Tagung

Kreativ im Kollektiv – Kollektivität als Mittel und Gegenstand der Kunstproduktion

08. November 2024 | 09:00 - 18:00
Organisator: Universität Regensburg | Forschungsstelle für Kultur- und Kollektivwissenschaft
Veranstaltungsort: Universität Regensburg

Wer unbedacht von „Kunst“ spricht, neigt womöglich dazu, die Kunstproduzent*innen zu isolieren und sie als geniale Individuen zu feiern. Das Kunstwerk gründet dann in der Kreativität eines bestimmten einmaligen Subjekts. Seit dem 19. Jahrhundert ist das geniale Individuum die Leitvorstellung moderner, europäischer bzw. ‚westlicher‘ Kunstfelder (incl. der Architektur). Bis heute besitzt sie Gültigkeit, auch wenn Künstler*innen seit den 1960er Jahren immer häufiger im Kollektiv auftreten. Zugleich ist Kollektivität jenseits bildender Kunst und Literatur der Normalfall, man denke an Filmcrews, Theaterensembles, Orchester, Bands, Chöre oder Projektteams in der Architektur – obwohl auch in diesen Bereichen Einzelne oft im Vordergrund stehen (z.B. Filmstars, Dirigierende, Frontmen/-women). Dass es Künstler*innen und Kunstwerke gibt, ist indes nicht nur eine Frage der künstlerischen Produktion, sondern auch der Ausbildung, des Konsums, der Rezeption, Kritik, Vermarktung, Archivierung. Insofern sind viele weitere Kollektive in mehr oder weniger loser Kopplung an der Hervorbringung von Kunst beteiligt. Kurz, Kollektivität hat unterschiedliche Implikationen für Kunst – und umgekehrt. Dem soll auf einer Konferenz im Rahmen von drei Themenkomplexen nachgegangen werden:

Der erste Themenkomplex behandelt drei Spannungsverhältnisse, die die zwischen den beteiligten Entitäten (Kunstschaffende, Artefakte etc.) ablaufenden Prozesse kollektiver Kreativität kennzeichnen. Das erste Spannungsverhältnis ist das zwischen horizontalen und vertikalen Dynamiken: Wie egalitär oder hierarchisch geht es in einem kreativen Kollektiv zu? Gibt es eine Führungspersönlichkeit oder Leitungsgruppe – wenn ja, durchgängig oder projektabhängig? Welche Auswirkung hat das auf Grade oder Muster kreativer Kollektivität? Inwiefern erleben die Beteiligten eher Unterdrückung oder aber Empowerment? Das zweite Spannungsverhältnis besteht zwischen kollektiver Kunstpraxis und Individualitätsnorm: Mit welchen Verfahren versuchen Kollektive, eine ‚Handschrift‘ zu entwickeln, die analog zu dem eines genialen Individuums anerkannt wird? Was bedeutet das für den „Individualbezug“ (Hansen): Ist eine besonders intensive Kollektivierung vonnöten, um die einzelnen Mitglieder davon abzuhalten, lieber eine Solokarriere anzustreben? Was passiert schließlich, wenn Kollektive zerbrechen und einzelne z.B. juristisch ihre Anteile einfordern? Das dritte Spannungsverhältnis betrifft die Frage, wie Snychronizität gelingen kann, insbesondere in der zugespitzten Situation der Live-Performance. Welche Implikationen hat es für die Kollektivität, wenn das gemeinsame Handeln perfekte Koordination verlangt – vor und während des Auftritts? Was emergiert da im Zusammenhandeln als Kollektiv (‚Flow‘, ‚Groove‘) bzw. wie emergiert hier Kollektivität, wer wird wie subjektiviert? Welche Rolle spielt auch die Synchronisierung mit einem Publikum?

Zweiter Themenkomplex: Künstlerische Kollektivität wird auch in Kunstprojekten selbst zum Gegenstand gemacht. In Dokumentationen, Spielfilmen (z.B. über Dreharbeiten), Belletristik, Theaterstücken etc. wird die kollektive Dynamik und Komplexität künstlerischen Schaffens repräsentiert und reflektiert. Andere erproben performativ und unter Beteiligung der Zuschauenden bestimmte, vielleicht gar utopische Formen des Miteinanders und versuchen, wie etwa ruangrupa auf der Documenta fifteen, die Kollektivität der Kunstpraxis als Vorbild für das Miteinander auch jenseits der Kunst zu verstehen. Gerade die künstlerische Auseinandersetzung mit künstlerischer Kollektivität trägt dazu bei, allgemeine Vorstellungen von künstlerischen Kollektiven zu prägen, und bietet wiederum eine – häufig narrative – (Selbst-)Erkenntnisfolie für Kollektive.

Der dritte Themenkomplex stellt gewissermaßen den Ausgangspunkt des Calls in Frage: Es gibt und gab nie das geniale Individuum. Geniale Individuen sowie ihre Kunstwerke sind in Entstehung, Rezeption, Vermarktung und Archivierung stets nur Produkte, die durch die Interaktion verschiedenster Kollektive zustande kommen. Welche Kollektive wie zusammenspielen, unterscheidet sich je nach Kunstgattung. Zur Produktion klassischer Musik etwa gehören eben nicht nur Komponist*innen, sondern auch Orchester. Diese wieder sind vielfach segmentiert, sie bestehen aus Dirigierenden, Solist*innen, Streicher*innen, Bläser*innen etc. Sie können aber nicht spielen, ohne dass Konzerthausarchitekt*innen, Instrumentenbauer*innen, Musikverlage, Tontechnik etc. die materielle Infrastruktur für die Aufführung schaffen. Diese wird vom Publikum konsumiert und von Kritiker*innen in den Medien kommentiert, die wesentlich mitentscheiden, ob das Werk in einen Kanon aufgenommen wird. Falls ja, werden es Musikwissenschaftler*innen rezipieren, archivieren, studieren und in der Ausbildung neuer Musiker*innen lehren. Plattenfirmen werden Aufnahmen vermarkten. Wie lässt sich dieses komplexe Geflecht interagierender Kollektive wissenschaftlich (und sei es ausschnittsweise) am besten fassen?

Kontakt
ralf.junkerjuergen(at)ur.de und jan.marschelke(at)ur.de

Zum Call for Papers (PDF) und Literaturangaben

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