Oliver Römer | Rezension |

Untersuchen, um zu zerstören!

Rezension zu „Über das Kapital hinaus“ von Antonio Negri

Abbildung Buchcover Über das Kapital hinaus von Antonio Negri

Antonio Negri:
Über das Kapital hinaus
Deutschland
Berlin 2019: Karl Dietz
264 S., 29,90 EUR
ISBN 978-3-320-02360-7

Wer Anfang des Jahrtausends mit politisch-theoretischen Interessen ausgestattet ein gesellschaftswissenschaftliches Studium, obendrein an einem Fachbereich mit linker Tradition begann, der war höchstwahrscheinlich bereits in einem der ersten Studiensemester mit dem von dem US-amerikanischen Literaturwissenschaftler Michael Hardt und dem italienischen Philosophen Antonio Negri verfassten Manifest Empire[1] konfrontiert. Adressiert an die Wirklichkeiten neuer globaler Protest- und Widerstandsbewegungen arbeiteten sich Hardt und Negri an den Kategorien der Marx’schen Kritik der politischen Ökonomie ab, kombinierten die politische Ökonomie aber ebenso rücksichtslos wie eklektizistisch mit anderen Schlüsselwerken aus Gesellschaftstheorie und politischer Ideengeschichte – angefangen von Spinozas Politisch-Theologischem Traktat bis hin zu Deleuze’ und Guattaris Tausend Plateaus.

Doch erschließt sich der Erfolg von Empire wohl kaum aus der Attraktivität ihrer synthetisierenden Kompilation heterogener theoretischer Versatzstücke, sondern eher aus der unmittelbaren Zeitgebundenheit ihres Buches: Hardt und Negri gelang es, jene Fesseln zu sprengen, die die Linke spätestens nach den welthistorisch bedeutsamen Ereignisse von 1989 an eine rein reflexive Selbstbespiegelung ihrer eigenen historischen Verliererposition banden. Während sich nicht wenige linke Intellektuelle in dieser Phase einer grundlegenden theoretischen Neuorientierung unterzogen, eröffnete Empire eine Perspektive, unter der eine offen marxistisch argumentierende Kapitalismuskritik wieder sprach- und diskursfähig wurde.

Mit dem Abstand von zwei Jahrzehnten lässt sich die Bedeutung von Empire vielleicht noch klarer benennen. Indirekt nimmt die Abhandlung nämlich bereits jenen erst jüngst wieder scharf konturierten Gegensatz zwischen einer politökonomisch grundierten ‚alten‘ und einer vermeintlich zur identitären „Selbstgerechtigkeit“[2] neigenden ‚neuen Linken‘ vorweg. Dass aus dieser Dichotomie bei Hardt und Negri jedoch kein weltanschaulicher Grundsatzkonflikt werden konnte, ist nicht zuletzt in dem geschichtsphilosophischen Optimismus begründet, mit welchem sich Empire selbst in eine kontinuierliche Linie von solchen Kämpfen und Niederlagen der Linken einordnet, die deshalb zu Siegen werden, weil sie sich stets als geschichtliche Voraussetzung neuer emanzipatorischer Kämpfen entpuppen – also auch den ‚neulinken‘ Kulturkampf als einen ökonomischen Klassenkampf mit anderen Mitteln erscheinen lassen.

Diese – gemessen an der aktuell zugespitzten Diskussionslage – eindeutig uneindeutige Positionierung mag auch eine wichtige Voraussetzung für die große Resonanz des Projektes gewesen sein: Einerseits kann man Empire nämlich als ein quasileninistisches Manifest der Reorganisation des globalen Widerstandes gegen die zeitgenössische Vorherrschaft des Neoliberalismus lesen, in der linke revolutionäre Politik längst wieder hegemoniefähig geworden sein soll. Andererseits suggeriert der Begriff der „Multitudo“,[3] mit dem politische Widerstandsformen innerhalb des Empire begriffen werden sollen, eine bemerkenswert optimistische Offenheit für die überaus disparaten politisch-ideologischen Verschränkungen antikapitalistischer sozialer Bewegungen.

Der tiefere Grund hierfür liegt nicht zuletzt in einem fundamentalen Vertrauen der beiden Autoren in die ‚schöpferische‘ Zerstörungskraft des Neoliberalismus selbst: Analog zu ihrer historischen Vorlage – dem Marx’schen Kommunistischen Manifest – entdecken Hardt und Negri im Neoliberalismus bereits jene alle ‚ständischen‘ Klassenschranken eliminierende ‚wirkliche Bewegung‘, die es – wie schon ihre historischen Vorgänger seit dem 19. Jahrhundert – auf ein Ende des Privateigentums abgesehen habe.[4] Die im wohlfahrtsstaatlichen Kompromiss gebrochene Spitze des Antagonismus von Kapital und Arbeit wird in dieser Geschichtserzählung also nicht nur zum fruchtbaren Nährboden einer sich ohne große Widerstände durchsetzenden neoliberalen Globalisierung. Vielmehr erzeugt diese Globalisierung zugleich ihren unmittelbaren politischen Gegenspieler, das heißt eine um die Kräfte der ‚immateriellen Arbeit‘ erweiterte, weltweite Klasse der Produktiven, die sich – durchaus vergleichbar der Rolle des Proletariats in Georg Lukács 1923 erschienenem Jugendwerk Geschichte und Klassenbewusstsein – „ohne viel Vermittlung durch Parteien und Apparate“[5] selbsttätig zu organisieren vermag.

Die „Menge seltsamster Verrisse“,[6] die das Buch unmittelbar nach seinem Erscheinen in der Bundesrepublik begleitete, ließe sich dementsprechend als ein Beleg dafür werten, wie sehr auch und gerade Empire selbst von seinen potenziellen Adressat*innen als problematische „Spontantheorie“[7] einer vorgeblich parteibürokratischen Schranken entwachsenen Arbeiterbewegung gelesen worden ist. Eine derartige Verbannung ins Fabelreich des ‚linken Radikalismus‘ bleibt jedoch mindestens so lange problematisch, wie das Verhältnis von Hardt und Negris Diagnose zu den Klassikern des Sozialismus, insbesondere zur Theorie von Marx, ungeklärt bleibt.

Negri ringt dem Marx’schen Werk die Figur des gesellschaftlichen Arbeiters als Gegenentwurf zum „armselige[n] Prototyp“ industrieller Massenarbeit ab.

Einen wichtigen Beitrag zu dieser Diskussion liefert Antonio Negris mit vierzigjähriger Verspätung nun auch in deutscher Übersetzung zugängliches Werk Marx oltre Marx, das unter dem Titel Über das Kapital hinaus in der Theorie-Reihe des traditionsreichen Berliner Dietz-Verlags einen Erscheinungsort gefunden hat. Hervorgegangen aus Vorlesungen, die Negri im Frühjahr 1978 auf Einladung Louis Althussers an der École Normale Supérieure in Paris hielt, verbindet Marx oltre Marx im Kern zwei Stränge marxistischer Diskussion: Zuerst bildet das Buch die theoretische Frucht aus Negris eigenem intellektuellem Engagement in der italienischen Arbeiterbewegung seit den 1960er-Jahren, das von Beginn an eine nicht zuletzt an den Erfordernissen der politischen Praxis orientierte Beschäftigung mit Marx gewesen ist. Negri ringt dem Marx’schen Werk die Figur des gesellschaftlichen Arbeiters als Gegenentwurf zum „armselige[n] Prototyp“[8] industrieller Massenarbeit ab. Insbesondere jene quer zu offiziellen Lohn- und Tarifpolitiken liegenden sozialen Auseinandersetzungen in Betrieben und Stadtteilen, die unter dem Sammelbegriff „Operaismus“ als eine italienische Besonderheit in die Geschichte der Arbeiterbewegung eingehen sollten, stehen dabei Pate für eine konzeptionelle Neujustierung der Marx’schen Vorlage.

Die zweite Linie der Auseinandersetzung betrifft die mit den Arbeiten von Louis Althusser beginnende Diskussion um die Kohärenz des Marx’schen Werkes selbst. Althussers stets umstrittene These, Marx sei erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Marxisten geworden, lässt dessen Schaffen bekanntlich in vorkritische Schriften und die Werke Marx’scher Reife zerfallen.[9] Während die mannigfach vorgetragene Althusser-Kritik in der Folge auf eine ungebrochene Kontinuität der Marx’schen Schriften pochte, fügt Negri der Periodisierung Althussers sogar noch einen weiteren ‚epistemologischen Einschnitt‘ hinzu. Dieser verläuft Negri zufolge zwischen den von Marx in der zweiten Hälfte der 1850er-Jahre verfassten, als Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie[10] bekanntgewordenen Manuskripten und dem 1867 publizierten ersten Band des Kapital. Während Negri im Kapital vor allem eine Entfaltung objektiver ökonomischer Entwicklungsgesetze am Werk sieht, die sich gleichsam als ein „Hemmnis“ (S. 29) sowohl für die politökonomische Forschung als auch für die Ausbildung revolutionärer Subjektivität entpuppt hätten, seien gerade die Grundrisse als ein durch und durch politischer Text zu lesen, der eine „Analyse der revolutionären Subjektivität im Prozess des Kapitals“ (S. 31) biete.

Damit ist der Rahmen der theoretischen Debatte abgesteckt. Negris Marx oltre Marx verwendet Althussers Kapital-Rekonstruktion, um sowohl eine Frontstellung gegenüber den humanistischen Rekonstruktionen der Frühschriften als auch gegenüber einer ökonomistischen Dogmatik gesellschaftlicher Entwicklungsgesetze zu markieren. Gleichwohl liefern die Grundrisse ein von Althusser selbst vernachlässigtes Textkorpus, das es gestatte, eine in ihren theoretischen wie politischen Konsequenzen abweichende Lesart des Gesamtwerks von Marx zu entwickeln. Eine „Pluralität der realen Instanzen“ (S. 36) kapitalistischer Vergesellschaftung, die Althusser selbst noch in Richtung einer differenzierungstheoretischen Konzeption der Reproduktion von Macht und Herrschaft in ideologischen Staatsapparaten ausbuchstabiert hatte,[11] konfrontiert Negri mit „der explosiven Dualität des Antagonismus“ (ebd.) von Kapital und Arbeit. An die Stelle jenes komplexen strukturierten Ganzen mit Dominante, das bei Althusser den Zusammenhang des kapitalistischen Staates als eines vielschichtigen Ortes von Klassenkämpfen markieren soll, trete in den Grundrissen ein System kapitalistischer Vergesellschaftung, das sich „gegenüber der Totalität der Praxis nicht schließt, sondern öffnet“ (S. 41).

Lässt sich also bei Althusser eine bereits mit Antonio Gramsci beginnende Tendenz erkennen, den Klassenkampf als einen über die Sphäre ökonomischer Produktion und staatlich-politischer Macht hinausgreifenden Aspekt des kulturellen Ringens um Hegemonie zu verstehen,[12] so erhebt Negri den Anspruch, diese fragmentierten Auseinandersetzungen innerhalb des ideologischen Überbaus wieder unmittelbar an deren ökonomische Voraussetzungen zurückzubinden. Die Begründung für eine so erwachsende Perspektive gesamtgesellschaftlicher Transformation sollen wiederum die Grundrisse liefern, die kategorial nicht auf die im Marx’schen Spätwerk dominierenden Aspekte des „Privat- und Konkurrenzkapital“, sondern an einem „tendenziellen Schema des gesellschaftlichen Kapitals ausgerichtet“ seien (S. 50).

Diese durchaus bemerkenswerte Wendung in der Linie ‚westlicher‘ Marx-Lektüren, in die sich Negri stellt, wird eingedenk des besonderen Stellenwerts jenes kurzen, als ‚Maschinenfragment‘ bekanntgewordenen Abschnittes der Grundrisse für die theoretische Selbstverständigung der italienischen Arbeiterbewegung zumindest nachvollziehbar. Hier finden sich in der Tat ebenso bemerkenswerte wie fragmentarisch gebliebene Überlegungen, die etwa die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geführte Diskussion um die Stellung der wissenschaftlich-technischen Intelligenz innerhalb des Kapitalismus in Teilen vorwegnehmen: Da „der ganze Produktionsprozeß aber nicht subsumiert [wird] unter die unmittelbare Geschicklichkeit des Arbeiters, sondern als technologische Anwendung der Wissenschaft“[13] zu begreifen sei, arbeite das Kapital – so Marx – im Zuge der fortschreitenden Technisierung und Rationalisierung von Industriearbeit nicht nur an einer maschinellen Ersetzung des Arbeiters, sondern obendrein „an seiner eigenen Auflösung als die Produktion beherrschende Form“.[14] Die Funktion des kapitalistischen Kommandos gehe damit auf eine neue Klasse von Technikern und Ingenieuren über, die in ihrer Kontroll- und Korrektivfunktion neben einen fortan von Naturkräften selbst vollzogenen Produktionsprozess treten.

Man kann diese Überlegungen von Marx durchaus als einen Versuch verstehen, so etwas wie den Übergang von einem ‚Reich der ewigen Notwendigkeit‘ menschlicher Arbeit in ein ‚Reich der Freiheit‘ wenigstens anzudeuten. In den weiteren historisch hellsichtigen Passagen kommt Marx sogar indirekt auf das eigentlich erst in entwickelten industriellen Gesellschaften entstehende Massenphänomen der Freizeit zu sprechen: Eine „Reduktion der notwendigen Arbeit der Gesellschaft zu einem Minimum“[15] wird als Ausblick auf die Befreiung von der Lohnarbeit interpretierbar, die in den von Negri begleiteten ‚wilden‘ Arbeitskämpfen seit den späten 1960er-Jahren tatsächlich zur politischen Parole und Forderung wurde – und in Marx oltre Marx dann ihre theoretische Verarbeitung fand.[16]

Das etwa vom jungen Marx noch als ‚Entfremdung‘ und ‚Entwirklichung‘ der besonderen Arbeitsvermögen einzelner, quasihandwerklich arbeitender Produzenten[17] beschriebene Einspannen der menschlichen Arbeitskraft in den industriellen Arbeitsprozess wird im Lichte der Grundrisse als eine ‚Verwandlung‘ menschlicher in allgemeine gesellschaftliche Arbeit fassbar. Diese von Marx wahlweise als ‚Arbeit sans phrase‘ oder ‚unskilled labour‘ beschriebene Restrukturierung des Arbeitsvermögens liefert Negri die ökonomische Kontrastfolie für die Beobachtung eines Auseinanderfallens von gesellschaftlicher Reproduktion einerseits und ihrer kapitalistischen Ausbeutung andererseits. Einzig die ‚nachlebenden‘ Formen der kapitalistischen Selbstverwertung – repräsentiert im Geld als der „unmittelbar schmutzige[n] Seite des gesellschaftlichen Wertverhältnisses“ (S. 45) – stehen folglich einer freien Entfaltung einer solchen Entwicklungstendenz gegenüber: „Nur diese abstrakte subjektive Macht, diese lange Vervollkommnung der Gesamtarbeit, die alles Partielle der Arbeit zerstört, kann es der Arbeit erlauben, als allgemeine Macht, als radikaler Gegensatz aufzutreten. Mit diesem Übergang wird – entwickelt sich – die Separation der Arbeit vom Kapital zum Merkmal der Arbeit“ (S. 102).

Damit ist jener Antagonist produktiver Arbeit lokalisiert, den Negri im Vorwort zur deutschen Übersetzung auch beim Namen nennt: „Im Finanzkapital […] ist der Feind zu Hause. […] Die ‚Grundrisse‘ haben uns vielmehr ermöglicht, das Finanzkapital innerhalb des Klassenverhältnisses zu lesen und zu interpretieren.“ (S. 10 f.) Die durch den Blickwinkel des Marx’schen Kapital mitbedingten politischen ‚Hemmnisse‘ bestehen so betrachtet vor allem darin, den privatkapitalistischen Austauschformen in Gestalt der Mehrwerttheorie eine zu große Bedeutung beigemessen zu haben. Während Althusser noch darauf insistierte, bei einer Lektüre des Kapital derartige Überlegungen aus didaktischen Gründen zurückzustellen,[18] identifiziert Negri in solchen Vorbehalten den Rest einer „bürgerlichen Mystifizierung, auf die wir gern verzichten können, wenn wir auf das Feld der Revolution verstoßen wollen“ (S. 45 f.). Statt also verstockt beim „Vermächtnis der Klassiker“ der politischen Ökonomie zu verharren, lässt sich die Stoßrichtung der Überlegungen Negris am ehesten auf die Maxime bringen: Untersuchen, um zu zerstören! Eine Analyse des Warentausches vom „Standpunkt der Synthese“ aus, dem sich Marx über das Kapital hinaus beispielsweise auch in der werkgeschichtlich im Umfeld der Grundrisse situierten Broschüre Zur Kritik der Politischen Ökonomie[19] intensiv gewidmet hatte, sei durch den „Standpunkt des Antagonismus“ zu ersetzen, folglich auch Revolutions- und Mehrwerttheorie zusammenzudenken: „[E]s gibt keine Revolution ohne Zerstörung der bürgerlichen Gesellschaft, der Lohnarbeit als Wertproduzentin und des Geldes als Instrument der Zirkulation und des Kommandos.“ (S. 49)

Die eigensinnige Interpretation der Grundrisse, die Negri vorschlägt, ist somit bereits deshalb bemerkenswert, weil sie einerseits im Gegensatz zu den an den anthropologischen Frühschriften orientierten Marx-Lesarten nicht auf einer wenn auch unter kapitalistischen Bedingungen tendenziell verkümmerten Produktion von Gebrauchswerten beruht, andererseits im Unterschied zu den ‚ökonomistischen‘, am Kapital ansetzenden Auslegungen auch nicht von einer bloßen ‚Subsumtion‘ der Gebrauchswerte unter die Erfordernisse kapitalistischer Selbstverwertung ausgeht. Die Produktion und Aneignung „unmittelbarer Gebrauchswert[e]“ sei weder eine Angelegenheit des Arbeiters noch des Kapitals, sondern eben der „Arbeiterklasse“ (S. 103) als eines kollektiven Individuums, „angefüllt mit einer sehr starken Subjektivität“ (S. 77).

Wie Negri ausdrücklich, völlig zutreffend und bei jeder sich bietenden Gelegenheit betont, fehlt im Kapital eine Analyse der ‚bewussten Träger‘ des Arbeitsprozesses, im Gesamtwerk von Marx überdies das im Plan der Grundrisse noch vorgesehene Buch über die Lohnarbeit. Exakt hier gelte es – so Negri – über Marx und seine Analysen im Kapital hinaus zu denken:

„Marx beschreibt die historische Situation der Selbstverwertung [des Proletariats] als eine objektive Möglichkeit. Doch für uns ist es, angesichts der Zusammensetzung (und Stärke) der Arbeiterklasse und des Proletariats, vor allem eine subjektive Frage. Das bedeutet, dass in jedem Verhältnis ein Wille waltet, jede Bestimmung Grundlage einer Entwicklung ist, sich in jedem Geschehen eine Tendenz zeigt.“ (S. 182)

Man könnte diesen Sätzen nun einen ganzen Zitatenschatz von Äußerungen zur Seite stellen, die diese Thesen wieder und wieder untermauern sollen. Entscheidend ist an dieser Stelle jedoch, dass Negri die Beziehung zwischen Kapital und Arbeit „nicht mehr dialektisch, sondern [als] ein antagonistisches Verhältnis“ (S. 181) begreifen will. Es geht ihm – in einer eher hegelianischen Terminologie gesprochen – nicht mehr um eine Aufhebung des Kapitalismus, sondern einzig und allein um dessen Zerstörung, die gleichgesetzt wird mit der Befreiung und Entfaltung des „kollektiven Arbeiter[s]“ (S. 194).

Freilich werden damit Rückfragen fällig, welche nachweisbaren Bezüge diese Re-Lektüre der Marx’schen Grundrisse tatsächlich noch zu ihrer Vorlage aufweist. Bekanntlich redet Marx sowohl im Kapital als auch in den Grundrissen an mehreren Stellen vom ideellen Gesamtarbeiter – bringt mithin eine Sozialfigur ins Spiel, die sich konstituiert, indem die „[i]n Gesellschaft produzierende[n] Individuen“[20] ihre arbeitsteilig erbrachten Beiträge zur gesellschaftlichen Reproduktion gerade nicht mehr als Teile einer Gesamtarbeit, sondern als voneinander unabhängige Privatarbeiten aufeinander beziehen. Die Produktion im Allgemeinen, die zur Grundlage für Negris gesellschaftlichen Arbeiter werden soll, verweist bei Marx also auf eine „verständige Abstraktion“,[21] die ein ebenso typisches wie notwendiges Produkt der Ökonomie als einer rechnenden und vergleichenden Wissenschaft darstelle. Insofern lassen sich die weiteren Überlegungen von Marx als ausdrückliche Warnung vor einem Kategorienfehler lesen, der offensichtlich nicht nur bürgerlichen Ökonomen unterläuft, sondern auch jenen organischen Intellektuellen der Arbeiterbewegung, die allzu schnell bereit sind, in dieser Bewegung ein bereits sprach- und handlungsfähiges Subjekt ausmachen zu können.

Wenn Negri überdies darauf besteht, das Marx’sche Buch über die Lohnarbeit sei schließlich ungeschrieben geblieben, möchte man ihm erwidern, dass es dieses Traktat doch längst schon gibt. Es ist 1932 erschienen, weshalb sein Autor nicht mehr Karl Marx gewesen sein konnte, sondern Ernst Jünger hieß.[22] Jüngers von den Fronterlebnissen des Ersten Weltkriegs geprägte Sicht auf den Arbeiter als kollektives Subjekt mag das definitive Gegenteil einer linken Bewegungskonzeption sein. Doch teilt Negri mit Jünger die weichenstellende Vorstellung, dass sich das Kapital kraft der fortschreitenden Industrialisierung von Produktion und Weltkrieg seinen eigenen ‚Frankenstein‘ geschaffen habe – mithin wäre auf den Schultern von Jünger eine historische Zusammenballung von ‚Destruktivkräften‘ wahrzunehmen, die unter Suspendierung aller realgeschichtlichen Dialektik die Überreste des Liberalismus bereits Anfang der 1930er-Jahre geradezu katastrophal zu Grabe getragen haben.

Träfe dies zu, dann hätte sich allemal ein Bruch mit der Marx’schen Geschichtskonzeption ereignet, der Negri eigentlich schon insofern nicht hätte entgehen dürfen, als Marx die Konzeption derartiger Diskontinuitäten in den Grundrissen vermutlich bereits am prägnantesten entwickelt hatte. Bemerkt Marx an einer vielzitierten Stelle, die „Anatomie des Menschen“ sei ein „Schlüssel zur Anatomie des Affen“,[23] eine Entwicklungstheorie der bürgerlichen Gesellschaft müsse also gewissermaßen rückwärts geschrieben werden, so kann dieses methodologische Bekenntnis doch gerade als ein unmissverständlicher Hinweis auf das Fortwirken historischer Gesellschaftsformationen im Kapitalismus gelesen werden: Grundeigentum, ökonomischer Besitz und die damit verbundene ökonomische Klassenstruktur werden im Übergang zur kapitalistischen Produktionsweise nicht einfach zerschlagen, sondern in bewegliches Eigentum verwandelt und somit ‚aufgehoben‘. Das Studium der bürgerlichen Gesellschaft ist mithin stets auch ein Studium der historischen Archäologie ebendieser Gesellschaft und Marx – wie es Althusser einst treffend festgehalten hatte – folglich der Begründer einer „Geschichtswissenschaft“[24].

Modelliert Marx die bürgerliche Gesellschaft konsequenterweise als historisch unabdingbare Phase in der Vorgeschichte einer zukünftigen, von der Herrschaft des Kapitals befreiten Gesellschaft, stellt sich die Frage, ob es etwa den in seiner Kritik der politischen Ökonomie thematisierten Formen des kapitalistischen Warentausches und der Lohnarbeit nicht ähnlich ergehen könnte? Oder ketzerischer gefragt: Wäre die alle Arbeiten Negris antreibende emanzipatorische Perspektive einer Überwindung kapitalistischer Lohnarbeit – kurz: der neben den Produktionsprozess tretende Marx’sche Arbeiter – in seiner Existenz nicht auch durch eine Aufhebung des Lohnverhältnisses etwa in reichhaltige Formen einer bürgergesellschaftlicher Teilhabe am Gemeinwesen zu gewährleisten – also dank einer zunehmenden, gewissermaßen politischen ‚Überlagerung‘ des kapitalistischen Lohnverhältnisses, ohne dass sich damit die Erscheinungsformen des Kapitals wie beispielsweise die schnöde ‚bürgerliche‘ Geldform erledigen würden? Dass sich Negris Überlegungen zu den Chancen revolutionärer Subjektivität im Grunde längst im Rahmen einer solchen Diskussion bewegen, dürften seine Anstöße zur Debatte um ein bedingungsloses Grundeinkommen belegen.

Ein letzter Punkt betrifft die Negris Rekonstruktion der Grundrisse anleitende These, es handle sich bei diesem Konvolut – durchaus im Gegensatz zum Kapital – um einen primär politischen Text. Wie Negri selbst, der als Bewegungsintellektueller wenigstens zeitweise das Pseudonym ‚Toni Negri‘ gebrauchte, veröffentlichte bekanntlich auch Marx politische Manifeste und tagespolitisch intervenierende Stellungnahmen. Die Einordnung dieser Veröffentlichungen, die ihrem Selbstverständnis nach wissenschaftliche Analysen vom Standpunkt der Arbeiterbewegung lieferten, in das Korpus der Grundrisse fällt allerdings umso schwerer, als diese politische Ökonomie ein unveröffentlichtes Fragment geblieben ist. Auch wenn es sich bei Marx – anders als etwa bei dem mit dem Problem der Werturteilsfreiheit ringenden Max Weber – nicht um einen ‚Gattungsunterschied‘ zwischen verschiedenen Textsorten innerhalb seines Œuvre handelt, für ihn waren Wahrheitsfragen von politischer Parteinahme ja gar nicht zu trennen, wird ihm die Relevanz der Unterscheidung zwischen wissenschaftlichem und politischem Schriftum bewusst gewesen sein. Von daher wäre das Werk von Marx auch als eine ständige und vielfach gescheiterte theoretische Rückversicherung zu dechiffrieren, durch die sein Autor den Kontakt zu jener ‚wirklichen Bewegung‘ halten wollte, die Negri in der antagonisierenden Tendenz von Finanzkapital und kollektiver Arbeiterklasse gefunden haben will. Und was bedeutet es, wenn sich eine Theorie derart rückhaltlos mit bestimmten sozialen Bewegungszielen identifiziert? Mit anderen Worten: Bezieht sich die im Marx’schen Werk präsente Unterscheidung zwischen Manifest und Analyse nicht auf die „stets gegebene[…] Möglichkeit der Spannung zwischen dem Theoretiker und der Klasse, der sein Denken gilt“[25] – ohne dass sich diese Spannung in simple Antagonismen oder gar neoschmittianische Freund-Feind-Kategorien auflösen ließe?

  1. Michael Hardt / Antonio Negri, Empire. Die neue Weltordnung, übers. von Thomas Atzert und Andreas Wirthensohn, Frankfurt am Main / New York 2002.
  2. Vgl. Sarah Wagenknecht, Die Selbstgerechten. Mein Gegenprogramm – für Gerechtigkeit und Gemeinsinn, Frankfurt am Main / New York 2021.
  3. Vgl. Michael Hardt / Antonio Negri, Multitude. Krieg und Demokratie im Empire, übers. von Thomas Atzert und Andreas Wirthensohn, Frankfurt am Main / New York 2004.
  4. Vgl. Michael Hardt / Antonio Negri, Commonwealth. Das Ende des Eigentums, übers. von Thomas Atzert und Andreas Wirthensohn, Frankfurt am Main / New York 2009.
  5. Hans Mayer, Ein Deutscher auf Widerruf. Erinnerungen, Bd. 1, Frankfurt am Main 1988, S. 106.
  6. Manfred Lauermann, Michael Hardt & Antonio Negri. Kulturrevolution durch Multitudo, in: Stephan Moebius / Dirk Quadflieg (Hg.), Kultur. Theorien der Gegenwart, 2., erw. und aktual. Aufl., Wiesbaden 2011, S. 409–421, hier S. 410.
  7. Mayer, Ein Deutscher auf Widerruf, S. 107.
  8. Steve Wright, Den Himmel stürmen. Eine Theoriegeschichte des Operaismus, übers. und bearb. von Dirk Hauer, Berlin/Hamburg 2005, S. 165.
  9. Vgl. Louis Althusser, Für Marx, übers. von Karin Brachmann und Gabriele Sprigath, Frankfurt am Main 1968, insbes. S. 165 ff.; ders., Das Kapital lesen, hrsg. von Frieder Otto Wolf, übers. von Frieder Otto Wolf und Eva Pfaffenberger, Münster 2015.
  10. Vgl. insbes. Karl Marx, Ökonomische Manuskripte 1857/58 (= Marx-Engels-Werke, Bd. 42), Berlin 1983.
  11. Louis Althusser, Ideologie und ideologische Staatsapparate, 1. Halbbd., hrsg. von Frieder Otto Wolf, übers. von Peter Schöttler, Hamburg 2010.
  12. Vgl. hierzu etwa jüngst Perry Anderson, Hegemonie. Konjunkturen eines Begriffs, übers. von Frank Jakubzik, Berlin 2018, insbes. S. 35 ff.
  13. Marx, Ökonomische Manuskripte 1857/58, S. 595.
  14. Ebd., S. 596.
  15. Ebd., S. 601.
  16. Es wäre zweifelsohne erhellend, wenn auch in diesem Zusammenhang zu weitführend, Negris Überlegungen im Kontext weiterer zeitgenössischer Diskussionen zu lesen. Auch außerhalb Italiens ereignen sich seit den 1960er-Jahren kurzzeitig diverse unorganisierte Arbeitskämpfe wie etwa die deutschen ‚Septemberstreiks‘, die sich nicht mehr auf Lohnforderungen reduzieren lassen, weil sie Initiativen zur Erweiterung betrieblicher und gesellschaftlicher Mitbestimmung darstellen. Vgl. Michael Schumann / Frank Gerlach / Albert Gschlössl / Petra Milhoffer, Am Beispiel der Septemberstreiks – Anfang der Rekonstruktionsperiode der Arbeiterklasse? Eine empirische Untersuchung, Frankfurt am Main 1971. Die arbeitssoziologische Diskussion der folgenden Jahre deutet diese Streiks – in Teilen durchaus vergleichbar mit der Diagnose Negris – als Symptome eines Übergangs von einer unmittelbaren Ausbeutung menschlicher Produktivkraft zu einer „Subsumtion“ von technisch anspruchsvoller Wissens-, Arbeits- und Kooperationsbeziehungen unter die Bedingungen kapitalistischer Vergesellschaftung und befasst sich vor diesem Hintergrund mit einer Neubewertung der Marx’schen Theorie. Vgl. hierzu insbes. Gerhard Brandt, Marx und die neuere deutsche Industriesoziologie, in: ders., Arbeit, Technik und gesellschaftliche Entwicklung. Transformationsprozesse des modernen Kapitalismus. Aufsätze 1971–1987, Frankfurt am Main 1990, S. 254–280. Relativ allein steht Negri bezogen auf diese Diskussion allerdings mit seiner These, dass in diesen Entwicklungen bereits das tendenzielle ‚Absterben‘ des Kapitalismus studiert werden könne.
  17. Vgl. Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, in: ders. / Friedrich Engels, Werke, Bd. 40, S. 465–588, insbes. S. 510 ff.
  18. Louis Althusser, Wie Das Kapital zu lesen ist, in: ders., Das Kapital lesen, S. 661–670.
  19. Karl Marx, Zur Kritik der Politischen Ökonomie, in: ders. / Friedrich Engels, Werke, Bd. 13, S. 3–160.
  20. Marx, Ökonomische Manuskripte 1857/58, S. 19.
  21. Ebd., S. 20.
  22. Ernst Jünger, Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt, in: ders., Sämtliche Werke, Bd. 8, Stuttgart 1981.
  23. Marx, Ökonomische Manuskripte 1857/58, S. 39
  24. Louis Althusser, Lenin und die Philosophie, Hamburg 1974, S. 21.
  25. Max Horkheimer, Traditionelle und kritische Theorie, in: ders., Traditionelle und kritische Theorie. Vier Aufsätze, Frankfurt am Main 1970, S. 12–56, hier S. 34 f.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.

Kategorien: Kapitalismus / Postkapitalismus Politische Ökonomie Politische Theorie und Ideengeschichte

Oliver Römer

Dr. Oliver Römer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Georg-August-Universität Göttingen, derzeit Vertretung der Professur für „Allgemeine Soziologie mit Schwerpunkt soziologische Theorie“. Seine Arbeitsschwerpunkte sind soziologische Theorie, Geschichte und Wissenschaftstheorie der Soziologie sowie politische Philosophie.

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