Philipp Gassert | Rezension |

Über Geschichten, die nicht erzählt werden

Rezension zu „Und auf einmal diese Stille. Die Oral History des 11. September“ von Garrett M. Graff

Garrett M. Graff:
Und auf einmal diese Stille. Die Oral History des 11. September
Deutschland
Berlin 2020: Suhrkamp
S. 537, EUR 20,00
ISBN 978-3-518-47090-9

Garrett Graffs Buch hat etwas Voyeuristisches, wie ein Tagebuch vom Untergang der Titanic: eine atemlos präsentierte Collage von erinnerten und aufgezeichneten, in Teilen schrecklichen Geschichten von etwa 500 Menschen, wie sie persönlich den 11. September 2001 erlebten. Die Erzählungen reichen von verzweifelten Notrufen der in den Türmen des World Trade Center (WTC) eingeschlossenen und erstickenden Menschen bis zum Stabschef des Weißen Hauses, der sich händeringend einen Überblick zu verschaffen sucht; vom New Yorker Bürgermeister bis zur Verkehrspolizistin und zum Feuerwehrmann, die sich auf dem Rettungseinsatz in Gefahr begeben; vom Sprecher des Repräsentantenhauses bis zu glücklich Überlebenden, die desorientiert durch Manhattan stolpern; von in Angst und Unsicherheit schwebenden Angehörigen bis zu den etwa 100 postum geborenen Kindern von Getöteten, die ihre Väter nie sehen werden. Die Erlebnisse und Schilderungen von Opfern, Helfern, Beobachtenden wie auch Politiker:innen reiht Graff nebeneinander. Diese Parallelen machen das Narrativ griffig, pfiffig und interessant. Aber zugleich legt der Band damit ungewollt die Probleme einer rein individualisierten, auf die Heroisierung einfacher Menschen abzielenden Erinnerungskultur offen. Denn Graff spannt keinen historischen Rahmen auf, lässt keine Zweifel zu und bedient so im Endeffekt US-amerikanische Mythen.

Der Verlag preist den Band auf der Umschlagrückseite an als „das herzzerreißende Logbuch eines historischen Tages und ein monumentales Zeugnis von Hoffnung und Menschlichkeit in der Dunkelheit“. Muss dieser zivilreligiös-heilsgeschichtliche Überschuss wirklich sein? Hätte nicht das Haus Suhrkamp mit seiner großen kritischen Tradition für die deutsche Ausgabe etwas mehr Distanz aufbauen können? Fraglos waren die menschlichen Leiden des 11. September sehr real, das Buch reinszeniert sie allerdings im hyperrealistischen Modus. Zweieinhalb Kriege und Hundertausende Tote später müssten wir über 9/11 doch anders schreiben als „vielstimmig, erfahrungsecht, im O-Ton“ nur der direkten Opfer, Helfer und der politisch Verantwortlichen. Der Autor will dazu beitragen, „einen Tag zu begreifen, mit dessen Bewältigung wir bis heute beschäftigt sind“ (S. 8). Aber Begreifen und Bewältigen ist ohne Ursachenforschung nicht möglich. O-Töne zu präsentieren, ist schön und gut, doch in der individualisierenden Verkürzung deprimierend defizitär. Zudem ist die Dokumentation dessen, „wie die Amerikaner diesen Tag erlebt haben“ (S. 9, meine Hervorhebung, P.G.) kein origineller Ansatz, einige der Zeitzeugengeschichten von 9/11 wurden in den vergangenen Jahrzehnten schon veröffentlicht.[1]

Der 1981 geborene Autor und Herausgeber der Collage, Garrett M. Graff, ist ein prominenter Journalist, Blogger und Kommentator. Er leitete eine Zeit lang die Redaktion des politischen Investigativmagazins Politico. In liberalen Medien wie CNN, BBC oder New York Times ist er ein gern gesehener Gast. Er hat sich überdies einen Namen als Experte für digitale Sicherheitsfragen gemacht und leitet ein entsprechendes Programm des Aspen Institute. Amerikanische Mediengeschichte schrieb er, weil er 2005 als erster Blogger überhaupt direkt vom Weißen Haus akkreditiert wurde.[2] Über 9/11 berichtete er schon zuvor, zunächst mit einer Insider-Reportage über die Crew der Präsidentenmaschine Air Force One, die Präsident George W. Bush jun. am 11. September aus einer Schule in Sarasota, Florida, in Sicherheit bringen musste. Nun hat sich Graff tief in die Oral History des 11. September eingegraben, er kennt seine Quellen und ist sachlich kompetent. Zweifellos versteht er sein Handwerk. Das Buch spielt mit den emotionalen Bedürfnissen des Publikums und hat es im Handumdrehen auf die Bestsellerliste der New York Times geschafft.

Einen Einblick in seine Collage-Technik vermittelt der frei zugängliche Politico-Artikel über den Flug der Präsidentenmaschine am 11. September, dessen Titel nahezu identisch ist mit dem englischen Buchtitel The Only Plane in the Sky. Darauf baut der vorliegende Band inhaltlich auf und daran orientiert sich auch seine Machart.[3] Graffs Methode ist simpel und effizient: Auf knappe kontextualisierende Einführungen zu Beginn eines Kapitels folgt eine Reihung von Schnipseln aus Interviews, Zeitzeugenberichten und Memoiren, die selten länger als ein paar Zeilen sind. In harten, fast hektischen Schnitten reiht sich in ein Zitat an das nächste, manchmal kehrt das Wort auch zu vorherigen Sprecher:innen zurück (etwa S. 309). Auch dürfen führende Politiker wie Bürgermeister Rudy Giuliani oder White House Chief of Staff Andrew Card (für Graff distanzverkürzend der „Andy“) gleich mehrfach ran. Weil diese Fragmente für sich selbst stehen, kann man schnell hin und her blättern oder irgendwo in der Mitte des Buches in die Lektüre einsteigen. Gelegentlich schaltet der Autor erläuternde, in der Regel nicht weiter interpretierte Fakten zu Ort und Zeit dazwischen. Das ist eingängig, zumal in den Köpfen vieler Leser:innen die bekannten Bilder und Filmsequenzen des 11. September mitlaufen dürften. Wiedererkannt werden einige der Zeitzeugen und Überlebenden, wie der in Oliver Stones Dokudrama World Trade Center (2006) verewigte Polizist William Jimeno, der inzwischen eine gewisse erinnerungskulturelle Prominenz erlangt hat. Bei aller Lesbarkeit und Wirkmacht ist Graffs Zusammenschnitt problematisch, wenn der Notschrei einer Melissa Doi – die im 83. Stockwerk des Südturms eingeschlossen war und die 24 Minuten lang mit einer Mitarbeiterin der Notrufzentrale telefoniert, bevor das Telefonat mit den Worten „Nein, es ist so heiß, ich verglühe hier“ abbrach (S. 156) – mit gleicher Wertigkeit, das heißt ohne kategoriale Differenzierung, abgedruckt wird wie ein bekanntes Zitat von Bushs engstem Berater Karl Rove, der das Narrativ von 9/11 als eines „Kriegs gegen Amerika“ bedient (S. 108).

Das Buch basiert auf den sehr umfangreichen Interview-Sammlungen zu 9/11, die der Autor um circa siebzig eigene Zeitzeugengespräche ergänzt hat. Hierbei konnte Graff auf die Unterstützung der Gedenkstätte am WTC in New York zählen, die über 1000 Interviews archiviert hat und nur einen geringen Teil davon über ihre Website zur Verfügung stellt.[4] In der Arlington Public Library wiederum sind Interviews der Überlebenden des Anschlags auf das Pentagon gesammelt. Riesige Mengen Material stehen auch in der Library of Congress in Washington, D.C. und in anderen Archiven bereit, wie es auch publiziertes Material in Hülle und Fülle gibt. Aus diesem Fundus konnten sich Graff und seine Assistentin großzügig bedienen. Ihre kreative Leistung liegt in der Auswahl und dem Zusammenschnitt. Leider entschieden sie sich nur für das Erwartbare und nicht für das Überraschende. Für die Forschung unpraktisch sind die unvollständigen Anmerkungen im Anhang, zumal Literaturverzeichnis und Index fehlen. Weiterführend interessierte Leser:innen müssen die Referenzen umständlich suchen. Das von Graff adressierte breite Publikum wird den fehlenden Apparat allerdings wohl kaum vermissen.

Der Autor nennt sein Buch das „schwerste und emotionalste Schreibprojekt, an das ich mich jemals herangewagt habe“ (S. 508). Eine solche Aussage fällt im Englischen nicht weiter auf, klingt in der deutschen Übersetzung jedoch etwas peinlich und sollte, davon abgesehen, nicht unkommentiert stehen bleiben. Denn die darin zum Ausdruck kommende Emotionalisierung und Individualisierung des Themas steht für eine problematische Geschichtsvergessenheit in einer patriotisch enggeführten Erinnerungskultur, in der Empathie nur für die ‚eigenen‘ Opfer aufgebracht werden darf. Graff erwähnt einleitend, dass zu den 3000 direkten Opfern der Anschläge abertausende hinzuzurechnen wären: Tausende traumatisierter Menschen aus dem Umfeld der direkten Opfer; Tausende, die verletzt wurden; Tausende an den Aufräumarbeiten Beteiligte (aufgrund der tödlichen Folgen des Asbest); aber auch die „Hunderte Millionen“ der damals lebenden US-amerikanischen Bürger, die den Tag direkt erlebt hätten, „wenn nicht gar Milliarden Menschen jenseits unserer Küsten“, die von den Schockwellen der Nachricht global eingeholt wurden. Sind wir nun alle Opfer des 11. September? Umso krasser, wenn man bedenkt, wer in der Aufzählung fehlt. Schon die Anzahl der „im Krieg gegen den Terrorismus“ gefallenen US-Soldaten ist bekanntlich höher als die der Anschlagsopfer im engen Sinn. Die getöteten Afghan:innen und Irakis betragen ein Vielfaches davon.[5]

Noch einmal: Selbstverständlich sind die Schilderungen des individuellen Erlebens der Opfer der Anschläge bedrückend, menschlich mitnehmend, schockierend. Doch ebenso erschreckend ist in Kenntnis der politischen Folgen von 9/11 die von Graff unterstütze Vorstellung einer amerikaweit und global entgrenzten, traumatisierten Beobachtergemeinde und ein auf us vs. them begrenztes Verständnis des Leidens. Denn indem er sie ignoriert, bringt Graff für die Opfer der von der US-Regierung in Folge von 9/11 ausgelösten Kriege keine Empathie auf. Zumindest fehlen hierfür jegliche Anhaltspunkte im Text. Es fehlt die geringste Anerkennung, eine wenigstens symbolische Verbeugung vor den ‚anderen Opfern‘. Nur an zwei Stellen verweist Graff indirekt auf die US-Soldaten, wenn er schreibt, dass die ersten Rekruten, die den 11. September nicht persönlich erlebt hätten, nun alt genug seien, um in Afghanistan zu kämpfen (S. 492, siehe auch S. 12).

Weil Graff als hervorragender Journalist und erfahrener Rechercheur gelten kann, ist sein Tunnelblick umso bezeichnender. Er ist mit Scheuklappen an die Arbeit gegangen, erzählt eine auch für den US-amerikanischen Kontext begrenzte Leidens- und Heldengeschichte, ohne auf Ursachen und Nebenwirkungen zu achten oder gar an ‚Kollateralschäden‘ Gedanken zu verschwenden. Dabei blendet er nicht allein die Opfer der seitherigen Kriege aus, sondern lässt auch diejenigen nicht zu Wort kommen, die sich innerhalb der USA nach den Anschlägen plötzlich an den Pranger gestellt sahen, vor allem muslimische Amerikaner:innen, die diese ausgrenzenden Erfahrungen ja ganz real machten. Auch fehlen die schon am Tag des 11. September zirkulierenden Verschwörungstheorien, die Teil der Deutung von 9/11 und somit der Primärerfahrung sind. Und kritische Intellektuelle wie Susan Sontag, die gleich nach den Anschlägen unangenehme Wahrheiten thematisierten, bleiben gleichfalls ungehört, während die Regierung viel reden darf und Bushs Ansprache an die Nation am Abend des 11. September vollständig abgedruckt wird (S. 442 ff.).

Der Band präsentiert und repräsentiert Amerikas unvollständige Erinnerung an 9/11. Er ist das charakteristische Produkt einer staatlich und zivilgesellschaftlich normierten Erinnerungskultur, die nicht zuletzt das 9/11 Memorial Museum am WTC kodifiziert. Das Haus überwältigt akustisch und visuell mit Notrufen und Geräuschen sowie mit Objekten der Opfer. Wie der Berliner Historiker Jacob Eder anmerkte, weist die größte und wichtigste 9/11-Gedenkstätte starke Parallelen zu Holocaust-Museen auf.[6] Graff spricht im Nachwort stereotyp von seinem ersten Besuch in der „aufwühlenden Sammlung“. Er werde niemals vergessen, „wie ich in der Galerie stand und die Notrufe und Voicemails der Opfer hörte“ (S. 504). Und selbstverständlich darf auch ein Foto des zerbeulten Feuerwehrwagens der Ladder Company 3 nicht fehlen, von der elf Mitglieder beim Rettungseinsatz zu Tode kamen. Graff eignet sich den Kult der gefallenen Helden an. Wie das beeindruckende, aber eben auch überfordernde Memorial Museum lässt Graff keinen Raum für verstörende Fragen, beispielsweise nach der Geschichte des Terrorismus oder dem Verhältnis der USA zum Nahen Osten. Wie Präsident Bush, der verwundert fragte: „Warum hassen sie uns?“, steht er selbst zwanzig Jahre später noch fassungslos vor dem Desaster.

Graff hat die Chance vertan, als einflussreicher Journalist mittels einer anderen Oral History des 11. September, auf Basis der von ihm meisterhaft beherrschten Collage-Technik, ein vielfältigeres Bild der US-amerikanischen Reaktionen auf 9/11 zu zeigen. Stattdessen wiederholt er das sattsam bekannte Narrativ vom Leiden der Opfer und dem heroischen Einsatz der Ersthelfer ein weiteres Mal und zielt damit auf die moralisierende Wirkung des emotionalen Nachempfindens der Erlebnisse des 11. September. Dass er heikle Punkte vollständig ausspart, ist bezeichnend für den in den USA grassierenden Nationalismus – dabei ist Graff sogar einer von den ‚Guten‘, also ein liberaler Amerikaner. Sein Bestseller zeigt, dass kein Pfad von kritischer Wissenschaft und Erkenntnis zu 9/11, die es in den USA wie auch weltweit durchaus in großer Fülle gibt, zu einer öffentlich selbstkritischen Reflexion des patriotischen Opferkults führt. Graffs Band zeugt von der moralischen Krise eines Landes, das sich mehrheitlich auf eine enge Heroisierung und emotionalen Identifizierung mit den ‚eigenen‘ Leuten verständigt hat, was nach außen empathielos wirkt und zudem verkürzt ist. In den eng gesteckten Grenzen einer solch selbstbezogenen Erinnerungspolitik verbietet freilich die Pietät selbstkritische Zweifel. Die ausschließliche Konzentration auf die ‚eigenen‘ Opfer blendet den Kontext aus, der sowohl das Ereignis in seiner Genese erklärt als auch die weitreichenden wie problematischen Folgen ausleuchtet. So steht am Ende eine technisch versierte, glänzend konstruierte, aber inhaltlich unbefriedigende Geschichte des 11. September, die in der erinnerungspolitischen Nabelschau stecken bleibt.

  1. Insbes. Mitchell Fink / Lois Mathias, Never Forget. An Oral History of September 11, New York 2002.
  2. So der Hinweis auf Graffs Website [4.2.2021].
  3. Vgl. Garrett M. Graff, ‘We’re the Only Plane in the Sky’ [4.2.2021], in: Politico Magazine, 9.9.2016.
  4. 9/11 Memorial Museum (Hg.), Oral Histories [4.2.2021.]
  5. In Afghanistan starben laut US-Militär 2354 US-Soldaten bis Ende 2020, im Irak 4497 bis 2011. Weit weniger präzise erfasst sind die ‚gegnerischen‘ Toten, Schätzungen gehen von wenigstens einer halben Million Zivilist:innen im Irak aus. In Afghanistan soll der Blutzoll die 100.000er-Marke im Jahr 2019 überschritten haben.
  6. Jacob S. Eder, Trauer, Patriotismus und Entertainment. Das „National September 11 Memorial & Museum“ in New York [4.2.2021], in: Zeithistorische Forschungen 13 (2016), 1, S. 158–171.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.

Kategorien: Erinnerung Geschichte Gewalt Militär

Philipp Gassert

Prof. Dr. Philipp Gassert ist seit Februar 2014 Inhaber des Lehr­stuhls für Zeitgeschichte an der Universität Mannheim. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der transatlantischen Geschichte und der Geschichte der Protestbewegungen seit 1945. Im Mai 2021 erscheint sein Buch Der 11. September 2001 im Reclam Verlag.

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