Nicole Mayer-Ahuja | Interview |

Über provozierende Bücher und solche, die Hoffnung machen

Sieben Fragen an Nicole Mayer-Ahuja

Ohne die Lektüre welchen Buches wären Sie heute ein:e andere:r?

Diese Frage ist einfach zu beantworten: Günter Wallraffs dokumentarischer Bericht Ganz unten (1985) hat meine Sicht auf die Welt grundlegend verändert. Als das Buch erschien, war ich zwölf Jahre alt. Seit mein Vater, ein Sozialdemokrat alter Schule, es gekauft hatte, strich ich darum herum und habe es wohl mit 14 Jahren zum ersten Mal gelesen, besser gesagt: verschlungen. Was mich angezogen hat, war sicher auch der Skandal: In Talkshows und Illustrierten wurde Wallraff als Rebell präsentiert, der sich als türkischer Gastarbeiter verkleidet und unter Vorspiegelung falscher Tatsachen Zugang zu Industriebetrieben verschafft hatte, die in großem Stil migrantische Arbeiter:innen unter Bedingungen beschäftigten, die gegenüber Deutschen damals noch nicht durchsetzbar gewesen wären. Von der Lektüre hängengeblieben ist aber vor allem etwas anderes: nämlich die Einsicht, dass Unternehmen eine Art geheimer Orte sind, die dem Blick von außen verschlossen bleiben, und wo demokratische Standards nur sehr eingeschränkt Wirksamkeit haben. Ich begann mich zu fragen, unter welchen Bedingungen Menschen ihre Arbeitskraft verkaufen (müssen), um zu überleben. Und ich gewann einen ersten Eindruck davon, wie deutsche und migrantische Beschäftigte im betrieblichen Kontext gegeneinander ausgespielt und wie dadurch beide Gruppen geschwächt werden. Dass ich Arbeitssoziologin geworden bin, meine Doktorarbeit über die Geschichte prekärer Beschäftigung in der Bundesrepublik geschrieben habe und bis heute zu Migration und Arbeit forsche, hat nicht zuletzt mit „Alis“ Erfahrungen zu tun, die in diesem Buch beschrieben werden.

Welches war die beste/schlechteste Buchempfehlung, die Sie je bekommen haben?

Die schlechten Empfehlungen habe ich nicht verfolgt und sofort wieder vergessen. Die beste war der Hinweis auf einen historischen Roman: Sacred Hunger von Barry Unsworth. Darin geht es um ein Schiff, das afrikanische Sklav:innen zum Einsatz auf südamerikanischen Plantagen bringen soll. Doch die Gefangenen rebellieren, übernehmen schließlich das Schiff und gründen, versteckt in tiefen Wäldern, eine freie Siedlung, in der sie und Teile der ehemaligen britischen Besatzung Familien gründen, eine eigene Sprache und ein nach ihren Regeln organisiertes Zusammenleben entwickeln, bis sie entdeckt und nach einem verlustreichen Kampf erneut versklavt werden. Der Titel verweist jedoch bereits auf eine andere, größere Geschichte, nämlich auf den „heiligen Hunger“ kapitalistischer Landnahme und Akkumulation, der sich zur Zeit des transatlantischen Sklavenhandels Bahn bricht und die frühen Industriebezirke Englands als Horte von (in formaler Hinsicht) „freier“ Lohnarbeit mit afrikanischen Stammesgesellschaften und den auf einer Neuerfindung von Sklaverei basierenden Plantagen in den Kolonien verbindet. Die Stärke des Romans besteht darin, dass Unsworth zweierlei zeigt: zum einen, wie kapitalistische Logiken sich in den Köpfen der Beherrschten verankern. Großartig ist etwa die Figur des britischen Seemanns, der betrunken gekidnappt und zum Dienst auf dem Sklavenschiff gezwungen wird, dies aber recht klaglos akzeptiert; dass man ihm dabei seinen Mantel mit den Bronzeknöpfen abnimmt, ist für ihn hingegen ein Skandal: „T’is about property, and this comes under a completely different heading“, betont er immer wieder. Zum anderen legt Unsworth großen Wert darauf, darzustellen, wie ein freies Leben jenseits der kapitalistischen Logik von Fragmentierung und Differenz aussehen könnte, wie Solidarisierung zwischen sehr unterschiedlichen Gruppen von Arbeitenden über alle ethnischen, sprachlichen und kulturellen Grenzen hinweg gelingen kann, obwohl das so schwer zu machen scheint. Ein wunderbarer Roman, der Hoffnung macht.

Welches Buch hätten Sie gern selbst geschrieben?

Die Metamorphosen der Sozialen Frage von Robert Castel. Diese „Chronik der Lohnarbeit“, die in der frühen Neuzeit beginnt und bis in die 1990er-Jahre hineinreicht, ist ein außerordentlich gut zu lesendes und nützliches Buch. Es schlägt diesen großen historischen Bogen, um zu veranschaulichen, wie abhängige Beschäftigung, die „lange Zeit eine der unsichersten, ja unwürdigsten und elendesten Lebensstellungen bedeutete“, zur „Basismatrix der modernen ‚Lohnarbeitsgesellschaft‘“[1] avancierte. Speziell die Darstellung der schrittweisen Verknüpfung von Lohnarbeit und sozialer Sicherung in den Nachkriegsjahrzehnten als Ergebnis von Gesetzgebung und Arbeitskämpfen, Gerichtsentscheidungen und langfristigen Veränderungen in den Beziehungen zwischen Geschlechtern, Generationen und sozioökonomischen Gruppen ist eine wichtige Voraussetzung dafür, zu verstehen, was nach Umschlagen des Pendels um 1985 geschah, als Lohnarbeit in vielerlei Hinsicht „entsichert“ wurde. Gäbe es dieses Buch nicht, würde ich es gerne schreiben – vielleicht mit einer stärker globalen Perspektive, denn Prozesse der Formalisierung und folgenden Informalisierung von Lohnarbeit waren ja keineswegs auf den Globalen Norden beschränkt, sondern finden sich durchaus auch in Südamerika oder Südasien.

Welches Buch konnten Sie nicht zu Ende lesen?

Viel zu viele! Leider bringt es eine Professur mit sich, dass man für das Lesen und Schreiben – also für das, was den Beruf der Wissenschaftlerin eigentlich ausmacht – immer zu wenig Zeit hat. Deshalb wachsen die Leselisten ins Unendliche, und viel Literatur (selbst gute und wichtige) nimmt man bestenfalls auszugsweise zur Kenntnis.

Aus welchem Buch zitieren Sie am häufigsten?

Aus den Schriften von Marx und Engels – die ich übrigens auch nicht zu Ende gelesen habe.

Welches Buch hat Ihnen in der Retrospektive besser gefallen als während des Lesens?

Die Abstiegsgesellschaft von Oliver Nachtwey. Wir haben lange über seine zentralen Thesen diskutiert, denn ich fand die Diagnose einer weit verbreiteten sozialen Abstiegserfahrung nicht ganz überzeugend. Mir scheint die Situation der letzten Jahrzehnte eher durch blockierte Aufstiegswege geprägt zu sein, und auch diese betreffen nicht alle Arbeitenden gleichermaßen – es gibt Unterschiede und Polarisierungstendenzen zwischen ihnen, die man verstehen muss, um wissenschaftlich und auch politisch voranzukommen. Gerade deshalb hat mich das Buch provoziert; ich begann, mir jede Menge Fragen zu stellen, die sich anschließend durch weitere Lektüren verdichtet und konkretisiert haben. Eribons Rückkehr nach Reims, Raphaels Jenseits von Kohle und Stahl und viele andere Debattenbeiträge der letzten Jahre haben zu einem wachsenden Interesse an aktuellen Dynamiken geführt, die das Gesicht der Klassengesellschaft verändern. Insofern bin ich sehr dankbar für die Irritationen, welche die Abstiegsgesellschaft bei mir hervorgerufen hat. Sie haben für mich ein neues Forschungsfeld eröffnet, das Oliver und ich inzwischen teilweise gemeinsam beackern.

Ihr literarischer guilty pleasure?

Ich muss Sie enttäuschen: Ich lese weder Arztromane noch Thilo Sarrazin. Über Asterix-Comics kann ich aber bis heute gut und lange lachen, und das nicht nur wegen ihrer Bedeutung für die Förderung anti-imperialistischer Grundhaltungen …

  1. Robert Castel, Metamorphosen der Sozialen Frage, Konstanz 2000, S. 11.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.

Kategorien: Arbeit / Industrie Bildung / Erziehung Geschichte Kapitalismus / Postkapitalismus Kultur Medien

Nicole Mayer-Ahuja

Nicole Mayer-Ahuja ist Professorin für die Soziologie von Arbeit, Unternehmen und Wirtschaft an der Georg-August-Universität Göttingen und Direktorin des Soziologischen Forschungsinstituts (SOFI) e.V. Sie forscht zu prekärer und informeller Arbeit, zu betrieblicher Arbeitsorganisation und zur Regulierung von Arbeit, wobei transnationale und historische Perspektiven von besonderer Bedeutung sind. Aktuelle Projekte befassen sich mit der betrieblichen Integration von Geflüchteten und mit der Sekundäranalyse arbeitssoziologischen Materials (Projektverbund eLabour).

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