Tagung

Disziplinäre Abgrenzungsstreitigkeiten II: Zum Verhältnis von Rechtswissenschaft und Soziologie zwischen 1960 und 1980

Tagung vom 17. bis 18. Juni 2021 am Hamburger Institut für Sozialforschung

17. - 18. Juni
Organisator: Hamburger Institut für Sozialforschung
Veranstaltungsort: Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS)

Organisation: Clemens Boehncke (clemens.boehncke(at)his-online(dot)de), Karlson Preuß (karlson.preuss(at)uni-bielefeld(dot)de), Doris Schweitzer (doris.schweitzer(at)sowi.uni-giessen(dot)de)

Eine Veranstaltung des Hamburger Instituts für Sozialforschung in Kooperation mit dem Max- Planck-Institut für Rechtsgeschichte und Rechtstheorie (Frankfurt am Main) und der Sektion Rechtssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

Auf dem 1970 in Mainz abgehaltenen 48. Deutschen Juristentag stellte ein Richter während der Verhandlungen der Abteilung Juristenausbildung klar: „Ich bin ein Jurist, deshalb interessiert mich nur die Norm und nicht die soziale Wirklichkeit“1 – eine vehemente Stellungnahme zu den in dieser Zeit sehr kontrovers geführten Debatten um das Verhältnis von Rechtswissenschaft und Soziologie. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es zu disziplinären Abgrenzungsstreitigkeiten gekommen,2 die nun, angesichts des gesellschaftspolitischen Klimas der 1960er Jahre – von Wilhelm Hennis als „deutsche Unruhe“3 bezeichnet – in Verbindung mit der langsamen, aber steten (Re-)Etablierung der Soziologie als akademischem Fach nach 1945 unter veränderten Vorzeichen von beiden Disziplinen wieder aufgegriffen wird.

Zunächst ist in dieser Zeit eine (wieder) verstärkte Hinwendung zum Recht seitens der Soziologie zu erkennen: Es werden Rechtssoziologien geschrieben4, die sich, etwa bei Schelsky, nicht nur als Beitrag zu einer Bindestrich-Soziologie verstehen, sondern die soziologische Theoriebildung in ihren Grundlagen betrifft5. Weiterhin entstehen eine Reihe von justizsoziologischen Studien, die sich insbesondere – auch vor dem Hintergrund der These der Klassenjustiz – den Hütern von Recht und Ordnung6 zuwenden; Ralf Dahrendorf hatte bekanntlich schon 1960 die Frage nach der Bedeutung des Sachverhalts aufgeworfen, dass „die eine Hälfte der Gesellschaft über die ihr unbekannte andere Hälfte zu urteilen befugt ist“7. Kurzum, das Fach drängt als „institutionalisierte Dauerkontrolle gesellschaftlicher Verhältnisse“8 sich begreifend vor die Tore der Jurisprudenz9. Einher damit ging eine Art Gründungseuphorie – das betrifft sowohl innerakademische Gründungen wie das 1964 an der Freien Universität Berlin durch Ernst Eduard Hirsch gegründete Institut für Rechtssoziologie und Rechtstatsachenforschung, die Einrichtung der Sektion Rechtssoziologie innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, die 1976 ins Leben gerufene Vereinigung für Rechtssoziologie oder die Reformuniversitäten, ebenso wie Gründung neuer Zeitschriften, beispielsweise die Kritische Justiz im Jahr 1968 oder die im Jahr 1980 die aus den Informationsbriefen für Rechtssoziologie hervorgegangene Zeitschrift für Rechtssoziologie.

Zur Diskussion stand dabei erneut, wie bereits in der Konsolidierungsphase der Soziologie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, das Verhältnis der Disziplinen zueinander. Aus genuin juristischer Perspektive wurde – insbesondere angesichts institutioneller Ausbildungsreformen – dies breit diskutiert: Hier entspann sich zwischen etwa 1960 bis in die Mitte der 1980er Jahre hinein und stets vom bundespolitischen Klimawandel begleitet10 eine umfängliche Debatte, in der – auf bisweilen „verkrampfte“11 Art und im Tonfall durchaus kombativ – allerhand zur Disposition stand: von praktischen Fragen des „Nutzens“ der Soziologie für das Recht und seine Wissenschaft12, über juristische Methodenfragen13 bis hin zu wahrgenommenen „Gewissheitsverlusten“14 disziplinärer Identitäten.

Um all dies rückblickend zu begreifen, möchte die Tagung verschiedene Perspektiven zusammenbringen.

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