Tagung

Die Normativität sozialer Gedächtnisse

Gemeinsame Tagung des DGS-Arbeitskreises Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen in Kooperation mit dem Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr vom 17. bis 18. März 2022 in Potsdam

17. - 18. März 2022
Organisator: Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw), DGS-Sektion Wissenssoziologie, Arbeitskreis Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen
Veranstaltungsort: Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr

Dass das Gedenken bzw. die Erinnerung an die Vergangenheit, zumal wenn es um sogenannte traumatische Ereignisse oder Verbrechen geht, bestimmte „Lehren“ bereithält und damit eine normative Dimension aufweist, scheint eine wenig hinterfragte Prämisse weiter Teile der Forschung zu kollektiven Gedächtnissen und Erinnerungskulturen in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen zu sein. Der normative Aspekt betrifft sowohl die moralische Bewertung vergangener Ereignisse als auch daraus abgeleitete und im Sinne sozialer Normen verstandene Handlungsanweisungen. Entsprechend werden in der Vermittlung von Geschichte durch verschiedene erinnerungskulturelle Instanzen (wie Museen, Gedenkstätten oder auch die Schule), aber auch seitens der Wissenschaft normative Klassifikationen häufig mitgeliefert. Dies wirft die grundsätzliche Frage auf, ob, wann und wie aus einem Wissen über die Vergangenheit ein verbindliches „Sollen“ abgeleitet werden kann, soll oder gar muss. Zu klären ist, unter welchen Bedingungen sich normative Vorstellungen etablieren und durchsetzen – nicht nur, aber auch im Kontext wissenschaftlicher Forschung, die sowohl die vergangenen Ereignisse als auch die Erinnerungen daran oder beides zugleich zum Gegenstand macht und dabei mitunter selbst zu einem gedächtnispolitischen Akteur und Träger von Normativität wird oder zumindest werden kann. Die Tagung möchte vor diesem Hintergrund das Verhältnis von Normativität und Gedächtnis(forschung) genauer bestimmen, indem sie die normativen Implikationen sozialer Gedächtnisse einerseits sowie der Forschung zu expliziter oder impliziter Normativität in Prozessen des Erinnerns und Vergessens andererseits in den Mittelpunkt der Diskussion stellt. Dabei sind neben soziologischen Betrachtungen auch politikwissenschaftliche, philosophische, kulturwissenschaftliche oder historische Überlegungen erwünscht, sowohl in Gestalt theoretischer Erörterungen als auch in Form von Fallbeispielen. Entsprechend kann und soll etwa die Wertbezogenheit des Gedächtnisses des Systems „Politik“ (Luhmann) ebenso zur Sprache kommen wie Überlegungen zu Ethik (Margalit) oder Pflicht (Ricœur) der Erinnerung. Mögliche Fragestellungen, die in den Beiträgen adressiert werden, lauten wie folgt:

  • Welche expliziten und impliziten normativen Dimensionen lassen sich in verschiedenen Ansätzen im Themenfeld Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen identifizieren?
  • Welche Rolle spielen kollektive Identitäten und Identitätspolitiken als Quelle von Normativität in sozialen Gedächtnissen?
  • Welchen Stellenwert haben Vorstellungen über die Vergangenheit in theoretischer und praktischer Hinsicht für die Bildung und die Überzeugungskraft sozialer Normen? Welche (explizite oder implizite) Eröffnung sowie Begrenzung von Handlungsspielräumen ist damit verbunden?
  • Wie konstituiert sich die soziale Verpflichtung zu bestimmten Formen bzw. Inhalten von Erinnerung, wie wird diese legitimiert und welche Folgen sind damit verbunden?
  • Welche konkreten Beispiele für „Erinnerungspflichten“ oder „Erinnerungsimperative“ gibt es und wie funktionieren diese? Welche Beispiele für eine „Vergessenspflicht“ lassen sich demgegenüber anführen?
  • Welcher etwaige präskriptive Auftrag kennzeichnet die sozial- bzw. kulturwissenschaftliche Gedächtnisforschung? Wo verläuft die Grenze zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und politischem Engagement, und wie könnte oder sollte Letzteres begründet werden?

Kontakt
ninaLeonhard(at)bundeswehr.org
f_d(at)gmx.net
ferdinandjan(at)web.de

Zum Call for Papers (Link)

Dieser Artikel wurde erstellt am .