der aktuellen Forschung zu Geflüchteten, mit Diskursen über Postmigration und zu Migrationsregimen findet nicht statt. Stattdessen verwendet Siebel den Begriff des „Fremden“ ohne empirischen Bezug zur gesellschaftlichen Realität des Einwanderungslandes Deutschland. Wiederum fehlt ein Wort, vor dem sich die Autor*innen offenbar drücken – trotz NSU, brennender Asylzentren, Hanau, Halle und Kassel: Rassismus. Es wird weiterhin über vermeintlich Fremde geschrieben, als lebten nicht inzwischen Generationen von ehemaligen Gastarbeiter*innen sowie deren Kinder und Enkelkinder hier. Die Geschichte ihrer Einwanderung liegt Jahrzehnte zurück, sind sie immer noch ‚Fremde‘? Unklar bleibt, wer damit gemeint sein soll und warum Millionen Menschen mit ihren komplexen Biografien und „urbanen Kompetenzen“[2] schlichtweg unerwähnt bleiben. Längst liegen Forschungen vor, die ein differenziertes Bild der sogenannten Ankunftsquartiere zeichnen, etwa zur Neuzuwanderung nach Duisburg-Marxloh.[3] Sie verweisen auf Situationen, die sich nicht mit einem dualen Integrationskonzept – also ‚Einwanderer‘ und ‚Alteingesessene‘ – erklären lassen.

Ausbeutung und Armut als soziale Tatsachen in diesen Quartieren anzuerkennen und als gesellschaftliche Mechanismen der Exklusion zu analysieren, ist eine genuin sozialwissenschaftliche Aufgabe und müsste demnach Eingang in ein Handbuch zu Stadtsoziologie und Stadtentwicklung finden. Ein empirisch informierter Blick und mehr Nähe zu jenen Stadtteilen, in denen sich die gesellschaftliche Ordnung der Stadt in a nutshell beobachten lässt, hätten verhindern können, dass das Handbuch die bestehenden städtischen Verhältnisse derart affirmativ einordnet. So behauptet Martin Kronauer, dass das Bund-Länder-Programm namens „Die soziale Stadt“ „erkennbare Erfolge“ (S. 204) bei der Stabilisierung von Quartieren zeigt. Belege für diese Aussage und eine Definition der „Erfolge“ bleibt der Autor indes schuldig. Dagegen klingen die Stimmen aus jenen Nachbarschaften, etwa aus der Dortmunder Nordstadt, ganz anders. Dort fühlt man sich „allein gelassen“ und muss zusehen, wie Bund und Länder in Kauf nehmen, dass Menschen „durch alle Raster fallen und in Illegalität und Verelendung am Rande der Gesellschaft leben“.[4]

Soziale Probleme in ihrer Brisanz anzusprechen, würde den Grundtenor des Handbuchs, nämlich die Rede von der Entwicklung der Stadt, nicht nur irritieren, sondern gar verbieten. Den Begriff der „Entwicklung“ benutzen Autor*innen wie Herausgeber*innen dabei vollkommen selbstverständlich und unreflektiert. Er impliziert Kontinuität und Fortschreibung einer an sich guten Ordnung der Stadt. Wie Titus Livius ist es auch Breckner, Göschel und Matthiesen wichtig, Traditionen zu betonen. Es ist deshalb kein Zufall, dass das Buch mit einem historischen Aufsatz (Dieter Schott) beginnt, der die Geschichte der europäischen Stadt seit dem Mittelalter und bis ins Jahr 1903 zusammenfasst. Der darauffolgende Beitrag von Karsten Zimmermann über die „Entwicklung der Kommunalpolitik in der BR Deutschland“ setzt dann 1945 ein. Erst der Text von Johann Jessen und Stephan Reiß-Schmidt vermag die chronologische Lücke aufzufüllen, indem er die Entstehung von Stadtentwicklungsplänen (STEP) dokumentiert, im Zuge derer Stadtplanung zur Stadtentwicklung wurde. Seitdem versucht man, alle Probleme der Stadt durch Wachstum in der Fläche und durch Bebauung zu lösen. Leider hinterfragt das Handbuch die Selbstverständlichkeit dieser aufs Bauen und auf die physische Gestaltung reduzierten Form der Stadtplanung nicht.

Während die ökologische Krise der Stadt große Teile der Gesellschaft massiv bewegt und mittlerweile als politisches Leitmotiv gilt, stoßen die Leser*innen des vorliegenden Handbuchs erst auf Seite 700 auf die Notwendigkeit zum radikalen Umdenken, dort zitieren Busso Grabo und Jasmin Jossin das Gutachten zur Transformation der Städte, erstellt durch den Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung „Globale Umweltveränderungen“. Das Gutachten formulierte sehr deutlich, dass inkrementalistische Ansätze wie technologische Innovationen nicht ausreichen werden. Mit anderen Worten, die große Transformation der Stadt muss alle Lebens- und Politikbereiche durchziehen.

Auch Stadtplanung in ihrer heutigen Form – also als Stadtentwicklung – ist als Teil des Problems anzuerkennen. Damit würde klar, dass das geltende Wachstumsparadigma – das selbst diejenigen Beiträgen, die sich explizit mit Leitbildern und Paradigmen beschäftigen, nicht ein einziges Mal erwähnen – infrage gestellt und überdacht werden muss, denn Sorge und Ernährung, Solidarität und Gesundheit sind zentrale städteplanerische Aufgaben. Spätestens die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass die Stadtplanung falsche Prioritäten setzt und dass die beinahe ausschließliche Konzentration auf Städtebau und Stadtentwicklung überwunden werden muss. Indem das Handbuch diesen grundlegenden Webfehler der Stadtforschung unkritisch akzeptiert und die Notwendigkeit radikalen Wandels nur in einzelnen Kapitelabschnitten anklingen lässt, nimmt es die bestehenden Probleme nicht ernst – weder die des Forschungsfeldes noch die seines Gegenstands. Wie müsste eine transformierte Stadt aussehen, in der beispielsweise die Ernährungslage für alle gesichert ist und die sich selbst versorgen kann? Es reicht nicht mehr, das vorhandene Wissen zusammenzutragen und damit Kontinuität zu suggerieren. Stattdessen brauchen wir dringend neue Narrative jenseits der Wachstumsstadt, die eine soziale und ökologische Transformation der Stadt ermöglichen.

  1. Sabine Hess et al. (Hg.), Der lange Sommer der Migration. Grenzregime III, Berlin 2016.
  2. Wolf-Dietrich Bukow, Urbanes Zusammenleben. Zum Umgang mit Migration und Mobilität in europäischen Stadtgesellschaften, Wiesbaden 2010.
  3. Vgl. Stefan Böckler / Margarita Gestmann / Thomas Handke, Neuzuwanderung in Duisburg-Marxloh. Bulgarische und rumänische Zuwanderer im Ankunftsquartier, Wiesbaden 2018.
  4. Birgit Zoerner / Christiane Certa, Viele Aufgaben, wenig Unterstützung. Die Dortmunder Gesamtstrategie Neuzuwanderung, in: Tillmann Löhr (Hg.), Kommunale Integrationspolitik. Strukturen, Akteure, Praxiserfahrungen, Freiburg 2020, S. 45–58, hier S. 58.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Stadt / Raum

Frank Eckardt

Frank Eckardt ist Politikwissenschaftler und Professor für sozialwissenschaftliche Stadtforschung an der Bauhaus-Universität Weimar.

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